Richard Weihs (ca.1935)

 

Michael John

Arisierung und Restitution im Fall Richard Weihs

 

Zehntausende Vermögenswerte wurden den österreichischen Juden 1938 entzogen, nach 1945 wurde bei weitem nicht alles rückgestellt. Bis heute spüren wir die Auswirkungen dieser Fehlhandlung aus früheren Jahren der Zweiten Republik. Große Vermögenswerte, die nachweislich nicht rücktransferiert wurde, gehörten dem Linzer Industriellen Richard Weihs.

 

Leo Weihs (Weiss, Weiß) wurde 1867 in Bielitz in Schlesien als eines von zwölf Kindern in einer großen jüdischen Familie geboren. Er zog nach Wien, heiratete die Katholikin Karoline (geb. Hufnagel) und zog mit ihr nach Oberösterreich. Schon in der Kaiserzeit lebte die Familie in Linz; das Ehepaar hatte drei Söhne Leopold, Josef und Richard Erich Johann Josef Anton Maria Weihs, die Hauptperson dieses Fallbeispiels. Sie waren getauft und wuchsen katholisch auf. Nach den "Nürnberger Gesetzen" waren die Söhne "Mischlinge ersten Grades", wurden aber immer als "Juden" behandelt. Über die nationalsozialistische Presse wurden die Familie Weihs schon ab 1936, 1937 zu einem Hassobjekt par excellence. Sozialer Neid war hier wohl die Triebfeder. Weder Leo Weihs noch seine Söhne hatten Kontakt zur Israelitischen Kultusgemeinde. Sie waren allerdings vermögend, erfinderisch und gute Geschäftsleute: Leo Weihs hatte die Aktienmehrheit der Firmengruppe Estermann Vereinigte Fettwaren Industrie AG. in Linz inne sowie den Mehrheitsanteil der Handelsgesellschaft Ister, Josef Weihs war Inhaber der Patentrechte von Eternit, Direktor der Ziegelei Gaumberg und Richard Weihs war Partner einer internationalen Getreidehandelsgesellschaft in Wien. Er besaß in Linz eine eigene Firma, die Richard Weiß und Co. KG, über die Firma Petrolea Erdöl- und Erdgas-Gesellschaft war er Inhaber von Schürfrechten im Burgenland, in Oberösterreich, Salzburg und Niederösterreich.

 

 

            Die "Arisierung" 1938

 

In einer Reihe von Anzeigen gab die Vereinigte Fettwarenwarenindustrie Josef Estermann AG. Linz wenige Tage nach dem "Anschluss" bekannt, dass sich "die Führung des Unternehmens ab 14. März wie folgt zusammensetzt: Präsident Direktor Friedrich Thanner, Vizepräsidenten Kommerzialrat Hans Fehrer und Verwaltungsrat Alfred Schausberger.....In diesem Unternehmen schaffende Kameraden der Stirne und der Faust sind selbstverständlich durchaus Arier." In den nächsten Tagen wurden Propagandaartikel in den Zeitungen über die Estermann AG lanciert, insbesondere über den bisherigen Direktor. Der Arbeitersturm schrieb: "Herr Kommerzialrat, Kammerrat und Präsident Leo Weiß kam als Agent nach Linz....jedenfalls war er, obwohl erst einige Jahre in Linz, zu Kriegsbeginn (1914) schon so gut bekannt, dass ihm die Getreidewirtschaft für Oberösterreich übertragen wurde. Seine ´aufreibende Tätigkeit´ im Interesse einer klaglosen Verpflegung der Bevölkerung ließ ihm als besonders Tüchtigem noch so viel Zeit, dass er nebenbei die alte arische Seifenfabrik Estermann durch allerlei Manöver in die Hände bringen konnte. Unter diesem angesehenen Namen hat Weiß nun lange Jahre gut verdient, sodass er über ein beträchtliches Vermögen verfügt... Endlich ist es soweit, dass mit dieser galizischen Judenfamilie aufgeräumt werden kann."

