|
Homepage
/ Zeitgeschichte / Web watch /Savoir
vivre / Sport / Links
/ Archiv / Feedback/
Gaestebuch |
Im Wintersemester 2000/2001 hat an der Universität Wien eine Ringvorlesung mit dem Titel "Die Politische Ökonomie des Holocaust" stattgefunden; auf Basis der Methode der teilnehmenden Beobachtung habe ich damals über die Vorlesung berichtet. Diesen alten Bericht gibt es hier im Archiv von holzbauer.net. Seit geraumer Zeit liegen die Beiträge auch publiziert vor:
Eine Inhaltsübersicht gibt es hier auf der Web-Seite des Instituts für Wirtschaftsgeschichte der Universität Wien. Im Vollltext dort nachzulesen ist auch die Einleitung des Herausgebers Dieter Stiefel: The Economics of Discrimination. Eine ausführliche und fundierte Rezension des Buches hat die Berliner Historikerin Beate Schreiber (aus dem Team von Facts&Files) für die mailingliste H-Soz-u-Kult verfasst.
Ähnlich von der Themenstellung ist ein analytisches Werk des deutschen kritischen Militärhistorikers Wolfram Wette: "Die Wehrmacht". Feindbilder, Vernichtungskrieg, Legenden.S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2002, 370 Seiten, 24,90 €. Der Autor gilt als einer der ersten Historiker, welche begonnnen haben, die apologetische Tradition der deutschen Militähistoriographie kritisch zu hinterfragen; u. a. ist er Mitbegründer eines Arbeitskreises für Historische Friedensforschung. Das Buch hat zustimmende, sogar begeisterte Rezensenten hinterlassen (darunter auch den Historiker Norbert Frei als Rezensent der "Zeit"), was auch auf der soeben erwähnten Seite des Perlentauchers nachzulesen ist. Unter anderem enthält das Buch eine biographische Skizze des aus Wien stammenden Feldwebels Anton Schmidt, der zum Tod verurteilt wurde, weil er hunderte von Juden aus Wilna gerettet hat. Als Reservist des österreichischen Bundesheeres (wenn auch nur: Korporal der Sanitätstruppe) muss ich an dieser Stelle kritisch vermerken, dass zwar eine Kaserne der deutschen Bundeswehr nach ihm benannt ist, aber (noch) keine österreichische! Noch mehr Kriegsgeschichte? In höchsten Tönen hat die Berliner "Welt" in einer ausführlichen Rezension das jüngste Werk des britischen Historikers Antony Beevor, "Berlin. Downfall 1945", (in deutscher Übersetzung "Der Untergang Berlins 1945") gelobt. Beevor ist einerseits ein Absolvent der Militärakademie Sandhurst, anderseits auch Autor von vier Romanen. Inhalt seines breit angelegten Werkes ist die letzte Phase des Zweiten Weltkrieges an der "Ostfront", der Zeitraum von Jänner bis Mai 1945, als sich die Front von der Reichsgrenze auf Berlin zu bewegte - oder (wie sich der Rezensent Thomas Kielinger ausdrückt): das "Herz der Finsternis". Beevor wertet erstmals in großem Umfang sowjet-russisches Archivmaterial aus. Nicht ausgeblendet wird das Kriegsverbrechen der systematischen Massen-Vergewaltigungen durch Angehörige der Roten Armee, denen in Deutschland rund 120.000 Frauen zum Opfer gefallen sein dürften. Ähnliche Begeisterung hat das Buch bei Michael Burleigh ausgelöst, dessen Rezension im "Guardian" nachzulesen ist. Differenziert hingegen ist eine Besprechung des Buches für die mailing-liste H-Soz-u-Kult ausgefallen. Der Rezensent Siegfried Schwarz findet die ausführliche Darstellung von Gewalttaten ("Übergriffe" heißt es gar) für problematisch. Antony Beevor betreibt eine nüchtern-minimalistische (selbstgemachte?) Website, wie es sich (meiner Meinung nach) für einen Historiker mttlerweile gehört!.
