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MARIANNE ENIGL:
Heil Hitler, Schärf
Profil, 18.12.2000, S. 48

Der spätere Bundespräsident Adolf Schärf wickelte für einen SS-Mann die "Arisierung" eines Hauses ab.

Es ist ein "Arisierungs"-Fall wie tausende andere. Dennoch hat die "Entjudung" eines Hauses in der Schüttelstraße in der Wiener Leopoldstadt etwas ganz Besonderes: Denn der Anwalt des "arischen" Käufers, der das Geschäft abwickelte, war niemand Geringerer als Adolf Schärf, der spätere sozialdemokratische Bundespräsident.

Schärf hatte ab 1938 in der Wiener Josefstadt eine Anwaltskanzlei betrieben. Diese brachte ihm - so schrieb Schärf in seinen Memoiren über das Jahr 1939 - "ganz ansehnliche Honorare, vornehmlich aus Zivilrechtssachen". profil exklusiv vorliegende Dokumente zeigen jetzt, dass Schärf im Februar 1939 an die Vermögensverkehrsstelle (sie bestimmte über sämtlichen Besitz von Juden) "die ergebene Bitte" richtete, seinen Mandanten als "Ariseur" eines in jüdischem Besitz stehenden Hauses anzuerkennen. Die Erwerbung, so führte Schärf aus, stelle für seinen Klienten "eine unbedingte wirtschaftliche Notwendigkeit und Existenzfrage dar". Zum Akt wurde auch ein Unbedenklichkeitszeugnis der NSDAP für Schärfs Mandanten Erich L. gegeben. Die Partei hatte nichts einzuwenden: "L. ist seit 1937 Angehöriger der SS." - Der Kaufvertrag wurde genehmigt.

Hatte Schärf für den SS-Mann mit Existenzsicherung argumentiert, so wusste er gleichzeitig, dass die jüdischen Verkäufer mit dem Haus einen Teil ihrer Existenz entschädigungslos verlieren würden. Er untermauerte sein Ansuchen noch mit dem Hinweis, es sei bereits ein "Sperrkonto" eingerichtet - das war für die NS-Behörde die Sicherstellung dafür, dass der Kaufpreis dem Dritten Reich und nicht dem Verkäufer zufiel. Aus einer Notiz ist zu entnehmen, dass der Kauferlös fast zur Gänze vom Finanzamt beschlagnahmt wurde.

"Entjudungserlös". Die NS-Stellen monierten später, der Käufer habe für das Haus zu wenig bezahlt, und forderten wie bei allen größeren Transaktionen auch vom "Ariseur" ihren Anteil: Sie informierten Schärf, dass ein Betrag als "Entjudungserlös" zu leisten sei. Dem wurde nicht sofort entsprochen, da laut Brief eines anderen Anwalts vom Mai 1940 "Herr L. derzeit zur SS nach Polen eingerückt ist". Im Dezember dieses Jahres dürfte L. in Wien gewesen sein - zu diesem Zeitpunkt erneuerte er seine Vollmacht für Schärf.

Mit Ende des NS-Regimes galt Erich L. als so belastet, dass für seinen Garagenbetrieb in der Schüttelstraße sofort ein öffentlicher Verwalter bestellt wurde. Aus dem Erkenntnis der Rückstellungskommission 1953 geht hervor, dass er "unbekannten Aufenthalts", offensichtlich also noch immer untergetaucht war. Das Haus musste zurückgegeben werden, da bei seinem Verkauf "die Regeln des redlichen Verkehrs nicht eingehalten worden" waren. Doch kam es wie bei vielen Restitutionen auch hier zu einem Vergleich, in dem der "Ariseur" aus der Rückstellung noch einmal profitierte: Die jüdischen Eigentümer mussten sich verpflichten, die geräumige Wohnung des früheren SS-Mannes zehn Jahre lang nicht zu kündigen; weiters mussten sie ihm für die Rückstellung des Hauses 70.000 Schilling übergeben.

Zweierlei Maß. Da die jüdische Familie über diese Summe nicht verfügte, war sie durch diese gerichtliche Auflage endgültig gezwungen, das Objekt zu verkaufen. Die Möglichkeit, auf eine Erholung des völlig zusammengebrochenen Wiener Immobilienmarktes zu warten, bestand nicht: Die 70.000 Schilling waren "bei sonstiger Exekution" zu bezahlen. Während das Rückstellungsverfahren erst acht Jahre nach Kriegsende entschieden war, erließ ein Gericht zugunsten L.s innerhalb weniger Monate einen Exekutionstitel. Das Haus wurde 1954 an die Hausverwaltung verkauft, die dem Vernehmen nach erstmals in der NS-Zeit hier tätig geworden war.

Aus der jüdischen Familie lebt in Wien nur noch eine betagte Dame. Sie wohnt in der Zimmer-Küche-Wohnung, die ihr nach der Rückkehr nach Wien zugewiesen worden war. Für Adolf Schärf wurde an der Adresse in der Josefstadt, an der er als Anwalt gewohnt und gearbeitet hatte, eine Gedenktafel enthüllt.


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inhalt und form : robert holzbauer. Zuletzt geändert 2001-02-04