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 Notizen, Berichte

Presse-Schau

Heute in der Presse-Schau von Tobias Berg´s Nachrichtendienst für Historiker:

"Ich war also kein Pg". Gustav Rinesch. Eine Erinnerung

Der Wiener Rechtsanwalt Gustav Rinesch (3. August 1905 - 28. Juli 1985) hatte seine größten Erfolge als "Wiedergutmachungsspezialist" bei der Restitution großer österreichischer Industriebetriebe nach der Befreiung vom Nationalsozialismus 1945. Seinen beiden Kindern hat er vier Fragmente seiner Memoiren hinterlassen, die einigen Quellenwert haben.

Einer breiteren Öffentlichkeit ist der Name Rinesch erst im Zuge der sog. "Raubkunst-Debatte" 1998/99 bekannt geworden: er hat im April 1948 als bevollmächtigter Rechtsanwalt der Erben nach Ferdinand Bloch-Bauer der Österreichischen Galerie jenes Legat an sechs Gemälden von Gustav Klimt bestätigt, welches Adele Bloch-Bauer in ihrem Testament 1923 vorgesehen hat.

Zum 100. Geburtstag habe ich für der Wiener Zeitung "Die Presse" (30./31. Juli 2005) eine Erinnerung an sein ungewöhnliches Leben verfasst: "Ich war also kein Pg".

 

 

ART News 03/2005 über Nazi-Raubkunst in Deutschen Museen

Unter dem Titel "Restitution: Broken Promises" analysiert Marilyn Henry die schleppende Umsetzung der aus den "Washington Prinzipien" abgeleiteten "Berliner Erklärung" von 1999. In dieser hatten damals Bund, Länder und kommunale Spitzenverbände einen "Appell zur Suche nach NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgütern in deutschen Einrichtungen" verabschiedet (Texte auf www.lostart.de).

Die Resultate dieser Empfehlung halten sich in Grenzen. Weitaus die meisten Museen können oder wollen keine Mittel für die Provenienzforschung einsetzen und nur wenige haben es geschafft, faire und gerechte Lösungen im Sinne der Washington-Prinzipien umzusetzen und tatsächlich Kunstwerke herausgegeben oder Vergleiche abgeschlossen. Eine rühmliche Ausnahme bildet dabei die "Stiftung Preussischer Kulturbesitz". Die Provenienzforschung fristet - selbst im Vergleich zu Österreich - ein Schattendasein in der Bundesrepublik Deutschland.

Weil die U.S.-Zeitschrift "Art News" in Europa nicht gerade weit verbreitet ist, kann ich bei Bedarf den Artikel als pdf-Datei (1,3 oder 2,2 MB). zur Verfügung stellen. Einfach ein mail an mich senden!

Kunstraub und Restitution in New Orleans

Im Rahmen der jährlichen Konferenz der German Studies Association (New Orleans, 18.-21. September 2003) fand als eines von über 150 panels eines mit dem Titel "Too Little Too Late?: Nazi Art Theft and Restitution Efforts after World War II - The Case of Austria" statt.

Unter der Moderation von Günther Bischof habe erst ich (Robert Holzbauer) und sodann Martin Kofler referiert. Der Beitrag des wegen des Wirbelstums "Isabell" abwesenden Oliver Rathkolb wurde von Peter Utgard vorgetragen. Sodann hat Jonathan Petropoulos einen Kommentar abgegeben, der geradezu schmeichelhaft ausgefallen ist. Von "excellent papers" war die Rede und davon, dass sogar er etwas gelernt hätte.. Arbeitstitel meines Beitrages: "The Austrian Federal Office for heritage protection - Assisting loot during the war - administrating restitution after the war". Für alle, die nicht nach New Orleans kommen konnten, hier mein Beitrag, der in den Contemporary Austrian Studies, Vol XIII erschiene ist, web-preview. pdf

Die GSA-Konferenz 2004 wird in Washington stattfinden, jene von 2005 in Milwaukee (Wisconsin). See you there!

