Berliner Instrumente der altägyptischen Tageszeitbestimmung

Herbert Rau, Berlin

Es ist das große Verdienst des Ägyptologen Ludwig Borchardt an Hand der Funde von Ganzstücken und Fragmenten altägyptischer Wasser-, Sonnen- und Sternuhren die Theorie der Zeitmessung aus der Epoche der Pharaonen und später analysiert zu haben 1).
Eine neuere Diskussion zur Schattenmessung mittels Sonnenuhren im Alten Ägypten 2) und ein Vorschlag von Herrn Schwarzinger veranla
ssten den Berichterstatter im Ägyptischen Museum Berlin vorzusprechen um Maßaufnahmen von den betreffenden inventarisierten Stücken machen zu können bzw. in die Kartei Einsicht zu nehmen 3).

Borchardt unterscheidet vier Methoden der Stundenbestimmung (Tageszeit) nach dem Sonnenstand und eine nach dem Sternenstand:

1.1 Messung der Schattenlänge ohne Instrument mit einer senkrecht auf den Boden gestellten Weihelle.

1.2 Messung der Schattenhöhe bzw. -Länge mit einem Instrument (Lineal - Sonnenuhr mit horizontaler Schattenauffangfläche).

1.3 Messung der Schattenlänge mit einem Instrument (Streiflicht - Sonnenuhr mit schräger Schattenauffangfläche).

1.4 Messung der Schattenrichtung (vertikale Süd - Sonnenuhr).

2. Stundenbestimmung nach dem Sternenstand.

Maßaufnahmen (alle Maßzahlen in mm) und Karteieinsicht für die Berliner Instrumente.

Die Fotos 4) unten zeigen (im unterschiedlichen Maßstab) von den Berliner Instrumenten bzw. deren Fragmenten die Inv. Nr.19743 (Abb. a), - 19744 (Abb. b), - 14573 (Abb. c), - 14084 (Abb. d), -14085 (Abb. e), - 22824 (Abb. f) und -20322 (Abb. g).
Das älteste Stück aus der Berliner Sammlung dürfte die Lineal-Sonnenuhr mit der Inv.Nr.19744 (Foto Abb. b) sein.

Fotos a - g (20 KB)

Zu 1.1 Messung der Schattenlänge ohne Instrument mit einer senkrecht auf den Boden gestellten Weihelle.

Inv. Nr. 7358 , 7. - 4. Jh. B.C.

Inv.Nr. 7358 (3 KB)Instrument :   Weihelle, ehemalige Gesamtlänge: Ca 50cm

Material: Sehr harter Stein
Fundort: ?

Literatur: 1) und Roeder in Ägypt. Inschriften II(1924), S.310.
In Berlin existiert nur das zirka 11 cm lange an beiden Enden abgebrochene Stück.

 

Zu 1.2 Messung der Schattenhöhe bzw. -Länge mit einem Instrument (Lineal - Sonnenuhr mit horizontaler Schattenauffangfläche). 

Inv. Nr. 19744, 1501-1447 B.C. (Thutmosis III.) 

Inv.Nr. 19744 (5 KB)Instrument : Sonnenuhr

Material : Grüner Schiefer

Fundort : Eschmunên ?
Durch Borchardt vom Händler M. Nahman in Kairo gekauft.

Literatur : Borchardt in ÄZ 48(1910/1911), S.9 - 17.

ÄZ = Zeitschrift für ägyptische Sprache und Altertumskunde

 

 

Inv. Nr. 19743 , 1000-600 B.C

Inv.Nr. 19743 (5 KB) Instrument : Sonnenuhr

Material : Grüner Schiefer

Fundort : Fayum ? 

Durch Borchardt vom Händler M. Nahman in Kairo gekauft.

Literatur : Borchardt in ÄZ 48 (1910/1911), S.9-17

 

 

  Schattenlängen (mm) und Sonnenhöhen (°) bei den beiden Instrumenten

Inv. Nr. 19744 und  19743

 

Stunde Schattenlänge und Sonnenhöhe
Inv. No 19744 Inv. No 19743
mm o mm o
12. 0 0
1./11. 162 9 188 9
2./10. 108 13 125 13,5
3./ 9. 66 21 75 22
4./ 8. 32 38 37 39
5./ 7. 11 66 12 68
6. 0 90 0 90

 

Inv.-Nr. 19743 (3 KB)

Inv. Nr. 14573, 1415 - 1380 B.C. (Amenophis´III.)

Inv.Nr. 14573 (6 KB)Instrument : Fragment eines Lotgriffes, Rest eines Lineal- Sonnenuhr - Aufsatzzapfens (?)

Material :    Holz

Fundort :     1899 durch Reinhard erworben

Inschrift :     Hieroglyphen mit dem Namen Amenophis´III.

Literatur :    Borchardt in ÄZ 48(1910), S. 9 ff  

 

 

 

Zu 1.3 Messung der Schattenlänge mit einem Instrument (Streiflicht - Sonnenuhr und schräge Schattenauffangfläche)

Inv. Nr. 22824  Schatten werfende Kante lag immer quer zum Sonnenazimut!

Inv.Nr. 22824 (6 KB)Instrument : Pfeiler einer Sonnenuhr. Rau: Aufsatzzapfen einer Streiflicht-Sonnenuhr mit schräger Schattenauffangfläche (?)

Material: Schwarzer Stein

Fundort: Durch Borchardt vom Händler M.Nahman in Kairo gekauft

Literatur: ?

 

 

 

 

 

 

Zu 1.4 Messung der Schattenrichtung (vertikale Süd - Sonnenuhr)

Inv.Nr. 20322 (5 KB) Inv. Nr. 20322, 4. - 1.Jh. B.C.

