Richard Weihs

 

Ein Monument für Fritz Grünbaum

 

 

Ein wohl zu jeder Zeit beliebter Gemeinplatz besagt, dass jegliches Kabarett, und sei es auch noch so satirisch überhöht, durch die real existierende Politik immer wieder bei weitem übertroffen wird. Und die wahre Geschichte der Benennung eines kleinen Platzes in Wien-Mariahilf nach dem großen Kabarettisten Fritz Grünbaum scheint mir diese These auch recht anschaulich zu bestätigen.

 

Es war im Frühling des Jahres 1979, als ich mit handgemalten Plakaten gegen die geplante Verbauung eines großen Grundstückes an der Linken Wienzeile protestierte. In einer dermaßen grünarmen Wohngegend wäre, so dachte ich (und später auch tausende andere MariahilferInnen), die Errichtung einer öffentlichen Parkanlage viel vordringlicher.

 

Die sich über Jahrzehnte erstreckende Geschichte der daraufhin entstandenen „Bürgerinitiative Denzelgründe“ kann hier nicht näher abhandelt werden – sie würde ein dickes Buch füllen. Es ist aber sicher kein Zufall, dass nicht nur ich, sondern auch das Gründungsmitglied Regina Hofer später kabarettistisch tätig wurden ...

 

Unsere Initiative erreichte jedenfalls nach langwierigen politischen Kämpfen, dass auf dem Gelände ein provisorischer Park eingerichtet wurde, den wir mitgestalteten und in unserer Freizeit aufopferungsvoll betreuten. Und wie es mit Provisorien in Wien halt so ist: Sie tendieren schon nach kurzer Zeit stark dazu, sich als unanfechtbare Dauereinrichtungen zu etablieren.

 

Als es nach einigen Jahren schließlich so aussah, als ob unserem Park-Provisorium der offizielle Status einer amtlich betreuten städtischen Anlage zuteil werden würde, bot sich im Mariahilfer Bezirksparlament ein interessantes Schauspiel: Die Vertreter von ÖVP und SPÖ, die bislang anstelle des Parks verschiedene Verbauungsvarianten favorisiert hatten, beeilten sich nun, einen Namen für die künftige Anlage zu bestimmen.

 

Da im sechsten Wiener Gemeindebezirk der schöne Brauch gepflogen wird, Parks nach Künstlern zu benennen, die hierorts gewohnt oder gewirkt haben, beantragten Schwarz und Rot eine Namensgebung nach dem Schauspieler Alexander Girardi oder nach der Tänzerin Fanny Elßler. Dies wurde jedoch von Seiten der Gemeinde wegen bereits existierender Benennungen abgelehnt.

 

Die einzige Stimme gegen diese aufdringlichen Patendienste war die meinige: Ich war damals als erster grüner Bezirksrat der „Alternativen Liste Wien“ in die Mariahilfer Bezirksvertretung gewählt worden und vertrat dort die Meinung, dass die Namensfindung für den Park klarerweise jenen BürgerInnen zustünde, welche diesen durch ihre langjährigen Bemühungen erkämpft hatten.

 

Gesagt, getan: Ich forschte nach möglichen Namensgebern und stieß schließlich auf Fritz Grünbaum. Dieser hatte in unmittelbarer Nachbarschaft des Parks in zwei Lokalitäten an der Linken Wienzeile gewirkt: In der „Literatur am Naschmarkt“ (dem späteren „Ateliertheater“) und in der „Hölle“, einem Kleinkunstlokal im Keller des „Theater an der Wien“.

 

Grünbaum war kurze Zeit sogar Direktor der „Hölle“. Aus jener Zeit stammt die berühmte Szene, in welcher der Lokal-Chef Grünbaum sich selbst als Conferéncier engagiert. Nachdem er in beinharten Verhandlungen seine Gage auf tiefstes Niveau gedrückt hat, ruft er sich selbst wutentbrannt zu: „Aber eines sag ich mir: Glück wird mir das keines bringen!“ Und sowohl im Sketch als auch im wirklichen Leben hat er damit recht behalten: Bald darauf ging er mit der „Hölle“ pleite ...

 

Bei einer Bürgerversammlung im Café Drechsler schlug ich also vor, den Park nach Fritz Grünbaum zu benennen. Meine Anregung stieß allgemein auf begeisterte Zustimmung und der davon zumindest kurzfristig beeindruckte ÖVP-Bezirksvorsteher Kurt Pint meinte daraufhin leutselig zu mir: „Na schön, bringen S’ das halt in der nächsten Sitzung ein!“

 

Und das tat ich dann auch, nicht aber ohne in der Antragsbegründung darauf hinzuweisen, dass Grünbaum auch Libretti für das damalige Mariahilfer Revuetheater „Apollo“ verfasst hatte, das heute als „Apollo-Kino“ weit über die Bezirksgrenzen bekannt ist. Damit, so dachte ich, würde ich den Bezirksbezug des Künstlers noch stärker unterstreichen und die Chancen meines Antrages vergrößern. Jedoch – es sollte ganz anders kommen.

