Die Rüsselspringer im System der Säugetiere
Rüsselspringer
sind eine stammesgeschichtlich alte Tiergruppe und werden heute als eine
eigene Ordnung der Klasse Säugetiere (Mammalia) geführt. Dies
war nicht immer so. Lange Zeit herrschte Uneinigkeit über die systematische
Zugehörigkeit der Tiere, was sich dadurch zeigte, daß man sie
vielen verschiedenen Tiergruppen zuordnete. So wurden sie z. B. als Beuteltiere
(Marsupialia), Verwandte von Huftieren (Ungulata) und als Klippschliefer
(Hyracoidea) beschrieben.
Meist wurden die Rüsselspringer in der Vergangenheit aber gemeinsam mit den Spitzhörnchen (Scandentia) zu den Insektenfressern (Insectivora) gestellt. 1866 faßte ERNST HAECKEL Spitzhörnchen und Rüsselspringer auf Grund des Besitzes eines Blinddarms zu den Menotyphla zusammen und grenzte diese gegen die übrigen Insektenfresser, die Lipothyphla, ab. Weitere gemeinsame Merkmale in Gehirn- und Schädelanatomie sowie Lebensweise wurden als Hinweise für eine verwandtschaftliche Beziehung gedeutet. Ein Zoologe war von den Übereinstimmungen zwischen Rüsselspringern und Tupaias sogar so überzeugt, daß er nach den Tupaias auch die Rüsselspringer zu den Primaten stellen wollte!
Die Beziehungen zwischen Rüsselspringern und Spitzhörnchen wurden aber bald angezweifelt. Beide Gruppen zeigen zwar gewisse Ähnlichkeiten in Verhalten und Anatomie, dabei kann es sich aber auch um Gemeinsamkeiten auf Grund einer Anpassung an ähnliche Umwelten (Konvergenzen) handeln.
Eine ansatzweise Lösung
der Diskussion bot 1956 P. M. BUTLER an, der erstmals die Rüsselspringer
als eigene Ordnung einstufte. Dies scheint durch eine frühe stammesgeschichtliche
Abspaltung der Gruppe von den höheren Säugetieren (Eutheria)
und die dadurch erworbenen Spezialisierungen gerechtfertigt zu sein.
Doch
damit war und ist die Diskussion um die systematische Stellung der Rüsselspringer
nicht beendet. So veranlaßten Fossilfunde Zoologen, Beziehungen zwischen
Rüsselspringern und Hasenartigen (Lagomorpha) zu sehen. So unglaublich
es auch klingen mag, die jüngsten Untersuchungen mittels DNA-Sequenzierungen
wiederum deuten auf einen gemeinsamen phylogenetischen Ursprung von Schliefern,
Seekühen, Elefanten, Erdferkeln, Goldmulle und Rüsselspringern
hin (M. S. SPRINGER et al. [1997]: Endemic African mammals shake the phylogenetic
tree. Nature [London] 388 [6637]. S. 61-64). Wie auch immer - manch einer
fühlt sich ja beim Anblick der Rüsselspringer an jene berühmt-berüchtigten
Naslinge erinnert, die von HARALD STÜMPKE 1961 entdeckt und von GEROLF
STEINER als dessen Nachlassverwalter der Öffentlichkeit publik gemacht
wurden (;-).
Die Ordnung der Rüsselspringer
Die Ordnung der Rüsselspringer (Macroscelidea) besteht aus einer Familie (Macroscelididae), zwei Unterfamilien (Rhynchocyoninae und Macroscelidinae), 4 Gattungen und insgesamt 15 Arten. Gelegentlich werden auch mehr Arten angeführt, je nachdem, ob ein Autor Unterarten den Status einer Art einräumt oder nicht. Es ist dies auch ein Zeichen dafür, daß die Klassifizierung innerhalb der Rüsselspringer noch nicht abgeschlossen ist.
Kurzohr-Rüsselspringer
wurde 1800 erstmals von SHAW beschrieben, allerdings unter dem Namen Sorex
proboscideus. 1829 wurden sie von A. SMITH unter dem Gattungsnamen
Macroscelides
angeführt. Nachdem LICHTENSTEIN die Art 1832 mit einem weiteren neuen
Namen (Rhinomys jaculus) belegte, findet sich die Bezeichnung als
M.
proboscideus schließlich erstmals bei W. L. SCLATER (1901), R.
I. POCOCK (1912) und ROBERTS (1929).