Nachruf auf Dipl. Ing Walter Thüminger

Am 20. Mai 2009 ist Walter Thüminger nach kurzer schwerer Krankheit im Alter von 82 Jahren gestorben.

Walter Thüminger wurde am 30. Jänner 1927 in Wien geboren. Er wuchs unter bescheidenen Verhältnissen zusammen mit seinen beiden älteren Schwestern Henny und Friedl im 17. Wiener Gemeindebezirk auf und Bescheidenheit war eine jener Eigenschaften, die er sein ganzes Leben lang beibehalten sollte.

Walter mit Henny
Als Kind mit Schwester Henny

Abgesehen davon war seine Kindheit geprägt von seiner liebevollen Mutter und natürlich auch von den schwierigen, lebensfeindlichen Bedingungen der Zeit: Die hohe Arbeitslosigkeit, der Kampf ums tägliche Überleben, die brutalen, autoritären Machtverhältnisse des Schuschnigg - Regimes und danach jene des Nationalsozialismus. Mit großem Mitgefühl erlebte er Ungerechtigkeiten, die seinen Mitschülern und zum Teil auch seinen Freunden angetan wurden. Als Kind musste er dies ohnmächtig ertragen, aber als Erwachsener half ihm sein starker Gerechtigkeitssinn sowohl im Berufs- als auch im Privatleben couragiert und konsequent aufzutreten. Große Freude bereitete ihm und der ganzen Familie ein von einem Kaplan initiierter Turnverein. Oft erzählte er von den Ausflügen, die sie unternahmen und den Sportveranstaltungen an denen er teilnahm. Einmal lief er sogar "Weltrekord" über 100 Meter, wie er sich gerne erinnerte. Freilich nie ohne augenzwinkernd hinzugefügt zu haben, dass ihm dabei der starke Rückenwind unterstützt hat und als der Zeitnehmer ihn dann aufforderte die 100 Meter nochmals zu Laufen und er wieder "Weltrekord" lief, der dies auf eine defekte Stoppuhr zurückführte. Zu seinem großen Leidwesen wurde aber dieser Turnverein von den Nazis gleich nach dem Einmarsch in Österreich geschlossen, aber zumindest behielt sich Walter für den Rest seines Lebens seine Liebe und große Leidenschaft zum Sport und zur Bewegung.

Da er aber auch ein ausgezeichnetes Gedächtnis und eine schnelle Auffassungsgabe hatte, wurde er ein sehr guter und begeisterter Schüler. So gelang es ihm, ein Stipendium von den Junkers-Werken zu erhalten, das ihm den Besuch der technischen Gewerbeschule in Mödling ermöglichte. Doch noch während er zur Schule ging, gerade einmal siebzehnjährig, wurde er von der Wehrmacht im letzten Kriegsjahr eingezogen.

Nach einer kurzen, aber für ihn schrecklichen Grundausbildung zum Soldaten kam für ihn erst der wirkliche Schrecken, als er an die Front nach Polen einrücken musste. Schon nach wenigen Tagen wurde die Kompanie, der er angehörte fast gänzlich ausgelöscht. Er selbst wurde verwundet und musste nach seiner Genesung noch einmal an die Front. Von dieser Zeit erzählte er nur in seltenen Momenten und auffallend emotionslos. Das Erlebte und die Gefühle dieser Zeit hat er wohl nie richtig aus sich herauslassen können.

Gottseidank erlebte er aber das Ende des Krieges und konnte danach mit einem Freund auf einem abenteuerlichen und langen Fußmarsch wieder zurück nach Wien zu seiner Familie kommen. Die Stadt hungerte in dieser Zeit und das Leben bestand aus einem einzigen Kampf, nämlich Lebensmittel aufzutreiben. In gefährlichen Fußmärschen zu Verwandten auf dem Land und durch die verschiedenen Besatzungszonen in Wien gelang es ihm immer wieder etwas Essbares zu beschaffen.