Silberberg, Kirstein, Littmann, Klemperer, Budge, Sachs diese und andere Namen stehen in Deutschland für einstmals bedeutende jüdische Kunstsammlungen. Unter dem Titel
liegt erstmals eine umfassendere Publikation vor, in der in diesem Zusammenhang über Anspruch-stellungen bzw. Restitutionsfälle der letzten Jahre zu NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgütern in deutschen Einrichtungen berichtet wird. Das Spektrum der in Wort und Bild vorgestellten Kulturgüter Gemälde, Zeichnungen, Graphiken, Bücher, Skulpturen und kunsthandwerkliche Arbeiten ist dabei ebenso vielfältig wie die Besonderheiten der jeweiligen Erwerbungs- und Identifizierungsgeschichte oder die Lösungen, die darauf aufbauend zwischen Anspruchstellern und den betroffenen Institutionen erzielt wurden. Das Buch kann über den Buchhandel oder direkt von der Koordinierungsstelle der Länder für die Rückführung von Kulturgütern (Kantstr. 5, D-39104 Magdeburg) bezogen werden (19,90 €, bei Direktbezug von der Koordinierungsstelle 15,- € zzgl. Versandkosten).
Unter dem Titel "Völkische Feldforschung Fotografie und Volkskunde im Nationalsozialismus" ist soeben das jüngste Themenheft der Zeitschrift "Fotogeschichte" erschienen. Die volkskundliche Photografie aus der NS-Zeit ist nach 1945 häufig der Zuordnung zur nationalsozialistische Bildwelt entgangen. Als "unpolitisch" galten Themen und Motive, zu weit weg von der Stadt und Front die Orte, Menschen und Szenen, die eingefangen worden waren. Dieses Themenheft untersucht volkskundliche Fotografien aus der NS-Zeit. Es fokussiert den Blick zunächst auf eine Region (Südtirol) und auf einen überschaubaren Bestand an Bildern und beschäftigt sich mit Logik und Kontext der "völkischen Feldforschung". Der Band kostet 19,5 €; einen Index zur Zeitschrift "Fotogeschichte" gibt es hier.
ist der Titel der Nr. 17 der Zeitschrift Beiträge zur Geschichte des Nationalsozialismus. Man sollte ja annehmen, dass sich die Forschung mittlerweile der Rolle der Verwaltungsbehörden im NS-Staat angenommen hat. Leider ist dem nicht ganz so: Verwaltungsbehörden und ihr Handeln sind eines der am meisten vernachlässigten Forschungsfelder. Weder gibt es solide institutionsgeschichtliche Arbeiten über die zentralen Reichsbehörden, noch über deren nachgeordnete regionalen Instanzen. Vor allem die Zeit des Weltkrieges sein "nachgerade eine terra incognita", heisst es in der Einleitung zum vorliegenden Band. Das vorherrschende Erklärungsmodell einer Polykratie müsse zu einem offenen Forschungskonzept erweitert werden. Vorwort und Inhaltsangabe gibt es auch auf der Website des Verlages. An der Spitze des Bandes steht ein Beitrag von Monica Kingreen über die Raubzüge einer Stadtverwaltung am Beispiel von Frankfurt am Main. Den aufmerksamen Lesern dieser Seite ist bestimmt der Aufsatz von Frau Kingreen auf dieser Seite schon aufgefallen, der gewissermaßen als Vorarbeit gelten kann. Weitere Beiträge stammen von Kiran Klaus Patel (Der Arbeitsdienst für Männer), Markus Leniger ("Heim ins Reich?" Das Amt XI und die Umsielderlager der Volksdeutschen Mittelstelle), Martin Moll (Die Abt. Wehrmachtpopaganda im OKW: Militärische Bürokratie oder Medienkonzern?), Jan Erik Schulte (Die Konvergenz von Normen- und Maßnahmenstaat: Das Beispiel SS-Wirtschafts-Verwaltungshauptamt, 1925-1945) und Ralf Blank (Albert Hoffmann als Reichverteidigungs-kommissar im Gau Westfalen Süd). Sehr interessant ist ein als Fundstück bezeichneter Artikel von Herbert Ruland über bisher unbekannte Photographien, die am Morgen nach der Pogromnacht in Aachen enstanden sind. Herausragend auch der Rezensionsteil. Für deutschsprachige NS-Forscherinnen und -Forscher scheint an diesem Buch kein Weg vorbeizuführen.