Aus dem Wiener Totenreich

Die Wiener Stadtzeitung "Der Falter" meldet in seine Ausgabe vom 1. Oktober 2003, dass der Wiener Gemeinderat auf Antrag der SPÖ-Fraktion (mit den Stimmen von ÖVP und Grünen) im Zuge einer vergangenheitspolitischen Säuberungsaktion kurzerhand alle Ehrungen aberkannt hat, die während der NS-Herrschaft verliehen worden sind. Das betrifft auch alle "Ehrengräber". Was dabei nicht bedacht wurde: nicht alle Geehrten standen in einem Naheverhältnis zum NS-Regime. Prominente Opfer dieser "Degradierungen" sind nun etwa der Fußballer Matthias Sindelar (der gemeinsam mit seiner "jüdischen" Freundin entweder Selbstmord beging oder einem Anschlag zum Opfer fiel) oder der Begründer der Musikwisschenschaft Guido Adler, dessen Tochter Melanie depotiert und ermordet worden ist. Hier der Artikel im "Falter".

Eine Kommission (unter Vorsitz des Wiener Restitutionsbeauftragten Kurt Scholz) soll nunmehr offensichtlich Möglichkeiten zur Begnadigung von Aberkennungen suchen. Die gesamte Vorgangsweise lässt indessen einen bemerkenswerten Mangel an rationalem Umgang mit Geschichte vermuten.

Nationalsozialsmus-Forschung und Medien - Komplexe Beziehungsgeschichten

Zum Hase-Igel-Syndrom: Nationalsozialismus-Forschung und Medien – komplexe Beziehungsgeschichten war der barocke Titel eine Podiumsdiskussion, die anlässlich des 25. Jubiläums der Ludwig-Boltzmann-Gesellschaft für Gesellschaft und Geschichte am 27. Jänner 2003 an der Universität Wien stattgefunden hat.

Am Podium befand sich eine Journalistenrunde mit historischer Vorbildung. Moderiert wurde von Helene Maimann (ORF), weiters vertreten: Marianne Enigl (Profil), Christian Thonke (Kurier) und Eva Menasse (Frankfurter Allgemeine Zeitung). In der Eröffnungsrunde zeigte sich, dass der Titel doch etwas mehrdeutiger war. Hatte ich z.B. angenommen, die Historiker wären die Igel, deren Ergebnissen von den atemlosen Medien-Hasen nachgelaufen werde, so lösten manche Teilnehmer das Bild anders auf.

In der Diskussion präsentiert sich vor allem Maimann eher als Ex-Historikerin und forderte von den Historikern, die Gesetze der Mediengesellschaft (schneller, böser, sensationeller...) doch bitte endliche zu akzeptieren. Demgegenüber vertrat die Journalistin Menasse eher die gegenteilige Position. Grundlegende Elemene, die das journalistische Schreiben über die Nazi-Zeit in Österreich in den letzten paar Jahren gekennzeichnet haben - wie Skandalisierung, Trivialisierung, Simplifizierung und quellenferne Recherchemethoden - kamen nicht zur Sprache. Wer´s versäumt hat, hat eigentlich nichts versäumt.

"Gegen das Vergessen - der Umgang mit den Folgen von Unrecht"

war der Titel einer Radio-Serie, die Karin Lehner für das Radiokolleg von Österreich 1 gestaltet hat (Sendetermine von 20. bis 23. Jänner 2003). Grund genug, an dieser Stelle gleich festzuhalten, dass für den radiohörenden Bildungsbürger Ö1 als wohl bester Sender Mitteleuropas zu gelten hat (vielleicht knapp gefolgt von Petöfi Radio in Budapest). Nähere Informationen zum Inhalt der Serie (der sich weitgehend auf Resultate der Österreichischen Historikerkommission berufen hat) gibt es auf dieser Seite von Ö1. Bei Bedarf wir sicher das kompetente Ö1-Hörerservice dienlich sein können.

