St. Margarethen im Burgenland

Weinbauerndorf  an  der  Grenze

PASSIO DOMINI und OPERNFESTSPIELE 

 Naturbühne in der Steinbrucharena

Sichtbares ERbe der Steinmetzmeisterzunft 1653

Der Steinbruch im Jahre 1887. Gemälde von Anton Hlavacek. (1842-1926)    Foto Courtesy NHM Wien

 

1)  Szenen in  der Arena des Römersteinbruchs:  Die PASSIO dient der Glaubensvertiefung -

mit der  STAGE  OPERA wird  ein Kunstgenuss für unzählige neue Opernliebhaber geboten

2) Eine Hommage an die 60  hier  im Laufe der Jahrhunderte ansässigen Steinmetzmeister,

die mit ihren Gesellen und Steinbrechern das Areal der riesigen Arena geschaffen haben:

Noch  widerhallen im  Steinbruch Arbeitslärm und Krähenschreie von den hohen Felswänden -

Der FÜRSTENSTEIN findet heute wie schon seit vielen Jahrhunderten  europaweit Abnehmer

3) Der  Wochentag der Dorfleute gehört der Arbeit - An Sonntagen stehen sie auf der Bühne

 Bauernwirtschaft, Weinbau,  Gewerbe  und  Handel  im  harten  Strukturwandel unserer Tage

4) Historische Ereignisse und Erfahrungen einer Gemeinde an der ehemaligen Bernsteinstraße

 Bilder aus dem Dorf, wo es  im alten Ortskern noch Reste aus der Gotik und dem Barock gibt.

 

   Diese Websites sind ein Versuch des  Lokalhistorikers Josef Altenburger (joe4ever@aon.at),

die Geschichte der Heimatgemeinde in ausgewählten Kapiteln zu beleuchten.

Eine e-Mail würde ich dankbar annehmen und auch beantworten.

Interessante Links:        

Passionsspiele St. Margarethen i. B.    http://members.aon.at/www.passio.at

   Opernfestspiele und Kinderoper St. Margarethen i. B.  http://www.ofs.at

EIN BLICK IN DIE TRAUMWELT DER KINDER   http://www.maerchenpark-neusiedlersee.at

                               Marktgemeinde St. Margarethen i. b.   http://www.st-margarethen.at

Tourismus   http://www.tiscover.at/st-margarethen

http://www.st-margarethen.at

DIE STEINMETZEN AM ESTERHÁZYSCHEN "FÜRSTENSTEIN"  http://www.hummel-stein.at

DIE EHEMALIGEN GRUNDHERREN DER HERRSCHAFT ST. MARGARETHEN  http://www.schloss-esterhazy.at

GUTE NACHBARSCHAFT MIT DER FREISTADT SEIT JAHRHUNDERTEN  http://www.rust.or.at

Hauptschule Rust   http://www.hs-rust.at

                                Der Eiserne Vorhang - THE IRON CURTAIN   http://www.cruelfence.com

     INTERNETBERATUNG     Hladky Gerhard     http://hladky.at

 

Aus dem Lebenslauf eines Dorfes

 

     St. Margarethen i. B., eine der großen Gemeinden im ehemaligen Westungarn mit deutschsprachiger Bevölkerung bayrischen Ursprungs erstreckte sich einst mit einer nordseitigen und einer südlichen Häuserzeile den Dorfbach entlang. Ein Karrenweg zog durch den riesigen Breitanger, der in seinem Zentrum Wehrkirche samt Friedhof, Schule, Gerichtshaus, Pranger, aber vor allem den bäuerlichen Alltag und die Feiertage aufnahm. Der Anger ist längst verbaut und nur mehr als Namen erhalten.

     Im Vergleich zu anderen burgenländischen Grenzorten wie Schattendorf, Hammerteich etc., wo die Friedhofmauer die Staatsgrenze streift, Grenzsteine neben Scheunentoren stehen und eine Straße am Dorfrand zur Hälfte auf ungarischem Staatsgebiet liegt, liegt diese Grenze bei St. Margarethen am südlichen Rand des Gemeindewaldes. Umso schmerzhafter ist aber hier seit mehr als 40 Jahren die Tatsache, dass mit dem Drahtverhau und einem breiten Stacheldrahttor eine der wichtigsten und traditionell ältesten Straßen nach Ungarn, die einstige römische "Bernsteinstraße" von der Donau bei Carnuntum nach Rom,  total versperrt war und wohl erst nach einem Beitritt Ungarns zur EU  in der ehemaligen Form freigegeben wird.

      Bis Ende  hing 1989 neben einem Grenzstein eine primitive Tafel mit der Aufschrift   "ÀLLAMHATÀR" (Staatsgrenze). Die Tafel, die beim Abbau des Drahtverhaues 1989 einfach weggeworfen worden war, hatte kein ungarischer Zivilist vorher je zu Gesicht bekommen, weil hinter dem Sicherheitssystem aus zwei Drahtverhauen mit Minen sowie dem stets gepflegten Spurenstreifen eine breite Zone lag, die nur von der Grenzwache betreten werden durfte. (Vor dem Picknick am 19. August 1989 war eine noch primitivere, zweisprachige Tafel mit  "FIGYELEM ÀLLAMHATÀR   -  ACHTUNG STAATSGRENZE"  provisorisch auf einen wackeligen Pfosten genagelt  worden.)

         Die rostende Tafel und der am 19. August 1989 abgedrehte Stacheldraht, als mit dem Durchbruch von 665 DDR - Urlaubern am "Tor bei St. Margarethen" der Ostblock ins Wanken geriet,  sind heute eher bittere Souvenire von einer glücklosen Epoche an der Grenze.

 

 

 

     Abgesehen von den im pannonischen Raum an vielen Orten anzutreffenden Funden aus der Zeit der Kelten, Römer etc. tritt der Ort mit einer dokumentierten Ersterwähnung 1232 recht früh aus dem Schatten der Geschichte. Sein Werdegang könnte als exemplarisch für die meisten burgenländischen Siedlungen angesehen werden: Mittelalter, Türkenzüge, Religionsfehden und Pestplage sind die düsteren Seiten der Entwicklung. Bei allen Schattenseiten der Grundherrschaft gab das Fürstenhaus Eszterházy einst doch ein gewisses Gefühl der Sicherheit für seine Untertanen, deren Glaubensleben und ein Minimum an sozialer Absicherung, wenn auch die Lehensbauern, Söllner und Holden immer über die Abgabenlast und die Robotverpflichtung stöhnten. Leibeigen waren sie wohl nie, durften die Herrschaft aber nur mit Erlaubnis oder einer Abgabe auf Dauer verlassen, was auch beim Umzug in eine Nachbarherrschaft oder eine Freistadt der Fall war.

     Um die gegenwärtige Jahrtausendwende steckt die Gemeinde mitten in der Anpassung an die seit 5 Jahrzehnten alles beherrschende Umwandlung der Menschheit in eine dem Computer verfallene Gesellschaft. Verglichen dazu waren die Industrielle Revolution und das Maschinenzeitalter ein laues, wenn oft auch raues Lüftchen.

     St. Margarethen ist 2003 drauf und dran, strukturell die Tradition über Bord zu werfen, und sich zumindest in der Peripherie des Ortes vom Dorf in eine vorstadtähnliche Wohnsiedlung zu verwandeln. Die Bewohner der 2800 Seelen - Gemeinde sind sich nur mehr in beruflichen Kerngruppen wie  z. B. die das agrarische Erbe weiter tragenden Weinbauern der Dorftradition bewusst. Diese und die folgenden Zeilen sollten dazu beitragen, das Dorfbewusstsein noch länger zu erhalten.

  

Die Prangergasse (ma. Plunzengasse)

Der Steinbruch lebt seit mehr als tausend Jahren

      Der Steinbruch war schon immer im Besitz des Kaiserhauses oder in den Händen des jeweiligen Grundherren, was auch heute noch zutrifft.  Die Bevölkerung, als Untertanen durchwegs der Landwirtschaft und dem Weinbau verbunden, durfte allerdings schon um 1515 für den Eigenbedarf beim Hausbau  Steine brechen. Die immer größer und tiefer werdende Senke im Bruch wurde von den Bauern auf ihrem Weg in die ringsum liegenden Äcker und Weinberge nur selten betreten. Man respektierte das herrschaftliche Gebiet. An den Wänden standen  die Bauhütten der Steinmetzmeister, wo sie nur in den Monaten mit Schönwetter ihre vielfältigen Werkstücke schufen. Sie hatten im Dorf keine Werkstatt, weil sie meistens nur in kleinen Wohnungen lebten, die in Bauernhöfen aus Kammern umgebaut worden waren. Selten gelang es einem Handwerker, in ein Bauernhaus einzuheiraten, obwohl sie langsam Grund und Boden und später auch Lehenshäuser  erwarben.

Die Arena 2001

Die Passio Domini

      Von den etwa 500 Darstellern der PASSIO DOMINI, die seit 1961 in der Steinbrucharena aufgeführt wird, sind sehr viele mit einem der  einstigen 60 Steinmetzmeister mehr oder weniger verwandt. Wenn man die Religiosität der Meister und die Regeln und strengen Sitten ihrer Zunft kennt, kann man ruhig behaupten, dass sich 1961 eine Sternstunde ereignet hat, in der die Nachfahren der Steinbrecher, Steinhauer und Steinmetzen wieder in die traditionelle Wirkungsstätte ihrer Vorfahren zurückgekehrt sind. Was die Meister des Steines mit ihren sakralen Werken in Form einer "Passion in Stein" für die Glaubensstärkung getan haben, wiederholt sich nun durch die lebendige Darstellung des Leidens Christi auf der Naturbühne im "Römersteinbruch", wie er seit 1961 genannt wird, weil es Hinweise gibt, dass die Römer während der 400 Jahre (bis 410 n.Chr.) auch hier Stein abgebaut haben.

      Die heute erkennbare Erfolgsgeschichte hat so wie viele andere große Leistungen sehr bescheiden und ohne voraussehbare Entwicklung 1926 im  elterlichen Bauernhof des Jungbauern Emmerich Unger begonnen. Nach dem Bau eines für damalige Verhältnisse imposanten Festspielhauses mit bunten Bühnenlampen unter Verwendung des kurz vorher im Dorf installierten elektrischen Stromes mit mehreren  gelungenen Aufführungen (1933 und 1936) kam es zu einem feierlichen Gelübde, die Spiele alle zehn Jahre wiederaufzuführen. Schließlich beschloss man unter dem Druck des Bedarfes und der interessierten Öffentlichkeit, alle 5 Jahre zu spielen, was bei den zu erwartenden Strapazen für die Mitwirkenden - damals meistens noch hart arbeitende Landwirte - nicht leicht war.  Eine gute Entscheidung - Die Zuschauerzahlen und das äußerst positive Echo im Jahre 2001sprechen eindeutig dafür.

Die Passionsspieler 1933

      Mit dem Umzug aus dem heute "Haus Bethanien" genannten Pfarrgemeindehaus in den Steinbruch trat eine beachtliche Wende ein: Zuseherraum, Gehwege, Tontechnik und Bühnenaufbau wurden großzügig verbessert. Infolge verbesserter Schulbildung brachten auch die Hauptdarsteller mit Sprechrollen eine bessere Sprechqualität mit. Sie sind aber unbezahlte jedoch nicht unbedankte Darsteller geblieben, ohne dass jemand von Schauspielern spricht, wenn auch im Tonfall der Sprecher und des Volkes  die dörfliche Abstammung und die im Dorf noch praktizierte Mundart nicht verleugnet werden können. Farbfotografie, Farbfernsehen und der modische Trend unserer Tage haben dazu beigetragen, dass  die Inszenierungen des ansonsten biblisch anmutenden Szenariums durch viele farbliche Nuancen bunter geworden sind.

      Erfolg und Versagen bringen meistens freundliche Lobeshymnen aber ebenso die Missgunst von Neidern und Kritikern und interessierte Mitbenützer von Bühne, Szenerie und Zuschauereinrichtungen  auf den Plan. Erst nach reiflicher Überlegung, wobei die Wahrung der Würde des historischen Geländes im Mittelpunkt stand, erlaubte man mehrere Musicalaufführungen Eisenstädter Schulen sowie Auftritte renommierter Chöre (z. B. Donkosakenchor). Dass nach einem erfolgreichen Konzert eines Udo Jürgens auch weniger dem Ort angepasste Gruppen gerne auftreten würden, ist wohl verständlich.

      Die in letzter Zeit mit der PASSIO eingespielten relativ hohen Summen werden von  der Passionsspielpfarre für Pfarranliegen, Renovierungen, karitative und missionarische Zwecke lokal, national und international verwendet. Unter etwa 510 Passionsspielen und Leiden - Christi - Darstellungen verschiedenster Größe und Form im alpenländischen Raum (laut einer Erhebung des Hauses der Bayerischen Geschichte zu Augsburg) zu den zehn größten zu zählen, ist gewiss eine zusätzliche Motivation dafür, dass es in St. Margarethen keinen Mangel an Darstellern und  Mitwirkenden gibt. Man muss nur selber einen ganzen Sommer lang bei erdrückender Hitze zwischen den weißen Felsen aber manchmal auch im Regen fünf Stunden durchgehalten haben, um das Opfer zu verstehen, das hier freiwillig von 600 Dorfbewohnern ertragen wird. Da kann man wahrlich auf den sprichwörtlichen Gotteslohn verweisen!

    

Die PASSIO DOMINI im Steinbruch

Das schlichte Triptychon eines Steinmetzmeisters,

      einst hoch oben in einer Wand, heute neben der Fußgeherrampe hinab in den Zuschauerraum, stellt eine Brücke zwischen den Meistern und Schöpfern sakraler Kunst aus dem  Fürstenstein,  den Passionsspielern und den Künstlern auf der Opernbühne dar. Theatermaske, Krone und Bischofsmütze (mit dem Steinmetzzeichen Meister Adam Kuglers + 1755) symbolisieren die abgehobene Welt der Darstellung im Theater, die weltliche Macht der gekrönten Häupter neben der Position der selig machenden Kirche.

     Schon lange vor der Zunftgründung (1653) lebten und wirkten hier einige der insgesamt 60 Meister und sind zum Teil namentlich bekannt. Nur sechs Familien von ihnen sind heute noch im Ort vertreten. Ihre Nachfahren sind keine Steinmetzen mehr. Bei den meisten lässt sich wie bei der Dynastie Kugler die Ansässigkeit weit zurück verfolgen.

