IN DEN KANÄLEN FEUERLANDS UND PATAGONIENS
SÜDCHILE / Puerto Williams - Puerto Natales / 12.03. –31.03.2003
Am 12. März starten wir zu einem neuen, großen Abenteuer: vor uns liegt die längste und wildeste Fjordlandschaft unserer Erde. Die nächsten 2.000 sm werden uns meist abseits der Zivilisation gegen sturmstarke Winde durch das Labyrinth der verweitverzweigten Kanäle Feuerlands und Patagoniens bis 40 Süd führen. Wir wollen uns dafür einige Monate Zeit nehmen und sind froh, unseren ursprünglichen Plan, diese Saison noch in die Südsee zu segeln, um ein Jahr verschoben haben. Erstaunt erfahren wir von den „Feuerland-Veteranen“, dass die schönste und ruhigste Wetterlage nicht der Sommer, sondern der Herbst ist.
Um 06.00 Uhr früh legen wir von der „Santa Maria“ ab, halten raus in den Beagle Kanal und stecken den Bug Richtung Westen. Ein Traumtag! Die Morgensonne wärmt uns ein wenig, die Bäume verfärben sich bereits orangerot, schneebedeckte Berge leuchten glasklar zu uns herunter, es herbstelt. Zu Mittag dreht der Wind von Südwest auf West und brist auf 25kn-30kn auf. Dicht gerefft nähen wir das enge Fahrwasser mit endlosen Schlägen zu. Am frühen Nachmittag peitscht uns ein eisiger Sturm Schneeregen, Hagelschauer und Gischt ins Gesicht. Wolf steht pitschnaß am Steuer, seine Finger sind trotz Handschuhe steif gefroren. Es geht keinen Meter mehr weiter. Nichts Außergewöhnliches im Land der Stürme. Mit Maschinenhilfe und dreifach gerefftem Groß quälen wir uns die letzten Meilen bis zur Caleta Ferrari.
Erschöpft erreichen wir nach 50sm den Ankerplatz vor der aufgelassenen Estancia Yendegaia. Diese Fahrt steht symbolisch für die unzähligen Tagestörns, die noch vor uns liegen. Immerhin haben wir gelernt, dass Aufkreuzen hier bei zunehmenden Starkwind reinste Energieverschwendung ist. Yendegaia ist für uns ein magischer Platz, den wir wie bestimmte Augenblicke im Leben nie mehr vergessen werden. Am nächsten Morgen beleuchten einige Sonnenstrahlen die schneebedeckten, teils nebelverhangenen Berge und die pastellfarbenen Gebäude der Estancia. In den halb verfallenen Ställen liegen altes Zaumzeug, selbstgeflochtene Lassos, Hufeisen, alte Rinderhäute, geschorene Schafwolle und antiquierte Pferdewägen. Wir bemerken zwei gesattelte Pferde vor einem Haus, Rauch qualmt aus dem Schornstein.
Ein kläffendes Rudel ausgemergelter Hunde empfängt uns und aus der Tür tritt José, ein Gaucho wie im Bilderbuch. Lange schwarze Haare, Vollbart, Halstuch, schöner Gürtel, in dem ein langes Messer steckt. Schüchtern bittet er uns hinein, im Vorraum stolpern wir fast über eine riesige blutige Rinderhälfte - Frischfleisch. Wir sitzen um den warmen Küchenofen und saugen abwechselnd am Maté-Röhrchen. Zögernd erzählt José: „Die Estancia wurde 1910 von kroatischen Einwanderern gegründet und beschäftigte bis zu 40 Leute. Vor zehn Jahren starb der alte Besitzer, sein Sohn zeigte wenig Interesse für die Estancia, war mit Drogen verwickelt und verkaufte das riesige Stück Land vor sechs Jahren um 2,5 Mio. U$.“ Seitdem arbeitet José in diesem abgelegenen Tal, „passt auf den Besitz auf“ und genießt seine selbst gewählte Einsamkeit Ganz alleine ist er nicht, denn er teilt sich das Paradies mit 12 Hunden, 50 Katzen, 150 Pferden (davon 15 gezähmte Reittiere) und ca. 600 verwilderten Rindern. Einmal im Monat stoppt ein Versorgungsschiff in Yendegaia und bringt Lebensmittel für den Einsiedler. Über einen alten Karrenweg wandern wir zum Scheitel der Bucht. Vor unseren staunenden Augen öffnet sich ein ebener, wunderbarer Talboden, den einst ein gewaltiger Gletscher gegraben haben muss. Ein Fluss schlängelt sich durch saftiges Weideland und in der Ferne erblicken wir die zerklüfteten Gletscher der Darwin-Kordilleren.
Der Beagle-Kanal spaltet sich in zwei Arme, wir nehmen den Brazo Noroeste. Von den nördlichen Berghängen drängen riesige Gletscher herab, die teilweise ins Meer kalben und hier Ventisqueros heißen: Hollandia, Italia, Francia, Alemania, Romanche, usw. Wir zweigen in den Fjord des Seno Pia ab, fahren zum ersten Mal zwischen Eisschollen und kleinen Eisbergen. Über Nacht ankern wir gemeinsam mit der „Santa Maria“ in einer Bucht, plötzlich dreht der Wind und innerhalb einer Stunde sind wir vom Eis eingeschlossen. Ein eigenartiges Gefühl, wenn die sich immer bewegenden Eisbrocken ununterbrochen am Rumpf scheuern. Gott sei Dank ist am nächsten Morgen der Spuk vorbei, das Eis mit der neuerlichen Winddrehung wieder verschunden.

Das Barometer fällt und fällt, seit sechs Stunden um zwanzig Millibar. Bei halbem Wind freuen wir uns zur Abwechslung über eine gute Segelbrise und verstecken uns vorsichtshalber gemeinsam mit Ken und Helen von der „Pelagic“ in der Bahia Tres Brazos. In einer winzigen rundumgeschützten Bucht vertäuen wir unsere Boote wie in einem Spinnennetz. Hier kommen unsere langen Festmacherleinen zum Einsatz. Noch am späten Morgen ist es dunkel im Schiff, denn Schnee liegt auf allen Fenstern und Luken, einige „Rigg-Lawinen“ donnern vom Mast an Deck. Dingyruder werden zur Schneeschaufel umfunktioniert und zwischen der „Pelagic“ und „Nomad“-Crew entflammt eine wilde Schneeballschlacht.

Zwei Tage lang hält uns dieser Schneesturm fest, unser Ofen bollert und verbreitet gemütliche Wärme in der Kajüte. Leider rinnt von den Aluminiumfensterrahmen das Kondenswasser in Strömen. Nach dem Motto „Isolierglasfenster“ verkleben wir in einer Blitzaktion die Salonluken mit einer Plastikfolie. Durch die Kanäle O`Brian, Ballenero und Brecknock geht`s weiter bis uns der nächste Starkwind wieder zu einer Pause zwingt. Die Caleta Brecknock am Ende des Seno Occasion gleicht einem Hexenkessel. Gefürchtete Williwaws (Fallböen) von ungeahnter Stärke fegen von den steilen kahlen Granitwänden in die Bucht und treiben schäumend weiße Wasserfontänen vor sich her. Zum ersten Mal in unserem Leben beobachten wir, dass ein Wasserfall vom Sturm nach oben geblasen wird.

