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Rezension zu Jostein Gaarder: Sofies Welt
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Roman über die Geschichte der Philosophie

Hans-Jürgen Peters


Der Markt philosophischer Bücher ist durch ein ungewöhnliches, besonderes Produkt bereichert worden: "Sofies Welt", Jostein Gaarder's Roman über die Geschichte der Philosophie. Gaarder gehört nicht zu den Philosophen, die durch ihren komplizierten Stil sicherstellen wollen, daß wirklich nur die Elite sie versteht. Er möchte philosophisches Denken mit dem normalen Alltag normaler Menschen in Verbindung bringen. Er möchte normale Menschen dazu bringen, über die wichtigsten Fragen des Lebens - eben über philosophische Fragen - nachzudenken.

Sofie, des Romans Schülerin der Philosophie, ist noch keine 15 Jahre alt und interessiert sich - je länger je mehr - brennend für philosophische Fragen. Zugegeben: es müssen sehr besondere 14-jährige sein, die anfangen, sich in diesem Maße für Philosophie zu interessieren. Oder liegt es daran, daß es bisher noch kaum gelungen ist, Fragen der Philosophiegeschichte mit dem in Verbindung zu bringen, worüber Teenies nachdenken? Sind es nicht gerade sie, die noch relativ unvoreingenommen und lebendig die entscheidenden Fragen stellen: "Wer bin ich?" "Woher kommt die Welt?"

Gaarder ist dieser Meinung, und er unternimmt den Versuch, die Geschichte der Philosophie in großen Bögen darzustellen - sozusagen aus der Vogelperspektive - und das Menü der Denkbewegungen so darzureichen, daß die einzelnen Gänge leicht verdaut werden können. Ich meine, dieser Versuch sei ihm gelungen. Das Buch ist lebendig, klar und sogar spannend geschrieben. Man glaubt nicht, wie spannend und interessant Philosophiegeschichte sein kann!

Die Rahmengeschichte ist ein wenig verwickelt und erinnert in dem Wechsel von drei oder vier Orten und Ebenen, im Hineinziehen des Lesers in die Geschichte, im Taumeln zwischen Realität und Phantasie an Michael Endes "Unendliche Geschichte". Der Roman oszilliert zwischen der Darstellung der Philosophiegeschichte, der Geschichte Sofies und ihres mysteriösen Philosophielehrers Albert, die wiederum Teil seltsamer und nicht weniger mysteriöser Teil der sie umgreifenden Geschichte von Hilde und ihrem Vater ist. An dieser Stelle mag die einfache Variante genügen: ein wirklich guter, spritziger und origineller Philosophielehrer führt ein 14-jähriges Mädchen in die fremde und interessante Welt philosophischen Denkens ein. Er stellt einfache, aber kluge Fragen, gibt prägnante, nicht mit Fachwissen überladene Antworten und ist aus didaktischen Gründen bereit, Ort und Aussehen zu verändern, kleine Experimente durchzuführen, schriftlich und mündlich zu unterrichten.

Die in der Begegnung zwischen Sofie und ihrem Lehrer sich ergebende Gesprächssituation nutzt der Autor geschickt für kurzweilige Dialoge. Wissen wird weitergegeben als Antwort auf Fragen, und Fragen ist - nach Heidegger - "die Frömmigkeit des Denkens". Nur im Fragen lernt man denken. Der Leser beginnt, in diesen Dialog einzusteigen.

Der Handlungsrahmen bietet eine doppelte Identifikationsmöglichkeit: das Buch, das Hilde liest, halten wir in unseren Händen. Gleichzeitig läuft die Geschichte, die in dem Buch erzählt wird, weiter, so, als wäre sie nicht aufgeschrieben, sondern als würde sie sich in dem Augenblick, in dem Hilde das Buch liest, außerhalb des Buches ereignen. Man kann das nicht beschreiben. Es ist nicht kompliziert, aber ein wenig verwickelt,- wie das Leben und wie das Nachdenken über das Leben.

Jeder, der sich etwas ausführlicher mit einem Philosophen beschäftigt hat und das entsprechende Kapitel in Gaarders Buch aufschlägt, wird vielleicht etwas enttäuscht sein: "Ist das alles, was er darüber sagt? Hat er das Wesentliche erfaßt? Fehlt nicht Entscheidendes?" Vielleicht wird er aber auch erstaunt sein über die kluge Auswahl der Themen und der Fragen, die sich als Elementarfragen und Verbindungslinien durch das ganze Buch hindurchziehen.

Wenn man das Buch genießen will, darf man nicht einen Roman erwarten, um dann durch Philosophie enttäuscht zu werden; man muß Philosophie erwarten und wird durch einen Roman überrascht werden.

Für Studenten: nicht examensrelevant, aber das Studium fördernd!


JOSTEIN GAARDER: Sofies Welt. Roman über die Geschichte der Philosophie. München; Wien: Hanser, 1993. DM 39,80.

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