 

Bei jener denkwürdigen Bezirksvertretungs-Sitzung brachten nämlich VP und SP gemeinsam den Antrag ein, den Park nicht nach dem Kabarettisten Fritz Grünbaum, sondern nach dem beliebten „Volksschauspieler“ Rudolf Carl zu benennen – er hatte in der unweit des Parks gelegenen Köstlergasse gewohnt. Grünbaum blieb der Erfolg trotz eines engagierten Plädoyers meinerseits versagt: Er verlor das Match gegen den echten Österreicher Carl haushoch mit 1:29.

 

Rudolf Carl war mir bislang nur aus einem Dialektgedicht von H.C.Artmann bekannt gewesen: In der Bestandsaufnahme „wos an weana olas en s gmiad ged“ wird unter anderem auch „da rudoef koal en da gatehosn“ aufgezählt. Bei meinen nun folgenden Recherchen wurde mir dann allerdings recht schnell klar, wie zutiefst wienerisch jener Herr Carl tatsächlich gewesen sein musste: Als selbstdeklarierter illegaler Nazi wurde er nach 1945 zwar kurzfristig mit Auftrittsverbot belegt, konnte aber schon bald wieder an seine früheren Erfolge anschließen und starb schließlich allseits geachtet eines natürlichen Todes.

 

Fritz Grünbaum hingegen hatte sich als Jude und scharfer Kritiker des NS-Regimes bei den Nazis doppelt unbeliebt gemacht. Folglich wurde er nach der Okkupation gleich mit dem ersten Transport in das KZ Dachau gebracht. Noch im Zug wurde seine „freche Zunge“ von den Stiefeln eines SS-Mannes dermaßen malträtiert, dass er das angeschwollene Organ fast nicht mehr in den Mund zurückziehen konnte. Und im KZ ist er dann auch elendiglich gestorben.

 

Wir schrieben mittlerweile das Jahr 1988 und die Besetzung Österreichs jährte sich zum fünfzigsten Male. Also war das Jahr hochoffiziell zum „Gedenkjahr“ erklärt worden. Dazu versuchte nun auch ich einen kleinen Beitrag zu leisten, indem ich die Medien über die unerquickliche Groteske um die Parkbenennung informierte und eine Unterschriftenaktion für einen „Grünbaum-Park“ startete.

 

Die Aktion war ein voller Erfolg: Innerhalb weniger Wochen unterschrieben nicht nur hunderte MariahilferInnen, sondern auch dutzende prominente Kulturschaffende und viele Opfer des Nationalsozialismus, unter ihnen auch Bruno Kreisky, der mit Fritz Grünbaum im Gestapo-Notgefängnis Karajangasse den Strohsack geteilt hatte.

 

Die Wiener SP beeilte sich nun, den peinlichen Fauxpas mit dem Herrn Carl zu bereinigen: Im Gemeinderat wurde mehrheitlich der Beschluss gefasst, den Park (dessen künftiges Weiterbestehen mittlerweile sogar feststand) nach Fritz Grünbaum zu benennen. Und damit war die Angelegenheit nun doch noch zu einem guten Ende gekommen. Dachte ich.

 

Anders dachte allerdings der Mariahilfer Bezirksvorsteher Kurt Pint: Erbost über seine Niederlage mit dem völkischen Schauspieler gelang es ihm, die schon beschlossene Benennung des Parks eisern so lange zu verhindern, bis dieser nach erfolgter Neugestaltung schließlich – ein in Wien einmaliger Präzedenzfall – ohne Namen eröffnet werden musste.

 

Dieser namenlose Zustand war auf Dauer natürlich nicht haltbar. Inzwischen aber war Helmut Zilk Wiener Bürgermeister geworden und beschloss, sich der Sache anzunehmen. Da fügte es sich gut, dass zu jener Zeit Henry A. Grunwald amerikanischer Botschafter in Wien war, Sohn des von den Nazis vertriebenen jüdischen Operetten-Librettisten Alfred Grünwald.

 

„Ein Grün-Wald zählt doch viel mehr als nur ein einzelner Grün-Baum – da können ja gerade die Grünen nichts dagegen sagen!“ dachte sich wohl der findige Zilk, ignorierte die erbitterten Proteste der Grünbaum-Anhänger, ließ die Wienzeile festlich beflaggen und taufte die Grünanlage im Beisein des amerikanischen Botschafters feierlich „Alfred Grünwald – Park“.