     

Die Oper in freier Natur

      In Form und Inhalt passt sich die klassische Operndarbietung Wolfgang Werners durchaus adäquat wenn auch prachtvoller und üppiger an den langsam zu einer ehrwürdigen Kunststätte mutierten Felsenraum an. Die Konzession an das noch nicht  mit Opern verwöhnte Publikum in Form eines kräftigen Hauches von Spektakel gegen Ende der Aufführungen möge man wohlwollend tolerieren, auch wenn Auge und Ohr  ringsum strapaziert werden.

      In unserer auf Rekorde erpichte Zeit, in der fast überall das olympische Motto "schneller - höher - weiter" nachgelebt wird, konnten auch die Opernfestspiele nicht zurück stehen. Ist es doch erst ein halbes Dutzend Jahre her, seit die erste Oper 1996 über die Bühne ging. Die Zuseherzahlen schnellten bis ins Jahr 2002 von ursprünglich 11.000 auf mehr als das Zehnfache empor. Zweimal "Nabucco", "Aida", "Carmen", die "Zauberflöte" und schließlich (nach einer einjährigen Pause zugunsten der "erb eingesessenen" PASSIO DOMINI) im Jahre  2002  Verdis  "OTELLO" füllen den langjährigen Spielplan. 2003 wird mit "Turandot" ein Puccini - Jahr.    Erst im Jahre 2006 folgt wieder eine Pause, in der die  Passio  ihr angestammtes  Recht auf die immer wieder in den ursprünglichen Zustand zurück versetzte Bühne und das Areal in Anspruch nimmt. Auf Naturschutz wird von beiden Ensembles infolge der strengen behördlichen Auflagen genauestens geachtet.

      So vordergründig erfolgsorientiert sich Werners Oper dem fast kometenhaften Aufstieg widmet, wurde der Blick in die Zukunft nicht vernachlässigt. Auf einem Nebenschauplatz, der "Opernwerkstatt" mit 500 Sitzplätzen,  präsentiert man mit erstklassigen Darstellern die Kinderoper:  2002 werden 7 Vorstellungen von Engelbert Humperdincks Märchenoper "Hänsel & Gretel" gegeben. Von Mario Müllers "Märchenpark" in der Nähe des Steinbruchs über die  phantasievolle Märchenoper soll für die heranwachsenden Generationen eine pädagogische Brücke  in die abgehobene Atmosphäre der Opernwelt mit freudvollen Erlebnissen geschaffen werden.   

   

  

Puccini's Turandot  2003

in der Felsenarena des Steinbruchs von St.Margarethen im Burgenland

     

Mit dem letzten Feuerwerk am 24. August 2003 endet das  St. Margarethener Opernjahr und eine neue Festspielsaison begibt sich auf den Weg in die Realisation.

     Wenn sich zwei aufstrebende, erfolgreiche Darstellerensembles um eine der schönsten und vielleicht auch größten Naturbühne Europas - wenn auch aus verschiedenen Motivationen - bemühen, kann es unter Berücksichtigung aller von beiden Seiten ins Treffen geführten Argumente nur einen Kompromiss geben, ganz gleich, ob man es Symbiose, friedliche Koexistenz oder  anregende Konkurrenz nennt. Wie anstrengend die Rollen der Laiendarsteller (bei der Passio unbezahlte Dorfeinwohner, bei der Oper entlohnte Statisten) sein kann, wird durch die Tatsache erwiesen, dass 2003 für TURANDOT per öffentlicher Ausschreibung Statisten gesucht werden mussten.

 

 

Über die Steinmetzen und ihre Werkstätte, aus der eine Arena entstand

"Eisen rostet, Holz verrottet, Stein bleibt Stein...."

     Sie benützten Eisen für ihre Werkzeuge, bauten Arbeitshütten aus Holz an die Steinwände, liebten und bearbeiteten aber den Stein.

      Für das Festmahl bei der Zunftgründung am 24. August 1653 gaben sie 64 Gulden für einen goldenen Becher aus. Das war der Wert von 8 Ochsen.  In dieser horrenden Summe steckt auch der Preis für einen zweiten, kleineren Becher sowie alle Unkosten bei der Feier. Mehr als 200 Jahre wurde er benützt, wenn neue Meister aufgenommen wurden. Heute steht er im Burgenländischen Landesmuseum zu Eisenstadt.

Der goldene Zunftbecher: 24.August 1653. (Er steht hier auf St. Margarethener Steinplatten)

      Bald nach der Gründung der Zunft verschafften die Grundherren, vor allem die Familie Eszterházy,  den Steinmetzen im Sinne des Kaisers und zur Unterstützung der Gegenreformation reichlich Arbeit bei der Ausschmückung der Kirchen und Kapellen. Dazu kamen unzählige Bildstöcke und Wegkreuze - eine darstellende sakrale Kunst aus Stein, die mit den Passionsspielen durchaus verglichen werden kann. Die Zeit der großen Kirchenbauten und neuen Klöstern war aber längst vorbei. So fertigten sie vor allem Bauteile für die neu erbauten Paläste,  die Bürgerhäuser in den Freistädten, die Ringstraße in Wien  und manchmal auch für Häuser reicherer Bauern: Barocke Gewände (Tür- und Fensterrahmen), Torbögen, Stiegen, Brunnentröge (Grand), Gesimse, Grabsteine, Prellsteine, steinerne Tische und Bänke etc.

 

Vaterstammreihe des Flugkapitäns Franz Kugler,

Nachfahre der Steinmetzmeister- und Weinbauernfamilie Kugler, sesshaft in St.Margarethen seit 1660

 

Meister Merth (Martin) Kugler oo 1. Susanna Pogner (1661)  oo 2.  im Jahre 1666 Elisabeth  (Sie wird als Witwe 1. Gattin Meister Adam Tholls)

               * 1630 + 12. 8. 1682  (Kirchenvater) Seit 1666 Mitglied der  Steinmetzzunft           + 1665                                                                                  * in Kleinhöflein

Kinder (aus 1. Ehe): M. Paul * 1662   (+ Sopron)    Aus 2. Ehe:  M. Adam   * 1667  + 14. 8. 1755      Maria  * 9. 12. 1671         Eva  * 30. 11.1676  + 6. 12. 1676     Michael  * 28. 5. 1678

Meister Adam Kugler   oo  25. 1. 1695 Wtw Anna Tholl, geb. Gailfueß (Tochter eines Baders und Marktrichters, junge Steinmetzmeisterswitwe nach M. Adam Tholl)

 * 1667  + 14. 8. 1755 (Epitaph in der Pfarrkirche St. Margarethen).Marktrichter           * 1661  + 2. 3. 1757

Kinder: M. Paul * 24. 3. 1699  + 14. 12. 1744  (Grabstein im Glockenhaus)         M. Andreas * 17. 10. 1701  + 15. 10. 1775       Maria  12. 7. 1696  (verehel. Thonhoffer)      Elisabeth  * 13. 3. 1704   

M. Johannes  * 14. 4. 1707  + 1753  in  Buda (Ungarn)      Mathias   * 16. 2. 1715      Elisabeth * 27. 6. 1712

Meister Andreas Kugler oo 1. Elisabeth (1730)    oo 2. Elisabeth Schwartz   oo 3. Anna Wohlmuth ( 22. 4. 1755)

                                                            * 17. 10. 1701  + 15. 3. 1775                                                                                        * 1721  +  26. 2. 1755                                    * 1735  + 4. 10. 1785

Kinder: Mathias  * 25.2. 1731   Leopold  * 21. 8. 1732      Stephan  * 24. 8. 1734    Elisabeth * 1735     Theresia  * 10. 2. 1742     Joseph  * 3. 2. 1742     M. Johannes Michael  * 26. 9. 1752    Barbara  * 14. 9. 1757

Meister Johannes Michael Kugler   oo 6. 6. 1775 Elisabeth Restl (Schustermeisterstochter)

                                                                                                                      * 26. 9. 1752   + 12. 6. 1790                                                      * 3. 6. 1753   + 10. 8. 1797

Kinder:  M.  Franz Xaver  * 1. 5. 1775 (illeg)  + 30. 8. 1803      Johann * 12. 7. 1778  + 27. 7. 1778     Johann * 16. 7. 1779  + 7. 8. 1779      Theresia  * 3. 9. 1780      M. Michael  * 29. 5. 1783  + 17. 8. 1849 (Cholera)     Barbara  * 18. 8.  1786

Meister Joannes Nepomuk Kugler (Gugler)  * 10. 5. 1789 (Haus Nr. 52!) + 17. 1. 1854 (Stammvater der späteren „Kroisbacher Linie“)

Meister Franz Xaver Kugler  oo 1.  13. 6. 1795 Theresia Katzesberger Steinmetzmeistertochter)   oo 2.    28. 7. 1802 Eva Scheuhammer (Lehenbauerntochter)

                      * 1. 5. 1775 illeg)  + 30. 8. 1803 (28j)                                      *  28. 4. 1773  + 21. 9. 1799 ( 26j. an Kindbettfieber bei Joseph * 10. 9. 1799)                      * 24. 12. 1777  + 13. 6. 1810 (32 j. als Witwe nach 2. Gatten Math.Händler)

Kinder: 1. Ehe: M. Michael  (Mihály) Kugler (Erstgeborener)   * 30. 4. 1796  + 19. 12. 1850 in Keszthely am Plattensee (Gründer der Ungarischen Linie)          Franz * 18. 2. 1798 + 23. 2. 1798   Joseph * 10. 9. 1799  + 13. 9. 1799

2. Ehe:  M. Johannes  * 24. 1.  1775 (illeg)  + 4. 6. 1854        Josephus  * 23. 8. 1803  + 1848 in Keszthely

Meister Johannes Kugler   oo  4. 7. 1833   Anna Händler (Tochter aus der zweiten Ehe seines Stiefvaters Mathias Händler mit Anna Ekhart

            Der letzte Steinmetzmeister namens Kugler * 24. 1. 1801  (illeg)  + 4. 6. 1854                            * 16. 2. 1813   +  9. 11. 1895

Kinder:Johann * 29. 11. 1833 (ill. Sohn Annas V: Paul Traurig, adoptiert) + 6. 11.1839  Theresia * 3. 12. 1839 (oo Franz Wayan)  Rosina * 13. 6. 1842  (oo Johann Csapo)  Franz * 19. 6. 1844 (Bauer)  Josepha * 6. 5. 1848 (oo Victor v. Orban)

Franz Kugler     oo   26. 1. 1869   Josepha Miehl (Tochter eines Bauern und Kaufmannes)

 Der  erste „echte“ Landwirt und Weinbauer der Kuglerfamilie  * 19. 6. 1844  + 4.4. 1889                                              * 5. 1. 1852  + 16. 11. 1916

Kinder: Franz Kugler (Fleischhauer und Bauer) * 12. 2. 1870  + 28. 2. 1965  LWK Präsident Alexander Kugler (Bauer)  *  19. 2. 1871  + 7. 7. 1951   Matthis Kugler (Gastwirt und Bauer)  * 28. 4. 1875  + 23. 3. 1964

Dr. Georg Kugler (Regimentsarzt)  * 1. 2. 1880  + 13. 3. 1915  (Pressburg, Kriegsspital)

Franz Kugler  oo  5. 2. 1895  Maria Miehl 

Der Fleischhauer und Bauer heiratet bei der wohlhabenden Bauernfamilie Miehl ein       * 12. 2. 1870  + 28. 2. 1965                               * 25. 3. 1879  + 24. 8. 1943

Kinder: Franz (Bauer und Fleischhauer) * 30. 7. 1898 + 20. 6. 1895   Josepha * 22. 9. 1900  + 9. 2. 1986 (oo Gruber Karl)   Gisela * 7. 5. 1902  + 21. 5. 1973  (oo Kugler Matthias)  Dr. Matthias Kugler (Arzt) *18. 2. 1904  + 31. 1. 1985

Franz Kugler   oo  16. 2. 1927  Anna Gruber

                                                                                               Bauer und Fleischhauer  * 30. 7. 1898  + 20. 6. 1985                                     * 13. 2. 1903 (Donnerskirchen)  +  29. 5. 1991

Kinder: Wilhelmine Kugler * 24. 11. 1927 (oo Josef Katter)    Franz Kugler  * 1. 12. 1928

Franz Kugler  oo   27. 1. 1953 Franziska Gabriel 

                                                                                                                  Weinbauer   *  1. 12. 1928                                                       * 31. 12. 1930

Kinder: Franz (Flugkapitän) * 8. 11. 1953     Aurelia * 8. 10. 1954 (oo Josef Gesellmann)     Hemma * 12. 10. 1955  (oo Hans Payer)      Eva *27. 10. 1957 (oo Wolfgang Post)     Josef (Hofübernehmer) * 6. 11. 1960

Franz Kugler   oo  18. Mai 1976  Maria Schüller

                                                                                                        * 8. November 1953                                                * 14. Januar 1954

Kinder :   Christina Kugler * 27. September 1978        Andreas Kugler * 27. Januar 1985      Lukas Kugler  * 2. Februar 1993

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                           Copyright 2001 Josef Altenburger

 

    

                                                   

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  

 

 

 

 

 

 

     Steinmetzmeister aber auch ihre Gesellen, die meistens in den Nachbarhäusern der Meister Kleinstwohnungen hatten, stellten für sich selber in den Wintermonaten liebevolle Kleinplastiken her, die heute ihre Funktion verloren haben und als Zierde für den Bauernhof dienen - so wie die Steinbank und der Brunnengrand mit einem stillgelegten Brunnen.

 

             

 

      Der Grabstein von Michael Dunkel, * 15. 9. 1738  + 14. 2. 1797, Steinmetzmeister und Marktrichter, besteht aus Kalksandstein mit einer Inschriftenplatte aus rötlichem ungarischem Granit. Die Platte ist erst vor 10 Jahren in einem Haus entdeckt worden. Der Stein mit Kruzifix, Girlanden, Lorbeerkranz, Totenkopf und Steinmetzzeichen waren eine beliebte Kombination. Im Burgenländischen Landesmuseum in Eisenstadt findet sich ein identischer Stein für einen Pfarrer aus dem gleichen Jahr.