Und trotz dieser widrigen Umstände konnte er seine Schulbildung zu Ende bringen. Er erzählte aus dieser Zeit von Wänden in den Schulklassen die mit Eis überzogen waren, weil es an Heizmaterial fehlte. Von Kindern, die aus lauter Hunger ihr Erbrochenes wieder gegessen haben. Von daher muss es wohl kommen, dass er es nicht ertragen konnte, wenn mit Essen gespielt wurde oder Lebensmittel weggeworfen wurden, auch wenn sie eigentlich schon verdorben waren. Etwas, dass später seine eigenen Kinder nie verstehen konnten. Kein Wunder, haben die doch im Vergleich zu ihm immer im Überfluss gelebt.
Als dann auch noch seine geliebte Mutter durch mehrere Schlaganfälle schwer behindert wurde, pflegte er sie mit Hingabe und musste trotzdem mitansehen, wie sie ein Jahr später an den folgen ihrer Krankheit starb.

Hochzeit
Am Hochzeitstag (Februar 1963)

Walter begann nach der Matura an der Technischen Universität Wien Maschinenbau zu studieren, und zwar deshalb, weil ihm ein Lehrer angeraten hat, er solle seine Talent unbedingt nützen und ein Studium machen. Wieder eine schwierige Zeit für ihn, weil er neben dem Studium arbeiten musste, um seinen Lebensunterhalt zu verdienden und er anfangs ja auch noch seine Mutter pflegte. Nach Abschluss des Studiums arbeitete er als Konstrukteur bei einer Wiener Kesselbaufirma bevor er 29 jährig zur ÖBB wechselte. 1960, also in seinem 33. Lebensjahr wechselte er seinen Dienstort nach Tirol und Tirol sollte seine neue Heimat werden. Die Natur war ihm eine Quelle der Freude; er liebte die Berge, die Gletscher, die Bäche, die Wälder, die Wege, die Seen und die "Bankelen" an den schönen Plätzen, an denen er so gerne verweilte. Und 1962 lernte er endlich seine Rosmarie kennen. Auf einer Bergtour, wie könnte es anders sein und vor lauter Freude über diese Begegnung sprang er einfach über die Gatter anstatt sie für ein Durchschreiten erst mühsam zu öffnen. Ihr hat das scheinbar gut gefallen, denn schon ein halbes Jahr später heirateten die beiden und nicht ganz neun Monate später wurde ihr erstes Kind Hans geboren. Anfangs lebten sie in bescheidenen Verhältnissen in Arzl, später in Innsbruck, zuerst in Wilten, und nach der Geburt ihrer beiden Töchter Christine 1965 und Maria 1967 in der Hunoldstraße in Pradl.

Das Familienglück schien perfekt. Aber geprägt waren diese Jahre von der Arbeit. Er hat seiner Familie wegen hart gearbeitet und und manchmal übersehen, dass ein bisschen weniger mehr sein könnte. Die Arbeit hat ihn an den Wochenenden und sogar in den Urlaub begleitet. Für seine Interessen blieb nur wenig Zeit. Das waren zum einen die Berge und zum anderm das Reisen in nahe und ferne Länder. Sein Interesse für die Musik, für fremde Kulturen, für die Architektur, für die Geschichte der Menschheit und seine Liebe zu den einfachen Menschen waren die Triebfeder für seine Aktivitäten abseits des Berufslebens.

Beim Bergsteigen (Sommer 2008, Ötztal)
Beim Bergsteigen, Sommer 2008 im Ötztal

Seine Freunde und ganz besonders seine Familie wissen heute, dass er erst nach der Versetzung in den Ruhestand zu sich selbst gefunden hat. Erst in dieser Zeit fand er die Muße sich auf das Wesentliche zu besinnen und so zu seinem eigenen Naturell zu finden. Er wurde zu einem stillen, sanften, und vor allem zufriedenen Menschen der sich über die kleinen Dinge des Lebens freuen konnte und der ohne damit zu prahlen stolz auf sein Leben, seine Kinder und seine vier Enkelkinder Jonas, Nino, Lea und Luca war. Und damit können sich jetzt in dieser schweren Zeit seine Angehörigen trösten, nämlich damit, dass seine Persönlichkeit wirklich bis an sein Lebensende wuchs, sodass er durch seinen plötzlichen Tod, obwohl 82 jährig, doch mitten aus dem Leben gerissen wurde.

Adieu lieber Walter, und vielleicht können wir es Dir nachmachen und ebenso offen und wachsam durchs Leben gehen wie Du es gemacht hast um vielleicht eines Tages so weise zu werden, wie Du es warst.

Deine Familie und Deine Freunde werden dich nie vergessen!