Schreibt Kriminalromane!

Zwei Historiker aus Hannover (namens Richard Birkefeld und Göran Hachmeister) haben einen Kriminalroman geschrieben, der in der Nazi-Zeit spielt. Auf diese Art können Zeithistoriker auf sinnvolle Art ihre Ausbildung zur Anwendung bringen, meint Mainz-Online. Sollte mir das Buch einmal unterkommen, wird es eine Notiz auf der Bücherseite geben. Dem Vernehmen nach hat auch der nächste Roman der Bestseller-Autorin Donna Leon eine leicht zeithistorische Schlagseite - es soll dabei um Nazi-Raubkunst geben. Angesichts des beruflichen Perspektiven für Historiker, die sich angesichts der schrumpfenden Forschungs-Budgets drohend abzeichnen, ist ja vielleicht wirklich eine Perpektive, sich in diesem Bereich des "infotainment" zu versuchen.

Hat Hitler den Staat Israel erfunden?

Adolf H. Die Imperialisten hätten den Staat Israel errichtet, um die "Judenfrage" auszulagern; damit hätten sie die Ideen Hitlers verwirklicht und ein "unlösbares Dauerproblem" geschaffen - kurz gefasst wäre das der Inhalt eines Gastkommentars den Univ. Prof. Andrea Komlosy (Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien) in der gelehrten Beilage "Spectrum" der konservativen Wiener Zeitung "Die Presse" vom 27./28. Juli 2002 veröffentlicht hat.

Der als "Sachverhaltsdarstellung" gekennzeichnete Text ist höchst bemerkenswert, nicht weil an ihm exemplarisch die Hauptaufgaben der Historikerzunft zu zeigen wären, nämlich die "Historisierung" und die "Kontextualisierung"; im Gegenteil: unter Verzicht auf jegliche kritische Empirie werden hier Thesen präsentiert, über die ich nur staunen konnte.

Etwa: die Errichtung Israels hätte nach dem Krieg den beiden deutschen Staaten "und in ihrem Windschatten" auch dem "Anschlußopfer" Österreich" erlaubt

die im Nationalsozialismus begonnenen Bevölkerungsverschiebungen (Ghettoisierung und Vernichtung von Juden und Zigeunern, Forcierung der deutschen Siedlung im europäischen Osten, aber auch die zwangsweise "Heim-ins-Reich"-Holung von Volksdeutschen aus Südtirol, Ost- und Südosteuropa) fortzusetzen.

Und in diesem Zusammenhang meint Komlosy sogar: "Hitlers ethnische Neuordnungpläne nahmen posthum Gestalt an". Worauf sich dieser Befund in der "Sachverhaltsdarstellung" gründet, habe ich nicht heraufinden können, obwohl ich selbstverständlich auch in "Mein Kampf" nachgelesen habe.

Komlosy vertritt die Meinung, ein "Judenstaat" hätte auf deutschem Boden errichtet werden sollen, wie dies etwa auch ein Berliner Philosoph in den 70er Jahren gefordert hat. Zum aktuellen Konflikt äußert sich die Frau Professor durchaus im Sinne der exil-palästinensischen Biertische:

"der Befreiungskampf der Palästinenser wird durch das Herausgreifen der sinnlosen Attentate verzweifelter Jugendlicher zum Terrorismus" umdefiniert". Umdefiniert!!

Es gereicht dem österreichischen Journalismus in diesem Fall zur Ehre, den in akademischer Sprache vorgetragenen Unsinn erkannt und kritisiert zu haben: Hans Rauscher hat im "Standard" vom 30. Juli 2002 die politischen Aspekte von Komlosys "Sachverhaltsdarstellung" durchaus maßvoll kritisiert.

