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Anja Heuss:

Kunst- und Kulturgutraub. Eine vergleichende Studie zur Besatzungspolitik der Nationalsozialisten in Frankreich und der Sowjetunion

rezensiert für

Traverse. Zeitschrift für Geschichte - Revue d´histoire, 2002/1, S. 188-190

von
Robert Holzbauer

Der Begriff "nationalsozialistischer Kunstraub" ist in den letzten Jahren häufig als Quotenbringer im Feuilleton sogenannter "Qualitätszeitungen" und Magazine zum Einsatz zu gekommen. Im Vergleich zur Flut an journalistischen Publikationen, die im Zuge dieser Welle entstanden sind, nimmt sich die Produktion der Historikerzunft zum Thema geradezu bescheiden aus. Auch die mittlerweile an vielen Orten begonnene Überprüfung von Museumsbeständen auf Raubgut erfolgt zwangsläufig eher mit eingeengtem Gesichtskreis und beschränkt sich auf die Provenienz-geschichte eines einzelnen Kunstwerks oder einer Sammlung, auf ein Museum oder sie geht von regionalen Beschränkungen aus.

Vor diesem Hintergrund komnmt der vernachlässigten Grundlagenforschung wohl eine besondere Bedeutung zu. Die deutsche Historikerin Anja Heuss, die ja einer interessierten Öffentlichkeit mit mehreren Aufsätzen zu Fragen des nationalsozialistischen Kunst- und Kulturgutraubes aufgefallen ist, hat nun ihre Dissertation vorgelegt:

Anja Heuss: Kunst- und Kulturgutraub. Eine vergleichende Studie zur Besatzungspolitik der Nationalsozialisten in Frankreich und der Sowjetunion. Universitätsverlag C. Winter, Heidelberg 2000. 385 S.

Dem Buch wird in der weiteren historischen Auseinandersetzung eine wesentliche Rolle zukommen. Enorm wichtig ist etwa seine Rolle bei der Begriffsbildung. Über den Begriff "Kunstraub" (der in Folge seines populärwissenschafltichen Gebrauchs für eine kritische Analyse ja kaum mehr tauglich erscheint) hinausgehend wird der Begriff "Kulturgutraub" eingeführt. Nicht nur die Entziehung von Werken der Bildenden Künste ist Gegenstand der Analyse, sondern es wird auch der systematisch und ideologisch legitimierte Raub von Bibliotheken und Aktenbeständen thematisiert.

Die vergleichende Studie zu den beiden am meisten von Kunst- und Kulturgutraub von Nazi-Deutschland betroffenen Länder untersucht die unterschiedlichen ideologischen Motive, Intentionen und Strategien in Frankreich und der Sowjetunion.

Wurde gegen Frankreich ja "nur" die Revision der "Schmach von Versailles" angestrebt, sollte gegen die Sowjetunion ein "Kampf des Abendlandes gegen den Bolschewismus" gekämpft werden und in Russland neuer deutscher "Lebensraum" entstehen, weshalb die vorhandene Kultur (samt der Einwohner) beseitigt werden sollte.

Breiten Raum nimmt die Darstellung von Strukturen, Unterstellungsverhältnissen und Geschichte einzelner "Kunstrauborganisationen" des NS-Staates ein. Als solche wertet Heuss folgende: das "Führermuseum Linz", die Kunstsammlung Göring, den Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg, das Ahnenerbe (die Lehr- und Forschungsgemeinschaft der SS unter persönlicher Führung Himmlers) und das Sonderkommando Künsberg (welches als Organisation des Auswärtigen Amtes in dessen Auftrag außenpolitisch relevantes Material in den besetzten Gebieten beschlagnahmen sollte) und die Abteilung VI G des Reichssicherheitshauptamtes. Letztere wurde 1943 gebildet und übernahm nicht nur das Personal des Sonderkommando Künsberg, sondern führte wie dieses Beschlagnahmunen von Bibliotheken und Archivalien durch. Als bedeutendste Kunst- und Kulturgutrauborganisation wertet Heuss den Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg (ERR): es war "Rosenbergs Macht und Einfluß, zumindest auf dem Gebiet der Kulturpolitik, wesentlich höher als in der Sekundärliteratur bisher angenommen" worden wäre (S.357)

Ein Kapitel des Buches ist der beabsichtigten "Rückführung der napoleonischen Beute" aus Frankreich gewidmet. Bei der Erstellung von "Rückforderungslisten" konnte auf Vorarbeiten aus dem Ersten Weltkrieg und aus dem Preussen des 19. Jahrhunderts zurückgegriffen werden. In diese Aufgabe des "Kunstschutzes" war neben der etablierten Kulturbürokratie zeitweise auch eine Koordinierungsstelle des Propagandaministeriums eingebunden; das Projekt gelangte nicht zur Durchführung.

