Der folgende Bericht,
der meine Erfahrungen mit der Handaufzucht von Kurzohr-Rüsselspringern
wiedergibt, wurde in leicht abgeänderter Form in der Zeitschrift des
Kölner Zoos, 43. Jahrgang, Heft 3 (2000), S. 121-126 veröffentlicht.
Am 06. 05. 1998 wurden mir
das Weibchen M 1394 ("Mrs. Frisby") und das Männchen M 1275 ("Biffy")
vom Tiergarten Schönbrunn (Wien) zur Verfügung gestellt. Am 11.
06. 1998 fand ich zwei Junge, tot und teilweise aufgefressen, im Terrarium.
Da auch im Tiergarten Schönbrunn ein Männchen die Vorliebe zeigte,
Jungtiere zu töten, wurde M 1275 rechtzeitig vor der Geburt der nächsten
Jungen vom Weibchen abgetrennt. Doch auch dieser Wurf, geboren am 13.11.1998,
wurde getötet und teilweise aufgefressen - nachweislich vom Weibchen.
Zunächst lag die Vermutung nahe, daß sich das Weibchen möglicherweise
gestört und unsicher fühlte, daher wurden vermehrt Versteckmöglichkeiten
angeboten. Doch auch der nächste Wurf, geboren am 24.01.1999, wurde
vom Weibchen getötet. Somit beschloß ich, es beim nächsten
Wurf mit einer Handaufzucht der Jungen zu versuchen.
Vorbereitung
für die Handaufzucht
Zunächst wurde der ungefähre Geburtstermin bestimmt. Erfahrungsgemäß fand die Geburt der Jungen ungefähr zwei Monate nach Zusetzen des Männchens statt. Dies deckt sich mit Angaben aus der Literatur: SAUER & SAUER (1972) berichten von Geburtsabständen im mittleren Abstand von 76 Tage, ROSENTHAL (1975) von durchschnittlich 56 bis 71 Tagen.
Für die Jungen wurde
eine Plastikwanne (50 x 50 cm) mit Sand als Einstreu, Steinen und Rindenstücken
zum Verstecken, einem Thermometer und einer Infrarotwärmelampe, die
eine Temperatur von 30 °C schuf, vorbereitet. Zur Zeit der erwarteten
Geburt beobachtete ich das Weibchen abends und nachts besonders aufmerksam,
da die Geburt der Jungen meist nachts stattfand, wie auch TRAUTMANN &
CARBONE (1991) feststellten.
Am 23. 04. 1999 um 23.50
h kamen die beiden Junge des ersten handaufgezogenen Wurfes zur Welt, wobei
ich nur die Geburt des zweiten Jungen direkt beobachten konnte. Die Geburt
des zweiten Wurfes am 05. 07. 1999 begann um 18.45 h und dauerte
15 Minuten. Das Verhalten des Weibchens während der Geburt wurde sehr
gut und ausführlich von Galina VAKHRUSHEVA und Vlad KOSTENKO beschrieben
(Fortpflanzungsverhalten der Kurzohr-Rüsselspringer. Mitteilungen
der Bundesarbeitsgruppe [BAG] Kleinsäuger, Heft 2 [2000]. S. 5-8).
Gleich nach der Geburt entfernte sich das Weibchen, ohne die Jungen zu
beschnüffeln oder zu belecken. Es trank ein wenig Wasser, zog sich
in einen Unterschlupf unter einem Rindenstück zurück und begann
sich zu putzen.
In der Folge machte das Weibchen
mehrere Annäherungsversuche an die beiden Jungen, doch es schreckte
immer wieder zurück und lief in sein Versteck zurück. Eines der
beiden Jungen bewegte sich bei einem dieser Annäherungsversuche gezielt
auf die Mutter zu, wieder lief das Weibchen weg. Schließlich näherte
es sich dem zweiten Jungen, das ruhig in dem Versteck lag. Es packte das
Junge mit dem Maul im Bereich des Genickes, das Junge begann lautstark
zu fiepen. Um eine Verletzung oder Tötung der Jungen zu vermeiden,
entfernte ich die Jungen aus dem Terrarium.
Die Jungen wurden mit „Feline Milk Substitute Instant“ (Waltham), einem Milchaustauscher für Katzenwelpen ernährt, dem „Antibiophilus“ (Lactobacillus casei var. rhamnosus, Laboratoires Lyocentre Aurillac) zugesetzt wurde (eine Kapsel auf ca. 24 Stunden). Die Milchnahrung wurde in den ersten Tagen mit Fencheltee in einem Verhältnis von 1:1 verdünnt. Bei beiden Würfen wurden die ersten Kotballen genau kontrolliert. Beim ersten Wurf wurde Kot ca. 19 Stunden nach der Geburt gefunden, beim zweiten Wurf nach knapp 45 Stunden. Der erste Kot der Jungen war weich, 1 - 2 mm groß und schwarz-grünlich. Da beide Würfe nach Absetzen des ersten Kotes nicht zur vollen Zufriedenheit tranken, wurde die Milch stärker mit Fencheltee verdünnt (1:1,5) und zeitweise nach der Milchfütterung reiner Fencheltee gegeben. In beiden Fällen begannen die Jungen wieder gut zu trinken, auch die Kotabgabe war zufriedenstellend. Am 4. und 5. Tag wurde die Milch schrittweise weniger stark verdünnt, am sechsten Tag schließlich unverdünnt gefüttert.