Instrument : Römische vertikale Süd - Sonnenuhr

Material : Blaue Fayence

Fundort : Von Chalid in Luxor

Literatur: Borchardt in ÄZ 49 (1911), S.66 ff

Zu 2. Stundenbestimmung nach dem Sternenstand

Inv. Nr. 14085, 6.Jh. B.C. 

Inv.Nr. 14085 (4 KB)Instrument: Lotgriff (Sonnenuhr)
Material: Knochen
Fundort: Abydos ?
Hieroglyphen: „Ich weiß den Gang der Sonne, des Mondes und aller Sterne zu ihrer Stätte"
Eigentümer: Horoskopen Horus, der Sohn eines Prinzen Har-woz und der (Königin) Esetcheb war.
Literatur: Borchardt in ÄZ 37(1899),
S. 10 ff und Borchardt in ÄZ 48(1910/1911), S. 9-17

Inv. Nr. 14084 , 6.Jh. B.C.

Inv.Nr. 14084 (3 KB)Instrument: Visierstab

Material: Dattelpalmwedel

Fundort: Abydos ?

Literatur: Borchardt in ÄZ 37(1899), S. 16

Beide Instrumente zusammen, Inv. Nr. 14084 und -14085, dienten dem Anvisieren der Sterne.

Diskussion zu den Instrumenten für die Messung der Schattenhöhe mit horizontaler Schattenauffangfläche, zu 1.2

Borchardt weist nach, dass alle Zeitmeß - Instrumente - auch die Wasseruhren - die verschiedensten Fehlerquellen hatten. Er schreibt zum Schluß 1): „Die alten Ägypter haben eben für Genauigkeit in Zeitbestimmungen kein Gefühl gehabt....". "Sie haben weder Äquinoktial- noch Temporalstunden gemessen".

Damit bei den Lineal-Sonnenuhren das ganze Jahr über ein Schatten auf das schmale Lineal mit den Stundenmarken fällt, legt Borchardt eine Weihelle, mit fünfkantigem Querschnitt, quer auf den Aufsatzzapfen. Das Lineal liegt dann in Ost-West-Richtung mit dem Aufsatzzapfen vormittags nach Osten und -nachmittags nach Westen. Die Weihelle liegt immer in Nord-Süd-Richtung.

Dieses zusammengesetzte Instrument in T- Form musste nun, um einigermaßen brauchbare Ergebnisse zu liefern, zu jeder Messung in eine von drei Querschnittslagen gelegt werden (S.36 1) ).

Querschnitte (3 KB)

Die so entstandenen Querschnittslagen der mehr als 50 cm langen Weihelle auf dem relativ schmalen Aufsatzzapfen des ebenso kurzen Lineals waren sicher instabil, insbesondere die Querschnittslage 1.

Borchardt schreibt selbst: „Die T-Form und die drei Lagen des Querschnittes sind nicht zu beweisen „ (S.36 1)). Hat es diese T-Form altägyptischer Sonnenuhren gegeben?

Für eine einfache Anwendung der Lineal-Sonnenuhr, ohne Querauflage einer Weihelle, mit ständiger Ausrichtung auf die Sonne, also als Streiflicht-Sonnenuhr - wie die späteren mit schräger Schattenauffangfläche - sprechen folgende Argumente:

♦ Das umständliche ständige Wechseln der Querschnittslagen und die Instabilität des zusammengesetzten Instrumentes.

♦ Die späteren Sonnenuhren mit schräger Schattenauffangfläche hatten auch noch Streiflicht.

♦ Die betreffenden Schriftzeichen (Hieroglyphen) lassen keine T-Form erkennen. S.52 1)

T-Form   (1 KB)

♦ Die Tabellen der Tageszeiten auf den Weihellen (S.27 1)) haben für jeden Monat nur die Schattenlängen, in Ellen und Handbreiten, der ersten drei- und der letzten drei Tageszeiten ausgewiesen.

Unten stehendes Beispiel zeigt, daß in Ägypten zur Sommersonnenwende fast die Mittags - Sonnenhöhe der 6.Tageszeit -,zu den Tag- und Nachtgleichen fast die der 5.Tageszeit - und zur Wintersonnenwende nur die der 4.Tageszeit des Instrumentes erreicht werden. Waren für die tägliche Arbeit im Alten Ägypten die Mittags-Sonnenhöhen von mehr als ca 40° nicht mehr akzeptabel und somit ihre Messung nicht so interessant?

Inv.Nr. 19744 (5 KB)

Alle vorhandenen altägyptischen Funde zur Zeitmessung - an weiteren Orten - sollten noch einmal ausgemessen und geprüft werden. Die Stellungnahme der Ägyptologie ist erforderlich.

Literatur :
1) Borchardt, Ludwig: Die Altägyptische Zeitmessung, Bd.1, Lieferung B, Die Geschichte der Zeitmessung und der Uhren, herausgegeb.von E.v.Bassermann-Jordan, 1920 Berlin und Leipzig.
2) Symons, Sarah: Shadow clocks and sloping sundials of the Egyptian New Kingdom and structure, The British Sundial Society Bulletin No 98.3, Oct.1998, p.30-36.
3) Mit Genehmigung des Ägyptischen Museums und Papyrussammlung, Staatliche Museen zu Berlin, Preuss.Kulturbesitz, Berlin, Bodestraße 1-3, Oktober 1998.
4) Fotos vom Ägyptischen Museum Berlin: Margarete Büsing, Christiane Olek und Jürgen Liepe

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Letzte Änderung: 24. April 2002