 

Sämtliches Vermögen von Leo Weihs, Leopold Weihs und Richard Weihs ist mit einem Bescheid vom 26. April 1938 per 20. März 1938 rückwirkend zu Gunsten des Landes Österreich bzw. Oberösterreich beschlagnahmt worden. Dieser Bescheid der Gestapo Linz betraf das Mehrheitsaktienpaket an der Estermann AG, die Ziegelei Gaumberg, Liegenschaften, das Wohnhaus der Familie Weihs in Linz, Starhembergstraße 19, Mobiliar, Schmuck sowie eine Reihe von wertvollen Ölschürfrechten und Patenten. Das Estermann-Aktienpaket wurde als "staats- und parteifeindlichen Eigentum" eingezogen, es wurde über dem notierten Wert vom Einzugsnutznießer Land Oberdonau an eine Interessensgruppe um die neue Geschäftsführung verkauft. Im Wohnhaus der Familie in Linz, Starhembergstraße 19 hat sich die SA-Standarte 14 einquartiert. Die SA plünderte Einrichtungsgegenstände, Schmuck, Pelze und Waffen. Die Ziegelei Gaumberg wurde zu Gunsten des Landes Oberösterreich bzw. Oberdonau beschlagnahmt. Ein Gutachten vom 31. Mai 1938 wies für die Ziegelei einen Wert von rund 162.000 RM aus, ein Gutachten vom 8. April 1940 sprach sogar von 173.000 RM. Die Reichswerke Hermann Göring versuchten die Ziegelei zu kaufen und sandten an das Reichsfinanzministerium in diesem Zusammenhang im September 1939 folgenden Brief: "Wir erlauben uns darauf hinzuweisen, dass ... dem Gauleiter von Seiten des Reichsfinanzministers nahe gelegt worden ist ... die Einziehung und Verwertung volksfremden Vermögens ohne Rücksicht auf das Bestehen einer verbindlichen gesetzlichen Regelung durchzuführen." Ohne Deckung nach NS-Gesetzen wurde schließlich ein Kaufvertrag am 25. April 1940 aufgesetzt und der Betrieb vom Reichsstatthalter Eigruber um 125.000 RM an die Hermann Göring-Werke verkauft.

 

 

            Flucht und Exil

 

Nach der Aufsehen erregenden Ver­haftung von Leopold Weihs und dessen Inhaftierung im Gestapogefängnis flüchtete die Familie Weihs über Italien nach Paris. Leopold Weiss blieb bis November 1938 in Haft und wurde schließlich mit einem Trick aus dem Gefängnis geholt. Hetzartikel im Stürmer und in anderen NS-Zeitungen informierten über den Aufenthalt der Familie in Paris. Die Flucht ging weiter über Holland und schließlich nach England. Das Ehepaar Leo und Karoline Weihs kann nach New York ausreisen. Es zählt zu den Absurditäten des Zweiten Weltkriegs, dass Großbritannien ab Kriegsbeginn systematisch österreichische und deutsche Juden als "feindliche Ausländer" (Staatsangehörigkeit Deutsches Reich!) interniert hat und diese in der Folge häufig sogar deportiert wurden. Der Verlust jeglicher Bewegungsfreiheit war gegeben. Richard und Leopold Weihs wurden mit dem berüchtigten Dunera-Transport nach Australien gebracht: Auf diesem Schiff befanden sich sowohl Nationalsozialisten als auch Juden, es kam zu exzessiven Auseinandersetzungen. Bis Kriegsende waren Richard und Leopold Weihs in verschiedenen australischen Orten interniert.

 

Tatsächlich trägt die Internierungsbescheinigung des von den Nationalsozialisten rassisch verfolgten  Richard Weiss den Briefkopf "Prisoners Of War Information Bureau" (Kriegsgefangenen-Internierungsbüro) und sie beinhaltet die Formulierung: "He was captured in London, 1940", er wurde 1940 gefangen genommen. Nach seiner Freilassung per 1. Juli 1945 wurde Richard Weihs nach London transferiert. Von dort reiste er nach New York zu seiner Mutter, sein Vater Leo war 1942 in der amerikanischen Metropole verstorben. Mit der Anschrift Dr. Richard Weiss, 59 West 76th Street, New York City 23, USA unternahm er die ersten Anläufe, um die Restitution des Familienvermögens in die Wege zu leiten. Karoline Weihs hatte fünf Jahre als Witwe in New York gelebt, bevor sie nach neun Jahren zum ersten Mal ihre Söhne wieder sah. Sie hatte Heimweh nach Österreich und wollte zurück nach Linz. Richard Weihs unternahm 1949 eine erste Reise nach Linz, nahm in der Folge die Möglichkeit, US-amerikanischer Staatsbürger zu werden, nicht wahr und kehrte mit seiner Mutter definitiv nach Linz zurück. Karoline Weihs starb im Jahre 1953 in Linz.