Der Ankerplatz ist mehr als beschissen, aber der einzige weit und breit. Wir verholen uns mit dem Heck ins Lee einer senkrechten Felswand, bringen Anker und Leinen kreuz und quer aus und fürchten uns trotzdem. Langsam legen wir uns einen gewissen Fatalismus zu, der uns hilft, Situationen, in denen wir machtlos gegen diese Naturgewalten sind, nervlich durchzustehen.
Vor uns liegt jetzt die berüchtigte Brecknock-Passage, über die Francisco Coloane in seinem Buch „Kap Hoorn“ folgendes schreibt: „Die Brecknock-Passage, ebenso rau wie die Aneinanderreihung ihrer harten Konsonanten ist nicht sehr lang, die Wellen bäumen sich jedoch wie Kraterwände, brechen sich an den hohen düsteren Klippen und stürzen tosend und schäumend ins Meer zurück, sodass die Durchfahrt für alle Seeleute ein Alptraum ist.“

Tatsache ist, dass die Brecknock-Passage über ein kleines Stück offenen Ozean in den Kanal Cockburn führt und bedingt durch auflandigen Wind und Seegang, viele Klippen, starke Strömungen und flaches Wasser sehr gefährlich sein kann. Wir haben Glück, Nebel und Nieselregen sorgen zwar für eine gespenstische Stimmung, aber dafür lassen uns leichte Winde über eine sanft gekräuselte See gleiten. So bleibt es auch die nächsten Tage. Als wir aus den gewundenen Acwalisnan Kanal in die westlichen Teil der Magellanstraße biegen, empfängt uns eine herrliche Brise aus Ost, eine für hier sehr seltene Windrichtung, die wir natürlich nicht ungenützt lassen können. So segeln wir in nur drei Tagesetappen durch die Magellanstraße, bewundern fantastische Gletscher und wahrscheinlich noch immer unbestiegenen Berge der Insel Santa Inez. Schmökern in den Büchern von David Lewis und Joshua Slocum, der hier noch von Indianern überfallen wurde. Beide quälten sich hier ohne Motor wochenlang Richtung Pazifik. Die Reisen waren damals unendlich schwieriger. Heute haben wir es schon ein wenig leichter, dank Wetterfax, halbwegs genauer Seekarten, starker Maschine und der gut segelnden „Nomad“.
Einmal kommt uns eine holländische Segelyacht entgegen, wir fahren nah ran, fotografieren und tauschen über Funk Adressen aus, um uns die Bilder gegenseitig zu schicken. Wo wir Gelegenheit finden, unternehmen wir Wanderungen in die unberührten Berge. Dabei verpacken wir uns wasserdicht: mit Gummistiefeln, Überhose und Goretex-Jacke wandern wir zwischen knorrigen Krüppelbuchen über weiche Moospolster und sumpfige Wiesen, kraxeln über glitschige Baumstämme, klettern über rutschige Felsplatten und durchqueren Bäche. Jeder Landgang hat Expeditionscharakter.Bei 30kn aus Südsüdost schießen wir durch den Paso del Mar und schwenken hinter der Insel Tamar auf Nordkurs in den Kanal Smith. Melden uns bei den freundlichen Leuchtturmbesatzungen von Faro Felix und Faro Fairway. Das Wetterglück bleibt uns hold und so tuckern wir über meist spiegelglattes Wasser Richtung Norden. Manchmal schalten wir den Motor aus und lassen uns in dieser vollendeten Stille treiben. Tagelang weist uns der vergletscherte mächtige Monte Burney an unserer Steuerbordseite den Weg. Seit fast drei Wochen schlängeln wir uns nun durch diese großartige Urlandschaft, dank des herbstlichen Schönwetters sind wir schnell vorangekommen und beschließen, einen Abstecher Richtung Osten nach Puerto Natales zu unternehmen. Der 60sm „Umweg“ führt uns durch den Seno Union und den spektakulären Kanal Santa Maria quer durch die Anden in die patagonische Steppe.

Puerto Natales + Trekking / 02.04. – 07.05.2003
Die Kleinstadt Puerto Natales mit ihren 15.000 Einwohnern liegt am Eingang des Seno Ultima Esperanza und erinnert mit ihren bunten Holz- und Wellblechhäusern sehr an die typisch patagonischen Orte an der argentinischen Küste. Zurück in der Zivilisation bunkern wir erst einmal 200 Liter Diesel, versorgen uns wieder mit Frischsachen und verholen uns 10sm weiter in den schmalen, flachen Estero Eberhard. Da die Seekarten sehr ungenau sind, bleiben wir auch gleich im Schlamm stecken, bis uns am nächsten Morgen ein Fischer den Weiterweg durch den hier nur 2m-3m seichten Fjord zeigt. Die Gegend hier war bis 1896 unbesiedelt, dann kam der deutsche Kapitän und Abenteurer Hermann Eberhard, nahm diesen Streifen Land für Chile in Besitz und gründete die Estancia (Viehgroßfarm) Puerto Consuelo.

Eberhard entdeckte hinter seinem Weideland auch die riesige Milodon-Höhle und jenes Stückchen Haut, welches damals unter den Naturwissenschaftlern große Aufregung verursachte. Dieses borstige Stückchen Haut gehörte nämlich zu einem schon vor 10.000 Jahren ausgestorbenen Riesenfaultier – dem Milodon.
Nomad liegt vor der Estancia auf zweieinhalb Meter Wassertiefe mit 50m Kette und Tandemanker (zwei Anker hintereinander gesetzt und verbunden mit 10m Kette). So können wir beruhigt unsere schweren Rucksäcke schultern, um in den patagonischen Anden Trekkingtouren zu unternehmen. Tagelang wandern wir durch den sagenhaften Torres del Paine Nationalpark, bis uns ein heftiger Sturm fast das Zelt wegweht.
So reisen wir rüber nach Argentinien, steigen in der Nacht zum Moränenrand der Gletscherlagune direkt unter den fast 2000m hohen Wänden des Fitz Roy und bestaunen den König der patagonischen Berge in einem feuerroten Sonnenaufgang.
Der Südwinter sitzt uns auf den Fersen, doch nur schwer können wir uns von Puerto Consuelo, diesem paradiesisch, ruhigen Platz trennen. Mit Rudi Eberhard, dem Urenkel des deutschen Kapitäns und seiner Frau Gladys haben wir Freundschaft geschlossen. Am Abend sitzen wir oft im gemütlichen Haus der Eberhards, stöbern durch alte Familienfotoalben und vergilbte Briefe in Kurrentschrift (die niemand mehr lesen kann!) und stückeln gemeinsam die alten Geschichten zusammen. Anfang Mai findet auf der Estancia eine große Rinderzählung statt, bei der kleine Jungtiere aussortiert und in den Norden Chiles verkauft werden. Eine tolle Gelegenheit für uns, die Gauchos in Aktion zu sehen.