 

Aber komplett absägen konnte man den armen Grünbaum nun auch wieder nicht – schließlich war sogar in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ ein bissiger Artikel über die bizarre Angelegenheit erschienen. Also entsann man sich der Erwähnung des Revuetheaters Apollo als Wirkungsstätte des Künstlers in meinem ehedem so schmählich niedergestimmten Antrag. Und die Mariahilfer Bezirksvertretung beschloss einmütig, den Platz vor dem Apollo-Kino „Fritz Grünbaum – Platz“ zu nennen.

 

Dieser „Platz“ bestand damals allerdings nur aus einer Verkehrsinsel inmitten einer Kreuzung, auf der sich eine armselige Betonschale mit unansehnlichen Gewächsen sowie ein Lichtmast befanden. An diesem Lichtmasten wurden nun im Winkel von neunzig Grad zwei Straßenschilder mit dem neuen Namen angebracht, wodurch alle vier Himmelsrichtungen abgedeckt waren und somit der ganzen weiten Welt die große Ehrung, die dem Künstler widerfahren war, unübersehbar kundgetan wurde.

 

Die Mickrigkeit dieser Installation fiel auch der Bezirks-SPÖ unangenehm auf – außerdem war auch weit und breit kein einziges Gebäude zu sehen, dem man ein Taferl mit Platznamen und Hausnummer hätte verpassen können. Also begab man sich auf die Suche – und wurde, wie schon das alte Sprichwort ermutigt, schließlich auch fündig.

 

In dem an der Grünbaum-Kreuzung gelegenen Esterhazy-Park steht ein unvergängliches Mahnmal aus der Zeit des „Tausendjährigen Reiches“, ein Monstrum aus meterdickem Stahlbeton: Und dieser Flakturm trägt nun auf Beschluss des Bezirksparlaments die Nummer „Fritz Grünbaum Platz 1“.

 

 

*

 

Nachtrag 1:

 

Ein bekannter Monolog Fritz Grünbaums trägt den Titel „Entwürfe für ein Grünbaum-Monument“. In Versform stellt er sorgenvolle Überlegungen darüber an, welcher Art wohl das Denkmal sein werde, das ihm dereinst die Nachwelt setzen würde. Er denkt zuerst an ein Reiterstandbild, dann an verschiedene Arten von Statuen (nackt und bekleidet), kommt aber letztendlich zu dem Schluss, dass es nach dem Versinken seines Namens in die ewige Vergessenheit ohnedies nur mehr Tiere sein werden, die an seinem wie auch immer gearteten Monument Gefallen finden würden:

 

„ ... Die Hund’ auf der Erd’ und die Vögel in der Luft!

Und hoch über mir zieh’n die Schwalben die Kreise,

Und am Sockel lehnen die Hunde leise,

Und all das Getier wird beim Sterneblitzen

Mein Denkmal bei Nacht zum Benetzen benützen

So tut das Getier seine Liebe mir kund:

Von oben die Vögel, am Sockel die Hund!“

 

Natürlich hat Fritz Grünbaum lediglich an kreuchendes und fleuchendes Getier gedacht. Er konnte ja auch nicht ahnen, dass sein Monument so gewaltig sein würde, dass es sich nicht nur hoch über die Dächer Wiens erheben, sondern in seinem Inneren auch ein „Haus des Meeres“ bergen würde: Die Heimat einer reichen Auswahl von Fischen – und Schlangen.

 

 

Nachtrag 2:

 

 Der Bezirksvorsteher Kurt Pint verstarb vor einigen Jahren bei einem Besuch des Gesundheitsamtes überraschend an einem Herzinfarkt. Nach ihm ist nun auch ein Platz im sechsten Bezirk benannt. Sein Nachfolger hat später den Versuch unternommen, den Grünwald-Park doch noch verbauen zu lassen. Die Bürgerinitiative formierte sich erneut zum Widerstand und ich kandidierte bei den letzten Wahlen auf der Liste der Grünen Alternative. Der Vorsteher wurde abgewählt und ich bin nach zwanzig Jahren wieder Bezirksrat in Mariahilf. Auf dem Weg von meiner Wohnung in’s Amtshaus gehe ich sehr oft über den Grünbaum-Platz. Und manchmal ist mir, als würde ich von dort, wo der Wind die ohrwaschelartigen Ausbuchtungen am oberen Ende des Flakturmes umweht, ein eigenartiges Geräusch vernehmen: Es klingt fast so, als würde da oben jemand leise lachen.

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