In historischer Hinsicht bemerkenswert fand ich jedoch auch Komlosy´s seltsame Liebe zum Topos "Geopolitik": sie behauptet, dass Israel als "Brückenkopf in einer geostrategischen Kernzone ... von den Großmächten instrumentalisiert wurde." Das gleiche Erklärungsmuster wie im vorliegenden Artikel hat sie nämlich schon in den späten 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts zur Anwendung gebracht. Damals hat sie die These vertreten, der Kapitalismus habe seine Probleme ins österreichische Waldviertel ausgelagert ("peripherisiert"); weiters habe die Deutsche Wehrmacht den Truppenübungsplatz Döllersheim deswegen errichtet, um einen geostrategischen Ausgangspunkt für den geplanten Krieg gegen die Sowjetunion zu haben. Aber auch das war damals nicht empirisch nachgewiesen.

Kunstraub und Restitution, diesmal in Graz

"Österreichs Rolle bei der Restitution von Raubkunst" war das Thema einer Diskussion im Rahmen der Ringvorlesung "art goes law" an der juridischen Fakultät der Karl-Franzens-Universität Graz am 4. Juni 2002. In Vorbereitung ist in Graz ein fakultätsübergreifendes Kompetenz-Zentrum Kunstrecht.

Das erste der beiden Impulsreferate hatte ich, Robert Holzbauer, selbst zu halten. Ich habe dabei versucht, mich auf jene Umstände zu konzentrieren, die letzten Endes die Notwendigkeit zur Restitution begründet haben. Mit folgenden Schwerpunkten: NS-Staat und Kunstraub, Elemente und Organisationen des NS-Kunstraubes, Besonderheiten der Umsetzung in Österreich ("Ostmark"), Restitution und aktuelle Situation seit 1998.

Das zweite Impulsreferat war der Beitrag von Dr. Ingo Zechner, Historiker der Anlaufstelle der Israelitischen Kultusgemeinde Wien. Er konzentrierte sich auf die historische Praxis der konkreten Umsetzung der Restitution und auf Fragen der aktuellen Praxis. Er hob nicht nur die Stärken der aktuellen Provenienzforschung hervor, sondern auch deren allenthalb vorhandenen Schwachpunkte: etwa unterschiedliche Standards und Untersuchungszeiträume, keine systematische Grundlagenforschung, keine Internet-Präsenz.... Außerdem gebe es Sammlungen, welche Provenienzforschung und - als Folge - Rückgabe von Kunstgegenständen verschleppen oder - wie etwa die Stiftung Leopold - durch "Rechtsformenmißbrauch" vermeiden. Den gesamten Text dieses Vortrages unter dem Titel "Kunst und Restitution in Österreich -- Die 2. Republik und ihr Vermächtnis der Schande" gibt es zum download auf der Homepage von Ingo Zechner.

Positiv war dabei durchaus die Rolle der Steiermark heraus-zustellen: ein vorbildliches Landesgesetz, regelt die Rückgabe von Kunstgegenständen und das Landesmuseum Joanneum hat seit langem die Ergebnisse der Provenienzforschung publiziert. In Gegensatz zum Bund auch im Internet, und zwar hier!

Die beiden Impulsreferate dürften sich ganz gut ergänzt haben. Als wohltuend an der folgenden konstruktiven Diskussion habe ich registriert, dass sie nicht nach dem - etwa aus Wien - sattsam bekannten dramaturgischen Muster abgelaufen ist: dabei hat ein Verteter der apologetischen Richtung ("Krokodil") gegen einen moralisierend-akkusativen ("Kasperl") anzutreten. Es ist zu hoffen, dass Graz auch in Hinkunft ein fruchtbarer Boden für die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Kunstraub und Restitution bleibt.

Kasperl

Entnazifizierung in Österreich

Der 55. Jahrestag des Inkrafttreten des Nationalsozialistengesetzes wurde durch ein internationales Symposion zum Thema "Entnazifizierung in Österreich" gewürdigt. Veranstaltet wurde dieses vom Archiv der Stadt Linz und dem Vorarlberger Landesarchiv von 2. bis 5. April 2002. Ziel war eine Gesamtdarstellung der Entnazifizierung in Österreich vor allem aus dem Blickwinkel der Bundesländer und der alliierten Besatzung.