 

Puerto Natales – Golfo de Penas / 08.05. – 30.05.2003
Die Vorderseite eines heranziehenden Tiefs treibt uns mit dunklen Regenwolken und 30kn-40kn Ostwind über den Golfo Almirante Montt dem Andendurchbruch entgegen. Diesmal wählen wir die kurze aber enge Angostura Kirke, in der Tidenströme bis zu 14kn die Durchfahrt zu einem Wildwassererlebnis verschärfen können. Wir erwischen Gott sei Dank die kurze Stillwasserperiode und schlüpfen ohne Probleme zurück in die australe Fjordwildnis. Die Stille hat uns wieder. Außer dem Heulen des Windes, dem Schnaufen der Seelöwen und Delphine, dem zischenden Flügelschlag der Kormorane und dem Schnattern der Enten und Gänse ist nichts zu hören. Vor uns liegt eine grandiose menschenleere Gebirgslandschaft mit spitz aufragenden Gipfeln, windgepeitschten Sträuchern und Bäumen.

Unser „Fjordalltag“ stellt sich wieder ein: Um 07.00 Uhr läutet der Wecker, um das erste Wetterfax zu ziehen. Währenddessen setze ich Wasser für den Tee auf und koche Hirse- oder Haferflockenbrei – das wärmt gut bei der Kälte. Erst gegen 08.00 Uhr wird es langsam hell, zwängen uns ins Ölzeug, Wolf löst die Landleinen, gemeinsam hieven wir das Dingy mit dem Spifall an Bord und gehen Anker auf – Abfahrt. Immer seltener werden die gesegelten Meilen, meistens muss die Maschine herhalten, da Wind und Strom gegen uns sind. Wir steuern viel mit der Hand, die gewundenen Kanäle, viele Untiefen, Kelp, Treibeis und wechselnde Winde erfordern ständige Aufmerksamkeit.Die nächstliegenden Ankerplätze und das Wettergeschehen im Auge versuchen wir bei den Tagestörns soweit wie möglich zu kommen und unser Ziel noch vor dem Dunkelwerden gegen 18.00 Uhr zu erreichen.Vor allem bei zu erwartenden Starkwind bevorzugen wir die engen Schlupflöcher, in denen man mit vier Landleinen wie eine Spinne aufgespannt liegt.

Während ich versuche „Nomad“ auf Position zu halten, rudert Wolf mit dem Dingy so schnell wie möglich zum Ufer. Die lange Dingyleine um den Bauch geknüpft, klettert er über glitschige Steine, steile Mooshänge und durch dichtes Gestrüpp, um die Festmacherleinen um einen möglichst dicken Baum zu binden. Bei Seitenwind ein oft haarsträubendes Manöver. Wenn es noch hell ist, holen wir bei Gelegenheit Trinkwasser von den zahlreichen Bächen und Wasserfällen, die sich in die Buchten ergießen. Dabei legen wir oft einen Schlauch vom Wasserfall zu den im Beiboot stehenden Kanistern.

Am Abend dicht gedrängtes Programm. Zweimal Wetterfax, dazwischen Kochen und Abendessen, Boot aufräumen, Seekarten und Handbücher studieren, die Ankerplätze für den nächsten Tag markieren und Waypoints in den GPS eingeben. Ab und zu verwöhnen wir uns auch mit einer heißen Dusche und einer Flasche köstlichen chilenischen Rotwein. (Unsere Lieblingsmarken: Cabernet Sauvignon – Casillero del Diablo von Cocha y Toro, Merlot von Isla Negra, Carmenere von In Situ) Müde fallen wir in die Koje. Oft wird unser Schlaf vom Heulen des Windes gestört, dann zerrt „Nomad“ an Leinen und Anker, und wir hoffen, dass alles hält.
Über den Seno Union und den Estrecho Collingwood erreichen wir den Canal Sarmiento, an dessen Ende uns Eisberge begrüßen, die aus dem Estero Peel herausdrängen. Der Südwinter ist uns langsam aber sicher auf den Fersen, die Tage werden immer kürzer, 15 Stunden Dunkelheit stehen 9 Stunden Tageslicht gegenüber. Am Morgen finden wir oft Raureif und Eis an Deck, mehr als einmal rutschen wir im Cockpit auf den vereisten Teakleisten aus. Die Festmacherleinen frieren an den Klampen an, der zugefrorene Ankerdeckel lässt sich oft nur mit Gewalt öffnen. Unendlich kommen uns diese Fjorde hier vor. Täglich schlüpfen wir durch „esteros“, „senos“, „pasos“ und „canales“, jede Nacht ankern wir in einer anderen „caleta“ oder einem anderen „puerto“. Bis auf ein paar einsame Fischer, die uns Fisch, Centollas oder Seeigeln anbieten, treffen wir keine Menschenseele. Eine Handvoll einsame Yachten ist noch unterwegs, alle melden sich täglich auf dem „Patagonian Cruisers Net“ auf 8.164 kHz um 09.00 Ortszeit. Wetterberichte, Standorte und Tipps werden weitergegeben und seltene Zusammentreffen arrangiert. So freuen wir uns, in der Caleta Moonlight Shadow die Crew der „Zephyrus“ kennen zu lernen. Edith und Ken kommen aus Kanada, sind beide Biologen, in unserem Alter. Wir finden sie auf Anhieb sympathisch. Einen langen Abend verbringen wir auf der kleinen Stahlbetonyacht und plaudern über Bergsteigen, Klettern, Segeln, Tauchen, Fischfallen und über das Abenteuer, in Patagonien zu reisen. Leider trennen sich unsere Wege bereits am nächsten Tag, „Zephyrus“ fährt Richtung Süden und wir weiter in den Norden.

Über den Estero Peel versuchen wir zum Amalia Gletscher zu gelangen, Nebel und dichtes Eis verhindern jedoch unser Vorhaben. Mehr Glück haben wir 100sm weiter im Norden, wo der größte Gletscher des patagonischen Inlandeises, der Pio XI auch Anna Maria genannt, ins Meer fließt. Schon an der Kreuzung vom Canal White zum Seno Eyre schwimmt uns eine glitzernde Flotte von Eisbergen entgegen. Der eiskalte Atem des Gletschers weht uns ins Gesicht. Die Wassertemperatur sinkt drastisch auf 2C - 3 C. Langsam bahnen wir uns im Zickzack einen Weg durch das knisternde Treibeis, bis uns große Eisberge und -schollen endgültig am Weiterkommen hindern. Wir stehen 1,5sm vor der bis zu 60m hohen blau schillernden Abbruchkante des imposanten Gletschers. Alle paar Minuten brechen tonnenschwere Eistürme ab und kalben donnernd ins Meer, um als neue Eisberge auf Reise zu gehen. Bis zu zwei Meter hoch sind die Wellen, die von ihnen aufgeworfen werden.
Eine frostig sternenklare Nacht wird von einem gespenstisch nebeligen Morgen abgelöst. Die Wasseroberfläche am Ankerplatz ist leicht zugefroren. Mit dem Radar tasten wir uns vorsichtig aus der Caleta Elizabeth und verwechseln zu unserem Schrecken ein Inselchen mit einem Eisberg! Draußen im Seno Eyre sind die kleinen Eisstücke bereits zu großen Platten zusammengefroren. Knirschend bricht unser Bug das Eis, polternd schrammen größere Brocken die Bordwand entlang. Hinter unserem Heck zieht sich eine breite Spur durchs Eis. Kaum lichtet sich das Eis schnellen Delphine ausgelassen aus dem Wasser und spielen in Dreier- und Viererformationen um unseren Bug. Wolf klemmt sich zwischen Ankerwinsch und die Profurl-Trommel, lässt den Oberkörper über Bord hängen und kann die Rückenflossen unserer Begleiter sogar berühren.

