Steinbaukästen

Zum alten Spielzeug gehören auch die berühmten Anker Steinbaukästen der Firma F. Ad. Richter.

Was sind Steinbaukästen? Es handelt sich um ein Kinderspielzeug - das in der Zeit von ca. 1880 bis 1963 zuerst in Deutschland und bald in ganz Europa erzeugt wurde. Bauklötze, die aus Quarzsand, Leinölfirnis, Kreide und Farbe bestehen und in verschiedene Formen gepresst wurden.

In Holzschachteln (Kästen) verpackt, die mit einem Schiebedeckel zu öffnen waren, konnten nach dem Spielen die Steine wieder anhand einer beigelegten Einpackvorlage ordentlich eingeräumt werden. (Oben: Das gängiste Deckelbild - allegorische Darstellung). In den Kästen waren auch Ansichtspläne und sogenannte Schnitthefte, die die einzelnen Steinlagen als Draufsichtzeichnung zeigen und so den Nachbau der gezeigten Objekte ermöglichten.

Der Heilmittelproduzent F. Ad. Richter kaufte das Patent von den späteren Flugpionieren, den Gebrüdern Lilienthal, und produzierte in mehreren Serien über 400 verschiedene Kästen, die im Ergänzungssystem zu erwerben waren. Während bei der Produktion von 1880 bis 1894 (genannt: Alte Folge) im Laufe der Zeit ein heilloses Durcheinander auftrat, war die Neue Folge vollkommen durchstrukturiert und systematisch geordnet. Nach erfolgreichen Jahrzehnten, in denen die Anker Steinbaukästen die Welt eroberten, ging der Absatz in den Dreißigerjahren des 20. Jahrhunderts stark zurück. Selbst die Weiterführung der Produktion nach dem 2. Weltkrieg in den Volkseigenen Betrieben (VEB) war trotz verschiedenster Versuche der Erneuerung nur rückläufig, sodass die Produktion mit Ende 1963 eingestellt wurde.

Seit 1995 werden die Kästen der Hauptproduktionslinie (GKNF = Großkaliber-Neue Folge) erneut hergestellt. Jedes Jahr wurde ein weiterer

Der Grundkasten GKNF 6 Leipzig mit 105 Steinen war der meist verkaufte Kasten

Ergänzungskasten hergestellt, sodass es nunmehr möglich ist, den mit fast 4000 Steinen größten Kasten GKNF 34 Lyck - der Traum jedes Anker-Sammlers - zu erwerben. Auch weitere Kästen, wie z.B. die Große Burg, werden inzwischen produziert.

Die Anker-SteinbaukastenGmbH in Rudolstadt in Thüringen arbeitet in ihrer Produktionslinie eng mit dem weltweiten Club van Ankervrienden (CVA) zusammen, der in Holland seinen Sitz hat. Die Mitglieder stammen vorwiegend aus Europa, aber auch in den USA sind einige Sammler beheimatet. Unter ihnen George Hardy, der seit seines Ruhestandes sein Leben seinem Anker-Hobby gewidmet hat. Von den knapp 1 Dutzend Sammlern in Österreich ist Herbert Thaller auch ein Mitglied im CVA. Er hatte im April 2007 beim Treffen der Ankerfreunde im holländischen Hilversum einen Vortrag gehalten mit dem Titel "Großbauten - leicht gemacht?"

"Sammeln allein ist mir zu wenig", sagt Herbert Thaller, wenn er mit seinen Bausteinen wieder einmal ein großes historisches Gebäude nachbaut. Die Besonderheit dabei ist, dass die Steine nur lose aufeinander liegen. Das relativ hohe spezifische Gewicht der Steine garantiert eine hohe Stabilität. Es können zwar ohne Klebstoff nicht alle Baumöglichkeiten verwirklicht werden, es ist aber schon beachtlich, welch bizarre und ausgeklügelte Bauten dennoch erstellt werden können.

 

Das bislang letzte große Bauwerk von Herbert Thaller: 
das
Riddarhuset aus Stockholm (opus 20)

In 43 Stunden wurden die rund 6000 Ankersteine verbaut. Das Riddarhuset steht in Stockholm auf Gamla Stan. Der Ankerbau ist ca. 1 Meter breit und besitzt wie sein Original zwei sogenannte freistehende Flügel. Jeder dieser Gebäudeseitenteile benötigt rund 900 Ankersteine.

Die Kathedrale von St. Andrews (opus 15)

Als Vorlage für dieses Bauwerk diente die von Historic Scotland im touristic guide veröffentlichte Rekonstruktion dieser zur damaligen Zeit größten gotischen Kirche Schottlands. Mit über 6000 Steinen dauerte der Aufbau schon über 60 Stunden, die Planung benötigte über 1 Jahr. Länge: 180cm, Breite und Höhe: 80 cm.

Ein nordenglischer Bau: Muncaster Castle

Hier besticht nicht die Höhe oder eine andere gewagte Konstruktion, sondern die zerklüftete Fassade birgt einige Momente an Verwirrung in sich. Genaue Planung und exaktes Bauen sowie eine ruhige Hand sind schon Voraussetzungen für diesen Ankerbau (ca. 4000 Steine).

Historische Gebäude aus dem Raum Graz waren auch schon Gegenstand von Nachbildungen in Ankersteinen:

Rechts: Die mit über 8000 Steinen errichtete neugotische Herz-Jesu-Kirche hat im Original den dritthöchsten Kirchturm Österreichs. Die knapp 110 Meter brachten im Nachbau immerhin 160 cm auf den Bautisch.

 

 

 

Unten links: Schloss Eggenberg (Baumaße 90 x 90 cm)

Unten Mitte: Das Grazer Rathaus, errichtet um 1900, war das erste ganz große Nachbau-projekt von Herbert T.

Unten rechts: Die Grazer Oper, die auch um die Jahrhundertwende im Original errichtet und im zweiten Weltkrieg stark beschädigt worden war.

Die Loggia del Lionello—der Palazzo Publico aus dem oberitalienischem Udine—begeisterte schon durch seine rot-gelbe Fassade und dem Säulengang auf drei Seiten. Und jedem Toskana-Urlauber ist der Palazzo Publico aus Siena (unten rechts) bekannt, dessen über 80 m hohe Torre beim Nachbauen durchaus eine Herausforderung darstellte. Immerhin liegen die Steine nur lose übereinander und es wird kein Klebstoff zwischen den Steinen verwendet. Beide Bauwerke verbrauchten rund 6000 Steine.

Schließlich ein Nachbau aus Deutschland: Das alte Bremer Rathaus, hier mit einer Gesamtlänge von nicht ganz einem Meter. Hauptschwierigkeit hier: Die schwere Dachkonstruktion auf die filigrane Unterkonstruktion so aufzusetzen, dass nichts einbricht. Circa 5000 Steine.

Verein der Freunde alten Spielzeugs