Homepage / Zeitgeschichte / Web watch /Savoir vivre / Sport / Links / Archiv / Feedback/ Gästebuch


 

Verena Krausneker:

Unendliche Geschichte

Am 28. März 2000 erschien im STANDARD eine Notiz über einen Beschluss des "Kunst-rückgabebeirates" vom Vortag. Es war u.a. die Rückgabe von neun Zeichnungen beschlossen worden, die meinen Urgroßeltern Lilly und Otto Brill vor ihrer Flucht aus Wien im Sommer 1938 abgepresst worden waren und die sich seither im Besitz der Albertina befinden. "Es müssen die sich jetzt bietenden günstigen Gelegenheiten zur Bereicherung der staatl. Sammlungen weitestgehend ausgenützt werden" hatte es im August 1938 aus dem Unterrichtsministerium in dieser Sache geheißen...

Dass diese Rückgabe beschlossen wurde, war das Resultat einer im Mai 1999 begonnen Suche nach Puzzlestückchen und der guten Zusammenarbeit zwischen mir und der Sachbearbeiterin in der Albertina, das ein halbes Jahr später in Form eines ausführlichen schriftlichen Dossiers an den obengenannten Beirat erging. Die Sachlage schien also klar, es wurde - ein Jahr, nach dem ich selbst zum ersten Mal Kenntnis über diese Zeichnungen erlangt hatte - die Rückgabe beschlossen.

Ein paar Wochen später hatte ich noch immer keine Nachricht aus dem zuständigen Ministerium, und rief den Sekretär des Beirates an, mit dem ich vorher schon telefoniert und Briefkontakt gehabt hatte. Er meinte gelassen "Da muss ich mir erst einmal den Akt ausheben lassen." Beim nächsten Gespräch gab er sich bass erstaunt über meine Existenz und meinte, er habe keine Ahnung gehabt, dass es Erben der Sammlung Brill gäbe. Nach eineinhalb Monaten wurde ich schriftlich über den Beschluss zur Rückgabe verständigt, und aufgefordert, schriftlich die Erbfolge nach meinen Urgroßeltern zu klären.

Ich hatte die ganze Zeit über keinerlei Intention, die Werke für mich zu beanspruchen, ich wollte, dass meine Großmutter und ihre Geschwister, deren Eltern sie genommen wurden, sie zurückbekommen - und zwar noch zu Lebzeiten. Mich interessierten nicht die Werke per se und nicht ihr (mir unbekannter) Wert, sondern die "Wiedergutmachung", der späte Versuch, das Unrecht rückgängig zu machen. Ich wollte, dass der Staat Österreich zurückgibt, was nie in seinen Besitz hätte gelangen sollen.

Alle drei Kinder von Lilly und Otto lebten, wir feierten den Beschluss telefonisch und brieflich zwischen London, Italien und Wien. Wir besorgten Kopien der notwendigen Dokumente und freuten uns. Im August wurde der Akt vom BMBWK zwecks Rechtsgutachten einer Anwaltskanzlei übergeben. Diese Kanzlei schickte über den Herbst 2000 listenweise Fragen, die wir alle uns bemühten, zu beantworten und zu belegen. Die letzte Antwortliste erging von uns am 27. Oktober 2000, seither haben wir nichts mehr gehört.

Heute habe ich - erschrocken, dass wir schon Mai 2001 haben und schon längst eine Nachricht hätte kommen sollen - im inzwischen "Zukunftsministerium" genannten Haus angerufen. Derselbe Sekretär meinte gelassen: "Da muss ich mir erst einmal den Akt ausheben lassen." Weniger gelassen rief ich in der Anwaltskanzlei an, wo mir gesagt wurde, ihr Gutachten wäre am 2. November 2000 ans Ministerium ergangen. Vor mehr als einem halben Jahr. Ein halbes Jahr, in dem ich nichts gehört habe, ein halbes Jahr, in dem meine Großmutter gestorben ist.

Ich will nicht, dass ein gelassener Sekretär so lange wartet und so lange trödelt, um sich irgendwelche Akten ausheben zu lassen, bis alle Betroffenen gestorben sind. Ich will, dass meine Verwandten die Zeichnungen noch selbst übernehmen können. Ich will Recht für meine Familie, und zwar schleunigst. Es dehnt sich hier der Versuch, rechtmäßiges Eigentum zurückzubekommen, in eine sinnlos-endlos anmutende Angelegenheit. Grandiose 14 Monate sind seit dem Beschluss des Kunstrückgabebeirates vergangen. Aber auch die Geschichte selbst scheint unendlich zu werden. Das Prinzip "ich bin dafür, die Sache in die Länge zu ziehen" wird zwar heute in Österreich nicht mehr explizit so genannt, aber durchaus mit bürokratischer Ausdauer praktiziert.

Verena Krausneker, Urenkelin von Lilly und Otto Brill, Wien

Dieser Artikel erschien in ähnlicher Form unter dem Titel „‘Da muss ich mir erst einmal den Akt ausheben lassen‘. Die Restitution von Nazi-Raubgut als unendliche Geschichte? Ein Fallbeispiel.", in: Der Standard, 18. Mai 2001, S. 43

War es die Veröffentlichung im "Standard", oder die auf dieser Seite, oder waren es beide zusammen oder keine von beiden, auf jeden Fall gibt es ein "happy end" zu melden: Kurz danach wurden die Zeichnungen zurückgegeben.

 

home
nach oben
Zeitgeschichte

 

inhalt und form: robert holzbauer. Zuletzt geändert 2001-10-07 9:14