Die Schilderung meiner Operation ist
rein subjektiv, ein anderer Patient könnte den Eingriff
ganz anders empfinden. Außerdem habe ich ja nicht
gesehen, was gemacht wurde, sondern nur gespürt und gehört.
So verbürge ich mich nicht für die medizinische
Richtigkeit meiner Behauptungen, es ist dies nur eine
Niederschrift meiner Empfindungen während langer 12
Stunden....
In der
Nacht vor der OP beschließe ich, nicht so früh schlafen
zu gehen. So höre ich mir 2 Mal mein Musical "MAX"
auf CD an und kann mich dabei herrlich entspannen. Da ich
jedoch schon am Abend die Parkinson-Medikamente reduziert
habe (kein Dopergin, nur ½ Sinemet retard), läßt bis
23 Uhr die Wirkung der Medikamente derartig nach, daß
die lockere Entspannung in schreckliche Anspannung
wechselt. So kann ich durch die Muskelsteifigkeit keine
Lage finden, in der ich einigermaßen schlafen kann.
Damit wird das die längste Nacht meines Lebens, denn außer
ein paar Minuten zwischendurch finde ich keinen Schlaf.
Je näher es zur OP kommt, desto länger dauert das
Warten.
Dann nach 7 Uhr ist es endlich soweit: ich werde vom
Pfleger geholt und in den "Vorraum" des OP-Saales
geschoben. Dort stülpt man mir einen großen Plastiksack
über den Hinterkopf und befreit mich mit einer
Haarschneidemaschine von meinem Haupthaar. Dann wird mein
Kopf desinfiziert und Prof. Alesch beginnt, mir den
Eisenring aufzusetzen. Zuerst wird er anprobiert und die
Position der Schrauben auf meinem Kopf angezeichnet, dann
sagt der Herr Professor: "Jetzt tut es ein bißchen
weh!" Im Laufe des Tages lerne ich dann noch, daß
bei diesem Satz nichts Schlimmes zu befürchten ist. Dann
bekomme ich an den markierten Stellen ein Lokalanästhetikum
gespritzt, was ich aber fast nicht spüre. Dann werden an
4 Stellen Schrauben angezogen. Um den Kopf ganz sicher zu
fixieren, werden zum Schluß nochmal alle Schrauben so
fest angezogen, bis es ordentlich kracht. Damit ist der
Ring nun fixiert.
Nun bringt mich der Pfleger mit dem Bett zum
Computertomogramm. Wir fahren mit dem Lift ein paar
Stockwerke und im CT-Raum wird mir das Zielgerät auf den
Ring montiert, danach wird der Ring noch am Tisch
befestigt, und damit ist der Kopf nun völlig fixiert.
Das CT ist an sich völlig harmlos, aber dadurch, daß
ich ja am OP-Tag überhaupt keine Medikamente nehmen darf,
schmerzen mir die fixierten Hände durch die
Muskelsteifigkeit ganz enorm. Ich glaube, ich sei in der
Hölle, doch später stellt sich heraus, daß dies erst
das Fegefeuer ist! Nach ca. ½ Stunde werde ich von dem
Zielgerät befreit und auch die Fixation des Kopfes wird
gelöst. Mit dem Ring auf dem Kopf werde ich nun in den
OP-Raum gebracht.
Dort wird mein Kopf noch einmal gründlich rasiert und
desinfiziert. Ich werde auf dem OP-Tisch aufgelegt,
wieder fixiert und für die OP fertiggemacht. Währenddessen
sitzt Prof. Alesch schon am Computer und ist mit der
Berechnung der CT-Bilder beschäftigt. Dies ist eine sehr
schwere Zeit für mich, denn wie sich zeigt, sind die
Zeitspannen, wo an mir nicht gearbeitet wird, für mich
die schwersten. Das Warten ist dann schier unerträglich.
Äußerst hilfreich in solchen Situationen ist Frau
Alesch oder eine andere Schwester, die dann zur Seite
steht. Man glaubt gar nicht, daß in so einer Situation
alleine das Halten der Hand richtige Wunder bewirken kann.
Nach mir endlos erscheinender Zeit kommt der Herr
Professor und sagt: "So, jetzt kann es losgehen!"
Als erstes kommt wieder Dr. Alesch's "Jetzt tut es
ein bißchen weh" gefolgt von der lokalen Betäubung
für das "Probebohrloch". Ich möchte noch
einmal betonen, daß es weder Narkose noch irgendwelche
Beruhigungsmittel den ganzen Tag über für mich gibt!
