IM ALTEN RIETZ

Ihr wißt, daß Rietz seit den ältesten Zeiten ein armes Bergdorf war und seine Bewohner allzeit schwer um ihr Leben zu kämpfen hatten.

Schon allein die steile Lage auf dem Schuttkegel des jäh herabstürzenden Baches machte jede Arbeit schwieriger und mühevoller als im ebenen Talboden. Dazu kommt die ständig drohende Murgefahr und der im Verhältnis zur Einwohnerzahl geringe Gemeindegrund. Dennoch hingen die Rietzer immer mit zäher Liebe an ihrer Scholle und sie haben es gut verstanden, den kargen Ertrag des Bodens durch andere Arbeit auszugleichen.

Im 15. Jahrhundert werden schon die sogenannten Söllhäuser erwähnt, zu denen nur ein geringer oder gar kein Grundbesitz gehörte und deren Eigentümer sich als Handwerker oder Taglöhner den Lebensunterhalt verdienten. Im Jahre 1775 wurden in Rietz neben 41 Bauerngütern 57 Söllhäuser gezählt.

Die Lebenshaltung der alten Rietzer war sehr einfach. Der Küchenzettel zeigte wenig Abwechslung. Kaffee und Zucker waren ungekannte Genüsse. Dafür gab es zweimal am Tage Türkenkost, seit im Jahre 1625 der Anbau von Mais gepflegt wurde. Trotzdem erhielten sich die Rietzer eine gesunde Lebensfreude und auch ihr Sinn für Kunst stand keineswegs hinter besser gestellten Bauerngemeinden zurück. Davon zeugt heute noch der Reichtum der Kirche.

 Noch vor 60 Jahren sah man während des Sommers Männer, Frauen, ja Kinder, die steile Hänge hinauf steigen, um dort das niedrige Berggras zu richten. In großen Buren trugen die Bauern dieses Bergheu ins Dorf, um einigermaßen den Viehstand halten zu können.

Die Schafzucht wurde von unseren Vorfahren sehr gepflegt. Daraus ergab sich auch manch fröhliches Fest. Jeder Bauer zog sich einen starken Widder. Im ganzen Dorf wurde sodann der stärkste und kampfesmutigste ausgesucht und an einem bestimmten Tag mit den Widdern der Nachbardörfer zum Kampfe geführt. Es trug sich einmal zu, daß der Rietzer Widder beim 102. Stoß den Stamser zu Boden rannte. Wie freuten sich da die Rietzer Burschen. Singend und lachend zogen sie mit ihrem bekränzten Tier nach Hause.

 Daß sich viele Rietzer als Fahrleute verdingten, wurde bereits in einem früheren Kapitel erwähnt. Aber auch auf kleinen Handkarren führten die Männer Salz ins Oberinntal und über den Brenner.

Nicht wenige begaben sich während der Sommermonate als Holzarbeiter nach Bayern und Württemberg und wurden zum Teil dort ansässig. Andere suchten in der Steiermark im Bergbau ihr Verdienst.

Einige Familien fuhren in den Achtzigerjahren sogar über das „große Wasser“, um sich dort in der „neuen Welt“ ein sorgenfreieres Leben aufzubauen. – So Anton Reindl, Alois Larcher, Johann Hackl und Otto Haas. Berühmt war in Notzeiten auch der Rietzer Kaffee. Die Bäuerinnen pflanzten fleißig die blaue Lupinie, die Früchtchen wurden sorgsam abgeerntet und in den umliegenden Dörfern, vor allem Telfs, als „Rietzer Kaffee“ verkauft.

In den 80-er Jahren des letzten Jahrhunderts hatten es die Rietzer Buben leicht, sich ein gutes Handgeld zu verdienen. Sie stiegen auf die höchsten Nadelbäume, holten die schönsten „Kuhsen“ herunter und lieferten das Star Larchenkuhsen um 1 Gulden, das Star Feichtene um 20 Kreuzer im Roller ab. Dort trieb der Bach eine große Beutelmaschine, die die kleinen Samen aus den Tschurtschen schüttelte. Wer könnte wohl sagen, wieviel Jungwald aus diesem Rietzer Samen gezogen wurde. Heute wissen nur mehr wenige Rietzer, woher der Hausname „Roller“ kommt, der inzwischen das Versorgungshaus der Gemeinde geworden ist.

Die Frauen verdienten immer gut durch Rosenkranzketteln und seit der Gründung der Schule durch Spitzenklöppeln. Diese wurde im Jahre 1872 von Hermann Uffenheimer im Gasthaus Post errichtet. Durch eine staatliche Unterstützung von 300 Gulden wurde ihr Bestand gesichert. 58 Schülerinnen nahmen am Unterricht teil, dem eine ausgezeichnete Lehrerin aus dem sächsischen Erzgebirge vorstand. Später heiratete sie einen Rietzer namens Johann Hackl. Sie ist die Großmutter der Familie Hackl im Unterdorf geworden. Leider hat diese Heimarbeit wieder ganz aufgehört.