 

 

            Rückstellung

 

Richard Weihs hatte schon vor seiner Rückkehr versucht, das Anrecht auf die 1938 von den National­sozialisten entzogenen Ölschürfrechte zu wahren, ebenso wie das Mobiliar aus dem Haus Starhembergstraße 19 (wertvolle Gemälde beinhaltend) und beschlagnahmten Schmuck wiederzu­erhalten. Das Haus wurde problemlos rückgestellt. Für die schwierigere Causa der Schürfrechte beauftragte Herr Weihs den aus dem Londoner Exil zurückgekehrten Rechtsanwalt Sigmund Strauss. Nach langwieriger Recherche - Unterlagen waren auf der Flucht der Familie Weihs verloren gegangen, die Archive der Bergämter befanden sich in einem chaotischem Zustand oder waren nicht mehr vorhanden, gelang es das Anrecht auf ca. 3.000 Ölschürfrechte nachzuweisen und 1947 neu anzumelden, um die Rechte zu wahren. Er war damit der größte private inländische Besitzer von Schürfrechten in Österreich. Diese Schürfrechte von Richard Weihs repräsentierten einen enorm hohen Wert (die Angabe von ca. 100 Mio. Schilling Schätzwert datiert aus dem Jahre 1958 und bezieht sich auf den damaligen Streitwert vor Gericht). In einer Besprechung mit dem damaligen Bundeskanzler Josef Raab hielt dieser ihn an, weiter die durchaus beträchtlichen Schürfgebühren zu bezahlen, um seine Ansprüche nicht zu verlieren. Dies stellte sich als sinnlos heraus, als nach Abschluss des Staatsvertrages die Ölschürfrechte dem öster­reichischen Staat verblieben. Die Republik Österreich verwies Weihs an die Bundesrepublik Deutschland. In Berlin erging dann 1963 der gerichtliche Beschluss, dass keine Entschädigung möglich sei, denn: "Die Entziehung ist in Österreich erfolgt! Es ist keine Verbringung der Rechte nach Deutschland möglich." Eine Intervention von Simon Wiesenthal blieb ohne Erfolg.

 

Auch im Fall der Mobilien erging es Richard Weihs nicht viel besser; der Großteil der beanspruchten Wertgegenstände aus dem Haus Starhembergstrasse blieb verschwunden, die Nachweise für die Existenz des Schmucks, der von der SA beschlagnahmt wurde, hat man nicht weiter verfolgt, eine Entschädigung wurde von den Gerichten abgewiesen. Eines Tages besuchte der der Volkspartei verbundene Richard Weihs den damaligen Landeshauptmann Heinrich Gleissner in seinen Amtsräumen. Man bat ihn im Wartezimmer des Sekretärs zu warten, worauf Herr Weihs das Bild von Joseph Floch, "Schneeschaufler bei der Arbeit", das sich im Besitz seines Vaters befunden hatte, entdeckte. Ein Abhandlungsakt des Bezirksgerichts Linz gab Anlass zur Vermutung, dass auch Flochs Ölgemälde "Mährischer Dorfmarkt" aus dem Weihs´schen Besitz aufgefunden werden könne; die "Schneeschaufler" wurden sofort rückgestellt, der "Mährische Dorfmarkt" blieb unauffindbar. Schließlich hatte sich ein dritter Floch im Familienbesitz befunden, "Frau Weiss und ihre Töchter Liese und Lene". Es handelte sich dabei um eine Tante und zwei Cousinen von Richard Weihs. Anna und Helene Weiss fielen dem Holocaust zum Opfer. Das Gemälde befindet sich heute infolge einer Schenkung im Belvedere.

 

 

          Ein Prozess und seine Folgen

 

Der Fall Weihs sorgte in Österreich schließlich noch auf einer anderen Ebene für Publizität. In den vierziger Jahren hatte die Familie Weihs die Mehrheit der Aktien der Estermann AG wiedererhalten, Richard Weihs wurde Generaldirektor, der Betrieb war mittlerweile nach Wels verlegt worden. Von Beginn an gab es Konflikte unter den Aktionären. Es kam zu einer bizarren Gerichtsaffäre, in deren Verlauf Richard Weihs wegen illegaler Devisengeschäfte und Gewinnhinterziehung angeklagt wurde. Schließlich ist er 1957 auch auf der Basis der Aussagen der ehemaligen "Ariseure" (Schausberger, Fehrer, Thanner) bzw. des Direktors der Estermann AG, der während der NS-Jahre den Betrieb führte, zu einer mehrjährigen Haftstrafe  verurteilt worden.