Hier ein Artikel zum Symposion in den Salzburger Nachrichten.

Industrie und Zwangsarbeit im Nationalsozialismus

Dem Thema "Industrie und Zwangsarbeit im Nationalsozialismus" widmete sich ein Symposium, welches am 17. und 18. Jänner 2002 in Linz stattgefunden hat. Unter den Referenten: Ulrich Herbert (Freiburg), Oliver Rathkolb (Wien), Gabriella Hauch (Linz), Bertrand Perz (Wien), Michael John (Linz) und viele mehr.

Hier gibt es nun endlich einen lange versprochene Bericht, der sch auf der Website des Linzer Instituts für Zeitgeschichte befindet.

Hermann Höfle - ein vergessener Täter

Ein Schlüsseldokument des Holocaust steht im Mittelpunkt eines Artikels in der "Zeit" vom 10. Jänner 2002: vor wenigen Monaten wurde von Stephen Tyas im Londoner Public Records Office (in einem Bestand, der erst seit 2000 zugänglich ist) ein Funkspruch des SS-Sturmbannführers Hermann Höfle aufgefunden. Dabei handelt es sich unzweifelhaft um eine Statistik der "Einsatzes Reinhardt" (der Kampagne zur Ausrottung der polnischen Juden). Der Funkspruch vom 11. Jänner 1943 enthält neben der 14-tägigen Meldung auch den "Stand 31. 12. 1942", und zwar "zusammen 1.276.166".

Mit Höfle (1911-1962) kommt damit ein vergessener Haupttäter des Holocaust wieder ins Licht der Öffentlichkeit. Der Salzburger ist veranwortlich für die erste Räumung des Warschauer Ghettos im Sommer 1942 und für die Morde in Treblinka. Im Gegensatz zum Schreibtisch-Täter Eichmann agierte Höfle direkt am Tatort. Was die Zahl der Opfer betrifft, die er selbst zu verantworten hat, so übertrifft er Eichmann um mehrere hunderttausend. Während Eichmann als Täter in die Geschichte eingegangen ist, ist Höfle aber (zu Unrecht) in Vergessenheit geraten.

Bemerkenswert die Nachkriegskarriere Höfles: zeitweise wurde er vom U.S-Armeegeheimdienst CIC beschäftigt. 1962 verübte er Selbstmord in einem Wiener Gefängnis und entzog sich so einem Prozess.

Eine ausführliche Analyse des Höfle-Funkspruches von Stephen Tyas und Petter Witte ist in der britischen Zeitschrift "Holocaust and Genocide Studies" (Vol.15, Issue 3: Winter 2001) erschienen, einen abstract des Aufsatz gibt es hier.

"Museen im Zwielicht"

Am 11. und 12. Dezember 2001 fand im Kölner Wallraf-Richartz-Museum ein Kollquium mit dem Titel "Museen im Zwielicht. Ankaufspolitik 1933-1945" statt. Ausführliche und seriöse Berichterstattung über diese Tagung findet man unter dem Titel "Späte Einsicht - Museen im Zwielicht" in der Neuen Zürcher Zeitung. Weitere Artikel zur Tagung gab es in der Berliner Welt unter dem Titel "Moral hängt im Bilderrahmen" und im Tagesspiegel unter dem Titel "Unrecht Gut gedeiht nicht. Auch nicht im Museum".

Ich habe seinerzeit diese Tagung im Rahmen meiner freiberuflichen Tätigkeit für das Archiv des Bundesdenkmalamts bzw. für die Kommission für Provenienzforschung besucht und werde meine Kompetenz hier nicht schon wieder durch die Wiedergabe eigener Beobachtungen überschreiten. Aber: das Thema wird uns wohl auch in der Zukunft wieder und wieder beschäftigen.