Am 20. Mai erreichen wir das 200 Seelen Dorf Puerto Eden, der abgelegenste Ort Patagoniens. „Vencer o morir“ („siegen oder sterben“) steht in großen Lettern auf einem Schild im Vorraum des Hafenamtes der chilenischen Armada. Seit wir in Südamerika reisen, stoßen wir immer wieder auf starken Nationalismus. Kein Platz, keine Hauptstraße, die nicht nach nationalen Kriegshelden benannt sind. Auf argentinischen Landkarten gehören die Falkland-Inseln und ein Teil der Antarktis zu Argentinien. Derselbe antarktische Sektor wird ganz selbstverständlich auch als Teil des chilenischen Territoriums angesehen.

Wir ankern in einer fast völlig von Land eingeschlossenen Bucht, um deren Ufer verwahrloste, bunte Wellblech- und Holzbuden aneinander gereiht sind. Ein ca. ein Kilometer langer, unglaublich rutschiger Holzsteg führt durch das kleine Dorf. Ohne diesen Holzweg würde man bei dem extrem feuchten Klima hier bodenlos im Matsch versinken. Regen und Sturm halten uns fast eine Woche fest, sodass wir ein wenig Einblick in die keinesfalls paradiesische Welt Puerto Edens bekommen. Kaum angekommen machen wir uns sogleich auf die Suche nach „combustible“, sprich dem hier so lebenswichtigen Diesel. Da in den beiden Läden der kostbare Sprit bereits ausverkauft ist, bekommen wir den Tipp, bei der Polizei nachzufragen. Wir finden Senor Soto, den Polizeihauptmann, kopfüberhängend im Motorraum eines vergammelten Fischerbootes. Mit ölverschmierten Händen begrüßt er uns freundlich und deutet vielversprechend auf die kreuz und quer im Laderaum liegenden rostigen Dieselfässer. Nach der altbewährten „Saugmethode“ füllen wir mit einem Schlauch unsere leeren Kanister. Beim ersten Ansaugen spritzt Senor Soto ein Schwall Diesel ins Gesicht und röchelnd würgt er auch noch einen kräftigen Schluck hinunter.
An einem finsteren Regennachmittag spazieren wir über den glitschigen Holzsteg, dabei verheddere ich mich in der Festmacherleine eines wurmstichigen Fischerbootes und lande wenig grazil am Bauch. Vor einem windschiefen blau gestrichenen Holzhaus winkt uns lachend eine kleine, dicke Frau zu sich. Sie möchte uns winzige Indianermodellkanus verkaufen und bittet uns in die gute Stube. Im Halbdunkel sitzt die gesamte Familie um den großen Küchenofen, der mitten im überhitzten Raum steht. Maria reicht uns Nescafé und ein paar Scheiben selbstgebackenes Brot mit der Entschuldigung, dass sie keine Butter habe. „Mein Mann und ich kamen vor über 20 Jahren aus Chiloé hier her, es gefiel uns gut und mit der Fischerei hatten wir auch ein Einkommen. Aber seit es „marea roja“ gibt, ist alles anders geworden, jetzt sind alle Muscheln vergiftet und die Fische werden immer weniger. Früher hatte Puerto Eden über fünfhundert Einwohner.“ Wir kaufen Maria drei Kanus ab und besuchen sie noch ein paar Mal in den nächsten Tagen.
Neben der Kirche wohnen zwei Sozialarbeiter aus Santiago, die ihren einjährigen Job erst vor zwei Wochen hier begonnen haben. Wir erfahren von ihnen, dass die Menschen hier seit Auftreten der „marea roja“ von Sozialhilfe leben und dadurch keine Motivation verspüren, etwas zu arbeiten. Dazu kommt, wie so oft, das Alkoholproblem. Damit ein Umdenken statt findet, wollen die beiden versuchen, in der neu gestifteten Schule mit den Kindern zu arbeiten. Ein langfristiges Projekt. Draußen im Garten hackt Patricio, einer der letzten Alacalufe-Indianer, Feuerholz, um sich ein paar Pesos zu verdienen. „Für uns ist diese Arbeit zu schwer.“ bemerkt Francisco, der Psychologe und streicht genüsslich über sein Wohlstandsbäuchlein.
Zweimal die Woche stoppt die zwischen Puerto Montt und Puerto Natales verkehrende rote Navimag-Fähre in Puerto Eden, die Versorgungs- und Lebensader zur Außenwelt. Wir nützen die Gelegenheit, um uns mit frischen Obst und Gemüse einzudecken, bevor wir wieder ins weitverzweigte Kanallabyrinth aufbrechen.

Zwischen zwei langen Schlechtwetterperioden, in denen wir kaum die Sonne erblicken, bricht für einen Tag das lang ersehnte Himmelsblau durch. Bei klirrender Kälte und völliger Flaute tuckern wir in den schmalen, über zehn Seemeilen langen Seno Iceberg, an dessen Scheitel sich ein kleiner, aber wunderbarer Gletscher von den bis zu 4.000m hohen Andengipfeln in den Fjord schiebt. Nach einigem Zickzack erspäht Wolf vom Mast aus ein breites Fahrwasser im Eis, das uns entlang des nördlichen Ufers ganz nahe an das Objekt unserer Begierde führt. Wenig später treiben wir lautlos und staunend direkt vor der haushohen, knirschenden Schelfeiskante. Schon längst hätten wir uns vom Anblick des blauen Gletschers losreißen und uns auf den Rückweg in eine geschützte Bucht machen sollen, denn der nächste Wettersturz kündigt sich bereits an. Aber unsere Begeisterung siegt über den Verstand. Wir sitzen bis Sonnenuntergang im Cockpit, trinken Whiskey „on the rocks“ mit jahrtausend altem Gletschereis und ankern über Nacht gleich neben der Gletscherzunge unter einem rauschenden Wasserfall.
In der Caleta Yvonne treffen wir die Aluyacht „Ada“. Celia, eine junge englische Abenteurerin und Extrembergsteigerin, ist einhand unterwegs. Ich bewundere sie sehr, denn unvorstellbar ist für mich der Gedanke, hier alleine zu segeln. Vor zwei Jahren war Celia mit einer Frauencrew in der Antarktis und heuer soll es nach Südgeorgien gehen.
Die Weiterreise zieht sich in die Länge. Schlechtwettertage, an denen wir uns in Buchten verstecken, überwiegen. Manchmal fühlen wir uns am eigenen Schiff „eingesperrt“. Jeder Landgang wird im Keim erstickt, da dicker, undurchdringlicher Regenwald Ufer und Berghänge überwuchert.