 

Der Prozess wurde in der Presse als Sensationsprozess um den "Welser Ölmillionär, der einen Rolls-Royce fährt", abgehandelt. Richard Weihs verteidigte sich vor Gericht damit, dass  seine Anklage eine Intrige von anderen, während der NS-Zeit belasteten Vorstandsmitgliedern darstelle, mit dem Ziel, ihn in der Estermann AG auszuschalten. Er bezog sich dabei auf Informationen von Offizieren des US-amerikanischen Geheimdienstes CIC. Liest man die nach der Verurteilung verfasste Rechtfertigungsschrift von Richard Weihs, so wird deutlich, dass sich im Laufe des Prozesses eine Reihe von Ungereimtheiten ereignet haben. Durch eine Kapitalerhöhung während seiner Haftzeit verlor Richard Weihs die Aktienmehrheit und schließlich einen erheblichen Teil seines Vermögens. Für Weihs war dies die Folge eines Komplotts ehemaliger "Ariseure" und Nationalsozialisten. Die Angelegenheit wurde im Nachhinein nie genauer untersucht.

 

Richard Weihs litt unter der Tatsache in der Öffentlichkeit als "millionenschwerer Defraudant und Krimineller" dargestellt zu werden und nicht als Person, die durch den Nationalsozialismus und Ereignisse in dessen Gefolge um ein Millionenvermögen gebracht wurde. Er begann nach seiner Haftentlassung zu prozessieren. Ohne Zweifel hat der Gefängnisaufenthalt die Chancen um eine Restitution in der Angelegenheit der Ölschürfrechte nicht verbessert. Weihs prozessierte aber auch in diversen anderen Vermögensangelegenheiten, die alle ihren Ursprung im Vermögensentzug der NS-Zeit hatten, bis man ihn des Realitätsverlustes zieh. Tatsache ist: Ohne Zweifel ist im Fall der enorm wertvollen Ölschürfrechte eine Rückstellung nicht erfolgt. Ebenso wurden ein wertvolles Gemälde, eine Asiatika-Sammlung und zahlreiche Mobilien nicht restituiert, dies lässt sich aus der Sicht des Historikers einwandfrei feststellen. Richard Weihs, geboren 1901, starb 1985 in Wien. Seine Parte trug den Zusatz "Opfer des Nazismus bis lange nach 1945, Träger keiner österreichischen Auszeichnungen, Empfänger keiner Wiedergutmachung." Die bestehende Rechtslage ist eindeutig - sie sieht eine Restitution von Schürfrechten nicht vor. Nicht nur aus der Sicht der Erben, sondern auch nach eingehendem Studium der Aktenlage ist die Causa Weihs bis heute als unerledigt anzusehen.

 

Quellen: Michael John, Modell Oberdonau? Zur wirtschaftlichen Ausschaltung der jüdischen Bevölkerung, in: Österreichische Zeitschrift für Geschichte 2/ 1992, S. 52-69; Michael John, "Bereits heute schon ganz judenfrei...." Die jüdische Bevölkerung von Linz und der Nationalsozialismus, in: Fritz Mayrhofer/Walter Schuster (Hg.), Nationalsozialismus in Linz, Band 2, Linz 2001, S. 1311-1406; Karl Pallauf, Josef Floch - Leben und Werk: 1894-1977, Wien 2000; Familienarchiv Weihs, Wien (Gerichtsakten, Rechtsanwaltskorrespondenz, Zeitungsausschnitte).

 

Der Beitrag ist mit Illustrationen im Linz Aktiv Nr.162, Frühjahr 2002, S. 56-63 erschienen.

 

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Draußen vor der Tür

 

Es ist Montag, der 17.1. 2005, neun Uhr am Abend. Plötzlich läutet es Sturm. Vor der Wohnungstür steht niemand, also nehme ich den Hörer der Gegensprechanlage ab. „Weihs, du dreckige Judensau!“ schreit mir eine aggressive Männerstimme ins Ohr.

