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Arisierungstäter und Restitutionsopfer

von Robert Holzbauer
(30./31. Jänner 2001)

Am 31. Jänner 2001 beschloss das österreichische Parlament einen Entschädigungsfond für die Opfer des Nationalsozialismus. Über die Substanz dieser Einigung wird man sich zweifellos in der nächsten Zukunft ein Bild machen können.

Die begleitende Berichterstattung in Österreich über die monatelangen Verhandlungen (unter führender Beteiligung von Stuart Eizenstat) hat jedoch eindeutig im sprachlichen Tiefland stattgefunden. Der in diesem Zusammenhang in den letzten Monaten wohl am meisten strapazierte Begriff war wohl das alte Nazi-Wort "Arisierung", bzw. davon abeleitete Komposita wie das "Arisierungsopfer". Wo es Opfer gibt, gibt es zwar meistens auch Täter, den "Arisierungstäter" habe ich jedoch nirgends gefunden. Das Konzept einer "arischen Rasse" ist wohl einer der absurdesten Aspekte der nationalsozialistischen Ideologie. Aus diesem Grund ist mir vollkommen unerklärlich, warum es zu einer derart unglaublichen Rückkehr des "Ariers" kommen konnte. Den Journalisten ist vielleich zugute zu halten, dass sie sich vom Wohlklang des Wortes zu dessen Gebrauch verleiten liessen. Ausserdem gab es ja auch graduierte Historiker, die nichts dabei fanden, "Arisierung" einfach als "Enteignung und Beraubung" zu sehen und dadurch zu verharmlosen. Dabei wird wohl nicht genau gefragt, wer hier wohl wen beraubt habe, denn dann würde dem "Arier" wohl der "Nicht-Arier" gegenüberstehen und damit wären wir schon wieder mitten im Sprachgebrauch der Nazis.

Noch stärker als beim Nazi-Euphemismus "Endlösung der Judenfrage" tritt beim Begriff des "Ariers" der rassistische Sinngehalt in den Vordergrund. Es mag vielleicht verlockend sein, einen rechtlich und technisch komplexen Vorgang von Vermögenstransaktionen einfach mit dem kleinen Wort "arisieren" beschreiben zu können. Ich glaube aber nicht, dass dies ohne die Übernahme der Täter-Perspektive möglich ist.

Aus diesem Dilemna scheint es nur zwei Auswege zu geben: der Gebrauch von Anführungszeichen und das Präfix "sogenannte". Ersteres ist leider nur beim geschriebenen Wort wirksam. Das führte in den letzten Monaten dazu, dass Fernseh-Moderatorinnen und Moderatoren Vokabel in den Mund genommen haben, die noch vor wenigen Jahren nur den Druckerwerken der rechtsextremen Szene vorbehalten waren.

Auch wohlmeinende Publizisten scheinen überhaupt jegliche Scheu vor der alten Nazi-Dichotomie "Arier-Jude" verloren zu haben. Da werden Kunstsammlungen zu "jüdischen Kunstsammlungen" und Industrielle zu "jüdischen Industriellen"; nicht weiter verwunderlich, dass komplementär dazu auch "arische Sammler" auftreten. Das Kategoriesystem der Nürnberger Rassengesetze entfaltet daher auch heute seine diskriminatorische Wirkung. Ein später Triumph der Rassenideologen? Oder leidet Österreich einfach an einer verschobenen Perspektive. In einem Land, in dem man für "bis zum Überdruss" noch immer die Wendung "bis zur Vergasung" gebraucht, können die kritischen Journalisten ruhig von "Juden und Ariern" schreiben. Sollte es möglich sein, mit rassistischen Begriffen andere als rassistische Inhalte ausdrücken zu können? Schon in den 50er Jahren hat es in Wiener Juristenkreisen einen zynischen Ausdruck dafür gegeben: "Wiederjudmachung."

Lässt sich also der Ausdruck "Arier" samt allen seinen Ableitungen nicht ohne Zusammenhang mit dem NS-Sprachgebrauch erklären, ist es bei einem anderen häufig strapazierten Begriff viel einfacher: Restitution heisst Rückgabe. Sollte eine Restitution nicht möglich sein (weil z.B. der rückzustellende Gegenstand nicht vorhanden ist) könnte man allenfalls Entschädigung leisten. Solche könnte man auch "Reparation" nennen. In der Berichterstattung über die jüngst abgeschlossenen Verhandlungen kommt aber häufig das rätselhafte Wort "Naturalrestitution" vor. Was der Unterschied zwischen Restitution und Naturalrestitution sein soll, habe ich noch nicht herausgefunden.

 

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inhalt und form : robert holzbauer. Zuletzt geändert 2001-01-31