Johnson (der sein empirisches Material vor allem aus dem Rheinland bezieht) weicht von einigen Thesen der bisherigen Gestapo-Forschung markant ab. So relativiert er etwa - auf breiter empirischer Basis - die Annahme von einer übergroßen Denunziationsbereitschaft. Nur 1 % der Deutschen hätte demnach bei Denunziationen mitgewirkt. Faszinierend wäre es natürlich, dies mit Vergleichszahlen aus dem Bereich der Gestapoleitstelle Wien zu vergleichen (deren stellvertretnde Leitner Ebner ja selbst gemeint haben soll, nirgendwo sonst würde soviel vernadert werden wie in Wien). Zentrale These des Buches sei aber (laut Bajohr): Der NS-Terror habe den Kern der deutschen Gesellschaft gar nicht berührt, sondern nur klar definierte Gegner (Juden, Linke...). Das Gros der deutschen Gesellschaft hätte relativ große "Narrenfreiheit" gehabt. Mindestens ein Viertel der Deutschen habe vom Holocaust schon vor dem Kriegsende gewusst. Angesichts der breiten Loyalität der Bevölkerung zum NS-Regime wäre ja auch gar nicht notwendig gewesen, das Land mit Terror zu überziehen.
Einer weiteren - eher kritischen - Rezension hat Norbert Frei das Buch im Feuilleton der Neuen Zürcher Zeitung unterzogen (leider ist deren Archiv nur noch gegen Gebühr zugänglich). Unter dem Titel "Die Lebendigkeit der Geschichte. (Dis)-Kontinutitäten in Diskursen über den Nationalsozialismus" setzt sich ein Buch, das von Eleonore Lappin und Bernhard Schneider in 39 Beiträgen mit der Wirksamkeit von Geschichte auseinander. Diese wird als "universelle Rahmenbedingung" verstanden. Die Beiträge stammen sowohl von Wissenschaftlern als auch von persönlich betroffenen und sollen "vielschichtige Einblicke in aktuelle Inhalte und Perspektiven in Diskursen über Nationalsozialismus und Holocaust bieten." Nähere Informationen zum Buch gibt es hier.
Seit rund 20 Jahren beschäftigt sich der deutsche Sozial- und Behindertenpädagogoge Ernst Klee mit den Medizinverbrechen des nationalsozialistischen Staates; er "wuchs dabei in die Rolle eines Anwalt der Ermordeten und überlebenden Opfer". Sein neues Buch deckt ein inhaltliches Spektrum ab, das weit über die Medizin im engeren Sinn hinausgeht und "fast die gesamte Sphäre der Biowissenschaft" abdeckt. Die Historikerin Angelika Ebbinghaus (deren eigenes Buch "Vernichten und Heilen" weiter unten auf dieser Seite gewürdigt wird) schreibt in einer Buchbesprechung in der "Zeit" ("Enthemmte Forscher") von der "rauschaften Euphorie", welche die Biowissenschaften im Nazi-Staat ergriff:
Freilich genüge es nicht, das "Verbrechen zu benennen", die bis heute fortwirkenden verschwiegenen Postulate müssten auch wissenschaftsimmanent thematisiert werden.
In der Beilage Spectrum der Wiener Tageszeitung "Die Presse" wurde das Buch am 17.11. 2001 von Erwin Riess mit einer Rezension gewürdig; möglicherweis ist sie noch in deren Archiv zu finden?. Weiter finden sich nähere Angaben zu Buch und Autor auf der website des Berliner Espresso-Verlages. Ein Statdtführer mit dem Titel "Unser Wien" hat den Raubzug des NS-Systems ab 1938 zum Inhalt. Die beiden Autoren, die (von mir geschätzte) Historikerin Tina Walzer und der Journalist Stephan Templ lehnen (wie auch ich) den Gebrauch des Nazi-Vokabels "Arisierung" ab, der ja auch kaum geeignet scheint, das ganze Spektrum von Entziehungen darzustellen. Im Wiener Nachrichtenmagazin Profil vom 14.Oktober 2001 gibt es einen Artikel über das Buch von Marianne Enigl. Darin heisst es:
In der "Welt" meinte Ulrich Weinzierl, dass ein Stadtspaziergang nach Lektüre des Buches eine Tatortbesichitigung gleichkäme. Ähnliches bekundetet das Feuilleton der Neuen Zürcher Zeitung im Jänner 2002. "Eine nützliche Provokation, ein hilfreicher Anstoß zu weiteren Forschungen" sei das Buch, meint der Hamburger Historiker Frank Bajohr in der Zeit, wenngleich "der systematisch-analytische Zugriff insgesamt zu kurz" gekommen wäre. Zur Präzision des Buches hier nur soviel: dem Bahnhof von St. Pölten wird in einer Bildunterschrift unterstellt, dass er die Wiener Pfandleihanstalt Dorotheum wäre. Aber daran ist sicher der Berliner Verlag schuld!