Dann wird ein kleines Bohrloch in die Schädeldecke
gebohrt, was ich fast überhaupt nicht spüre, ein
Kontrastmittel injiziert (Ventrikulographie) und Röntgenaufnahmen
gemacht. Nach langer Berechnungszeit kommen dann endlich
die erlösenden Worte: "Jetzt können wir mit dem 1.
richtigen Bohrloch beginnen!" Der Bohrer wird bis
zum Schädel vorgeschoben, um die Position anzuzeichnen,
danach kommt die Lokalanästesie und ein Schnitt mit dem
Skalpell, dann wird die Haut auseinandergespreitzt.
"So, jetzt wird gebohrt!" Nach ca. 1 Minute
fragt mich der Professor: "Weiß ihre Frau, daß Sie
einen Dickschädel haben?" Das Bohren ist etwas
unangenehm, aber leicht auszuhalten. Ich habe ein wenig
Angst, daß Prof. Alesch nicht sofort stoppen könne,
wenn er durch die Schädeldecke ist. Danach wird in das
Loch noch ein Stück hineingefräst, um später den Kopf
mit einer Art "Kanaldeckel" wieder fest
verschließen zu können. Der Deckel wird noch kurz
probiert und er paßt. Dann wird gespült und wie beim
Zahnarzt mit einem Sauger die Knochenreste aufgesaugt.
Als alles sauber ist, sieht der Operateur ein kleines
Blutgefäß, das er mit den Worten: "Jetzt könnte
es wehtun!" elektrisch verschweißt. Ich verspüre
stechende Schmerzen in der rechten Nackengegend, obwohl
Prof. Alesch links frontal am Kopf arbeitet. Als nächstes
wird eine Führungssonde vorsichtig eingeführt, in diese
dann die Testsonde. All diese Arbeiten im Hirn spüre ich
überhaupt nicht, nur beim Spülen ("Machen Sie mal
einen ordentlichen See!") wird es am Kopf kalt. Wenn
die Sonde den Berechnungen zufolge positioniert ist, wird
ein Röntgenbild angefertigt, um die Lage zu überprüfen.
Das dauert wieder eine Zeitlang bis die Bilder entwickelt
sind. Und jetzt kommt das Interessanteste: das
Stimulieren. Mit verschiedenen Parametern wird Strom
durch die Sonde geschickt und je nach Reaktion des
Patienten bewertet. Meine eigenen Empfindungen sind: bei
mittelstarker Stimulation Kribbeln im rechten Fuß und in
der rechten Hand (da das 1. Bohrloch auf der linken
Kopfseite ist und diese für die rechte Körperhälfte
zuständig ist), bei noch stärkerem Strom habe ich die
Augen nicht mehr unter Kontrolle und ich starre nach
rechts oben, und einmal ist es mir unmöglich, deutlich
zu sprechen. Wenn ich richtig informiert bin, dann ist
der Bereich, der für die Parkinson-Symptome zuständig
ist, nur 4x4x4 mm groß und außerdem befinden sich
gleich daneben das Seh- und das Sprach-Zentrum. So wird
probiert und probiert bis Prof. Alesch sagt: "So ist
es jetzt gut, aber wir versuchen noch einen 2.Weg!"
Dann kommt die gleiche Prozedur wieder, was abermal 1 ½
Stunden in Anspruch nimmt. Dann die erlösenden Worte des
Operateurs: "Ich glaube, so ist es am besten!"
Es werden wieder Röntgenaufnahmen angefertigt, dann müssen
wir wieder warten bis sie entwickelt sind. Darauf wird
die Probesonde entfernt und die Originalsonde kommt an
die Reihe. Meiner Meinung nach erfolgt das Einführen der
Sonde mit einem kleinen Motor, um ganz genau sein zu können.
Als die Originalsonde an der richtigen Stelle ist, wird
zur Überprüfung nochmals ein Röntgenbild gemacht. Dann
wird das Bohrloch mit einem Plastikdeckel verschlossen
und somit die Sonde fixiert. Ich schaue auf die Uhr, die
ich rechts vor mir an der Wand gerade noch sehen kann, es
ist 14 Uhr. Da bricht es aus mir heraus und ich fange an
zu weinen. Die Schwester, die mir die Hand hält,
erschrickt und meint: "Was ist los, haben Sie
Schmerzen?" Ich bringe meine Antwort darauf, die
wieder eine Frage ist, fast gar nicht heraus: "Haben
Sie noch nie etwas von Freudentränen gehört?" Das
beruhigt sie und sie sagt, daß ich den Tränen freien
Lauf lassen soll. Jetzt ist praktisch die Hälfte schon
geschafft.