Eine thematische Fortsetzung fand das Kolloquium durch ein weiteres mit dem Titel "Die eigene Geschichte. Proveninienzforschung in Deutschland und international" , welches von 20. bis 22. Februar 2002 an der Kunsthalle Hamburg stattgefunden hat. Angekündigt war diese Tagung ja auf meiner Seite. Leider hat der bekannte strategische Weitblick eines meiner Auftraggeber, der österreichischen "Kommission für Provenienzforschung", dazu geführt, dass ich an der Tagung NICHT teilnehmen konnte. Auch dieses Kolloquium hatte wieder (kritisches) Presse-Echo zur Folge: so wurde etwa Deutschland als "Schlusslicht" bezeichnet: nur 6 Museen haben Planstellen für Provenienzforscherinnen [mittlerweile - 2004 - sind es gar nur mehr drei]. Hier ist ein Artikel zu Tagung in der Welt. Bekanntlich ist unter den Blinden der Einäugige König, und so scheint Österreichs Provenienzforschung offensichtlich dort als das präsentiert worden zu sein, was Torbergs Tante Jolesch "noch ein Glück" zu nennen pflegte.

Raubkunst im Polizeipräsidium

Das Wiener Nachrichtenmagazin "Profil" berichtet am 25. November 2001, dass bis zum letzten Sommer in einem Repräsentationsraum der Wiener Polizei ein Bild von Hans Canon hing, welches in der NS-Zeit dem Ehepaar Ernst und Gisela P. gehört hatte, welches nach Theresienstadt deportiert wurde. Im Artikel von Marianne Enigl geht es um die Schwierigkeiten, welche die Stadt Wien mit den während der Nazi-Herrschaft entzogenen Kunst- und Kulturgütern hat. Es wird dankenswerterweise auch die "Washingtoner Erklärung" erwähnt, deren (mehr als halbherzige) Umsetzung sich wohl alle wünschen, die (wie ich) mit der wissenschaftlichen Aufklärung des NS-Kunstraubes ihr Brot verdienen müssen.

Zeitgeschichtliche Forschung im Niederösterreichischen Landesarchiv - Ergebnisse, Forschungen, Perspektiven

war das Thema einer "Kurztagung", welche am 13. November 2001 in St. Pölten stattgefunden hat. Ernst Bezemek gab einen kurzen Überblick über die für die zeitgeschichtliche Forschung relevanten Archivalien im Niederösterreichischen Landesarchiv. Als erstes Landesarchiv Österreichs hat ja dieses alle Materialien zur NS-Zeit uneingeschränkt zugänglich gemacht, wie Klaus Dieter Mulley in seinem kompakten Überblick hervorheben konnte. In diesem gab er eine Übersicht über die wichtigsten Forschungsinitiaven und Strömungen der Zeigeschichte. Auch diese Seite vergaß er nicht zu erwähnen. Mulley hat sich dankenswerterweise bereit erklärt, seinen Text demnächst auf dieser Seite zu veröffentlichen. Die drei weiteren Vorträge zeigten dann exemplarisch die Verwendung dieser Akten: Ernst Langthaler stellte die "Entschuldung der Landwirtschaft 1938-45" am Beispiel der Gemeinden Auersthal und Frankenfeld dar. Weiter referierten Stefan Eminger über "Zwangsarbeiter in Niederdonau" und Gertraud Langer-Ostrawsky über ihre Forschungen zur "Euthanasie in Niederdonau".

Tabu Vichy

Das deutsche Nachrichtenmagazin Der Spiegel widmet den 20. Teil der Dauer-Serie "Hitlers langer Schatten" vom 17. September 2001 dem französischen Vichy-Regime. Ähnlich wie Nachriegs-Österreich hat sich ja auch Nachkriegs-Frankreich ein inszeniertes Geschichtsbild zurechtgelegt. Frankreich eben jenes, dass sich die Franzosen heldenhaft den Nazis widersetzt hätten. Der Spiegel-Autor, Romain Leick, will hingegen zeigen, dass "nirgendwo sonst (...) die Zusammenarbeit von Besetzern und Besetzten so reibungslos wie unter dem von Hitler abhängigen Vichy-Regime" funktionierte. Insbesonders der zweite Teil des Artikels beschäftigt sich mit dem gaullistischen Geschichtsmythos und dessen Demontage durch (auch nichtfranzösische) Historiker.