In den zwanziger und dreißiger Jahren sorgten diese Verkäufe im Westen wiederholt für Schlagzeilen, Skandale, Beschlagnahmen und Gerichtsprozesse. Danach gerieten sie in Vergessenheit. Die in der UdSSR bis in die späten 1980er Jahre tabuisierten Geschäfte sind erst in Ansätzen erforscht. Erstmals versuche nun ein interdisziplinäres Team, (Kunst-) HistorikerInnen und MuseumswissenschafterInnen aus sechs Ländern, diesen Themenkomplex auf der Basis von umfangreichsten Archivstudien zu erforschen. Neben den zentralen Handelspartnern dokumentiert der Band auch bislang vernachlässigte Aspekte, wie die gesetzlichen und strukturellen Rahmenbedingungen, die heutigen Besitzer sowie den gänzlich unbekannten Konnex zur "Arisierung".
Am 30. August 2001 wurden mehrere Studien der Unabhängigen Expertenkommission Schweiz - Zweiter Weltkrieg (also: der Schweizer Historikerkommission) vorgestellt. Darunter war auch der Band "Fluchtgut – Raubgut. Der Transfer von Kulturgütern in und über die Schweiz 1933–1945 und die Frage der Restitution". Im Zentrum stehen die Rolle der Schweiz auf dem internationalen Kulturgütermarkt 1933-1945 sowie die Restitutions- und Vergangenheitspolitik nach 1945. Nach einem Überblick über die NS-Massnahmen gegenüber jüdischen Sammlungen folgt unter dem Titel «Transaktionen von und nach Deutschland» ein erster zentraler Forschungsteil, wobei unterschieden wird zwischen Fluchtgut, Raubgut und der Verwertung entarteter Kunst. Dem Führermuseum Linz und der Sammlung Göring sind zwei Unterkapitel gewidmet; daneben kommen auch Transaktionen aus Österreich und dem besetzten Frankreich sowie die Schweiz als Umschlagplatz zwischen Europa und Übersee zur Sprache. Ein zweiter Schwerpunkt untersucht den internationalen Kontext der Restitutionspolitik und die Entstehung des schweizerischen Raubgutbeschlusses und die in der Raubgutkammer verhandelten Prozesse. Zudem werden Beispiele von aussergerichtlichen Einigungen, Regressprozessen sowie zivilrechtlichen Prozessen nach Ende des Raubgutbeschlusses dargestellt.
Die wissenschaftliche Bewältigung der NS-Herrschaft konzentriert sich zunehmend auf die Mitwirkung der bestehenden Verwaltungsstrukturen an der Umsetzung dieser Herrschaft, wie ich schon vor einiger Zeit auf diesen Seiten konstatiert habe. Eine interessante Arbeit dieser Richtung ist ein Aufsatz von Martin Friedenberger in der "Zeitschrift für Geschichtswissenschaft" (8/2001) über das Finanzamt Moabit West. Dieses Finanzamt war für alle (Zwangs)-Ausgebürgerten des Dritten Reiches zuständig. Martin Friedenberger lebt und arbeitet in Berlin und hat bei Wolfgang Benz eine Dissertation zum Thema "Die Berliner Finanzverwaltung und die Enteignung der jüdischen Bevölkerung 1933-1945" in Arbeit. Der Aufsatz wird demnächst zur Gänze auf dieser Seite zugänglich sein; falls dringender Bedarf besteht, kann notfalls auch davor von mir ein Kopie bezogen werden.