Für meine linke Körperhälfte wird ein Loch in der
rechten Gehirnhälfte gebohrt. Ich kenne das schon alles,
doch gehen jetzt die Berechnungen schneller.
Zwischendurch habe ich auch eine recht gute Zeit, in der
ich privat mit der Anästhesistin plaudere und sie über
einen ehemaligen Schüler von mir ausfrage, der auch im
AKH Arzt ist. Frau Alesch erzähle ich von meinem Musical
"MAX" und verspreche ihr eine CD dieses Bühnenstückes
zu schenken. Doch dann schlägt mein Gemüt wieder um,
als es schon 18 Uhr ist und immer noch kein Ende in Sicht
ist. Als der Doktor dann meine Wunden am Kopf vernäht,
ist der OP-Saal fast leer, da alle Gerät schon weggeräumt
sind. Dann ist alles fertig ist, es werden nur noch Fotos
von uns gemacht: mit Ring und dem Operateur Prof. Dr.
Alesch, schließlich werde ich endlich von dem Ring
befreit. Um 19 Uhr ist es dann vollbracht.
Vor dem OP-Saal erwarten mich meine Frau Helene und meine
Söhne Martin und Bernhard, die schon seit 16 Uhr hier
sind. Außerdem steht auch mein Freund Horst Braun vor
der Tür, durch den ich ja das erste Mal von der Möglichkeit
der Tiefen Hirnstimulation gehört habe und der mich
durch sein Beispiel animiert hat, diese Chance auch zu
ergreifen. Als die Tür aufgeht, gibt es kein Halten mehr
die Freudentränen fließen reichlich, die ganze
Anspannung fällt, denn ich habe es geschafft! Ich habe
keine Schmerzen und bin nur überglücklich, daß alles
gut vorbei ist! Meine geliebte Gattin ist natürlich
genauso glücklich und fällt mir um den Hals, als sie
von Prof. Alesch erfährt, daß die OP sehr gut verlaufen
ist. Mein Sohn Bernhard verkraftet es weniger, als er
seinen Vater so sieht. Er versteht nicht, daß Tränen
keine Schande sind sondern Erleichterung. Martin ist bald
in seinem Element als angehender Krankenpfleger und hilft
da und dort. Mein Freund Horst Braun, dem ich diesen
Schritt verdanke, ist zum ersten Mal, seit ich ihn kenne,
sprachlos. Wieder im Zimmer kommt mir ein: "Es war
die Hölle!" über die Lippen. Ich habe Hunger und
esse Suppe und auch Brot und obwohl ich körperlich keine
Schmerzen habe, fühle ich mich wie gerädert. Um 20 Uhr
kommt ein frischer und fröhlicher Herr Prof. Alesch, um
nachzusehen wie es mir geht. Als mich meine Familie verläßt,
geht es uns allen schon etwas besser.
Mein Fazit über diesen Tag:
Dies waren sicher die 12 schwersten Stunden meines Lebens.
Der Grund ist einerseits die Länge des Eingriffs in
fixierter Lage (Kopf) und andererseits die
Parkinsonsymptome, die sich bei mir vor allem verheerend
auf die Hände auswirkten. Aber gemessen an dem Erfolg
ist es im Nachhinein nicht so arg. Weil ich immer wieder
zum Thema Schmerzen gefragt werde, der Zahnarzt kann mehr
weh tun (dauert aber nicht so lange). Jeder, der die Möglichkeit
hat, sich von Prof. Alesch operieren zu lassen und bei
dem die Voruntersuchungen dies auch sinnvoll erscheinen
lassen, würde ich dazu raten.
Ich würde mich von Prof. Alesch und seinem Team
und nur von ihnen sofort wieder operieren lassen.
Freitag, 8. Sept. 2000:
1. Stimulation bei Frau Alesch (externes Gerät - die
Kabel kommen aus dem Kopf heraus und das Stimulationsgerät
wird dort angesteckt), gutes Ansprechen und 10
Spazierrunden auf der Station "normales Gehen".
Montag, 11. Sept. 2000: Implantation
des Impulsgebers
Unter Narkose werden die Leitungen unter der Haut verlegt
("untertunnelt") und der Impulsgeber in einer
Hauttasche unterhalb des Schlüsselbeins links
implantiert.
Dienstag, 12. Sept. 2000:
Das Implantat wird eingeschaltet und für
mich beginnt ein neues Leben!

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