Verwandte Themen auf www.holzbauer.net:

Annie Lacroix-Riz - Zeitenwende in der Kollaborationsforschung?

Wien: Gestapo-Kartei gefunden

Der Historiker Thomas Mang (der z.B. mir schon durch seine Diplomarbeit über den Gestapo-Juristen Karl Ebner aufgefallen ist) hat sich in der Öffentlichkeit als jener präsentiert, der im Wiener Stadt- und Landesarchiv die verschollenen geglaubte Verhaftungskartei der Gestapo-Leitstelle Wien aufgefunden hat. Mitarbeiterinnen der Historikerkommission kennen diese jedoch seit mindestens einem Jahr. Die Kartei befand sich noch in den Original-Karteikästen und soll dem Archiv von der Bundespolizeidirektion Wien im Jahr 1975 übergeben worden sein. Rund 12.000 Opfer der Wiener Gestapo sind darauf erkennungsdienstlich erfasst, d.h. photographiert und beschrieben. Damit ist wieder ein weiterer Mosaik-Stein zur österreichischen Zeitgeschichte ans Licht gekommen, was man als Historiker dankbar und erfreut zur Kenntnis nehmen muss, so schrecklich auch der Inhalt der Quelle sein mag. Hier ein Bericht über den sensationellen Aktenfund aus dem Wiener Nachrichtenmagazin Profil, H. 15/2001. Und hier einer aus der Hamburger Zeit unter dem Titel Mord braucht Reklame. Wie die Wiener Gestapo-Akten gleich zweimal entdeckt wurden. Beklagt wird darin "die Spektakelsucht, mit der Medien die NS-Zeit inszenieren, wenn es Bildmaterial und Stichworte zum Gruseln gibt". (...) Der Fall würde zeigen, "wie selbst die Gräuel des Hitler-Reiches sich langsam in eine Seifenoper verwandeln, die nach dem Gesetz der Serie erzählt wird."

Die Inszenierung von Zeitgeschichte durch die Medien würde freilich Stoff zur ausführlichen Betrachtung bieten. Gerade in Österreich (wo ja schon Hugo Portisch als "Historiker" dilettiert hat) scheint in den letzten Jahren ein Genre des "historischen Aufdeckungsjournalismus" Konjunktur gehabt zu haben. Denken wir nur an die verschiedenen "Kunstraub-Skandale" der letzten Jahre oder an die Inszenierung der angeblichen Entdeckung der Akten der Finanzlandesdirektion.

Amerikas Umgang mit Holocaust-Vermögen

Zu den Errungenschaften der vergangenen Ära Clinton gehörte die "Presidential Advisory Commission on Holocaust Assets in the United States". Wenige Tage vor dem Ende der Clinton-Administration legte diese Kommission ihren Endbericht vor. Sie kam darin zum Schluss, die Vereinigten Staaten hätten auf eine einmalige und beispielhafte Art für die Rückführung der Vermögenswerte von Holocaustopfern in deren Herkunftsländer gesorgt, die Bedürfnisse der Opfer selbst jedoch oft vernachlässigt, berichtete die Neue Zürcher Zeitung. In Deutschland und Österreich sei etwa ein Problemfaktor gewesen, dass vielfach Beamte, die vorher dem Naziregime gedient hätten, mit der Restitution betraut waren. Die Kommission kam zum Ergebnis, die Arbeit sei nicht zu Ende. Offensichtlich soll das Projekt auch unter der Bush-Administration fortgesetzt werden.