Der Innsbrucker Studien-Verlag hat als erstes Buch der Reihe "NS-Zeit: Am Beispiel Österreich" ein Buch des Berliner Historikers Wolf Gruner mit dem Titel "Zwangsarbeit und Verfolgung. Österreichische Juden im NS-Staat 1938-45" veröffentlicht. Gruner (Jahrgang 1960) behandelt erstmals die (von der Quellenlage her schwierige) Materie des "geschlossenen Arbeitseinsatzes" und ihre politischen, sozialen und wirtschaftlichen Zusammenhänge. Das "österreichische Modell" der Zwangsrekrutierung der Juden und deren Absonderung von der übrigen Bevölkerung hätte abseits der später praktizierten Vernichtungsstrategie zu einem eigenen, von den Konzentrationslagern unabhängigen System geführt. Gruner beschreibt Umfang, Phasen und Formen des Einsatzes sowie die Lebensbedingungen in den mindestens 65 Arbeitslagern, die in Österreich und Deutschland für österreichische Juden bestanden; ferner arbeitet er die Differenzen und Gemeinsamkeiten zwischen der "Ostmark" und dem "Altreich" heraus. Eine lesenwerte Rezension des Buches stammt von Gabriele Anderl und wurde von der Neuen Zürcher Zeitung am 9. Juli 2001 veröffentlicht. Ein weiterer Artikel über das Buch war in den Oberösterreichischen Nachrichten zu finden.
Zu den seltsamsten Vokabeln, die wir benötigen, um die Monstrositäten der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft zu beschreiben, gehört wohl das paradoxe Wort "Medizinverbrechen". Diesem Thema widmet sich ein Sammelband mit dem Titel "Vernichten und Heilen", welcher von Angelika Ebbinghaus und Klaus Dörner herausgegeben wurde; die Hamburger "Zeit" meint, dass das Buch das "vielleicht wichtigste Werk über die deutschen Medizinverbrechen während der NS-Diktatur" seit Mitschlichs/Mielkes "Medizin ohne ohne Menschlichkeit" (1947) wäre. Wichtig nicht nur deshalb, weil die Autoren minutiös das Grauen deutscher Forschungsmedizin zwischen 1939 und 1945 dokumentieren, sondern weil hier erstmals auch die Hintergründe des Nürnberger Ärzteprozesses 1946/47, seine Vorgeschichte und seine Wirkungen im Hinblick auf die Ethik des Humanexperiments beleuchtet werden. Herausragend in der Auswertung neuer Quellen ist fraglos der Beitrag von Karl Heinz Roth über die menschenverachtenden luftfahrtmedizinischen Versuche in Dachau. Besonders hervorzuheben sind daneben auch die Aufsätze von Angelika Ebbinghaus über Opfer und Täter der kriegschirurgischen Experimente in den Konzentrationslagern und von Klaus Dörner über das Selbstverständnis der angeklagten Mediziner. Hier ist die Rezension des Buches in der "Zeit".
Ein weiterer Artikel über jene Medizin, die letzten Endes in diesem Prozeß angeklagt war, fand sich am 30. Oktober 2001 in der Zeitschrift "Junge Welt".
Der Hamburger Zeithistoriker Frank Bajohr, der schon als Verfasser einer vielgelobte Arbeit über die "Arisierung" von Unternehmen in Hamburg aufgefallen ist, hat nun ein Buch mit dem schönen Titel "Parvenüs und Profiteure" vorgelegt. Die Frankfurter Rundschau bescheinigte dem Forscher, dass ihm mit dieser "dokumentierenden Analyse" eine wichtige Forschungsleistung gelungen ist, die das Wissen über Formen, Ursachen und Bedeutung der Korruption im "Dritten Reich" deutlich erweitert. Dieser Besprechung zufolge, bietet das Buch umfangreiches Material zur Verfasstheit des Nationalsozialistischen Deutschland, welchem ja auch schon der amerikanische Kunstraub-Historiker Petropoulos das treffende Prädikat "Kleptokratie" verliehen hat. Bajohr deutet Korruption als Strukturmerkmal der Herrschaftspraxis wie auch als soziale Praxis. Die vielbeschworene Volksgemeinschaft sei nicht zuletzt auch eine "Beutegemeinschaft" gewesen. Eine weitere Rezension widmete "Die Zeit" dem Buch. Schließlich habe auch ich selbst das Buch einer Rezension unterzogen. Diese wird irgendwann anno 2002 in der österreichischen Zeitschrift "Zeitgeschichte" erscheinen. Sogleich danach wird sie hier zu finden sein.