Golfo de Penas – Puerto Montt / Juni 2003
Das Ende des Messier Kanals öffnet sich zu einem Trichter in den gefürchteten Golfo de Penas, der das geschützte, patagonische Kanalsystem unterbricht. Dem „Golf der Leiden“ eilt ein sehr schlechter Ruf voraus und er kann äußerst gefährlich sein. Selbst große Schiffe, wie die Navimag-Fähre, müssen auf gute Bedingungen warten. Ungehindert rollt die riesige Pazifikdünung, aufgeworfen von den ständig stürmischen Westwinden, in die 50sm breite Einbuchtung. Der Seegang ist verheerend, da die Wassertiefen abrupt von über 1000m auf unter 100m abnehmen, hinzu kommen noch starke Gezeitenströme. Am 01. Juni wagen wir uns bei leichter südwestlicher Brise hinaus in den Golfo de Penas. Rufen über UKW die Kontrollstation vom San Pedro Leuchtturm und erkundigen uns nach den Bedingungen im Golf. Der Armada-Wetterbericht verspricht günstige Winde aus SSW mit 15kn-20kn. Kaum aus dem Lee empfangen uns unglaublich giftige Schauerböen mit über 30kn und ein elendig ruppiger Seegang. Ich werde sofort seekrank, mein Magen reagiert nach den vielen Monaten in den geschützten Meerwasserkanälen sehr empfindlich. Unser Ofen rebelliert ebenfalls und verqualmt die Kajüte. Wolf dreht die Dieselzufuhr sofort ab und steht hustend mit dem Feuerlöscher bereit.

Der Wind legt immer mehr zu und dreht auf West, sodass wir hart am Wind in eine düstere, kalte Neumondnacht stampfen. Auch Wolf ist noch wackelig auf den Beinen, beim Reffen wirft ihn eine Welle um und er liegt wie eine Schildkröte am Rücken. Die abendliche Wetterfax-Vorausschau bestätigt unsere Befürchtungen: Für morgen Sturm aus Nordwest! So bleibt uns nur ein Ausweg, nämlich abzufallen und Kurs auf den Golfo Tres Montes zu nehmen, der die nördliche Fortsetzung des Golfo de Penas bildet. Genau dort wollen wir eigentlich nicht hin, denn wir wissen schon jetzt, dass es schwierig wird, aus dieser „Sackgasse“ wieder rauszukommen. Mit dem Radar tasten wir uns gegen halb zwei Uhr morgens in den Schutz der Halbinsel Tres Montes und ankern in Puerto Barroso.
Seit Tagen schüttet es und doch ist es nicht der lokale Weltuntergang. Es regnet nur. Morgens, mittags, abends und nachts. Ein dunkles Wolkenmeer folgt dem anderen. Wie befürchtet stecken wir jetzt in dieser „Mausefalle“. Von Ken erfahren wir auf der Funke, dass es weiter drinnen im Golf heiße Thermalquellen gibt. Sofort verholen wir uns die zwölf Seemeilen nach Norden und sitzen bereits ein paar Stunden später in einem kleinen, herrlich dampfenden Becken. Der natürliche Pool befindet sich direkt am Strand, und die Bäume des Dschungels formen ein grünes Regendach über unseren Köpfen. So lässt sich dieses Mistwetter leichter ertragen.
Eine knappe Woche später vermuten wir ein kleines Wetterfenster. Gegen starken Südwest motorsegeln wir raus in den Golfo de Penas und stampfen gegen eine schwere Dünung. Wir sind viel zu knapp an Land. Nur zwei bis drei Seemeilen trennen uns von der mörderischen Brandung an den scharfen Klippen. Aber wir wollen das Cabo Tres Montes möglichst eng runden, um keine Meile zuviel zurückzulegen und keine Zeit zu verlieren. Es ist ein nervenaufreibendes „russisches Roulette“. Irgendwie schaffen wir es. Südlich vom Cabo Tres Montes nehmen wir die Schoten dicht, schalten die gequälte Maschine aus und kämpfen gegen bis zu vier Meter hohen brechenden Wellen. Endlich ums Cabo Raper können wir abfallen und schießen umkreist von riesigen Wanderalbatrossen und verspielten Kaptauben nach Norden. In einer 45kn Bö stellen wir mit „Nomad“ einen neuen Geschwindigkeitsrekord von 12kn auf! Im Morgengrauen segeln wir bei abflauendem Wind über die Bahia Anna Pink wieder in das geschützte Labyrinth der Meerwasserkanäle. Nur langsam fällt der Stress von uns ab, noch nie zuvor hat uns ein so „kleines Seestück“ derartig gefordert. Erleichtert erreichen wir die Caleta Jacqueline am südlichen Ende des Chonos-Archipels. Weiter geht es durch ein Inselgewirr mit lieblich sanften Hügeln. Die schroffen Berge der Anden liegen jetzt weiter landeinwärts. An einem klaren Morgen erblicken wir den über 4.000m hohen, mächtigen, eisgepanzerten Cerro San Valentin aus fast 200km Entfernung. Er ist der höchste Gipfel, der aus dem patagonischen Inlandeis ragt Seine gewaltigen Eismassen fließen in die Gletscherlagune von San Rafael, auf deren Besuch wir aufgrund der fortschreitenden Jahreszeit schweren Herzens verzichten.

Jetzt im Juni (auf der nördlichen Hemisphäre entspricht das dem Dezember) hat uns der Winter endgültig überholt und versperrt uns mit seinen Stürmen den Weg. Von Westen her ziehen ununterbrochen Tiefdrucksysteme gegen die südchilenische Pazifikküste und produzieren sintflutartige Niederschläge sowie ständigen Starkwind aus Nord, was natürlich unsere Fahrtrichtung ist. Nur selten öffnen sich die Isobaren ein wenig, um ein paar lächerliche Meilen Richtung Norden gut zu machen. Unser Leben richtet sich nach dem Wetterfax – viermal am Tag ein Überraschungsei! Von der ständigen Anspannung fühlen wir uns müde und ausgelaugt. Seit wir in Patagonien unterwegs sind, hat das Segeln seine Leichtigkeit verloren. Langsam wächst die Sehnsucht nach Wärme und unbeschwertem Segeln im Passat.
Wieder warten wir eine Woche, um von Melinka, einem urigen Dorf im Norden der Guiatecas Inseln, die Boca del Guafo zu überqueren. Diese nur 30sm breite Öffnung zum Pazifik ist eine weitere berüchtigte „Ecke“, vor der wir eindringlich gewarnt wurden. Die Fahrt wird ziemlich ungemütlich: Waschmaschine mit Schleudergang. Wind auf die Nase, bis zu 4kn Gegenstrom und querlaufende Dünung verzögern hartnäckig unsere Ankunft im Süden der Insel Chiloé vor der nächsten Kaltfront. Chiloé, etwa so groß wie Korsika mit sanft gewellter irischer Landschaft, bunten Holzhäusern und kunstvoll schindelverkleideten Kirchen bildet nach Westen eine Barriere zum offenen Pazifik. Zwischen der zerfransten Ostküste und dem Festland liegen zahlreiche Inselchen. Im lebhaften Fischerhafen Quellon bleiben wir wieder zwei Tage hängen, bevor das Unerwartete passiert. Nach endlosen Regentagen scheint wieder mal die Sonne! Vorbei an vielen Fischzuchten, saftigen Weiden mit Schafen und Rindern und verschlafenen Dörfern segeln wir mit herrlich ablandiger Brise durch das Inselgewirr nach Norden. Nach zwei weiteren Stopps erreichen wir am 24. Juni 2003 die Stadt Puerto Montt am nördlichen Ende der patagonischen Wasserwege und machen am einzigen Schwimmsteg der winzigen Marina Oxxean fest.