                                                                                                                                                                                          

      Das Haus in der Hauptstraße 26, in dem man das einzige Fenster im Ort mit dem südländisch anmutenden Ornament findet, soll der Mühlenbesitzerin Gräfin Maria Johanna von Gurdes als Wohnsitz gedient haben. Die meisten Bauteile aus Stein muss man hier allgemein dem Barock zuweisen. In der Zaussermühle wohnte nur der Müllermeister mit seiner Familie. Am 18. 8. 1748 wurde die Angehörige des Hochadels wegen ihres hohen Ansehens und ihrer Spendenfreudigkeit in der Pfarrkirche zwischen den beiden Altären begraben.

 

            Das burgähnliche Gebäude an der Hauptstraße, Jahrhunderte lang Edelhof, Herrschaftssitz einer kleinen selbständigen Eszterházyschen Herrschaft, Herrschaftshaus und Verwalterwohnsitz, heute in Privatbesitz; mehrere Jahrzehnte mit dem besonderen Ambiente als stilvolles Weinkostgelände der lokalen Winzer in Verwendung. Bei einem Renovierungsversuch vor zwei Jahrzehnten zeigten die Mauern die verschiedenen Bauphasen der Vergangenheit, die gut belegt werden kann und teils sehr wechselhaft war.  Freigelegt wurden aber auch die schönen Gewände, Fensterüberdachungen, Voluten (Konsolen) am Erker, der Torbogen und die Nische für eine Heiligenstatue  - alles solide Steinmetzarbeit, gefertigt aus dem hauseigenen Eszterházyschen FÜRSTENSTEIN. Die Zukunft des Hauses ist ungewiss, auch obwohl oder weil es unter Denkmalschutz gestellt wurde.

    

Von den gläubigen Dorfleuten und ihrer Mission

        Die heutigen (restlichen) Bauern im Dorf blicken auf eine bewegte Vergangenheit zurück, die ihre Vorfahren seit Jahrhunderten im Schatten des Herrschaftshauses als tribut- und robotpflichtige Untertanen voll Geduld, Gottergebenheit und Demut verbracht haben.   Ihr Leben hat sich um die Jahrhundertmitte 1848 mit dem Ende der Grundherrschaft und hundert Jahre später mit den vielen Veränderungen des 20. Jahrhunderts drastisch verändert. Einige Bilder aus den letzten Jahrzehnten sollen dies veranschaulichen.

Der Alltag war hart, als einer der ersten Christusdarsteller mit seiner Familie die Ernte einbrachte

Neben stolzen Scheunen der größeren Bauern gab es auch ganze Reihen von bescheidenen Stadeln.

Noch stehen die Kornmandl zum Einführen und Dreschen bereit. Im Hintergrund die Mühle in Erwartung vieler Kunden.

      Wenn auch im Jahre 1926 und mehrere Jahrzehnte nachher die ersten Darsteller der Passion gläubigen bäuerlichen Familien entstammten, so ist das heute bei etwa 600 Mitwirkenden nicht mehr möglich. Sie gehen verschiedensten Berufen nach, haben aber die Hingabe an die PASSIO DOMINI als Tradition und geistiges Erbe von ihren Eltern übernommen.

       Unserer Landwirtschaft geht es wie allen unseren bäuerlichen Mitbürgern in der neuen großen Heimat EU nicht schlecht, aber nicht gut genug, wie die Agrarier meinen. Wende und Wandel sind sehr aktuelle Schlagwörter, sei es in der Politik, in der Wirtschaft oder die verschiedenen  Grundeinstellungen der Bevölkerung zu allen möglichen Problemen.

       Auffallend sind die vielen antizyklischen Entwicklungen: Was früher geteilt wurde - durch Streit, Verkauf, Vererbung usw., wird wieder zusammengelegt. Wo die Bauern im Gegensatz zu ihren Vorfahren Weingärten ausgesetzt hatten, entsteht wieder Ackerland. Ehemals gerodete Lagen werden wieder aufgeforstet. Was Agrarpolitiker oft aus wahltaktischen Überlegungen forderten und förderten - den Bauern bei der Scholle zu halten - mündet in eine bisher gefürchtete Verwandlung der Bauerndörfer in mit nur wenigen großen Winzern, welche farmähnliche Betriebe in Monokultur betreiben oder auf ihren Weingüter genannten Höfen viel und guten Wein produzieren. Überraschenderweise gibt es in einigen Weingegenden - besonders in den benachbarten Bundesländern Steiermark und Niederösterreich -  ein mit viel Ehrgeiz und vielen Subventionen vorangetriebenes Projekt, noch mehr Weingartenflächen zu produzieren. Ob es nach einigen Jahren möglich sein wird, den im jetzigen Trend produzierten Rotwein an den Mann zu bringen, steht in den Sternen.

      Im Südburgenland gab es bis vor einigen Jahren ein eigenartiges Phänomen. man erzeugte in überschaubaren Mengen für den Hausgebrauch und für Gäste einen Hybridwein, der gesetzlich verboten war. Nicht einmal in kleinen Mengen durften Trauben aus diesen unveredelten (wilden) Sorten den edlen Sorten beigemengt werden. Die Trauben dieser "Direktträger" hatten verschiedene Namen wie Isabellatraube, Noa (Nova), Delaware und waren am Laubwerk leicht zu erkennen. Dann erkämpften die betroffenen Weinbauern eine Freigabe des Weines für den Verkauf und es gelang ihnen, durch eine geschickte Vermarktung in Tongefäßen (Blizerl) für den "Uhudler" unverhältnismäßig hohe Preise zu erzielen.

      Auf den ersten Blick noch bedenklicher ist die Entwicklung bei Handel und Gewerbe. Ehemals wichtige Handwerker wie Wagner, Fassbinder, Schuhmacher, Schneider, Sattler, Hufschmied, Fleischhauer, Müller, Mechaniker gibt es ebenso wenig, wie es auch um die kleineren Kaufleute schlecht bestellt scheint.

       Trotzdem gibt es hoffnungsvolle Entwicklungen und Bemühungen, den so oft zitierten Strukturwandel in Bahnen zu lenken, die den Bestand der dörflichen Identität nicht gefährden. Ein erfreuliches Beispiel dafür ist die Tatsache, dass sich eine neue Weinbauernvereinigung "Die St. Margarethener" nennt!

                                                                        

      Was schon lange von zukunftsorientierten Weinfachleuten propagiert wurde, wird nun über den Umweg Brüssel auch hier durchgeführt werden: Während früher, vor allem in Zeiten des Mangels wie in Nachkriegsjahren der Gedanke an Masse vorherrschte, werden mit Unterstützung der EU flächendeckende Sortenbereinigungen durchgeführt und dadurch die Marktchancen der weiterhin im Weinbau Tätigen verbessert. Allerdings muss es bald gelingen, die gerade in den besten Rieden des Dorfes durch Rodung entstandenen Lücken und somit Produktionsverluste mit Neuaussetzungen durch tüchtige zukunftsorientierte Jungweinbauern zu reaktivieren. Technologie, die vom Rebschnitt bis zur Kellerwirtschaft neben Fässern aus edlem Holz oder Tanks aus Edelstahl alles einsetzt, was die Arbeit erleichtert und das Produkt verbessert, ist heute aus dem Weinbau ebenfalls nicht mehr wegzudenken.

     Was man den stetig weniger werdenden Weinbauern, die auch nebenbei immer größere erworbene oder gepachtete Ackerflächen bewirtschaften - wobei hier der Viehstand vollkommen verschwunden ist - wünschen kann, ist auch für Getreide, Raps, Sonnenblumen etc. viel Sonnenschein, der durch ein Blüte symbolisiert werden soll.

 

 

 

Moagredn, Moagredn,

 

waunn ma di nit hädn

 

Eine kurze, tröstliche Geschichtenreise:

Mit unserem eigenen Dialekt zurück in längst vergangene, bescheidenere Tage

 

Mundart und Lebensart

im einstigen St. Margarethen im Burgenland

 

Erlebt, erlernt, erfahren und hier überliefert von

Josef Altenburger

2004

 

Ereignisse an einer Grenze, mit der die St. Margarethener zu leben gelernt haben

        Das später zeitweilig schwere Leben der Einwohner des heutigen St. Margarethen begann schon vor oder bei der Ersterwähnung im Jahre  1232. Die ersten Dokumente des Hochmittelalters waren Schenkungsurkunden, wenn eine Niederlassung samt Grund und Boden, Behausungen und Einwohnern weitergegeben wurden. Schrecklicher als die einfallenden Horden und Feinde waren nur die oft unerbittlichen Grundherren. Das Schicksal meinte es nur selten gut mit den Bewohnern der Bufferzone zwischen den Magyaren und dem Herzogtum Österreich. Das Land ist weit offen gegen den Osten und Süden, woher nicht nur zur Zeit Christi die Römer sondern in der Folge viele Völker der Völkerwanderung herannahten. Türken, Kuruzzen, Franzosen, Freischärler und schließlich sowjetische Truppen näherten sich im Laufe der Jahrhunderte vom Süden her aus der Richtung Ödenburg dem Dorf über eine Straße, die vor 2 Jahrtausenden von den Römern angelegt wurde und als "Bernsteinstraße" in die Geschichte eingegangen ist.

      Waren schon der Krieg, die Menschenopfer, die Niederlage und die "Befreiung" mit weiteren Verlusten, Wunden und Einbußen für die Bevölkerung schmerzhaft, so wurde noch eine weitere Schmach den vielen Erniedrigungen beim Kriegsende hinzugefügt: Drei Jahre nach dem enttäuschenden Frieden wurde eine totale Grenzsperre geschaffen, wie sie nicht einmal seit dem im Jahre 1921 vollzogenen Anschluss Westungarns (später Burgenland getauft) an Österreich denkbar gewesen wäre. Unsere ungarischen Nachbarn waren wohl über die Verlust dieses Voralpenlandes unglücklich. Die Grenze aber blieb weit offen, weil Besitzer von hüben ihre Äcker drüben bearbeiten mussten.

        In dem oben angeführten Link "Der Eiserne Vorhang" findet man mehr über den 40 Jahre lang bestehenden Drahtverhau, der unerwartet  hier bei St. Margarethen so spektakulär durchbrochen wurde, dass die Weltöffentlichkeit dieses sensationelle Ereignis gar nicht richtig einschätzen konnte.

Ein unglaublicher, überraschender Anblick für den Autor, der sich nach längerer Zeit wieder einmal zögernd der gefährlichen Grenze genähert hatte:

Der verrostete, teils abgefallene Stacheldraht!   Im Hintergrund der  geackerte Spurenstreifen und ein Wachtturm bei St. Margarethen: 1. Mai 1989

Das Tor bei St. Margarethen am 19. August 1989

      Bereits einige Jahre vor 1989 war der Jahrzehnte lang gefürchtete und gemiedene Stacheldraht des "Eisernen Vorhanges" einsam und verlassen dahingerostet und löcherig geworden, ohne dass es den interesselosen Österreichern aufgefallen wäre. Man hatte sich daran gewöhnt, bei der Fahrt nach Sopron zweimal kontrolliert zu werden und nicht auf die Seite zu blicken. Die Bauern, die neben dem Drahtverhau ihre Grundstücke bearbeiteten, wussten, dass der Draht schon mehrere Male verrostet war und erneuert werden musste.

     Dass die noch intakten östlichen Regime Zersetzungserscheinungen zeigten, war nicht deutlich erkennbar, wenn auch im Westen und bei der Bevölkerung der östlichen Länder erhofft. Der Autor hatte das Foto vom zerfallenden Drahtverhau  am 1. Mai 1989 mit ängstlichen Gefühlen aufgenommen, weil man sich dabei dem Stacheldraht gefährlich nähern musste.  Zufällig begannen die Ungarn am 2. Mai 1989  im Süden des Burgenlandes mit dem Abbau des Verhaus. Langsam arbeiteten sich nach Norden vor.

      Der Sommer 1989 zog ins Land. An den Grenzübergängen hatte sich an der Routine nichts geändert, aber immer öfter hörte man von ostdeutschen Flüchtlingen, die durch das Schilf am Rande des Neusiedler Sees bei Mörbisch wateten oder durch den Wald in die Freiheit krochen. Nicht allen gelang dies sofort. Bis zu sechsmal wurden einige immer wieder ertappt und zurückgetrieben. Die Glücklicheren unter ihnen wurde in Mörbisch betreut und in Wien von der deutschen Botschaft übernommen. Die Situation in Ungarn spitzte sich dramatisch zu, denn das ausgelaugte Land konnte die vielen rückkehrunwilligen Ostdeutschen einfach nicht mehr aufnehmen und betreuen. Auch die deutsche Botschaft, die allen Ostdeutschen deutsche Reisepässe ausstellte, war bald überfüllt.

       Als nach dem 27. Juni 1989, dem Tag, als Außenminister Alois Mock und der ungarische Außenminister Gyula Horn beim  Klingenbacher Wald vor der Presse symbolisch Drähte des elektronischen Signalsystems durchschnitten, keimte bei den in der deutschen Botschaft in Budapest schon viele Tag lang auf neutralem Boden ausharrenden Urlaubern neue Hoffnung auf, denn die Bilder waren im Fernsehen weltweit und auch in Ungarn  verbreitet worden.

 Die Außenminister Mock und Horn durchschneiden symbolisch   Drähte des elektronischen Signalsicherheitssystems (27.6.89) Foto Bernhard J.Holzner

       Ab 16. August 1989 wurden in St. Margarethen Flugzettel aus Ungarn verteilt, die auch auf den Lagerplätzen der Ostdeutschen kursierten. Unter der angeblichen Schirmherrschaft von Dr. Otto Habsburg und Minister Imre Pozsgay lud ein Komitee politischer ungarischer Foren die Bevölkerung von St. Margarethen auf eine Busfahrt zu einem "Paneuropäischen Picknick am Ort des Eisernen Vorhangs am 19. August 1989 von 15 Uhr bis 18 Uhr nach Sopronpuszta bei Ödenburg." Der Name Paneuropa soll nur zufällig verwendet worden sein. So gut organisiert das Treffen auch schien - Niemand hatte mit einem Grundübel unserer Zeit gerechnet. Ein Stau von Menschen und Trabis hinderte auf der überwucherten Bernsteinstraße einen ungarischen Bus, vorerst nach St. Margarethen zu fahren, Gäste mitzunehmen und mit ihnen zum ersten Mal seit 40 Jahren die Grenze zu überschreiten. Es sollte  aber noch unerwartet dramatischer kommen.