Die letzte eifrige Klöpplerin – Urbels Marie – ist heute über 80 Jahre und kann die feinen Muster nicht mehr sehen.

So fanden unsere Vorfahren allzeit Mittel und Wege, ihre Familien zu ernähren, ihre Häuser und Kirchen instandzuhalten. Freilich sorgloses Dahinleben und Vergnügen waren ihnen fremd.

Und nun möchtet ihr bestimmt noch wissen, welches wohl die älteste Familien hier in Rietz sind, wessen Ahn schon am längsten die Felder um den Ort bestellt.

Bei dem furchtbaren Murausbruch im Jahre 1637 wird erzählt, daß die Anwesen des Christian Schreier, Martin Ebenbalder, Adam Holzknecht, Martin Wach, Wolf Mayer und Anton Fritz völlig verwüstet wurden. Diese Familien sind also vor mehr als 300 Jahren schon in Rietz ansässig gewesen.

Im Steuerbuch aus dem Jahre 1775, also vor 175 Jahren, sind folgende Familien als Besitzer von Bauerngütern oder Söllhäusern angeführt: Pars – Pauls – Perkhofer - Plattner - Prantl – Praxmarer – Prenner – Kein – Kuen – Klaißner – Klaudi – Kluibenschädl – Klotz – Kratzer – Kranebitter – Krueg – Drattner – Tschiederer – Ögg – Ögger – Egger – Ehdenhauser – Ötschmann – Feuerschwenter – Findl – Fritz – Gabl – Göbhart – Gfasser – Grieser – Grill – Gritsch – Haaf(s) – Haselwanter – Höllriegl – Höpperger – Hofer – Jäger – Loiter – Löderle – Mader – Mark – Marta – Mayr – Nagele – Muglach – Nairz – Natter – Neurauter – Raggl – Rainer – Rappolt – Regensburger – Raindl – Schatz – Schöfthaler – Schreyer – Schweigl – Seybalt – Stapf – Stecher – Wach.

Von Hausnamen sind aus früherer Zeit nur mehr Mayrhof, Probsthof und Pichlhof angeführt

 

 

VON FEUERSNOT

 Wer in Rietz ein altes Bergdorf mit Schindeldächern und moosigen Steinen sucht, wird sehr enttäuscht sein. Die meisten Häuser sind mit Dachziegeln gedeckt und die alten Städel aus schweren Baumstämmen sind leichten Bretterbauten gewichen. Das hat seine Ursache in den furchtbaren Bränden, die in Rietz wüteten. Kaum ein Dorfteil blieb davon verschont. Wie schön muß es doch gewesen sein, als noch alle Häuser die geschnitzten Balken hatten, wie wir sie heute beim Schmalzer und beim Maderbauern finden.

Das größte Feuer erlebten die Rietzer im Jahre 1874. Damals brannten am Platzl 11 Häuser nieder und viel Vieh ging zugrunde. Man erkennt die neuen Bauten leicht an der Bauweise, die dem Dorfcharakter wenig entspricht.

1893 brannten in der Wegscheide 6 Häuser nieder, darunter auch eine Lohstampfe samt der ganzen Einrichtung.

Im Jahre 1904 brannten nahezu der ganze Weiler Holzleiten ab, nur ein einziges Haus blieb verschont. Neue Häuser mit denselben Hausnummern wurden innerhalb des Dorfes erbaut. Daraus erklärt sich das arge Durcheinander in der Reihenfolge der Nummerierung.

Der letzte Nachtwächter ging in Rietz in den Jahren 1937/38 noch mit seinem Bockhorn um und rief jede Stunde aus. Der alte „Loar“, so war sein Hofname, sammelte dafür alljährlich bei den Dorfbewohnern seinen Türken ein.

Heute steht, so wie in fast allen größeren Gemeinden eine Sirene auf dem Dach des Gemeindehauses, um drohende Gefahren anzuzeigen. Daneben müssen aber Nacht für Nacht 2 Männer des Dorfes die Nachtwache halten. Da trifft es jeden Rietzer zwei – bis dreimal im Jahr.

 

DER AUENKRIEG

 

Soeben hatte die Mittagsglocke geläutet. Die Haustür flog auf, die „Großen“ stürmten heraus auf den sonnigen Platz neben dem Schulhaus. In der Pause waren „die vom Platzl“ und die „Dörfer“ wieder einmal hintereinander geraten und noch ehe der Kampf entschieden war, schrillte die Pfeife des Lehrers. Mit roten Köpfen und hitzigen Augen saßen die Kampfhähne noch 2 Stunden in ihren Bänken. Aber jetzt mußte die Entscheidung fallen.