In Österreich (und wohl auch im übrigen deutschen Sprachraum) beherrschen die beiden Pole "Täter" und "Opfer" die Beschäftigung mit der Geschichte der nationalsozialistischen Herrschaft. Dies verleitet natürlich dazu, darin eine Relation des entweder-oder zu sehen. Im übrigen Europa, wo diese Herrschaft eindeutig als Fremdherrschaft verstanden wird, kann auch das weniger dichotomische als dialektische Verhältnis von "Kollaboration" und "Widerstand" den Interpretationsraster bieten. Neue Maßstäbe in der Kollaborationsforschung soll eine 1999 erschienene Studie der französischen Historikerin Annie Lacroix-Riz über französische Industrielle und Bankiers unter der Besatzung setzen. Dies meint zumindestens Karl-Heinz Roth, welcher das Buch im Juni 2001 in der Zeitschrift "Junge Welt" einer ausführlichen Besprechung unterzogen hat. Roth berichtet ausführlich über die "Exkommunikation" von Lacroix-Riz durch die (französische) Historikerzunft. Dies unter anderem deshalb weil, sie gegen den mainstream der staatstragenden Widerstandslehre an ein Tabu gerührt hat, indem sie einen (wenigstens indirekten) Zusammenhang zwischen der französischen Wirtschaftskollaboration und dem europäischen Völkermord hergestellt hat. In den Vordergrund der Kontroverse rückte dabei die Produktion von Zyklon-B im Ugine-Werk in Villers-Saint-Sépulcre. Annie Lacroix-Riz hatte nachgewiesen, daß im Frühjahr 1944 die dortige Zyklon-B-Erzeugung rapid angestiegen war, und zwar zu einer Zeit, als der wichtigste deutsche Degesch-Lieferant, die Dessauer Zuckerwerke, ausgefallen war, und die Massenvernichtung der ungarischen Juden im Konzentrationslager Auschwitz begann (S. 166) Nach umfangreicher Quellenarbeit kommt die Autorin zu einer weitgehend neuen Bewertung der Quellen. Karl-Heinz Roth kommt als Rezensent abschließend zu folgender Beurteilung:
Roth meint, dass in den künftigen Debatten das Buch von Annie Lacroix-Riz eine herausragende Rolle spielen wird. Mit ihm dürfen wir uns wünschen, daß es bald einen deutschen Verleger finden möge.
Eine Auswahl aus diesem Bestand bietet der Fotoband "Entering Germany", dem die Süddeutsche Zeitung eine ausführliche Besprechung widmete. Vaccaro gliedert seine Fotos in die Kapitel "Befreiung“, „Besatzung“, „Wiederaufbau“ und „Leben im Frieden“.
Einen Artikel über Vaccaro gab es im Online-Archiv des deutschen "Spiegel", als dieses noch öffentlich zugägnlich war. Weitere Informationen zum Buch finden sich auch hier auf der Website des Taschen-Verlages.
Die beiden Deutschen Historiker Gerhard Paul und und Klaus Michael Mallmann haben schon 1995 einen ersten großen Sammelband über die GESTAPO herausgegeben. Diesem ist nun ein zweiter gefolgt:
An die 30 Beiträge beschäftigen sich mit der Geheimen Staatspolizei, die in einem Prozess der "Selbstradikakalisierung" immer wieder neue Kompetenzen an sich zog und sich zu einer Art "Weltanschauungs-Exekutive" entwickelte. Das vorherrschende Bild ihrer "Allgegenwart und Allmacht", wäre falsch:
In Linz wurde im Mai 2001 das zweibändige Handbuch "Nationalsozialismus in Linz" vorgestellt. Ein vergleichbar gewichtiges Werk gibt es wohl über keine andere Stadt Österreichs. Den genauen Inhalt und allerlei Informationen rund um das Buch bietet die Website des Archivs der Stadt Linz. Hier ist ein Artikel über das Buch in der "Presse" vom 17./18. November 2001, welchen der Historiker Roman Sandgruber verfasst hat.
Obwohl er mittlerweile schon 83 Jahre alt ist, gehört der britische Historiker Eric Hobsbawm zu den aktiven 'Vertretern unserer Zunft. Er hat nun einen Sammelband mit Aufsätzen zusammengestellt, welche im Lauf der vergangenen 40 Jahre in verschiedenen Zeitschriften erschienen sind. Drei Schwerpunkte gibt es: Erstens sozialhistorische Arbeiten zum politischen Radikalismus (Arbeiterbewegung; Protestformen der Landbevölkerung); eine zweite Gruppe von Aufsätzen hat Fragen der Zeitgeschichte und eine dritte Ursprünge und Rezeption des Jazz zum Inhalt. Weil Hobsbawm als linker Historiker nicht im akademischen Betrieb Fuß fassen konnte, verdiente er seinen Lebensunterhalt als Jazz-Publizist. Vielseitigkeit scheint also einem Historiker noch nie geschadet zu haben! Und vielseitig ist auch das vorliegende Buch: Hobsbawm denkt darüber nach, warum die Schuster immer die radikalsten Handwerker waren, er widmet sich den Landbesetzungen in Peru, dem Vietnamkrieg, der unterschiedlichen Arbeiter-Tradition in Frankreich und England und er bietet eine "Kurzgeschichte des Handwerks" als Drama in fünf Akten.