 

In unseren Gesichtern spiegeln sich die Strapazen der Reise. Wolfs Kopf- und Barthaare sind etwas grauer geworden, und ich habe dunkle Ringe unter den Augen. In den ersten „sicheren“ Nächte am Schwimmsteg schlafen wir erschöpft mindestens zwölf Stunden. Das Wetterfax hat seine Bedeutung verloren, ein riesiger Schmutzwäscheberg wartet auf die Wäscherei. Die Zivilisation hat uns wieder, Stadtlärm dröhnt in unseren Köpfen, irgendwie fühlen wir uns verloren und verspüren wieder Sehnsucht nach der Wildnis.

Ein großer Traum gehört jäh der Vergangenheit. Wir sind froh, diese schwierige Strecke ohne ernsthafte Probleme geschafft zu haben und freuen uns auf ein paar Monate Segelpause. Über 13.000sm liegen seit unserem Start in Izola vor knapp eineinhalb Jahren in unserem Kielwasser.

 

Puerto Montt und Heimaturlaub / Juli – November 2003
Der erste Eindruck von Puerto Montt kann uns nicht wirklich überzeugen. Die hübsch-hässliche, aber funktionale Stadt mit ihren ca. 120.000 Einwohnern kommt uns modrig, armselig und deprimierend vor, aber vielleicht liegt das auch an den dunklen, kaltfeuchten Wintertagen. Die Chilenen sind freundlich, zurückhaltend und etwas schwermütig, über „...die Melancholie seiner regenreichen Rasse ....“ schrieb bereits Pablo Neruda. Eigenartig, dass man immer wieder an Plätzen hängen bleibt, die einem nicht so gefallen. Die Marina Oxxean liegt gut fünf Kilometer vom Stadtzentrum entfernt (20 Minuten Busfahrt um 40,- Cents p.P.) im geschützten Kanal Tenglo. Der Liegeplatz am Schwimmsteg kostet U$ 5,-- pro Tag, Tidenhub beträgt bis zu sieben Meter. Es gibt eine grindige, aber heiße Dusche (solange die Gasflasche nicht leer ist) und gratis Internetzugang im Büro von Alejandro. Eine Handvoll Fahrtensegler hat sich zum Winterlager hier eingefunden. Langsam beginnen wir uns zu organisieren. Um mehr Platz an Bord zu gewinnen, verstauen wir Segel, Kanister, Windfahne, Gasflaschen etc. im Wellblechlager der Marina. Stellen das Schiffsinnere auf den Kopf, reinigen vom Bug bis zum Heck und rücken dem Schimmel mit Essig und Chlor zu Leibe. Bei möglichst offenen Luken, Elektro- und Dieselheizung voll aufgedreht, versuchen wir Nomad trocken zu legen. Da die gesamte Kleidung und das Bettzeug schimmelt, bringen wir alles (ca. 50kg!) in die nächste Wäscherei.

An den langen Winterabenden sitzen wir oft mit der kleinen Seglergemeinde zusammen und bekochen uns gegenseitig. Menschen haben uns immer interessiert, vor allem, was sie vom Leben denken. Worin besteht ihr Glück? Wovon träumen sie? Einige von ihnen sind Freunde geworden. Mani zum Beispiel. Der melancholische, 60jährige Finne, der vor zehn Jahren mit seiner karotten-orangen „Biribi B“ nach Patagonien kam und hier wohl bleiben wird. Geduldig und selbstlos steht er bei kniffeligen, technischen Bootsproblemen mit Rat und Tat zur Seite. Selten zuvor begegneten wir einem hilfsbereiteren und gütigeren Menschen. Oder Clive und Laila, die immer lustige, australisch-dänische „Connection“ von der „Amolé“. Die beiden verdienen sich ihren Lebensunterhalt auf großen Charterbooten in der Karibik, um dann wieder ein paar Jahre zu reisen. Begeistert erzählen sie uns von Grönland und Neufundland und entzünden damit eine für uns neue Vision. Dazu gesellt sich der immer mürrisch dreinblickende Chilene Alan, der mit seiner knapp neun Meter langen „Bebinka“ bereits zweimal den Erdball umrundet hat. Wild gestikulierend hat er unzählige, humoristische Geschichten aus seinem 25jährigen Bordleben auf Lager. Alan gehört noch zu den abenteuerlichen „low budget“ Seglern der alten Garde, die man heute kaum mehr trifft. In seiner Kajüte, die mehr einer Rumpelkammer gleicht, brütet er stundenlang über seinem Laptop und erstellt praktische Computerprogramme für Fahrtensegler. Mit seinem genialen „Ez-Wind“-Programm können wir nun die Windstärken auf Wetterfax-Bodendruckkarten selbst bestimmen. Siehe www.bebinkasoft.com In der immer warmen Kajüte der stabilen „Marida“ (wie unsere alte „Susi Q“ eine holländische Koopmanns-Konstruktion) haben sogar die tropischen Kakerlaken das raue patagonische Klima überlebt. Die zwei liebenswürdigen, holländischen Pensionisten Adri und Sitske genießen die lange Winterpause in Puerto Montt in vollen Zügen, und wir sind jederzeit auf einen Kaffee willkommen.
Unser chilenisches Visum läuft langsam ab (eine Verlängerung würde p.P. U$ 100,-- kosten), so fahren wir für ein paar Tage rüber nach Argentinien. Die Busfahrt auf teilweise vereisten Straßen zieht sich in die Länge und am Andenübergang bleibt der Bus mit seinen „glatzerten“ Reifen im Neuschnee stecken. Nach sieben Stunden erreichen wir das argentinische Villa la Angostura, ein hübscher Ferien- und Schiort am Lago Nahuel Huapi gelegen. Die Argentinier wirken offen, fröhlich und lebendig. Auch der Capuccino schmeckt hervorragend. Unternehmen eine sechsstündige Schneewanderung zum einzigen Myrtenwald der Welt und stapfen anderntags auf den Gipfel des Cerro Bajo. Bei der Rückreise nach Chile erhalten wir neuerlich ein Visum für drei Monate.