Drüben am Zaun stand der Wutscher und sah dem erbitterten Ringen zu. Er war ein gebürtiger Rietzer, hatte allerhand studiert und suchte jetzt in den verschiedensten Archiven nach alten Schriften und Urkunden über Rietz. So manche interessante Begebenheit aus alter Zeit hatte er schon aufgeschrieben.

Jetzt rief er mit kräftiger Stimme zum Kampfplatz hinüber: „Wieder einmal „spän und stöß“ da z’Rietz? Kann dös Gstritt nie an End haben?“

Die Buben horchten auf. „Spän und stöß“ – da steckte bestimmt wieder eine alte Geschichte dahinter. Er hatte ihnen ja schon so viele erzählt.
Gleich sprangen ein paar über den Zaun und bettelten ums Erzählen. Wutscher ließ sich nicht lange bitten und begann: „Es sind jetzt schon 500 Jahre her, da gab es zwischen den Telfern und Rietzern einen harten Krieg, der hat etwa 50 Jahre gedauert. Damals war der Inn noch nicht reguliert, die Ortschaften im Inntal hatten noch keine bestimmten Grenzen. Die Auen gehörten allen.

So war es auch der Brauch, daß die Rietzer ihr Vieh bis unterhalb von Telfs auf die Weide trieben, Heu und Holz holten, wie sie es gerade nötig hatten. Sogar am linken Innufer haben sie Besitz gehabt. Der Flußlauf lag damals wohl noch nicht so hart am Berg. Sie hatten am Innufer auch Verladeplätze für Holz. Dort bauten sie ihre Flöße und führten sie dann, mit Holz beladen, Inn abwärts.

Im Jahre 1416 sind die Streitigkeiten zwischen Rietzern und Telfern so arg geworden, daß sie den Tiroler Landvogt, Graf Ulrich von Matsch, um Hilfe baten. Er sollte endlich die Grenzen und ihre beiderseitigen Rechte festlegen.
In dem Richtspruch heißt es, daß 2 in Stein gehauene Kreuze (eines am Holenstain) – am linken und rechten Innufer die Grenze bestimmen sollten, nicht der Klausbach, der heute die Gemeindegrenze ist.
Die Rietzer durften auch weiterhin am linken Innufer weiden. Von Walpurgistag bis Barthelmä gehörte aber das Recht des Heumachens den Telfern.

Dieser Spruch brachte aber keineswegs den Frieden. Die Rietzer sahen sich benachteiligt und es wird viel berichtet von „spän und stöß“ zwischen den beiden Gemeinden. Die Telfer begannen nun auch Steinarchen zu bauen, um ihren Grund vor dem hochgehenden Inn zu schützen. Das wollten ihnen die Rietzer aber keinesfalls gestatten, da ja die Telfer vordem überhaupt kein Anrecht auf die Auen hatten.“

„Ho, Wutscher,“ rief jetzt der Toni, „seisch ins decht amol, was dös, hoaßt – Stoanarchen -, hat dös eppas z’tian mit der Arche Noah?“ da lachte der eifrige Heimatforscher und erklärte den Buben: „Arche (arcus, arcere) das ist ein lateinisches Wort und heißt: Bogen, einzwängen, einschränken – so ganz unrecht hast auch mit der Arche Noah nicht. Die waren auch eingezwängt in dem riesigen Holzschiff.“ „Und die Telfer wollten den Inn einzwängen mit ihrer Steinarche“, meinte Toni jetzt ganz gescheit, „und sicher zum Schaden der Rietzer Auen.“

„Freilich, sonst hätten es ihnen die Rietzer auch nicht verboten. So mußte eben der Landesfürst, Herzog Sigismund, in den Jahren 1435 u. 1445 nocheinmal eine Kommission einberufen. Es kamen der Landrichter von Sonnberg, die Pfleger von Landeck und Imst und jeder brachte „4 erbar und weise mane“ mit. Diese entschieden nochmals, dass der Spruch von 1416 zu Recht bestehe, und daß sich die Rietzer endlich fügen müßten. So haben wir halt heute noch das „Telfer Drittel.“

Die Buben saßen jetzt alle sehr friedlich um ihren Lehrmeister und der Valtl sagte treuherzig: „ ist eigentlich gar nicht recht, daß wir Rietzer Buben oft so ein Gstritt untereinander haben, sollten gescheiter zusammenhalten gegen jeden Angriff, der von außen kommt.“