     Samstag, der 19. August war ein heißer Sommertag (33o). Die Jahresweinkost im Herrschaftshaus näherte sich ihrem Ende. Anfangs zeigten aber nicht allzu viele St. Margarethener ein Interesse an einer Einladung zur erstmaligen, dreistündigen Öffnung der Grenzbalken ins kommunistische Ungarn nach 40 Jahren. Ein Stück selbst abgezwickten Stacheldrahtes und ein primitives Picknick auf der verfallenen, nicht sehr einladenden Sopronpuszta waren nichts Besonderes. Schließlich siegte jedoch die Neugierde und manche machten sich mit ihren PKWs, Motorrädern, Fahrrädern und Reitpferden auf den Weg zur Grenze, weil sie nicht auf den angekündigten Bus warten wollten, der die Besucher zum Picknick nach Ungarn bringen sollte.

      Der Bürgermeister von St. Margarethen, der den ungarischen Organisatoren die Mithilfe zugesichert hatte,  und ein Schar Einwohner von St. Margarethen und deutsche Urlauber warteten auf dem Hauptplatz vor dem Rathaus geduldig aber lange Zeit vergebens auf das für 15 Uhr  vereinbarte Eintreffen eines ungarischen Busses. Die Musikkapelle spielte fleißig vor dem zu erwartenden Empfang der Magyaren, der aber nie stattfand.

     Die seit 40 Jahren ungepflegte und durch wucherndes Unkraut sowie Sträuchern  bereits sehr verengte Zufahrtsstraße zur Grenze war in Ungarn bereits hoffnungslos von ungarischen Wägen und auch verlassenen Trabis verparkt. In Österreich sah es etwas besser aus. An der Grenze hatte sich hier bereits ein beachtliches internationales Publikum, darunter Reporter, TV - Leute und Verwandte aus Westdeutschland eingefunden. Viele der in Ungarn wartenden DDR - Urlauber misstrauten der Botschaft von der offenen Grenze und kamen nicht, womit hier wohl eine unkontrollierbare Massenflucht von Tausenden ausgeblieben ist. Es steht aber auch die Frage im Raum, was geschehen wäre, wenn die kleine Schar St. Margarethener und ihr Bürgermeister die Einladung zum Picknick ignoriert hätten: Die Ungarn hatten für das Fest auch andere Standorte in Erwägung gezogen. Diese lagen aber durchwegs weiter im Landesinneren, wobei die Ostdeutschen keine derartige Gelegenheit vorgefunden hätten, wie es beim Tor von St. Margarethen samt einer breiten Straße gegeben war! Selbst die offiziellen österreichischen Stellen hatten nur eine Teilnahme von nicht mehr als 100 Personen erwartet!

      Etwa 3 Minuten vor 15 Uhr wurde das Tor von mehreren ungeduldigen jüngeren Männer in Richtung Österreich aufgedrückt.  Nach Berichten aus Ungarn war vorerst der Schlüssel für das verrostete Schloss unauffindbar. Schließlich fand man ihn und sperrte auf, damit österreichische Zöllner zu einer Besprechung die Grenze überschreiten konnten. Somit erforderte das Aufdrücken des Tores auf die Österreich zugewandte Seite für die entschlossenen Männer keine besondere Kraftanstrengung, sondern eher mutiges Handeln angesichts der ungarischen Grenzwache.  Das Ganze glich einem Schuss, der nach hinten losgeht. In dem folgenden kurzfristigen Chaos wusste fast  niemand, was wo stattfinden sollte. Sobald die erste Welle der Ostdeutschen in Österreich waren, wurde das Tor wieder geschlossen und etwas später nach einer kurzen Ansprache vor vielen Fotografen offiziell geöffnet - in Richtung Ungarn, später aber wieder in die entgegen gesetzte Richtung.

       Erst als die etwa 200 teils weinenden teils lachenden DDR - Bürger, die als Erste aufgeregt herübergedrängt hatten, im Laufschritt nach etwa 400 Metern die Ecce Homo  Säule erreicht hatten und sich erst dort in Begleitung eines Gendarmen sicher fühlten, konnten die vorher rücksichtsvoll zurückgewichenen  und geschlossen wartenden St. Margarethener überrascht zum Picknick jenseits der Grenze eilen, während sich an ihnen vorbei immer noch mehr und mehr Deutsche vorbei zwängten. Schließlich überschritt auch der Bürgermeister formlos die Grenze. Die von den Ungarn so schön geplante erste Fahrt von St. Margarethenern nach 40 Jahren war einem Übel unserer Tage - einem Stau - zum Opfer gefallen. Viele Österreicher blieben in dem Durcheinander diesseits und beobachteten interessiert das Geschehen. Bald durften auch westliche Privatautos, Reiter und Radfahrer das Tor passieren. Nur etwa 45 Einwohner von St. Margarethen gelangten zum Picknick. Einige überschritten nur kurz die Grenze, scheuten aber den kilometerlangen Fußmarsch zur Puszta und kehrten gleich wieder um. Wer nach 18 Uhr zum Stacheldrahttor zurück kam, fand es wieder verschlossen vor und musste über Klingenbach heimfahren. Gegen Ende der Öffnungszeit war die anfängliche Hektik gewichen und manche DDR -Bürger gingen bereits als Nachzügler gemächlich mit einem gewissen Gefühl der Sicherheit an den entgegenkommenden ungarischen Grenzwächtern, welche ohnehin weder einen Schießbefehl noch eine Erlaubnis zum Waffengebrauch hatten und unbewaffnet waren,  vorbei ins freie Österreich. Aber für alle Eventualitäten war bereits ungarisches Militär in Lastautos zur Grenze beordert worden, ohne eingreifen zu müssen.

      Während der kurzen Öffnungszeit und der unerwartet günstigen  Fluchtmöglichkeit fuhr ein einziger DDR - Bürger mit seinem Motorrad nach Österreich. Dutzende Trabis (Trabant, DDR "Volkswagen" mit Zweitaktmotor und Plastikaufbau) blieben in Ungarn am Straßenrand oder Campingplätzen verlassen stehen. Was mit ihnen später geschah, ist nicht bekannt. Wie viele abgeholt oder als billige Ersatzteillieferanten verwendet wurden, ist nie erhoben worden.

     Die verantwortlichen ungarischen Offiziere an der Grenze blickten nach ihren späteren Angaben wegen der unerwarteten Entwicklung und ihrer machtlosen Position gegenüber der Menschenmasse vor dem Zaun skeptisch den Verfahren entgegen, die sie erwarten mussten. Es wurde ihnen aber vom Ministerium versichert, dass sie ohne Konsequenzen abgemahnt würden.

      Bis 18 Uhr waren 665 ostdeutsche Bürger zu Fuß oder mit Hilfe privater Autofahrer ins Dorf gelangt. Sie wurden im Freizeitzentrum gelabt und registriert. Sie durften telefonieren und sich duschen.  Die deutsche Botschaft übernahm alle Kosten und bestellte auch Busse, womit die frohen, teils aber wegen ihrer in der DDR verbotenen Flucht ohne baldige Wiederkehr besorgten Menschen bis 21 Uhr zum Wiener Westbahnhof gelangten. Per  Bahn ging es weiter nach Gießen in Hessen. Die internationalen Reaktionen vor allem seitens der noch intakten  und von Waffen strotzenden Ostregime waren nicht abzusehen.

     Erst einige Wochen später wurde uns Zeitzeugen bewusst, dass einige von uns mit den eigenen  Autos wie "Privattaxis" bei einem Weltereignis 1. Ranges mitgeholfen hatten. Ein kleiner Riss im Damm des Ostblocks brachte bald den roten Riesen zum Einsturz. Die Berliner Mauer fiel  dann  am 9. November 1989.

     Am nächsten Morgen nach dem Ereignis fotografierte ich das wieder vereinsamte Grenztor, von dem teilweise der Stacheldraht entfernt worden war und das niedergetrampelte Gras, welches  mehr als 40 Jahre auf der Straße gewachsen war. Dabei fiel mir mit dem   "Tor bei St. Margarethen" ein Vergleich zur   "Brücke  bei Andau" 1956 und  zum   "Brandenburger Tor" ( 9. 11. 1989) ein.

     Ab 10. 9. 1989 gab Ungarn erleichtert die Grenze frei: 65.000 DDR Bürger durften mit ihren Autos oder mit der Bahn ausreisen. Mit ihnen verlagerte sich das Problem ihrer Unterbringung und Versorgung  und ihre persönlichen Hoffnungen nach Westdeutschland.

     Das "Tor bei St. Margarethen", ein historischer Meilenstein, hatte bald ausgedient und wurde entfernt. In einem ungarischen Steinbruch ist es inzwischen total verrottet. Seit 19.8.1999 ziert auf der österreichischen Seite eine Gedenktafel diese "Schleuse in die Freiheit". In Ungarn errichteten japanische Sponsoren einen Brunnen mit einer Überdachung und setzten 36 japanische Kirschen. Ein traditioneller Feldweg, der einen km lang ungarisches Gebiet überquert, wurde asphaltiert und darf in den Sommermonaten als Radfahrweg benützt werden. Nach einem Dutzend Jahren ist der Ort bzw. das Ereignis zwar fast vergessen, aber gewiss ein Teil europäischer Geschichte. Nur sehr wenige der Flüchtenden vom 19. August 1989 haben den Weg zu dem Ort zurück gefunden. Sie hatten und haben alle wahrscheinlich andere Sorgen. Das damalige historische Ereignis ist heute bereits zur Erinnerung geworden.

Als weiteren Schritt für den Eintritt Ungarns in die EU wartet man hier auf eine "Enklavenlösung", bei der man die beiderseitigen Gedenkplätze zu Fuß besuchen könnte, wie dies bei Andau an der Einserkanal - Brücke schon lange möglich ist.

Betrachtungen zum Lebenslauf eines

Dorfes im Wulkatal

Theorien, Spuren, Quellen und Ereignisse aus verflossenen 1000 Jahren

CHRONIKEN sind unverzichtbare Resultate exakter Forschung für die schriftliche Bewahrung der historischen lokalen Ereignisse und vermitteln Jahreszahlen, Abläufe, Fakten und Daten in informativer Weise. Gemeint sind wissenschaftlich gesicherte Aufzeichnungen und nicht die gewiss interessanten, manchmal unterstützenden, oft liebevoll privat niedergeschriebenen Erzählungen und Notizen schreibfreudiger Menschen.

BETRACHTUNGEN sind subjektive Stellungnahmen zu den Ursachen und Folgen politischer und wirtschaftlicher Entwicklungen. Durch das Einbringen des Eigenerlebens von Zeitzeugen empfindet man sie lebensnaher, und sie beziehen sich mehr auf die jeweiligen Menschen, deren Schicksal direkt im Zusammenhang mit erlebten Ereignissen stand. Um die Jahrtausendwende ist das Dorf in den Mittelpunkt vieler Gruppierungen und Ideenträgern geraten:

Politiker, Volksbildner, Volkskundler, Mundartforscher, Historiker etc. haben aus verschiedenen Motivationen ihre Liebe zum Dorf entdeckt oder wieder entdeckt. ERFORSCHEN, ANALISIEREN, PROGNOSTIZIEREN, IDEEN FÜR ERNEUERUNG, REVITALISIERUNG, RENOVIERUNG, WEITERENTWICKLUNG usw. können viele entfalten, selbst wenn sie von sich selbst sagen müssen: "Ich bin ein Kind der Stadt......"

Die Sensoren zum Nachempfinden einstiger elementarer Gefühle für die Verbundenheit zur Nachbarschaft und zur weit verzweigten "Freundschaft" (Blutsverwandtschaft) können nur Menschen ihr eigen nennen, welche von Geburt an in guten und besonders  in bösen Tagen in einer solchen Schicksalsgemeinschaft integriert waren. Hatte man sich früher in der "großen Welt" einer solchen Herkunft fast geschämt, ist es nun beinahe Mode geworden, den eigenen Aufstieg von unten als Beweis für die persönliche, gegenwärtige Tüchtigkeit zu erforschen oder erforschen zu lassen und offen zu legen. den direkt personenbezogenen oder virtuellen Weg zurück in ihre dörfliche Vergangenheit treten viele leider vergeblich an. (Schon vor einem Jahrhundert hieß es in einem Volkslied: "In meine Heimat kam ich wieder; es war die alte Heimat noch: Dieselbe Luft, dieselben Lieder, doch alles war ein anders doch....."

Auf der Suche nach einem Dorf, nach meinem Dorf

Es sind nicht nur die nach Jahrzehnten ins Dorf zurückkehrenden Auswanderer, die mit staunenden, teil lachenden, teils weinenden Augen das das suchen, was sie erst in der Fremde schätzen (aber teilweise hart kritisieren) gelernt hatten: Ihre alte Heimat, dies sie so vorzufinden wünschen, wie sie diese verlassen haben. Es ergeht ihnen nicht viel besser als jenen, welche zu Hause geblieben sind, und denen ebenfalls das Dorf der vergangenen Tage abhanden gekommen zu sein.

Jeder Mensch trägt Erinnerungen und Bilder in sich, die aus seiner für Eindrücke aller Art empfänglichen Kindheit herrühren. Er mag sie zeitweilig verdrängen, aber auszulöschen vermag er sie nicht. Was beim Aufeinanderprall dieser imaginären Impressionen und der trockenen Wirklichkeit bei einem Besuch nach langer Abwesenheit im heutigen Dorf an persönlichen Emotionen, Fragen und Wünschen zu Tage tritt, ist diesen Menschen nur sehr schwer zu entlocken. Anderseits zeigen die gegenwärtigen Dorfeinwohner wenig Interesse am Festhalten an Traditionen und alten Normen im Bauwesen, wenn sie dabei selber die freie Hand verlieren. Sie errichten lieber neue Häuser in der Peripherie des Ortes und sind nur selten dazu bereit, ein altes Haus abzutragen, um im Dorf zu bleiben oder um sich die heute bereits hohen Kosten für einen Bauplatz samt der Erschließung zu ersparen.