Am 14. Juli lassen wir Nomad im Club Nautico aus dem Wasser heben. Die Aktion gleicht einem Alptraum. Der kleine zehn Tonnen Kran ist am Limit, die Kreuzrahmen sind zu schmal für unser breites Boot, sodass uns die Gurten die Scheuerleiste eindrücken. Der fahrbare Lagerbock ist eigentlich zu schwach, aber wir haben keine andere Wahl, denn der nächste Travellift steht in Valdivia und kostet U$ 1.000,--! Dafür bezahlen wir hier nur 25,-- U$ für Raus- und Reinheben plus 100,-- U$ für den LKW, der unser wackeliges Fahrgestell mit einem Ruck zum Liegeplatz befördert, dass uns das Herz fast stehen bleibt. Nun können wir endlich unseren maroden Schwerthydraulikzylinder ausbauen.
Am 08. August entfliehen wir für zwei Monate der Kälte und dem Regen Patagoniens und wärmen uns in der Hitzwelle Österreichs auf. Unsere Rückkehr haben wir in der Yachtrevue 12/03 folgendermaßen beschrieben:

Samstag, 11. Oktober 2003. Hätte erholsamer Heimaturlaub werden sollen. War es aber nicht. Zwei Monate lang Termine: Familie und Freunde besucht, Ersatzteile besorgt, 10.000 Dias am Leuchtpult kritisch durchforstet und mit Entsetzen festgestellt, dass eine Kamera die Feuchtigkeit nicht überlebt hat. Landen am Abend nach 30 Stunden Flug und dreimal Umsteigen mit 100kg Gepäck in Südchile. Jetlag entfällt, schlafen egal wann, Hauptsache lange.

Sonntag, 12.10.2003. Endlich zuhause, obwohl Nomads Deck nur über eine lange, wackelige Holzleiter zu erreichen ist. Ertappe mich dabei, wie mir gute vier Meter über dem Boden doch etwas mulmig wird und spreche ein kurzes Stossgebet für alle Segler, die jemals vom aufgebockten Boot gestürzt sind.

Freitag, 17.10.2003. Frisch reparierten Hydraulikzylinder eingebaut, Ergebnis des Tests: Schwert fällt zischend nach unten und Hydrauliköl spritzt durch die Kajüte! Vermutliche Diagnose: Im Flugzeugladeraum zerquetschte Zylinder können einfach nicht dicht sein. Zerknirschende Erkenntnis: Der Aufwand, unser „Problemkind“ in Europa reparieren zu lassen, war für die Katz!
Dienstag, 28.10.2003. Der seit zwei Wochen unablässig sintflutartige, australe Regen stoppt unvermutet. Bei zaghaftem Sonnenschein pinseln und rollen wir hektisch Lack und Antifouling auf unser Schiff. Plötzlich ein Floh im Hirn: Sollten unbedingt den schönsten Vulkan Chiles besteigen.

Sonntag, 02.11.2003. Rattern zeitig früh auf Schotterpiste mit Mietauto bis auf knappe 1200m. Mit Seil, Steigeisen und Pickel kämpfen wir uns auf den eisgepanzerten, perfekten Kegel des Osorno, dessen unsichtbarer Krater wie ein Stanitzl mit Gletschereis gefüllt ist. Auf seinem 2652m hohen Schlagobershauberl blicken wir über die endlose Kette der Anden. Adrenalinstoss beim Abstieg: Knapp unter der Gipfelwächte rutsche ich aus und hänge in Sekundenschnelle im Seil – weit unter mir der Gletscherbruch mit blaugrün schimmernden Spalten. Wolfs Pickel hält mich eisern.

Mittwoch, 05.11.2003. Probieren nagelneu angefertigten Hydraulikzylinder, jedoch sind die Anschlussnippeln zu lange. Also wieder retour zur Werkstatt. Zum patagonischen Dauerregen gesellt sich stürmischer Nordwest-Wind und die altbekannte Werftdepression. Sehnsucht nach Boot im Wasser und trockeneren geographischen Gefilden wächst ungebremst.

Ende November schwimmt Nomad wieder in ihrem Element, und wir rüsten uns für einen sechswöchigen Törn in die patagonische Fjordlandschaft.

Zurück in die Wildnis / Dezember 2003 – Jänner 2004                 (Fotos von Hans Thurner)
Mit unseren Freunden Ramona, Hans und Gerald starten wir Anfang Dezember bei vertrautem Mistwetter Richtung Süden. Zwischen Festland und der Insel Chiloé bummeln wir von Eiland zu Eiland, überqueren den Golfo Corcovado und segeln unter wolkenverhangenen Berghängen bis zum Golfo Elefantes am Ende der nördlichen patagonischen Kanäle.