Während generell in Frankreich eher Werke der Bildenden Kunst geplündert wurden, stand in der Sowjetunion die Gewinnnung von wissenschaftlichem Material im Vordergrund. Neben Bibliotheken und Akten richtete sich ein Hauptinteresse auf prähistorische Artefakte. Mit ihrer Hilfe sollte ein geographisch ausgedehnter und kulturell überlegener germanischer Lebensraum dokumentiert werden. In diese Bild passt etwa auch, dass das "Ahnerbe" als Forscher gerne "nichtdeutsche Germanen" (also Prähistoriker aus den Niederlanden oder Skandinavien) zum Einsatz brachten, um germanische oder gotische Bodenfunde auszugraben. (S. 241) In diesen Passagen des Buches wird wohl am deutlichsten, wie stark der nationalsozialistische Kunst-und Kulturgutraub ideologisch aufgeladen war.

Ein wichtiges Kapitel ist einer summarischen Analyse gewidmet (S. 345 ff.). Heuss kommt zum Ergebnis, dass der nationalsozialistische Kunstraub eindeutig ein "ideologisch motivierter Raub" war: Hauptopfer waren sowohl in Frankreich wie auch in der Sowjetunion die jüdische Bevölkerung sowie die "Vertreter des Kommunismus" (was - im Falle der Sowjetunion - auch zum "jüdischen Bolschewismus" verschmolzen wurde). Die spezifische Ideologisierung lasse sich aber nicht nur an den Opfern, sondern auch an den geplünderten Objekten erkennen: diese sollten ihrerseits als "Waffe gegen Judentum und Kommunismus" zur Verwendung kommen und die Überlegenheit der deutschen (respektive: germanischen) Rasse und Kultur dokumentieren.

Um die unterschiedliche Ausprägung des nationalsozialistischen Kunstraubes in Frankreich und der Sowjetunion erklären zu können, geht Heuss von einem "Paradigmenwechsel" aus. Wenn auch Arbeitsweise und Sammelinteressen der einzelnen "Kunstrauborganisationen" unterschiedlich und klar unterscheidbar waren, so ergibt sich doch "ein Bild der Plünderungen in Frankreich und der Sowjetunion, das sich erstaunlicherweise organisationsübergreifend abzeichnet". (S. 349)

Ein Exkurs widmet sich der "Rolle der Intellektuellen": die handelnden Personen des nationalsozialistischen Kunst- und Kulturgutraubes ware zu über 90 % promovierte Geisteswissenschaftler, die ihre Tätigkeit (anders als ihre Auftraggeber) weitgehend ideologiefrei sahen und mit einer "politischen Kurzsichtigkeit" an sie herangingen. Die Wissenschaftler seien die "treibende Kraft" beim Kulturgutraub gewesen; häufig haben sie versucht, sich durch das, was sie "wissenschafltiche Arbeit" in den besetzten Gebieten verstanden, zu profilieren und nicht selten war die so erworbene Qualifikation nach 1945 von Nutzen. Überdies: "kein Wissenschaftler wurde zum Kulturgutraub gezwungen, und keiner hatte die Annahme einer solchen Arbeit unbedingt nötig, um seine Familie zu ernähren" (S. 354)

Zu den Stärken der Studie gehört die Auswertung umfangreichen und ergiebigen Quellenmaterials (etwa des Aktenbestandes Treuhandverwaltung für Kulturgut im Bundesarchiv Koblenz, den Akten zum Kommando Künsberg sowie zahlreichen Nachlässen). Die wenigen vorliegenden Arbeiten zum NS-Kunstraub (etwa von Jonathan Petropoulos) berufen sich meist auf die "Interrogation Reports" der US-Besatzungsmacht. Heuss kann zahlreiche Details dieser Forschungen ergänzen und korrigieren.

Zugunsten einer späteren Studie wurde ein zentraler Bereich ausgeklammert: die Ausplünderung der besetzten Gebiete mittels Ankäufen durch Museen und Kunsthändler; für die dabei eingesetzte Waffe einer stark unterbewerteten Parität zur Reichsmark fanden die Alliierten später den Ausdruck "technical looting". In einem kurzen Abschnitt über die "Möbel-Aktion" des ERR (S. 125 ff.) wird ein weiteres Desiderat sichtbar: angesichts der Produktionsbedingungen einer Dissertation ist zwar verständlich, dass der Fragenkomplex "wirtschaftliche Ausplünderung" ausgeklammert wird; eine künftige Forschung wird aber auch diesem Rand des Phänomens widmen müssen und wird um die Frage nicht herumkommen, wie weit der große Raub (der den Holocaust begleitete) auch Kunst- und Kulturgüter betraf.

Das Buch bietet einen faszinierenden Überblick und wird zweifellos die Stelle eines Standardwerks zum Kunst- und Kulturgutraub des NS-Staates (über den deutschsprachigen Raum hinaus) einnehmen. Zweifellos können künftige Arbeiten darauf aufbauen. Darüber hinaus empfiehlt es sich auch als "Lesebuch": nicht nur zu Institutionsgeschichte der Kunstrauborganisationen, sondern auch schlicht zum Phänomen der menschlichen Gier.

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inhalt und form: robert holzbauer. Zuletzt geändert 2002-06-14 19:57