Das Argument der ungesunden feuchten Mauern in den oft an einem Bach liegenden Siedlungen ist trotz der vielen neuen bautechnischen Möglichkeiten kaum zu entkräften, denn Trockenlegungen sind selten erfolgreich. Dazu kommt die baulicher Besonderheit der aus Verteidigungsgründen eng aneinander gebauten schmalen Streckhöfe in den häufig von feindlichen Einfällen gefährdeten Ort im östlichen Flachland, welche wenig Spielraum für eine Erweiterung oder zeitgemäße Anpassung an einen selbstverständlich gewordenen modernen Standard bieten.

Wo und wie finde ich das Dorf meiner Kindheit oder das, was davon noch übrig geblieben ist? Auf der Suche nach der Vergangenheit kann man sich (allerdings jahrzeitlich bedingt) sehr gut auf die eigenen Sinne verlassen: Kein Dorf gleicht im Anblick dem anderen, jeder Siedlung haftet haftet ein anderer Geruch an, Sprachlaute und die Alltagsgeräusche kann man oft sehr leicht einem bestimmten Ort zuweisen. Sei es im Mai der Akazienduft oder im Oktober der Geruch gärender Trebern und die oft spöttisch erwähnte "Landluft" vom einstigen, längst verschwundenen Misthaufen im Hinterhof. Auch das Fehlen solcher Merkmale kann Emotionen hervorrufen. Solange noch Haustiere die Ställe füllten, ertönte es den Tag über vom Morgenruf der Hähne bis zum Gebrüll der Rinder, die zur oder von der Weide strömten, durch die Gassen. Der dörfliche Sonntag war still. Im Sommer war ein ständiges Gesumm der Millionen Fliegen nicht zu überhören. Mit verbundenen Augen hätte man wahrscheinlich erkennen können, ob man schon zu Hause angelangt ist.

Von all diesen Sinnesempfindungen ist im Dorf nicht viel geblieben, oder sie sind bis zur Unkenntlichkeit verändert oder überlagert worden. Die Kernzonen der Dörfer - bei großen Siedlungen oder auch kleine Städtchen Altstadt oder heute "City" (!) genannt, sind auf den ersten Blick teilweise noch ganz gut erhalten geblieben, wobei nicht unerwähnt bleiben darf, dass gerade die steinernen Bauteile fast keine Schäden aufwiesen. Wo die Gemeinden eingreifen, wird meistens fleißig und manchmal auch liebevoll originalgetreu restauriert und mit den Neubauten harmonisiert, soweit dies möglich erscheint. Die einst bei nassem Wetter "grundlosen" Gassen, Wege und Gehsteige wurden mit Asphalt staubfrei und regensicher gemacht. In der Naturlandschaft sind sie allerdings keine Zierde. Sie ermöglichen einen teuflisch rasanten Verkehr auf den so genannten Güterwegen.

Aus den Dörfern werden im Laufe der Zeit durch umfangreiche Neubauten in der Peripherie und Umgestaltungen im historischen Zentrum Wohnsiedlungen riesigen Ausmaßes. Dass sie sich einmal zu Städten entwickeln werden, liegt Gottlob noch in weiter Ferne.

Sind die burgenländischen Gemeinden, ist St. Margarethen noch als Dorf anzusprechen? Sie sind alle sauberer geworden, was auf den allgemeinen Wohlstand der letzten Jahrzehnte zurückzuführen ist. Die uralten, verfallenden  und bereits seit langer Zeit unbewohnten Häuser  kann man an den Fingern abzählen. Neue, meistens rote Dächer leuchten weithin über die Landschaft. Fast alle Fenster sind ausgetauscht worden. Plastikfenster sind wegen ihrer hohen Haltbarkeit den Holzfenstern in der Verbreitung bereits weit überlegen, weil Holz wohl schöner, stilvoller aber auch teurer ist. Für Landschaftsmaler wird es immer schwieriger, wie bisher idyllische Malerwinkel ausfindig zu machen. (In Ungarn meinte man 1990, die Armut der Leute und des Staates wären dort der beste Denkmalschutz gewesen, was 10 Jahre später auch dort längst schon wieder überholt erscheint.)

Fehlt noch ein Blick auf den Teil des Dorfes, den ein Schulmeister gegen Ende des 19. Jahrhunderts in einer so genannten "Seelenzählung" festgestellt hat: Die Dorfleute - schöpferischer Leib und motivierte Seele in einem.

Blick ins Dorf

Idyll im Hinterhof eines Streckhofes: alte Scheue mit Brunnen, Steinmauer und  blühendem Birnbaum

                       Bauernbrunnen aus Stein  mit Klobenrad

                                                                                                                                           

 

                                                              

                                                                                    

 

 

 

 

 

 

                                                                                                                                                                                              

 

 

 

 

Grundbirnernte am früher unverbauten "Zigeunerriegel", wo die "Fahrenden" lagerten

Das Epitaphium des Steinmetzmeisters und Marktrichters Adam Kugler (1667 - 1755) an einer Säule der Pfarrkirche St. Margarethen i. B.

Auf Schneeberg und Rax liegt noch Schnee, der Weinstock wird bald erwachen,  aber die Kirschen blühen als Frühlingsboten. Die Weinreben ruhen noch.

Prof. Albert Kollmann, Eisenstadt, zählt zu den vielen namhaften Künstlern, die uns Bilder vergangener Tage aus dem Dorf hinterlassen haben.

Ein wesentlicher Faktor beim Überleben und Fortschritt der Bauern war die Kraft der treuen Zugtiere. Dorfkinder kennen  heute oft keine Rinder mehr.

Die Landwirtschaft  ist hoch motorisiert. Riesige Strohballen prägen das Bild der Nacherntezeit.  Aquarell: Julia Lederer 1998

Ernte gut  -  alles gut!   1937: Mit dem letzten geschmückten Lesewagen kehren auch die Weingartenhüter in ihre Familien  zurück.

Barfuß und bewaffnet mit ihrer Waffe, der wie eine Hacke aussehende "Hetschn", kommen sie vom  "Biri", den Weinbergen im Hügelland,

über die Landstraße beim Steinbruch vorbei ins Dorf. Dort erwartete sie ein "Hiattertanz" und der Hüterlohn.

Kein einziges Auto kommt ihnen entgegen oder überholt sie. Heute ist es eine hoch frequentierte Durchzugsstraße.

Im Hintergrund das ehemalige Symbol von St. Margarethen, der "Schiedriegel" - Abraum und Steinsplitter aus Jahrhunderten.

Das Panorama hinter einem Holzschlag im Gemeindewald lässt das erahnen, was ein begeisterter Urlauber gefühlt  haben mag,

 als er den Blick aufs Leithagebirge mit einigen Gegenden in der italienischen Toskana verglich.

1938: Die fast ganztägig autofreie, ruhige Hauptgasse im "obern Ort". Heute ist sie eine von Lärm erfüllte, pulsierende Durchzugsstraße.

        Mit dem Beginn der Strukturverbesserung im 2. Viertel des 20. Jahrhunderts verschwanden stufenweise die traditionellen bäuerlichen Merkmale aus dem Dorf, die von Besuchern oft mit Romantik verglichen wurden: Strohdächer, Straßengräben, Steinfenster und Türstöcke (Gewände), Hausbrunnen, "Rötzen" (Wasserlöcher in den Gärten), Prellsteine (Radabweiser), offene Küchen mit schliefbaren, wuchtigen Rauchfängen, Stadeln (Scheunen) und Ställe aller Art etc. sind großteils entfernt, umgestaltet oder auch neuzeitlich renoviert worden.  Die zur Seltenheit gewordenen Einzelstücke werden bald verschwunden sein. Ebenso brachte die oft übertriebene Motorisierung eine Veränderung der für ein Bauerndorf typischen Geräusche: Schon lange kräht kein Hahn mehr, denn sie sind ebenso Vergangenheit wie der viel zitierte Misthaufen mit seiner "Landluft".

      An den Wochenenden von zwei Sommermonaten ist St. Margarethen nunmehr alljährlich Festspielgemeinde. Das bringt national und international im Zusammenhang mit dem lange Zeit bekannten Steinbruch einen höheren Bekanntheitsgrad als die bisherigen Bemühungen der Landwirtschaft, des Weinbaues  und des Gewerbes. Industrielle Ambitionen hat es hier in größerem Stil nie gegeben, sonst hätte man nicht stillschweigend zugesehen, als die Eisenbahnnebenstrecke nach Schützen a. G. abgetragen und die Trasse samt Bahnhof verkauft wurde. Der Zug ist in Richtung Passio et Opera sowie Märchenwald abgefahren. An den sommerlichen Lärm der zum See, zur Operette, zur Oper bzw. Passion und den Märchenpark zufahrenden Autos wird man sich an der Hauptstraße gewöhnen. Auch wird die Wiedereröffnung der alten Ödenburgerstraße (röm. Bernsteinstraße) nicht sehr lange zu verhindern sein.

      Elektrischer Strom, Wasserleitung, Kanalisierung, Gehsteige und Asphaltstraßen sowie die Verwendung verbesserter Baumaterialien und Maschinen für alle Zwecke waren die ersten verwendeten Errungenschaften des 20. Jahrhunderts, die bald zu einer Versiedelung wenn nicht  Verstädterung der Dörfer führten. Nachgeweint hat der "guten alten Zeit" wohl niemand. Die Erhaltung wertvollen Kulturgutes vor allem aus Stein sollte in St. Margarethen aber eine Verpflichtung sein. Haben wir doch mit der Fa. Hummel einen florierenden Steinabbau- und  Steinmetzbetrieb, der bewusst die kunstvolle Tradition der  Steinmetzmeister  vergangener Jahrhunderte weiter trägt.

                                                                                                                                                                                          

 

Lebensabschnitte einer Dorfschule

 

      Eine Schule – geschaffen vom Volk, für das Volk, belebt durch das Volk – unsere Volksschule. Wenn sich eine Gemeinde über deren Verschönerung, Erweiterung und Modernisierung mit einer Weihe und einer Feier freut, geziemt es sich, ein paar Worte des Rückblicks zu widmen:

      Wo werden die zwei Studenten der Universität Wien 1458 Wolfgang Preidler und Bilibaldus Phantzagl  aus Sancta Margarita prope Ferream Civitatem („bei der eisernen Stadt“) wohl das Einmaleins, das Lesen und Schreiben gelernt haben? Niemand weiß es!

       Vor dem ersten Türkenzug 1529 findet sich die Aufzeichnung über einen hiesigen Schulmeister, der von bösartigen Frauenzimmern mit vergiftetem Wein umgebracht wurde. Eine Ödenburger Mittäterin wurde dafür in ihrer Stadt „mit Wasser vom Leben zum Tod verurteilt“.

       Schwierig auch die Zeit der Reformation für Lehrer und Schüler. Der Pfarrer vertrieben, ein Flacianer (Sektenbruder) als Schulmeister. Ein heftiger Streit zwischen beiden. Der Lehrer starb nach einem Schlag mit einer „Hetschn“.

       Erst nach 1600 gewinnt die Schulstube ein wenig Anerkennung beim hart arbeitenden Volk. Sorgenvoll der Lebensweg der angelernten Schulmeister, die mehreren Herren dienen müssen: Wissensvermittler und Gemeindeschreiber, der auch dem Seelsorger an die Hand zu gehen hatte. Glücklich der Lehrer, der einen Gehilfen für die Aufsicht hatte!

       Mit der wachsenden Bevölkerungszahl füllte sich  die anfangs kleine dumpfe Stube zusehends, bis  manchmal 180 Kinder (in der kalten Jahreszeit) in den Bänken oder auf dem Fußboden saßen. Glücklich, wer eine Schiefertafel samt einen Griffel sein eigen nannte.

      Erst im 19. Jahrhundert kam ein zweiter Klassenraum. Für einen dritten hatte der damalige Gemeinderat kein Verständnis, „weil die 280 Kinder durch 2 Lehrer gehörig unterrichtet werden können“. (1855 waren es bereits 277 reguläre und 192 Sonntagsschüler!)

       Vor genau 90 Jahren – 1912 –  endlich das jetzige Gebäude mit 4 Klassen für 320 schulpflichtige Kinder von 6 bis 12 Jahren. Erfolgloser Versuch, außer den Gebeten ungarisch total zu vermitteln. Geblieben war nur, was gedrillt worden war: das Kleine Einmaleins!

        Ab 1923 die österreichische achtjährige Schulpflicht. Mit hohem Engagement der Lehrer (und auch schon Lehrerinnen!) wurde das Fehlen weiterführender Schulen teilweise kompensiert. (Die Bürgerschule Rust schloss 1934/35 ihre Pforte)

         Der arge Mangel an Lesestoff fast  bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts wurde bald durch ein Überangebot an Gedrucktem abgelöst. Die Bildschirmmedien wurden langsam zur erdrückenden Konkurrenz – für die Printmedien und teils auch für den Schulunterricht.

         Das angebrochene 21. Jahrhundert bringt nun den „Zauberkasten“ Computer auch in die Klassen der Kleinsten – nichts Neues für sie, wenn sie schon zu Hause damit spielen konnten.

         Was mit den Zugriffs- und Abrufmöglichkeiten für alle über das schon legendäre WWW mit dem Internet auf uns und die Schulkinder zukommt, die man mit der „Freiheit über den Wolken“ vergleichen mag, ist mit den Chancen und ihrer Gefährlichkeit nicht abschätzbar.

Das prachtvoll erneuerte Haus möge zum Wohle des Volkes weitere Dienste leisten!

                                                                                                                                             

                                                                                                                               

 

 

 

Ein Blick zurück auf ausgewählte tragische Ereignisse, die teils schon in die Erinnerung versunken sind

Fliegeralarm:   Aus dem Kriegsalltag (1939 - 1945) im Dorf

Einen feindlichen Flieger, der mit seinem Fallschirm aus den Wolken fiel, als hilflosen Menschen zu sehen, fiel schwer.

      Schon zwei Jahre vor dem Kriegsende hatten Gefahr, Tod, Angst und die Begegnung mit Feindsoldaten die Heimat erreicht. Bomber zogen fast täglich dahin, warfen ihre mörderische Last ab und verschwanden wieder in großer Höhe. Hin und wieder aber kam es vor, das das Schicksal einen der vielen stolz abfliegenden Kriegsvögel traf: Schrecken und ein traumatisches Erlebnis für die im letzten Augenblick ins Ungewisse springenden Feindflieger - Ein zwiespältiges Erlebnis für die von Zorn ergriffenen Zivilisten bei der Begegnung mit den wehrlos gewordenen oder auch verwundeten, zu Gefangenen gewordenen Feinden. Im Burgenland ist es zu keinen Revancheakten, Lynchjustiz oder Misshandlungen gekommen, sieht man von der befohlenen Erschießung von 4 Fliegern neben  einem RAD - Lager im Nordburgenland ab. 60 Jahre später erinnern sich die überlebenden US - Kriegsgefangenen vor allem an die für verwöhnte Amerikaner harten Tage in den Lagern, wo es aber auch nicht schlimmer war als in den Kasernen der deutschen Soldaten.