Durch den kurzen Rio Tempanos schlüpfen wir in die ca. 5sm x 8sm große Lagune San Rafael. Gewaltige Gletschermassen wälzen sich vom über 4.000m hohen Cerro San Valentin ins Meer. Vor der bis zu 50 Meter hohen und knapp zwei Seemeilen breiten Abbruchkante schieben Wind und Strömungen die Eisberge wie Kulissen auf einer Bühne hin und her.
Krachend brechen haushohe Eistürme aus der Gletscherwand und tauchen tief in die eisigen Fluten. Die Eisberge zeigen sich in bizarrsten Formen mit Farben von hell- bis dunkelblau, von flaschengrün bis transparent, sie knistern und knacken, bersten auseinander und kentern. Mit Herzklopfen tasten wir uns vorsichtig bis auf 200 Meter an den Gletscherrand und lassen uns stundenlang inmitten dieser Wunderwelt treiben.
Die Reise ufert in ein unglaubliches Foto-Shooting aus, haben wir doch mit Hans einen der besten Landschaftsfotografen Österreichs an Bord.
www.hans-thurner.at
In Puerto Chacabuco steigt neue Crew an Bord, die auch den heißersehnten Sommer nach Patagonien bringt. Mit Gerhard, Christian und Marika kreuzen wir aus dem Seno Aysen zu einer der schönsten Thermen Patagoniens. Mitten im Regenwald unter riesigen Bäumen, Farnen und Nalca-Blättern versteckt, aalen wir uns in den mit Natursteinen ausgelegten heißen Pools. Kameramann Christian und seine Frau Marika wollen eine Dokumentation über uns beide drehen. Es fällt uns zu Beginn schwer, sich vor laufender Kamera natürlich zu verhalten.
„Good Morning, Good Morning, this is Anihue-base opening the Patagonian cruisers net ....“ dröhnt jeden Morgen um 09.00 Uhr Ortszeit J.C.`s heitere Stimme über den Äther. Seit einem Jahr begleitet uns J.C. (= Juan Carlos Szydlowski) via SSB-Radio, 8.164 kHz, auf unserer Reise um Südamerika. Jetzt wollen wir ihn endlich persönlich kennen lernen. Eingebettet zwischen Rio Buta Palena, dem gewaltigen, eisgepanzerten Vulkan Melimoyo und der rauen Küste des Golfo Corcovado liegt einer der schönsten Landschaften Patagoniens. 10.000 Hektar Wildnis gehören der amerikanisch-chilenischen Familie Szydlowski, deren Paradies nur auf dem Wasserweg zu erreichen ist. Hinter den Inseln der Bahia Islas schlüpft Nomad zwischen Klippen in eine schmale Durchfahrt, die nach Anihue führt. Mit Buganker und drei Landleinen vertäuen wir unser Schiff in einer versteckten Bucht. Gegenüber im Dschungel steht auf einer Lichtung ein großzügiges Holzhaus. J.C.`s 30jähriger Sohn Alan, wegen seiner unbändigen Kraft auch „Bear“ genannt, wohnt hier völlig alleine und abgeschieden. Sommer und Winter geht er barfuss und lebt größtenteils von selbstgefangenen Fischen, Meeresfrüchten und seinem kleinen Gemüsegarten. Zu besonderen Anlässen, wie heute, schlachtet er ein Schaf und lädt uns zum Asado (Grillen) ein. Dazu verwöhnt er uns mit selbstgebackenem Brot, gebratenem Reis und frischem Salat. Alan erzählt uns von seinem Traum, den Melimoyo zu besteigen. Dafür hackte er die letzten zehn Jahre einen Pfad durch den undurchdringlichen Regenwald zum Fuß des Vulkans. Letzten Februar gelang ihm mit der kanadischen „Zephyrus“-Crew in zwölf Tagen der Gipfelsturm. Er macht uns das Angebot, in seinem Gästehaus unser Buchprojekt zu realisieren. Ein Gedanke, der uns so schnell nicht los lässt.
Mit Bears riesigem rotem Zodiac angetrieben von einem 40 PS Außenbordmotor, besuchen wir seinen Vater J.C., der am nördlichen Ende des Grundbesitzes in Tonina lebt. Eine Stunde lang brettern wir in halsbrecherischer Fahrt sieben Seemeilen vor der Küste zur Mündung des Rio Buta Palena. Eiskalte Gischt peitscht uns ins Gesicht. Als sich der auflandige Wind zu einer steifen Brise mit 20 bis 25 Knoten entwickelt, müssen wir aufpassen, dass wir uns mit dem Dingy nicht überschlagen. Die Sandbänke der Flussmündung können wir vom niedrigen Dingy-Standpunkt nur schwer ausmachen. Im Zickzack steuern wir durch die schäumende Brandung, bis wir den ruhigen, wunderschönen Fluss erreichen. Etwas stromaufwärts erspähen wir eine Antenne und ein kleines Fischerboot. Am Ufer steht ein drahtiger Mann und winkt, ein Schäferhund schwimmt uns freudig entgegen. Wir sind pitschnass und durchgefroren, aber glücklich, gut angekommen zu sein. Herzlich umarmen wir J.C. - endlich das Gesicht zur vertrauten Stimme! Vorbei an Küchenhaus und Lagerschuppen schlendern wir auf einem schön angelegten Dschungelpfad zu seinem Wohnhaus auf einer Düne am Meer. Im einzigen Raum viele Bücher, CDs, Zeitschriften, alte indianische Schüsseln, erhöht auf einem Podest ein riesiges Bett. Überall der beherrschende Blick durch die breite Glasfront zum kilometerlangen, feinen Sandstrand und zum Pazifischen Ozean. J.C. genießt bewusst jede Minute seines privilegierten Lebens. Beim täglichen Morgenspaziergang ruft er vom Strand aus die Delphine, die oft bis zum Ufer herankommen. Schäferhund Yaghan springt dann durch die Brandung ins Wasser, um mit ihnen zu spielen. Wir sitzen um den riesigen Küchentisch, philosophieren über das Glück des Augenblicks und lassen uns von J.C.`s positiver Lebenskraft mitreißen. Währenddessen filetiert er frischgefangen Lachs, schneidet ihn in hauchdünne Scheiben und garniert ihn mit Sojasauce, Olivenöl und frisch gepflückten Salatblättern.

Ab in den Norden / Jänner - Februar 2004
Mittwoch, 14.Jänner 2004. Marina Oxxean, Puerto Montt. Geben Nomad den letzten Schliff für den größten Ozean unserer Erde. Plötzlich leises Tuckern und zischender Kühlwasserausstoss. Draußen zieht eine kleine hellblaue Yacht suchend Kreise. Wolf und ich sprinten zum Ende des Steges, winken und deuten auf einen freien Liegeplatz. Zögernd nähert sich der Bug. Ein Festmacher versinkt platschend im schmutzigen Hafenwasser. Helfende Hände halten den Aluminiumrumpf vom Eisenponton ab, weitere Leinen fliegen, dann liegt „Theleme“ fest. „Welcome to Chile“, die gelbe Quarantäneflagge und die beiden strahlenden, salzverkrusteten Gesichter verraten eine lange Reise. „Oh boy, we are tired, it took us 36 days from Tahiti!“
Die Neuankömmlinge sind uns auf Anhieb sympathisch, wir schwimmen sozusagen auf einer Wellenlänge. Seit 25 Jahren lebt Richard auf den Weltmeeren und sogar Segelguru Bernard Moitessier zählte zu seinen Freunden. In Hongkong traf der blonde, blauäugige Franzose die aus Südafrika stammende Einhandseglerin Michele. Einige Jahre reisten die beiden Solisten Boot an Boot, bis ihnen das zu teuer wurde, und Michele samt Bordkatze Mousse auf die „Theleme“ übersiedelte. Begeistert berichten sie die letzten Neuigkeiten aus der Südsee, vertrauen uns ihre Lieblingsankerplätze an und nehmen uns das Versprechen ab, unbedingt bei Bertrand in Akamaru auf den Gambier Inseln vorbei zu schauen.
Plötzlich weht der Duft des Ozeans wieder durch Nomads Kajüte. Der frische Südwind, der die beiden nach Puerto Montt blies, wird uns demnächst in die unendliche Weite des Pazifiks hinaustragen.

Dienstag, 3. Februar 2004. Nach über einem Jahr Südamerika ist der Abschied ein Trauma für uns. Wir ahnen schon jetzt: was menschliche Begegnungen und unberührte Natur anlangt, werden Patagonien und Feuerland schlechthin die Höhepunkte unserer ganzen Reise sein. Umarmungen, Küsse, gute Wünsche. Unsere Freunde stehen winkend am Steg, hupen mit dem Nebelhorn als letzten Gruß.
Ein Fischerboot kommt im Seno Reloncavi ganz nahe ran, der Fischer winkt und trötet. Vielleicht macht die österreichische Flagge einen exotischen Eindruck auf ihn oder er hat über UKW mitgehört, dass wir nach Tahiti ausklariert haben und wundert sich, wie weit wir mit so einem kleinen Boot fahren wollen. Das hoffen wir zumindest.


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