Das Weinhaus Sittl - Ein Wiener Zeitloch

 

Foto: Erich Wagner

 

Viele Wiener werden es schon von oben gesehen haben: Hält die U6 in der Station Josefstädter Straße, tut sich Ecke Lerchenfelder Gürtel/Neulerchenfelderstraße ein Blick in die Vergangenheit auf. Zwischen hohen Gebäuden steht dort ein niedriges altes Haus, aus dessen Innenhof ein riesiger Baum wächst: Das Gasthaus zum Goldenen Pelikan, vulgo Weinhaus Sittl.

 

Das denkmalgeschützte Haus wurde 1740 erstmals urkundlich erwähnt und ist somit das älteste von über hundert Wirtshäusern, die es Mitte des 19.Jahrhunderts in Neulerchenfeld gab. Der Ort lag damals direkt vor dem Linienwall und war ein beliebtes Ausflugsziel für die kleinen Leute. Und für diese spielten sonntags zahlreiche Musikanten und Volkssänger in den Wirtshäusern - in der viel besungenen "seligen Backhendlzeit".

 

Die Backhendln hat inzwischen der "Wienerwald" geschluckt und anstelle des Linienwalls stinkt sechsspurig die totale Automobilisierung zum Himmel. Dafür gibt's jetzt unter den Stadtbahnbögen ein stählern gestyltes Lokal mit gläsernen Wänden, da kann man sich zu elektronischen Mega-Sounds schreiend unterhalten oder auch eine Internet-Romanze reinziehen. Aber auf der anderen Straßenseite, im alten Weinhaus, ist die Zeit stehen geblieben.

 

Durch einen hölzernen Windfang betritt man den Schankraum, der glaubwürdigen Augenzeugenberichten zufolge seit den Fünfzigerjahren unverändert geblieben ist. Hinter der Theke steht im weißen Arbeitsmantel Herr Werner Kremser, der Wirt und gute Geist des Sittl. Seine Lippen umspielen ein mildes Lächeln und ein grauer Klobrillenbart, der gelegentlich braun nachgefärbt wird. 1914 haben seine Großeltern das Haus erworben, seine achtundachzigjährige Mutter hilft noch gelegentlich an der Schank aus.

 

Und da eilt auch schon Herr Hans herbei, ein drahtiger Kellner mit dem Gesichtsausdruck des späten Buster Keaton, stets im makellosen schwarzen Anzug. Herr Hans ist ein unvergleichliches Original, das mit stoischer Ruhe und staubtrockenem Humor sein Publikum souverän in Schach hält. Fühlt er sich allerdings durch allzu nachdrücklich vorgetragene Bestellwünsche ungebührlich bedrängt, kann er - zum größten Erstaunen uneingeweihter Gäste - auch schon einmal sehr streng, ja geradezu harsch reagieren.

 

Ja, die Gäste... Es hat fast den Anschein, als gäben sich im Sittl die markantesten Typen aus Spira's "Alltagsgeschichten" ein Stelldichein, und dazu noch etliche, die hier unerkannt Zuflucht gefunden haben vor ihrem Kamerateam. Eine weißhaarige Frau singt mit zittriger Stimme Wienerlieder zur schwer geschlagenen Gitarre, dann erklingt eine Zither, und schließlich gibt ein gestrandeter Altmatrose am Schifferklavier Seemannslieder zum Besten.

 

McDonald'sche Unternehmensphilosophie ist Herrn Kremser fremd. Ein Sandler kann sich in seinem Weinhaus für ein Achterl stundenlang am alten Ofen wärmen, oder sich nach zu vielen Vierterln an einem Tisch ausschlafen. Hier finden Menschen Unterschlupf, die in anderen Lokalen schneller wieder draußen sind als drinnen. Und vor allem: Sie werden nicht herablassend behandelt.

 

Die Schwemme ist aber nur ein Teilbereich des Gesamtkunstwerkes Sittl. Durch die Hintertür geht's in die Einfahrt, vorbei an den Klos und dem Schild: Pissoir Einfahrt rechts in den Innenhof. An den Wänden und auf den Pawlatschen ist manch altes Grafflwerk gestapelt, in der Hofmitte aber beschattet der riesige Götterbaum  eine zeitlose gastgärtnerische Oase.

 

Im Sittl kann man auch gut und günstig essen. Stammgast DDDr.Rolf Schwendter, von Herrn Hans ehrerbietig "Herr Professor" tituliert, wird dies gerne bestätigen. Die Tageskarte wird auf einer historischen Schreibmaschine tagtäglich neu getippt und vermittels einer spätantiken Hektographiermaschine vervielfältigt. Die blass violette Schrift gleicht jener meiner Schularbeitsbeispiele am Gymnasium - alte Zeiten, wohin man schaut.

 

Ganz schön alt ist auch der Holzpavillon, der den größeren Teil des Hofes einnimmt. Er birgt den Speisesaal sowie mehrere Kästen aus dem Kremser'schen Hausrat. Den Fußboden haben die Wurzeln des mächtigen Baumes so stark gewellt, dass die Tische nur durch reichliches Unterlegen von Biertatzerln am heftigen Schwanken gehindert werden können. Erlebnisgastronomie pur - ganz ohne Hundertwasser.

 

In diesem "Pelikanstüberl" haben früher unter anderem die "Österreichischen Dialektautoren" und der Anarchistenzirkel "Schwarze Distel" ihre Treffen abgehalten. Und seit fünf Jahren habe ich hier eine ökologische Nische gefunden für meine Lieder- und Kabarettprogramme. Mittlerweile finden regelmäßig Kulturveranstaltungen statt: So trägt das "Erste Wiener Lesetheater" ausgewählte Stücke vor und die "Weana Heazz Schmeazz Leacherln" singen Wienerlieder...

 

Natürlich muss man sich dabei auf die lokalen Gebräuche einstellen: Herr Hans zieht auch während der Vorstellung unbeirrt seine Runden und erkundigt sich gewissenhaft nach Getränkewünschen. Gelegentlich tauchen alkoholisierte Stammgäste auf und schildern dem darob leicht verunsicherten Publikum ihre Lebensgeschichte und es kann schon vorkommen, dass ein durstiger Augustin-Verkäufer an einem Abend fünfmal hintereinander seine Aufwartung macht.

 

Aber gerade solche Zwischenfälle sorgen für Meldungen und Wortwechsel, die an Situationskomik ihresgleichen suchen. Da kann eine Vorstellung auch einmal eine halbe Stunde länger dauern als sonst und nicht nur einmal haben verblüffte Zuschauer den dringenden Verdacht geäußert, hier werde ein abgekartetes Spiel getrieben mit bezahlten Nebendarstellern. Aber so etwas wäre im Sittl völlig unpassend: Hier ist alles echt.

 

Und auch, wenn es wie ein Märchen klingt: Dort, wo man es am wenigsten vermuten würde, an einem Verkehrsknotenpunkt am Wiener Gürtel, umspült vom nervtötenden Lärm einer immer öderen "Erlebniswelt" - dort gibt's ein uriges altes Wirtshaus, wo man noch echt etwas erleben kann. Dort ist Wien wirklich anders.

 

*****

 

Update:

 

Die alte Frau Kremser ist mittlerweile gestorben, der allzu durstige Augustin-Verkäufer ebenso, die "Weana Heazz Schmeazz Leacherln" haben sich aufgelöst und der gute alte Herr Hans genießt jetzt seine wohlverdiente Pension. Aber sonst - sonst ist noch alles beim Alten.