Der Endbericht liegt unter dem Titel "Plunder and restitution" in gedruckter Form vor. Angeblich wird er aber auch allen Interessierten zugesandt. Er umfasst ca. 250 Seiten und ich habe ihn auf dem Schreibtisch. Wer mag, kann ihn im Rahmen des Archiv-Benutzerdienstes des Bundesdenkmalamtes (jeden Donnerstag und Freitag von 9 bis 13 Uhr) in der Wiener Hofburg einsehen. Mittlerweile ist Plunder and restitution auch im Internet zugänglich.

Kunstraub-Experte Petropoulos war in Wien

Am Montag, 18. Dezember 2000 hat im Rahmen der Ringvorlesung "Zur politischen Ökonomie des Holocaust" der international anerkannte Experte für Fragen des NS-Kunstraubes Jonathan Petropoulos vorgetragen. Petropoulous lehrt Zeitgeschichte am Claremont McKenna College in Kalifornien. Derzeit absolviert er ein Forschungssemester in Deutschland. Seine Dissertation aus dem Jahr 1983 ist Grundlage seines Buches "Kunstraub und Sammelwahn. Kunst und Politik im Dritten Reich". Sein letztes Werk heisst "Faustian Bargain: The Art World in Nazi Germany" und liegt noch nicht übersetzt vor.Petropoulos ist (noch) Forschungsdirektor des "Presidential Advisory Committee on Holocaust Era Assets"; er glaubt nicht, dass es in der kommenden Bush-Administration ein ähnliche Kommission geben wird. Neben ein paar grundsätzlichen Bermerkungen zur Sammel-Kultur der Nazis konzentrierte sich die Vorlesung auf zwei Fallbeispiele, und zwar auf den Bayern Ernst Buchner (Staatsgemäldesammlung) und den Salzburger Kajetan Mühlmann. Schließlich skizzierte er noch ein Netzwerk des Kunstraubes mit dem geographischen Schwerpunkt Bayern (und Ausläufern nach Österreich und in die Schweiz), welches das Kriegsende überdauerte. Praktisch alle Kunst-Experten, die am NS-Kunstraub mit beträchtlicher Eigeninitiative partizipiert hatten, waren um 1950 wieder rehabilitiert. Über die Dimensionen des NS-Kunstraubes seien nur Schätzungen möglich: Ronald Lauders Schätzung, dass etwa 110.000 Kunstwerke entzogen und nicht zurückgegeben seien, bezeichnete Petropoulos als äusserst vage. Die Vorlesung war eher schlecht frequentiert, was wohl an den nahenden Weihnachtsferien lag.

Nachtrag: Die FAZ berichtete am 14.2.2001 über einen Vortrag, den Petropoulos auf der Basis seines Buches "Faustian Bargain. The art world in nazi germany" in Augsburg über Hitlers Kunsthändler Karl Haberstock gehalten hat.

Petropoulos hat übrigens eine recht hübsch gestaltete Web-Site.

ARCHIV

bereits ins Archiv verschoben wurden unter anderem folgende Notizen:

Verstorben: Ivan Illich Mailingliste Zwangsarbeit Vera Frenkel: Body missing Adolf Hitlers "Mein Kampf" - 75 Jahre alt Österreichischer Zeitgeschichtetag 2001 Verschwunden in Budapest - Raoul Wallenberg "Irrtümer der Gedenkpolitik" Slowakei - ein Staat von Hitlers Gnaden Verstorben: Herbert Steiner Raul Hilberg - 75. Geburtstag Norman Finkelstein und die "Holocaust-Industrie" Alltag in Österreich: "Kronenzeitung" feiert Hitler Eine Quelle zur "Spitzelaffäre"? Sowjetische Besatzung: Ein österreichischer Historikerstreit? Der Vatikan und der Holocaust Politische Ökonomie des Holocaust Berichte der Historikerkommission Hannah Arendt - 25. Todestag Verstorben: Sybil Halpern Milton und vieles mehr....


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inhalt und form und ©: robert holzbauer. Zuletzt geändert 2005-07-31 9:54