 

Im ersten Moment denke ich an einen schlechten Scherz irgendeines Bekannten aus der Polit-Szene. Derartige Aussprüche kenne ich eigentlich nur als Zitat. Doch der Mann unten an der Haustür brüllt weiter: „Weihs, du Judenorsch, du gschissener, kumm owe, waunnst di traust, i moch di fertig!“

 

Jetzt erst kapiere ich: Das ist doch tatsächlich ernst gemeint. Ich übernehme das vertrauliche Du-Wort des Unbekannten und frage ihn in frotzelnd-herablassendem Tonfall: „Na geh, Spatzerl, wennst so mutig bist, traust da auch sagen, wiest heißt?“ Das denn doch nicht. Dafür geht’s weiter mit: „Kumm owe, Judenbua, daunn weri das scho zag’n!“

 

Ich hänge den Hörer ein, gehe ins Wohnzimmer, öffne das Fenster und schaue hinunter zur Haustüre. Dort unten steht ein Typ mit Schirmkapperl, in der Hand ein Plastiksackerl. Sein Gesicht kann ich von oben nicht erkennen, es wird vom Kappenschirm verdeckt. Ich beobachte ihn eine Zeitlang: Er scheint wirklich darauf zu warten, dass ich seiner freundlichen Einladung Folge leiste und an der Haustür erscheine.

 

Jetzt wird er langsam ungeduldig, schaut die Straße rauf und runter und schließlich nach oben. Wie er mich am geöffneten Fenster entdeckt, legt er sofort wieder mit voller Lautstärke los, sodass ich seinen Ausführungen auch im dritten Stock problemlos folgen kann: „Wos is, kumm owe, du Judenorsch, waunnst di traust!

 

Ich rufe hinunter: „Is scho recht, die Polizei is eh glei do!“ Darauf er: „Was glaubst denn, werst bist, du Jud! Waaßt du, wiavü mia san? Zwaa Müllionen san mir, glaubst du kaunnst di do wichtig moch’n? Kumm owe, daunn schiass i da an Tunnö duachs Hian!“

 

Diese Redewendung kenne ich, ich habe sie in meinem Schimpfwörterbuch „Wiener Wut“ als eine von vielen gefährlichen Wiener Drohungen zitiert. Im Vorwort dieses Buches habe ich auch erklärt, dass ich aus persönlicher Betroffenheit darauf verzichtet habe, antisemitische Beschimpfungen zu dokumentieren. Hat aber offensichtlich nicht viel genützt.

 

Ich schließe das Fenster, gehe zum Telefon und wähle den Polizeinotruf. „Vor meiner Haustür randaliert einer, wahrscheinlich ist er betrunken“ melde ich der Exekutive. Die verspricht mir daraufhin ihr baldiges Eintreffen. Ich lasse mir noch ein bisschen Zeit, dann gehe ich hinunter.

 

Der Typ ist weg, die Polizei braucht noch eine ganze Weile, schließlich kommt eine Funkstreife mit drei Polizisten. Ich schildere ihnen den Vorfall und wiederhole, dass der Kerl wahrscheinlich besoffen war. Bestärkt wird mein Verdacht durch eine große Lacke direkt vor der Haustüre – wenn das ein Hund war, dann müsste es schon ein Mordskaliber gewesen sein.

 

„Bei dem warats g’scheiter gewesen, wenn er an Apfelsaft trunken hätt!“ meint der eine Polizist. „Naja“, fällt mir dazu nur ein, „bei manchen is eh scho wurscht, was sie trinken.“ Damit ist der Polizeieinsatz beendet, ich gehe wieder in die Wohnung und grüble darüber nach, wie dieser Schwindlige auf mich gekommen sein mag: Über eines meiner Bücher, über die Mariahilfer Bezirkspolitik, oder etwa gar über meine Homepage? Aber letzten Endes ist wahrscheinlich auch das ziemlich wurscht.

 

Ein paar Tage später steht den größten Teil des Tages das Haustor offen, da nach Dreharbeiten im Haus Requisiten und Ausstattung abtransportiert werden. Als ich am frühen Nachmittag nach unten gehe, muss ich feststellen, dass mein Postkasten komplett demoliert worden ist: Es ist das einzige beschädigte Fach – die Türnummer steht darauf. Es scheint sich also um keinen einmaligen Vorfall zu handeln. Der Täter hat nicht nur Morddrohungen gegen mich ausgestoßen, sondern ist bereits ins Haus vorgedrungen und schreckt auch vor Gewaltanwendung nicht zurück – vorerst handelt es sich nur um Sachbeschädigung.