      Der Zweck dieser Arbeit liegt für den Autor darin, dass er mit den ehemaligen Feinden den elektronischen Kontakt und das persönliche Gespräch pflegt, zumal er selber zwei seiner Jugendjahre als Kriegsgefangener in den USA verbracht hat. Die Zeitzeugen der damaligen Schicksalsjahre auf beiden Seiten sind heute viel gesprächsbereiter als sie es mehrere Jahrzehnte nach 1945 waren. Es wäre schade, wenn diese Erlebnisse für immer verloren gingen.

      Der II. Weltkrieg hatte gegen Ende 1942 nicht nur seine Halbzeit sondern nach dem Fall Stalingrads (31.1.1943) und der Kapitulation des Afrikakorps (13. 5. 1943) auch den Höhepunkt der deutschen Erfolge überschritten.

       Mit den  Bomben, die am Freitag, 13. August 1943 beim ersten Luftangriff  gegen österreichisches Territorium auf die Flugzeugwerke Wiener Neustadt abgeworfen wurden,  verfiel der Schreiber dieser Zeilen an Ort und Stelle in Nachdenklichkeit, denn er befand sich mit dem Einberufungsbefehl zur Wehrmacht in der Tasche auf einem letzten Besuch in der Lehrerbildungsanstalt und begab sich zum Bahnhof, als um 13Uhr 55 die ersten Bomben fielen.  Es war ein Abschied von einer Stadt, in der sich nun immer häufiger zu dem Propellergeheul der tief fliegenden Messerschmitt Testflieger Sirenentöne und Bombengetöse mischten. Die Stadt wurde schließlich bis zum Kriegsende zu 95 % zerstört.

       Der Krieg hatte unerwartet und überraschend auch unsere Heimat erreicht. In Wiener Neustadt und in St. Margarethen standen trotz Sirenengeheul die Leute auf der Straße und bestaunten die in 7000 m Höhe dahin ziehenden "Silbervögel", bis die weit ins nördliche Burgenland hörbaren Explosionen der Fliegerbomben die Menschen in der Stadt und in den Landgemeinden in die Keller flüchten ließen. Dass die Bomber von den Geschützen der Flak - Artillerieschule als erste Batterie der "Ostmark" unter Beschuss genommen worden sein sollen, ist unwahrscheinlich und nicht dokumentiert. Auch gibt es dafür keine Zeugenaussagen von Bewohnern der umliegenden Dörfer oder beteiligten Flak - Soldaten. Außerdem wurde beim Übungsschießen auf einen Schleppsack keine scharfe Munition sondern nur Markierungsgeschoße mit verschiedenfarbigen Explosionswölkchen verwendet. Erst später standen schwerere Geschütze und Munition für große Angriffshöhen zur Verfügung. Die Schüsse der Flak und die Splitterwirkung sollten aber auch für die Leute  in den Gassen, Höfen  und auf den Feldern zur Gefahr werden. Diese wurde noch dadurch erhöht, dass die Amerikaner nur Tagangriffe flogen.

      Die amerikanische 15. Luftflotte hatte eine bisher von England aus wegen der zu großen Entfernung unmögliche Bombardierung nunmehr von den eroberten afrikanischen Flugplätzen aus erfolgreich erprobt, obwohl von 83 gestarteten Maschinen 22 hatten umkehren müssen. Man blickte gierig auf die noch zu erobernden Flugplätze in Süditalien. Wiener Neustadt hatte schwere Schäden und auch 185 zivile Menschenopfer auf sich nehmen müssen. Die Fliegerabwehr war wach gerüttelt worden und die Zivilbevölkerung ahnte nichts Gutes für die kommenden Tage.  Sie hatten sich nicht geirrt!

       Für die Bevölkerung der Orte rund um den See, deren Schicksal hier näher betrachtet werden soll,  wurden  in den letzten beiden Kriegsjahren die in großer Höhe gegen Wien oder Wiener Neustadt fliegenden Bomberverbände, der warnende "Kuckucksruf" im Radio, die Dorfsirene und das Gebrüll der Flak-Geschütze zum Alltagsleben.

       Die Dramatik steigerte sich beträchtlich, als die ersten Bomber rund um den Neusiedler See vom Himmel geholt wurden. Ein neuer Höhepunkt war die Bombardierung von Eisenstadt durch Fehlabwürfe am Mittwoch, 10. Mai 1944. Aus dem Bericht des Bombenschützen geht nur hervor, dass er der Meinung war, die Bahnstation von Wiener Neustadt getroffen zu haben. Die B -17 (Fliegende Festungen = Flying Fortress)  der 99. Bombergruppe führten eine Bombenlast von zwölf 500 Pfundbomben (225 kg) mit sich. Das ist auch die Anzahl der Bomben, die auf Eisenstadt herabgeprasselt waren. Trotz Zieleinrichtungen und Erfahrung  der Bombardiers  (Offiziere) wurden sehr viele Ziele verfehlt. Die Angst vor der FLAK rund um die Industrieanlagen mag eine wichtige Rolle dabei gespielt haben. Der Begriff Heimatfront wurde bald zur bitteren Wahrheit.

Der 10. Mai 1944

      Weinbäuerinnen und ihre noch nicht eingerückten jugendlichen Söhne und die ledigen Töchter  aus St. Margarethen und Rust arbeiteten in den Rieden um den See und blickten nicht einmal auf, als sie die alltäglichen gewohnten Schüsse der schweren Flak vernahmen. Die heulenden Sirenen der umliegenden Gemeinden waren bis ins Weingebirge nicht zu hören. Diesmal aber näherten sich vom See her ungewöhnlich viele "silberne Vögel".  Es war 11 Uhr vormittags. In der Ferne erkannte man oberhalb des Sees ein halbes Dutzend Fallschirme, die nach Nordwesten gegen Rust getrieben wurden. Von einem Flugzeug war nichts zu sehen, denn das war schon fast jenseits des Wassers in 6000 m Höhe explodiert und unbemerkt spurlos im See versunken. Der Bomber war von Jägern abgeschossen worden. Alle 10 Mann waren noch rechtzeitig aus dem brennenden Flieger entkommen und abgesprungen. Sie wateten durch den Schilfgürtel in die Nähe des Ufers. Nur einer von ihnen, dessen Fallschirm Feuer gefangen hatte, lag tot am Ufer bei Rust. Noch während immer mehr Bomber den befohlenen Startpunkt (I. P. Initial Point) für den Angriff auf Wiener Neustadt, nämlich St. Margarethen mit der Kogelkapelle - überflogen, durchsuchten bereits Flaksoldaten das Seeufer nach den amerikanischen Fliegern. Sie wurden alle an verschiedenen Stellen und zu unterschiedlichen Zeiten  gefangen genommen. Berichte von der deutschen Flakabteilung am Rusterberg fehlen zwar,  aber mit den Recherchen für eine Chronik der Freistadt Rust entdeckte Bürgermeister  DI Heribert Artinger  in den Protokollen  über einen in der Stadt gefangen genommenen Amerikaner, und fand  auch einen Weg zu mehr Information aus den USA. Dann forschte er Sergeant Wintter in Alabama aus, der ihm am Telefon sein Schicksal beschrieb. Über das Ende ihres Bombers erfuhren Archie Wintter und seine heute noch lebenden 7 und damals im See gelandeten Kameraden erst von uns.

 

 

                                                                            

           Die irrtümliche Annahme, dass die in und um Rust am 10. Mai 1944 gefangen genommenen Amerikaner von der abgestürzten Maschine stammten, konnte erst im Zuge dieser Arbeit geklärt werden, weil die Unterlagen des Flaklager bei Kriegsende verloren gingen. Archie Wintters Bomber war fast gleichzeitig mit einem anderen Bomber schon weit von der Stadt entfernt über dem See unbemerkt explodiert und bis heute spurlos im Wasser versunken. Traurig war das Schicksal der B -24  (Nr. 41 -29513):

        Dieses tragische Ereignis spielte sich vor den Augen vieler Menschen in den Weingärten und  Hauptschülern aus St. Margarethen, die gerade aus der Schule heimwärts marschierten, ab. Von dem einsetzenden Flakfeuer wurden gegen Mittag am Samstag, 10. Mai mehrere gegen Wiener Neustadt abschwenkende  Maschinen getroffen. Eine von ihnen begann noch über dem See in einer immer enger werdenden Spirale zu kreisen. Die Menschen zu beiden Seiten der Straße suchten entsetzt  irgendwo, selbst in einer hölzernen Weingartenhütte Unterschlupf, denn nun drohte nicht nur Todesgefahr von den Splittern der Flakgeschoße sondern auch vom stürzenden Bomber, den alle auf sich zukommen zu sehen glaubten. Schließlich krachte der riesige B - 24 Liberator Bomber in die Weingärten auf dem Ruster Ödenriegel (Riegelband) neben der Straße, explodierte und zerbarst. Eine Plexiglaskuppel wurde abgerissen und flog auf die gegenüberliegende Straßenseite. Der Flurschaden in den Weingärten und auf einem Kleeacker war beträchtlich, wurde aber mit Reichsmark abgegolten.     Glück hatte  die hiesige Flakbatterie, denn der Bomber stürzte nur 500 m neben dem Barackenlager der Batterie, die ihn herunter geholt hatte,  ab! Von der Mannschaft des Bombers konnten nur 2 Mann verrußt und vor Angst erstarrt  im letzten Augenblick mit  ihrem Fallschirm neben dem Wrack dem Tod entkommen.

        Die acht anderen verbrannten im oder neben dem Flugzeug. Ihre sterblichen Überreste hingen teilweise auf den Weinstöcken. Man brachte sie auf einem Pferdewagen in das Flaklager am Berg und begrub sie zwei Tage später zusammen mit dem gefallenen Bordschützen der anderen Maschine mit militärischen Ehren im Ortsfriedhof von St. Margarethen. Während der Aufbahrung im Totenhäuschen erlebten einige Ortsbewohner durch die kleinen  Fenster einen grauenvollen Anblick von verkohlen Leichenteilen. Nur der eine Mann ohne Brandwunden aus der über dem See explodierten Maschine konnte 1947 exhumiert und in Belgien auf einem US-Militärfriedhof bestattet werden. Ob noch Reste von den anderen 8 Leichen vorhanden waren, ist unbekannt. Mit den 2 Überlebenden konnte bisher  mit dem Autor keine Verbindung hergestellt werden. Auch liegen nirgends Berichte von ihnen auf. Sie scheinen durch den Absprung in letzter Sekunde und den Tod ihrer Mannschaftskollegen, den sie mit ansehen mussten,  so geschockt worden zu sein, dass sie zu keiner Aussage fähig waren. Man weiß in Rust nur, dass sie von berittenen Gendarmen in die Stadt gebracht worden waren. (Ein fast unglaubliches Detail am Rande: Einer der beiden Überlebenden wurde nach dem Absprung  von einem russischen Kriegsgefangenen, der in der Nähe mit einem alten St. Margarethener Bauern in dessen Weingarten gearbeitet hatte, festgehalten!)

     Da dem Autor dieser Homepage bekannt war, dass sich eine Reihe von Wissenschaftlern, Militärhistorikern und Privatforschern (u. a. Felix Rameder, Leopold Banny,  Mag. Alois Tropper, DI Manfred Milkovits) teils seit Jahrzehnten mit der technischen Materie befassen, wird hier versucht, eher den menschlichen Aspekt der Begegnung von "Feinden" zu beleuchten. Die Arbeit behandelt vor allem Abschüsse, die sich in der Nähe des Sees ereignet haben. Nur wenige ehemalige Bombenflieger haben ihre Erlebnisse in Druckwerken oder im Internet auf den Homepages der Einheiten veröffentlicht, daher soll spät aber doch mit möglichst vielen von rund um den See abgeschossenen Fliegern - weil die einst Zwanzigjährigen des II. Weltkrieges schon den Achtziger überschritten haben, soweit sie überhaupt noch leben - mittels der nun zur Verfügung stehenden Technik der Direktkontakt gepflegt werden, wenn es auch nach 60 Jahren eine mühselige Sucharbeit ist. Die Amerikaner sind ein Volk, das notorisch häufig den Wohnort wechselt!

      Am Tag nach jedem Feindflug verfassten die US - Stützpunkte Berichte über die vermissten Flugzeuge. Dazu kamen Meldungen der zurückgekehrten Besatzungen anderer Maschinen und nach dem Krieg auch die erbeuteten deutschen Aufzeichnungen der Flak- bzw. Jagdfliegerkommandos. Die meisten dieser Dokumente sind inzwischen zur Forschung auch für Nichtamerikaner frei gegeben worden und werden auf Ansuchen zur Verfügung gestellt. Erst jetzt kann man feststellen, dass manche Angaben nicht übereinstimmten, oder  "in der Hitze des Gefechts" verschiedene Auslegungen entstanden. Dasselbe gilt auch für Zeitzeugen, die oft unter Lebensgefahr das Geschehen beobachteten. Über den einzigen Toten aus dem über dem See explodierten Bomber, S/Sgt Leonard M. Grandy, der ums Leben gekommen war,  weil sein Fallschirm beim Verlassen des Flugzeuges Feuer gefangen hatte,wurden neben der wirklichen Fundstelle am Ufer des Sees bei Rust noch Apetlon und der Ödenriegel beim Flaklager als Ort der Auffindung angegeben. (An diesen Stellen sind innerhalb einer Stunde am 10. Mai drei B-24 Bomber abgestürzt.)