Die
Fütterungen erfolgte anfangs mit 2 ml -, später mit 5 ml - Einwegspritzen.
Bei beiden Würfen wurde unmittelbar nach der Geburt immer wieder versucht
zu füttern, die Jungen begannen aber erst 1 - 2 Stunden nach der Geburt
ordentlich zu trinken. Danach erfolgten die Fütterungen beim ersten
Wurf alle 3 Stunden, beim zweiten Wurf alle 4 Stunden.
Vor allem während der ersten Stunden erforderte die Fütterung einiges an Geduld, doch die Jungen lernten bald, die Milchtropfen von der Spitze der Spritze zu lecken. Milch, die danebenlief und im Fell um die Mundregion kleben blieb, wurde mit Wattestäbchen, am besten aber mit dem Finger entfernt. Die Jungen hatten die Angewohnheit, sich nach der Fütterung die Mundregion im Sand abzuwischen, wodurch Sand und Milch im Fell mit der Zeit zu steinharten Klumpen verklebt wären. Weiters wurde vor allem während der ersten Tage immer wieder der Bauch der Jungen massiert, um die Verdauung anzuregen, dies hatte aber wohl auch einen positiven Einfluß auf das allgemeine Wohlbefinden der Jungen.
Die Umstellung auf feste
Nahrung erfolgte bei den beiden Würfen unterschiedlich. Beim ersten
Wurf wurde am 7. und 8. Tag der Milchnahrung Babybrei (Gemüse mit
Rindfleisch) zugesetzt, daneben wurde bereits ab dem 7. Tag festes Futter
in Form eines Gemisches von Gurke, Karotte, Apfel, Topfen und Katzenfeuchtfutter
(Whiskas Rind) ad libitum angeboten. Die Fütterungen erfolgten nun
nur mehr an der Futterschüssel, um die Jungen daran zu gewöhnen.
Ab dem 9. Tag fraßen die beiden Jungen nur mehr festes Futter. Beim
zweiten Wurf wurde auf die Übergangsernährung mit Milch und Babybrei
verzichtet. Ab dem 7. Tag wurde den Jungen festes Futter angeboten, ab
dem 8. Tag konnte auf die Milchfütterung verzichtet werden.
Das Verhalten der Jungen konnte beim ersten Wurf bis zum 25. Tag, beim zweiten Wurf bis zum 14. Tag beobachtet werden. Danach wurden die Tiere im Tiergarten Schönbrunn untergebracht. Bereits wenige Minuten nach der Geburt begannen sich die Neugeborenen aktiv zu putzen, wobei die Körperpflege das Reinigen des Gesichts mit den Vorderpfoten und das Kratzen mit den Hinterbeinen umfaßte. Nach etwa einer halben Stunden liefen die Jungen aktiv herum und zeigten Explorationsverhalten, indem sie das Geschwister und Steine bzw. Rinde beschnüffelten.

Wenn
die Jungen ruhten, so taten sie dies stets parallel oder antiparallel aneinandergekuschelt.
Die enge Bindung der Geschwister während der ersten Tage zeigte sich
weiters durch intensive gegenseitige Fellpflege und Naso-Nasal-Kontakten
zur Begrüßung. Mit zunehmendem Alter kam es vor, daß die
Jungen vorübergehend getrennt ruhten.
Das Absetzen von Urin wurde nach 19 bzw. 22 Stunden beobachtet. Mit zunehmendem Alter traten weitere Verhaltensweisen wie Sandbaden, das Anlegen und Säubern von Wechseln sowie Beintrommeln auf. Beginnende Konflikte zwischen den Geschwistern, die sich in Verfolgungsjagden äußerten und in weiterer Folge vermutlich zur Lösung der Bindung führten, wurden beim ersten Wurf am 25. Lebenstag beobachtet.

Im
Laufe der Entwicklung konnte keinerlei Spielverhalten, weder Objekt-, Sozial-
noch Bewegungsspiele, beobachtet werden. Die von mir aufgezogenen Jungen
zeigten lediglich Explorationsverhalten in der gleichen Weise wie adulte
Kurzohr-Rüsselspringer.
Die Jungen waren von Anfang
an gegenüber meiner Hand zutraulich und ließen sich kraulen
bzw. den Bauch massieren, ohne davonzulaufen. Vor allem die Jungen des
zweiten Wurfes legten sich nach den Fütterungen regelmäßig
auf meine Handfläche, um sich zu putzen und zu schlafen. Ab dem 7.
Tag begannen sie auch auf den Unterarm zu klettern, schliefen allerdings
nicht mehr auf der Hand.