Das Fritz-Bauer-Institut in Frankfurt, das ich schon wegen seiner Website und seiner Publikationen hier gelobt habe, hat eine Spezialbibliographie vorgelegt:
Inhalt ist die deutschsprachige Literatur zur Ausschaltung der Juden aus dem Wirtschaftsleben, was als intergraler Bestandteil der ersten Phase der antijüdischen Politik definiert wird. Positiv hervorzuheben ist, dass sich die Bibliographie auf historische Arbeiten konzentriert. Rein journalistische Darstellungen bleiben weitgehend ausgeklammert. Ab Sommer 2001 soll das Werk auch auf der Web-Site des Fritz-Bauer-Insituts abzufragen sein. Die Broschüre gehört in die Satteltasche jeder Zeithistorikerin bzw. jeden Zeithistorikers!
Der französische Historiker Marc Bloch (1887-1944) gilt als einer der wichtigsten und einflussreichsten seiner Zunft im vergangenen Jahrhundert. Mich selbst hat (zugegebenermaßen) seine Apologie der Geschichte oder der Beruf des Historikers vor langer Zeit in meiner Sozialisation stark beeinflusst. Er war Mitbegründer der Zeitschrift "Annales" in den 20er Jahren, einer Zeitschrift, welche sozial- und wirtschaftshistorische Ansätze ihrer vergleichenden Forschung zugrundelegte - dies zu einer Zeit, in der im deutschen Sprachraum Geschichte noch immer als nationale Herrschaftswissenschaft betrieben wurde und von einer Geschichte als "historischer Sozialwissenschaft" noch lange nicht die Rede sein sollte. Bloch schrieb seine "Apologie" nicht in der Geborgenheit des akademischen Betriebes, sondern als Kämpfer der französischen Résistance. Als solcher wurde er 1944 von der Gestapo ermordet. Vor kurzem ist nun ein Sammelband mit kleineren Texten von Marc Bloch erschienen:
Warum sollte man nicht hin und wieder über das eigene Fach nachdenken?
wohl eines der wichtigsten Grundlagenwerke der letzten Jahre zum Thema vorgelegt. Heuss´ Buch ist nicht zuletzt auch für den österreichischen Diskurs wichtig, wo ja der Begriff des "Kunstraubes" ziemlich eingeschränkt gebraucht wird und eine tages-journalistische Bericht-erstattung die historischer Aufarbeitung zu ersetzen scheint. Geradezu hymnisch fiel eine Rezension in der Neuen Zürcher Zeitung aus. Eine weitere ist im Newsletter des Fritz-Bauer-Institutes erschienen, übrigens als "Doppelrezension" zu Gert Kerschbaumers "Meister des Verwirrens". Dort wird auch auf das neue Werk von Jonathan Petropoulos hingewiesen: Faustian Bargain. The Art World in Nazi Germany. Gegen Ende des Jahres 2000 habe ich an dieser Stelle versprochen, dass ich mich mit dem Buch näher auseindersetzen werde. Das ist nun geschehen: In einer der ersten Ausgaben 2002 der Schweizer Zeitschrift Traverse wird auch eine Rezension von mir selbst erscheinen. Exklusiv für die treuen Leserinnen und Leser von www.holzbauer.net: eine online-Preprint-Version gibt es (nur) hier! Auf rund 20.000 Einzeltitel wird die Fachliteratur zum Thema "Holocaust" mittlerweile geschätzt. Seit einiger Zeit gibt es auf dieser Seite eine kompakte Liste mit Überblicksliteratur.
Alois
Brunner - ein Nazi-Verbrecher in Freiheit?
|
inhalt und form und ©: robert holzbauer. Zuletzt geändert 2003-03-21 15:42