     Einzelschilderungen fördern manchmal bemerkenswerte Erlebnisse zu Tage: Der oben erwähnte Archie Wintter, dessen Flugzeug im Neusiedler See versunken war,  watete, nachdem er sich von seinem Fallschirm befreit hatte, stundenlang wie alle seine Kameraden durch das überraschend seichte Wasser und den Schilfgürtel an Land. Er versteckte sich in einem trockenen Abwasserrohr, wo er auch übernachtete. Ein alter Mann, von dem er annahm, er sei kein Nazi, besorgte ihm nicht die erwarteten Zivilkleider, sondern lieferte ihn auf dem Ruster Gendarmerieposten ab. (Er glaubte laut seinen eigenen Angaben, im Gefängnis (Jail) gelandet zu sein.) Der "Jailer", Postenkommandant der  berittenen Gendarmerie von Rust und seine englisch sprechende Gattin labten ihn, ehe er ins Flaklager gebracht wurde. An der Bevölkerung fiel ihm vor allem die Neugierde, aber kein Hassgefühl oder Abneigung auf.

      Weil sie an weit auseinander liegenden  Stellen sowie  zu verschiedenen Zeit an Land kamen und versucht hatten, sich einige Zeit zu verstecken, um vielleicht doch den unsinnigen Versuch zu wagen, irgendwo zu Partisanen zu gelangen, sahen sie sich erst in den Kriegsgefangenenlagern im Osten Deutschlands wieder, wo sie getrennt nach Unteroffizieren und Offizieren untergebracht worden waren.

      Der damals erst unglaubliche 20 Jahre alte Pilot Whitfill erzählt so wie andere Flieger, dass die Landwirte ihre Feldwerkzeuge wie Gabeln, Hauen und Stecken bei der Gefangennahme als Waffen verwendeten, wohl auch deswegen weil sie bei den Fliegern Waffen vermuteten. Wer bis zum Eintreffen des Militärs in ein Bauernhaus gebracht wurde, bekam meistens etwas zu trinken, wenn auch einer von ihnen zugibt, dass er den deutschen Ersatzkaffee fast nicht hinunter brachte, trotzdem aber wie zufrieden nickte. Bohnenkaffee hatte es in Deutschland ja bald nach Kriegsbeginn nicht mehr gegeben.

      Ein Bordschütze gab an, sechs Tage ohne Nahrung im Schilf überlebt zu haben, bis ihn Fischer fanden und bei der Gendarmerie ablieferten. Eine Geschichte, die nicht einmal seine Mannschaftskameraden für wahr halten. Ein Sergeant bringt eine wahrscheinlichere Schilderung seiner Gefangennahme mitten im Schilfgürtel. Ein kleines Ruderboot für 2 Personen spürte ihn auf. Während der Zivilist erzürnt auf ihn einschlagen wollte, hielt ihn sein Begleiter, ein Flaksoldat, energisch zurück. Der Gefangene wurde mitsamt seinem Fallschirm an das Boot angehängt und halb schwimmend ans Ufer geschleppt. Keiner von den US-Soldaten erinnert sich daran, die Schwimmweste aufgeblasen zu haben, weil sie dabei eher beim Waten im seichten Wasser behindert gewesen wären. (Die automatisch mit einer Druckluftpatrone aufblasbare Schwimmweste der Flieger hieß MAE WEST. Sie hatte ihren Namen von einer vollbusigen amerikanischen Schauspielerin gleichen Namens erhalten).

      Aus einem Brief des Autors im Internet - Gästebuch der Bombergeschwaders empfing der Bombenschütze, Leutnant Norman Comly, den 57 Jahre lang Zweifel gequält hatten, ob er dem einzigen Toten vor dem Absprung den Fallschirm auch richtig angeschnallt hatte, die erlösende Nachricht: Er hatte vorschriftsmäßig gehandelt, aber leider hatte der Schirm am brennenden Flugzeug Feuer gefangen und war so unbrauchbar geworden. Comly hatte als Berufssoldat weitergedient, war bis zum Oberstleutnant aufgestiegen und hatte am 10. Mai 1994 am Schilfgürtel in Rust mit seiner Gattin des 50. Jahrestages seiner Rettung gedacht. Leider hatte er aber nur Kontakt mit der Inhaberin einer Pension und mit den Beamten im Polizeirevier der Freistadt Rust am Neusiedler See. Er bedankte sich für die aufklärende Notiz mit Fotos von seinem Besuch. Dass einer der Geretteten bei der Landung im Wasser auf einen abgeschossenen deutschen Jäger (ME - 109) gefallen sein soll, ist nicht möglich, weil dort nach allen bisherigen Fundmeldungen keine Me - 109  abgestürzt ist. Wahrscheinlich handelte es sich bei dem Objekt um einen von den amerikanischen Begleitjägern abgeworfenen Reserve - Benzintank, der im See halb und versunken war. (Solche Metallbehälter aus Aluminium waren ebenso begehrte Fundobjekte wie Fallschirme, deren Seide man vielfältig verwenden konnte. Frauen aus St. Georgen sammelten bei Angriffen die herabschwebenden oder aus abgeschossenen Bombern heraus geschleuderten  Anti - Radar Alufolienstreifen (amerik. "windows") und zierten damit ihre Weihnachtsbäume).

      Fast zur gleichen Zeit, als der Bomber Lt. Whitfills (451.B G) nach dessen Absprung in der Luft explodierte und in Trümmern im See versank, ereilte am 10. Mai 1944 eine B - 24 Maschine der 461. B G einige Kilometer entfernt am Festland bei Apetlon um 12 Uhr 45 das Schicksal.

Der "Liberator" Ser. Nr. 42 -78212 war auf dem Anflug vom Plattensee auf den I. P. (Angriffsstartpunkt) St. Margarethen schon auf ungarischem Boden von deutschen Jägern, die lt. US Angaben aus der "Richtung 2 Uhr" (rechts vorne) angegriffen hatten,  angeschossen worden. Bei diesem Angriff von vorne waren der Pilot 1st Lt. William C. Wallace und sein Co-Pilot 2nd Lt. Henry S. Towne tödlich verletzt worden. Die restlichen 8 Mann der Besatzung konnten noch rechtzeitig  in der Nähe von Pamhagen abspringen, wo sie bald darauf von der Gendarmerie gefangen genommen werden konnten. Das steuerlose Flugzeug flog weiter, bis es in der Nähe von Apetlon zerschellte. Von  Lt. Williams wurde nur die Kennmarke gefunden; der Großteil seines Leichnams verbrannte im Wrack. Die sterblichen Überreste der beiden Piloten wurden im Ortsfriedhof Pamhagen begraben und nach dem Krieg in US Kriegerfriedhöfe umgebettet.

     Geradezu tragikomisch und gleichzeitig todernst war ein anderer Vorfall an dem folgenschweren Mittwoch,  10. Mai 1944: Die schweren Flak - Batterien Rust/Oggau waren bald erfolgreich eingeschossen: An diesem Maientag erzielten sie mehrere Abschüsse und noch mehr Treffer. Aus den sich überstürzenden Ereignissen lassen sich nur sehr schwer die Einzelheiten heraus lesen: 2 Amerikaner sprangen bei Eisenstadt ab. Ihre beschädigte Maschine flog ohne sie heim!

     Die 15. Flotte (Fifteenth Airforce) der amerikanischen Heeresluftstreitmacht (US Army Air Force - USAAF) in Süditalien hatte im Mai 1944 mit der neu aufgestellten 485. Schweren Bomber Gruppe (ausgerüstet mit B -24 Liberator Bombern) eine Einsatzstärke von 21 Gruppen erreicht, was ungefähr einer Zahl von 1000 Bombern ( Liberator und Flying Fortress B - 17) entspricht. Dazu kamen 6 Jagdfliegergruppen mit P - 51 Mustangs.

      Am 10. Mai heben von den zahlreichen provisorischen US Militärflughäfen in Süditalien rund um Foggia 400 Bomber und 200 begleitende Jäger ab, um Ziele wie die Anlagen der Flugzeugwerke Wiener Neustadt und andere Fabrikanlagen zu bombardieren. Ihr Weg führt von Süditalien über Jugoslawien und Ungarn am Plattensee vorbei  über den Neusiedler See zum Startpunkt  (Initial Point)  St. Margarethen, von wo der Angriffsflug (Bomb Run) bis ins Ziel etwa 4 Minuten dauerte.   Von den gestarteten Maschinen mussten 300 Bomber wegen des anhaltenden Schlechtwetters vorzeitig umkehren. Aber die restlichen Bombergruppen flogen unentwegt hintereinander über den See hinweg ihrem Ziel entgegen.  Eine heftige Luftabwehr stellt sich ihnen in Form von Flak und Jägern entgegen: 21 Bomber und 1 Jäger gehen verloren. Die Amerikaner hingegen melden den Abschuss oder die Zerstörung von 50 deutschen Maschinen, alle davon Jagdmaschinen, die von den zahlreichen US-Begleitjägern und den Bordwaffen der Bomber getroffen worden waren.

      Der Co-Pilot eines B - 24 Bombers der 456. B. G., Leutnant Ike F. Schober  berichtet am Nachmittag des 10. Mai 1944 nach der Rückkehr mit seiner schwer beschädigten Maschine auf den Hauptflugplatz bei Foggia, wie sie etwa beim I.P. St. Margarethen  in einer Höhe von 6500 m von  Flakgranaten durchbohrt wurden. Der Pilot J. Hillenbrand (Hildebrand) wurde getroffen und war bewusstlos. Dann herrschte für eine kurze Zeit Konfusion in der Maschine. Diese begann zu trudeln, verlor 200 m an Höhe und konnte schließlich von Schober unter Kontrolle gebracht und in Richtung Heimatflughafen gelenkt werden, wo sie mit dem inzwischen verstorbenen Piloten sicher landete. Die 2 oben erwähnten vorzeitig abgesprungenen Mann fehlten. Man nahm an, dass sie getroffen und durch den offenen Schacht des Vorderrades abgestürzt waren. Eine neben dem getroffenen Bomber fliegende Maschine hatte aber bei der Rückkehr von 2 geöffneten Fallschirmen berichtet. Erst nach Kriegsende, als  die beiden abgesprungenen Flieger aus der deutschen Kriegsgefangenschaft befreit worden waren und sich wieder zum Dienstantritt meldeten, konnte ihr Schicksal geklärt werden.

       Während die Maschine absackte, soll nach weiteren Treffern das Glockenzeichen für den Absprung ertönt sein. Nach einigem angstvollem Zögern sprang der Bordschütze Quitman Roof durch den Notausstiegsschacht, den der Flugoffizier und Bombenschütze Jule M. Westra geöffnet hatte. Von Westra, der heute in Grand Rapids, Michigan lebt, stammt ein ausführlicher Bericht, den er dem Autor nach telefonischer Anfrage gesandt hat. Der Offizier ließ sich etwa 1500 m frei fallen, um dem Flakfeuer zu entkommen. Ob er von einer ME - 109 Jagdmaschine fünfmal umkreist, mit Wippen begrüßt und dann verabschiedet wurde, ehe der Jäger auf einem nahen Flugplatz (Trausdorf) gelandet war, mag man glauben oder bezweifeln. Er wurde nach deutschen Angaben bei St. Georgen und der Bordschütze zwischen Trausdorf und Siegendorf aufgegriffen.

      Der Aufprall auf den Boden war wohl  sehr hart, denn Westra meinte gelähmt zu sein. Dann aber kamen ihm etwa 25 Leute mit Steinen, Gabeln, Stecken etc. entgegen - "voller Zorn und mit einem Blick als wäre ihr Blut in Wallung." Dann plötzlich eine Beiwagenmaschine! Ein Hauptmann der Luftwaffe stieg aus dem Beiwagen und befahl der Menge, stehen zu bleiben. Was für eine Überraschung: Die Menge blieb wie eingewurzelt stehen! In Amerika hätte eine so erregte Menge einen Offizier mit einem Fluch auf den Lippen abgedrängt und weitermarschiert. Der US-Offizier sah das als seine Rettung an!       

      Schließlich brachte ihn der Hauptmann in die Hauptstraße der Stadt (Eisenstadt), als wieder die Sirenen heulten. Man ließ ihn einfach mitten auf der Straße zurück und alles  lief in einen Luftschutzkeller. Aus Angst, erschossen zu werden, blieb er im Beiwagen sitzen, während die Bomben zu fallen begannen. Er meinte fälschlicherweise, seine Bomberkameraden würden den Flugplatz bombardieren und nur die fehl gelenkten Bomben hätten die Stadt erreicht, was aber sicher nicht der Wahrheit entspricht. Eher waren es Notabwürfe eines getroffenen Bombers, der um die explosive Bombenlast erleichtert schneller heim fliegen wollte. Er aber hatte Glück und wurde nicht verwundet. Dann marschierten die zwei Soldaten mit ihm durch die Hauptstraße, wo Zivilisten "mit erhobenen Fäusten und zornig geröteten Augen" zuschauten. Vor dem Rathaus, aus dem das Büro des Bürgermeisters "hervorragte" (Erker), setzte man ihn auf einen Sessel, der unter dem Torbogen des Haupteinganges stand, worauf die Bevölkerung ein Stunde lang an dem Gefangenen aus Amerika vorbeiziehen durfte.

       In den folgenden Tage ging es über Wien nach Frankfurt, wo ihn eine andere Überraschung erwartete: Er weigerte sich, mehr als seinen Namen, den Rang und die Nummer der Erkennungsmarke bekannt zu geben: Der Gestapomann lächelte nur und hielt ihm schließlich ein Papier unter die Nase, wo alles über ihn von der Grundschule in Michigan bis zur militärischen Ausbildung etc. geschrieben stand! Er vermutet, dass italienische Bedienstete in den Büros in Foggia die Daten gestohlen und an die Deutschen verkauft hatten! Westra landete im Offizierslager Sagan (Schlesien) und machte 1945 auch den frostigen Marsch nach  dem Westen mit, bis er knapp vor Kriegsende von den heranrückenden US Truppen befreit und in das US - Betreuungslager Lucky Strike bei Reims in Frankreich und bald per Schiff in die USA gebracht wurde.

      Beim Absturz einer B - 24  der 376. Bomber Gruppe am 30. Mai 1944 auf dem Rückflug von einem Angriff auf ein Flugmotorenwerk in Pottendorf trat der eher seltenere Fall ein, dass alle 10 Mann der Besatzung rechtzeitig abspringen und sich retten konnten. Der Pilot, Leutnant Robert Mitchell erlebte knapp vor dem Aufprall in bereits geringer Höhe bange Minuten. Pflichtgemäß wartete der Pilot bis die 5 restlichen Besatzungsmitglieder gesprungen waren und  verließ  als Letzter das aufgegebene, brennende Flugzeug durch den für  ihn reservierten Ausstieg durch den Bombenschacht, wo er auch vor dem Abflug das Cockpit betreten hatte. Weil aber die Hydraulik zerstört war, konnte die Klappe nicht ganz geöffnet werden. Im letzten Augenblick löste er sich aus der Umklammerung durch den Schacht  und verlor dabei fast seinen Fallschirm. Für die Öffnung des Schirmes blieben ihm nur einige hundert Meter. Unweit des explodierenden Liberators ging er erleichtert und unverletzt zu Boden. Er wurde mit seinen weiter östlich abgesprungenen Kameraden bei Halbturn gefangen genommen. Der Bomber krachte hinter dem Wittmannshof bei Halbturn zu Boden und wurde zu 95 % zerstört. 

Die vier Flieger, die als Erste das Flugzeug verlassen hatten,  wurden nach dem Absprung über  der Mitte des Sees ans Westufer abgetrieben und drei von ihnen bei Oggau gefangen genommen. Robert Lankford versteckte sich und marschierte bei Einbruch der Dunkelheit von Donnerskirchen die Bahnstrecke entlang, um Ungarn zu erreichen. Er konnte tatsächlich etwa bei Draßburg oder Schattendorf über die Grenze nach Ungarn gelangen. Der ungarische Bauer, den er um Hilfe bat, brachte ihn aber zu den ungarischen Honved - Soldaten, die auch dem deutschen Kommando unterstanden.   Er landete in einem Budapester Gefängnis und wurde später nach Deutschland ausgeliefert, wo man ihn in ein Kriegsgefangenenlager überstellte.

      Im Internet ist die abenteuerliche Geschichte eines der bei Oggau an Land gegangenen Amerikaner nachzulesen: Er beschreibt detailliert die technischen Schwierigkeiten nach einigen kleineren Treffern kurz nach dem Bombenabwurf. Dann soll sich ein unglaublicher Vorfall ereignet haben: Ein Volltreffer mit einer 88 mm Flakgranate innerhalb (!) des Bombers zerstörte alle noch heil gebliebenen Systeme an Bord. Bei der Fluggeschwindigkeit der Bomber von ca 480 km/h war schon Minuten nach dem Bombenabwurf in Pottendorf der Neusiedlersee  erreicht, weil die Motoren noch liefen. Rasch verließen vier Mannschaftsmitglieder den rauchenden Bomber. Der oben erwähnte Schreiber seiner Erlebnisse soll dann seinen Fallschirm als Segel benützt haben und sich langsam an Land ziehen lassen, was 6 1/2 Stunden gedauert haben soll. Er entschloss sich, ein Versteck zu suchen und sich in der Nacht zu Partisanen durchzuschlagen. Deutsche Soldaten schossen angeblich währenddessen  andauernd mit einem MG ins Schilf und riefen "raus,          raus"!  Sie näherten sich bald seinem Versteck unter einem Heuschober.  Woher die Idee stammte, hier Partisanen zu finden ist unbekannt.

       Triefend nass soll er seine "45er" Pistole gezogen, und auf den Ruf "Hinauf damit" sollen 10 Soldaten ihre Waffen weggeworfen und sich zu entkleiden begonnen haben!! Jedoch näherten sich viele weitere Kameraden dieser Gruppe, worauf er rasch die 45er wegwarf und sich ergab, als man ihn zu Boden geworfen hatte. Er spricht heute noch darüber, veröffentlichte sein Erlebnis im Internet  und lebt mit dem stolzen Gefühl: "Aber ich hatte dennoch für ein paar Minuten 10 deutsche Soldaten gefangen gehalten!"

 

       Ein trauriges Kapitel aus dem letzten Kriegsjahr sind die Ereignisse, die sich zwischen Eisenstadt und Schützen am Gebirge zu einem Zeitpunkt abspielten, als sich die Front bereits gefährlich genähert hatte. Anfang 1945 tauchten bereits die ersten sowjetischen Tiefflieger auf und wetteiferten mit den Amerikanern beim Abwerfen von Bomben in die Dörfer hinein und mit dem Maschinengewehrfeuer, das sie auf die Gegend hernieder prasseln ließen. Angst, Schrecken, Zorn  und zunehmende Nervosität herrschten bei den NS - Parteigängern und der militärischen Führung, wobei es zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen den Generälen und den von Hitler zu Abschnittskommandanten ernannten Nazibonzen gekommen.   

        Hierzu kann nicht unerwähnt bleiben, dass die Menschen bereits durch vorangegangene Ereignisse sehr sensibilisiert waren:  Vom 13. Oktober bis 30. November 1944 waren rund um den Neusiedler See 4 Spione - ein Amerikaner und 3 Österreicher (in deutscher Uniform!) erfolglos tätig gewesen, weil bei ihrem Absprung die Funkgeräte bei Podersdorf im See versunken waren. Nach ihrer Verhaftung (teils in Schützen a. G. und in Wiener Neustadt) kam es in Schützen  zum Tod des lokalen Gemeindesekretärs, dessen Ursache  nie aufgeklärt werden konnte. Die Angst ging auch in St. Margarethen, von wo einer der als Spion arbeitenden Deserteure stammte, um. (Der Schreiber dieser Zeilen war übrigens im Juli 1944 in Aversa bei Neapel in einem US Gefangenenlager von seinem Landsmann zum Mitmachen aufgefordert worden, hatte aber verständlicherweise abgelehnt). Alle 4 Spione überlebten den Krieg in  KZ-Haft.   

       Am Dienstag, 13. Februar 1945, befand sich eine B -17 Flying Fortress der 463. Bomber Gruppe, 772. Squadron, die an einem Angriff auf Wien vom Militärflugplatz Celone in Italien aus beteiligt gewesen war, auf dem Rückflug.  Die "Mission" war ziemlich erfolglos verlaufen. Der Bericht stammt vom Enkel eines Überlebenden (Charles W. Anderson) und kam über dessen Eltern als Erzählung an ihn. Kurz nachdem die Bomben auf das Ziel abgeworfen worden waren, wurde der Bomber von einem Flakgeschoss getroffen. Der Motor Nr. 4 erhielt einen Treffer, worauf der Motor Nr. 3 ebenfalls zu brennen begann. Das Flugzeug flog in die Richtung Leithagebirge weiter, explodierte noch in der Luft, knapp nachdem die gesamte Mannschaft abgesprungen war und stürzte im Tiergartenwald nördlich von Schuetzen am Gebirge ab.  Die 10 Männer sprangen einem unterschiedlichen Schicksal entgegen.

     Die beiden Piloten  sprangen ebenso wie der Bordmechaniker und der Heckschütze als Letzte ab und waren gegen Eisenstadt abgetrieben worden. Der Bombenschütze und der Navigator (wie die Piloten auch Oberleutnante) sowie 4 weitere Unteroffiziere landeten schon etwas früher im Wald bei Schützen.

      Bald nach dem Aufprall der Maschine und angesichts der herabschwebenden Fallschirme organisierte der kommandierende Lagerleiter  des Reichsarbeitsdienstlagers Schützen a. G., Oberstfeldmeister Krone, Streifen in die Richtung der Absturzstelle. An der Aufgreifung der Flieger beteiligten sich Angehörige des Volkssturms, der Organisation Todt (OT) und einzelne Zivilpersonen.

      In der Nähe von Eisenstadt gingen die zwei Piloten und ein Sergeant in Gefangenschaft. Sergeant Charles Waloc Anderson hatte nach der Meinung seines Enkels mehr Glück: Er landete auf einem Baum, wo er freiwillig sitzen blieb. Offiziell berichtete er nach dem Krieg, dass er von seinem Versteck aus einen Kameraden beobachten konnte, wie er in Begleitung von Zivilisten weg marschierte. Über das, was er vom Hörensagen wusste, gab er an, auf dem Flugplatz Wiener Neustadt das Gerücht erfahren zu haben, dass es sich in der Gegend ihres Absprunges bei den Zivilisten eingebürgert hatte, alliierte Flieger zu töten. Und er meinte folglich, dass sein  von ihm beobachteter Kamerad von Zivilisten getötet worden war. In späteren Erzählungen hörten seine Kinder, dass er zugesehen hätte, wie die "Wiener" Zivilisten 6 gefangen genommene Besatzungsmitglieder an Ort und Stelle gelyncht hätten - was allerdings nicht der Wahrheit entsprochen hat. Für ihn waren alle Zivilisten, die in der Umgebung ihres Angriffszieles lebten eben Wiener. Die 6 Männer starben bei Schützen a.G.

      Von den Suchtrupps waren die 6 Flieger nach und nach entdeckt worden.   2 von ihnen waren angeblich bei der Auffindung schon tot, wobei die Todesursache nie geklärt wurde. Doch vier der Amerikaner wurden im Laufe des Tages in das RAD - Lager gebracht. Der Oberstfeldmeister befahl  4 Vormännern, diese aus dem Lager zu führen und "auf der Flucht von hinten" zu erschießen, was auch geschah. Die 6 Toten legte man in die Aufbahrungskammer neben der Kirche und  begrub sie später  im Ortsfriedhof von Schützen. (Makabres Detail am Rande: Ein damals 14 jähriger Bub erzählt, dass er nur allzu gerne eine der berühmten Pilotenjacken von den Toten in der Kammer an sich genommen hätte, aber es erschienen ständig Neugierige!)  Nach dem Krieg wurden die Flieger  wie alle eruierten US - Kriegstoten in den österreichischen Gemeinden exhumiert und entweder in die USA überführt oder auf einem europäischen  US - Militärfriedhof begraben.

      (Ein abgeschossener Offizier erzählte mir, ein amerikanischer Soldat hätte ihm nach dem Krieg seine Pelzjacke, die er in einer bayerischen Wohnung beim Einmarsch aus einem privaten Kleiderkasten entwendet hatte,  bei einem Treffen  in New York zurückgeben wollen. Die Zusammenkunft kam nie zustande. Die Jacke galt nachher aber als verschollen.)

      Die reichsdeutschen RAD - Führer setzten sich vor dem Kriegsende ab und keiner von ihnen wurde je gefunden und zur Verantwortung gezogen. Von den Todesschützen wurde ein Österreicher verhaftet. Er flüchtete aus dem Eisenstädter Gefängnis und lebte unter einem falschen Namen in der amerikanischen Besatzungszone. Jahre später kehrte er nach Wien zurück und verbrachte ohne Verurteilung  ein Jahr in Untersuchungshaft. Zwei ehemalige Vormänner  aus Österreich von denen einer geschossen haben soll,  wurden  aufgegriffen und in Salzburg von einem amerikanischen Militärrichter zu 25 Jahren Haft verurteilt. Wahrscheinlich wurden sie nach Abschluss des Staatsvertrages begnadigt und entlassen.

      S/Sgt  Charles Anderson konnte sich 3 Tage versteckt halten, bis er nach seinen Angaben von einem Bauern dem Militär übergeben worden ist. Vom Hörensagen ist in St. Georgen, einem heutigen Stadtteil von Eisenstadt,  bekannt, dass damals ein US - Soldat von einem Mann schikaniert worden sein soll, während ein anderer Flieger in einem Keller gelabt worden ist. Der Zivilist soll nach dem Krieg verurteilt und in Stein inhaftiert worden sein. Von den vier Überlebenden konnte bisher noch nicht festgestellt werden, ob und wo sie eventuell leben könnten.

      Am 13. Februar 1945 hatte die Rote Armee Budapest erobert. Solange die Amerikaner bei ihrem Anflug nicht in die Nähe der sowjetischen Frontlinie gelangten, durften sie Ziele um Wien bombardieren. So flogen sie den schwersten Fliegerangriff auf Wien mit 747 Bombern am 12. März 1945, dem 7. Jahrestag des Anschlusses Österreichs an Deutschland im Jahre  1938: Das Zentrum um die Stephanskirche und die Staatsoper werden schwer getroffen. Am 29. März überschreiten die aus Ungarn kommenden  Russen zum ersten Mal die österreichische Grenze bei Klostermarienberg im Mittleren Burgenland.

       Der letzte hier abgeschossene  US B - 24 Liberator Bomber stürzte wahrscheinlich auf dem Rückflug am 25. April 1945  bei Parndorf  auf burgenländischen Boden. An dem Tag hatten von 12 - 15 Uhr schwere amerikanische Fliegerangriffe auf Linz und Wels stattgefunden. Bis zur Besetzung  erfolgten nur noch Angriffe amerikanischer und russischer Tiefflieger. Insgesamt stürzten 46 amerikanische Maschinen auf burgenländisches Territorium.

      Die schrecklichen Erlebnisse des Kriegsendes legten sich lähmend wie ein Leichentuch über Leib und Seele der Menschen. Vergessen und Verdrängen waren zwar kein Heilmittel für die wunden Gemüter. Sie waren nur eine natürliche Reaktion auf dem Weg zu einer friedlichen, heilen Welt. Zwei Jahrzehnte nach dem für sie siegreichen Ende nahmen die oft stolzen Helden des Luftkrieges einzeln oder im Rahmen ihrer Vereinigungen Kontakt mit den hiesigen Hobbyhistorikern auf.  Sie besuchten  den Ort ihrer Rettung und manchmal auch das KG Lager in Deutschland. Einer der Forscher, Felix Rameder aus Ebergassing, wurde  in die Staaten eingeladen, wo er sogar mit einem Vortrag bis Kalifornien kam.

    Sechs Jahrzehnte nach 1945 sind die alt und müde gewordenen Überlebenden aller beteiligten Nationen des großen Krieges mit sich und ihren zur Erinnerung gewordenen Erlebnissen allein, weil Nachfolgekriege neue Opfer und "Helden" hervorgebracht haben. Auch die Reihen der Mannschaftsangehörigen der 18.188 von den USA im 2. Weltkrieg  gebauten B -24 Liberator Bomber lichten sich, denn sie sind schon mindestens 80 Jahre alt. In ihren Veteranenvereinen schwelgen die Überlebenden in ihren Erinnerungen, die aber nicht das  sprichwörtliche "Paradies gewesen sind, aus dem man nicht vertrieben werden kann", sondern höchstens die Hölle, der man entronnen ist.

 Es wird aber immer ein paar Interessierte geben, denen die Vergangenheit als Leitfaden für Zukünftiges dienen kann.

 

Die zwei Dorfmühlen von St. Margarethen