Philoktet - Sophokles



Eine kurze Einführung zu PHILOKTET - Ein Entscheidungsspiel nach Sophokles
Über das Stück, Sophokles, die Bearbeitung und die Regie



PHILOKTET des Sophokles wurde im Jahr 409 v. Chr. uraufgeführt; Sophokles war etwa im fünfundachzigsten Lebensjahr. Wie „Elektra“ (uraufgeführt  um 413 v. Chr.) steht das Stück als Beispiel für den sophokleischen Altersstil: Eine größere Beweglichkeit der dramatischen und szenischen Mittel und vor allem der Dialog, ein Miteinander-Sprechen im Gegensatz zum Kunde tun. In der Handlung ein Geschehen aus dem sich die Götter zurückgezogen haben - der Mensch ist sich selbst überlassen – er muß Verantwortung für seine Handlungen übernehmen.

Die „Sage von Philoktet“ erzählt, daß Philoktet bei der Hinfahrt des Hellenenheeres nach Troja auf der Insel Chryse von einer Schlange gebissen und, da das Heer den von der eiternden Wunde ausgehenden Gestank nicht ertragen konnte, auf der Insel Lemnos ausgesetzt wurde. Dort fristet Philoktet, der wunde Mann, jahrelang sein Leben. Doch dann besagt ein Orakel, daß nur „er und sein Bogen die Eroberung Trojas bringen könnte“ und so entsendet man nach dem Tod des Achill eine Gesandtschaft, um Philoktet nach Troja zu holen, der, durch die langen Leiden verbittert, zunächst jede Gemeinschaft mit dem Heer der Griechen von sich weist.

Die Geschichte des Philoktet wurde bereits von den beiden Tragikern Aischylos und Euripides in zwei nicht erhaltenen Tragödien behandelt. Sophokles greift den Stoff 20 Jahre später als Euripides auf: Er macht Lemnos zu einer unbewohnten Insel auf der Philoktet, als kranker Mann, ausgesetzt, abseits jeder Zivilisation sein Schicksal erträgt. Folgend der Sage kommt dann auch bei Sophokles das Orakel ins Spiel; Odysseus bietet sich an, diese Aufgabe von „höchster staatlicher Priorität“ zu übernehmen. Sophokles bringt jetzt eine neue Figur ins Spiel „Neoptolemos“, Sohn des Achill: Ein junger Mann der sich in seinem Wesen der Aufrichtigkeit und der Wahrheit verpflichtet fühlt, gleichzeitig voller Tatendrang, die Anerkennung der Gesellschaft suchend.

Neoptolemos und Odysseus Neoptolemos ist in gewissem Sinn der Schlüssel des Odysseus zu „Philoktet und seinem Bogen“. Odysseus weiß, daß er Philoktet, den er vor Jahren auf der Insel zurückließ, nicht ohne Todesgefahr gegenübertreten kann. Er bedient sich des Neoptolemos und einer Intrige – Odysseus nennt es „List“ um sein Ziel zu erreichen. Neoptolemos widerstrebt es „das Vertrauen“ des Philoktet mit Hilfe einer Geschichte „zu gewinnen“, die sinngemäß sagt  „auch ich wurde von Odysseus betrogen“, um in den Besitz des Bogens zu gelangen. Doch letztendlich willigt er ein; die Versprechung des Odysseus man werde ihn „mutig“ und „scharfsinnig“ nennen, und der Hinweis auf die höchste staatliche Priorität haben gewirkt. Neoptolemos trifft auf Philoktet, dieser ist zuerst mißtrauisch, freut sich dann aber, bis jetzt abgeschieden von jeder sozialen Gemeinschaft, endlich wieder mit einem Menschen sprechen zu können. Philoktet erzählt Neoptolemos seine Leidensgeschichte und nun ist die Zeit reif für die „List“ des Odysseus. Neoptolomos erfüllt den Auftrag „gewinne sein Vertrauen“ ist aber gleichzeitig zunehmend berührt von jenem leidenden Mann, der ihm sein Vertrauen schenkt.

 
Philoktet und Neoptolemos Gleichzeitig nützt Sophokles den Dialog, in den die Intrige eingesponnen ist, um mit seiner Gesellschaft ins Gericht zu gehen. Eine degenerierte Form der Rhetorik gewann in dieser Zeit zunehmend die Oberhand. Dem Wahrheitsgehalt und Wert eines Arguments wurde immer weniger Bedeutung zugemessen; vielmehr ging es darum die Argumente des „Gegners“ außer Kraft zu setzen, ohne auf diese wirklich einzugehen. „Argumente würden nicht helfen, nicht mehr als Gewalt“ sagt Odysseus in der ersten Szene. Philoktet vertraut dem jungen Mann und in ihm keimt die Hoffnung, daß er ihn auf sein Schiff nehmen und ihn heim nach Thessalien bringen werde. Als sich beide bereit machen zu gehen, überkommen Philoktet starke Schmerzen, er übergibt Neoptolemos den Bogen, und schläft, völlig erschöpft, ein. Neoptolemos ist am Ziel, in seiner Hand der Bogen; doch bereits jetzt beginnt er zu zweifeln.


Philoktet Philoktet erwacht: entgegen seiner Erfahrung vor Jahren, als Odysseus und seine Schiffsmannschaft ihn auf Lemnos zurückließen, ist Neoptolemos bei ihm geblieben. Seine Freude ist groß und er glaubt, daß  ihn der junge Mann, dem er vertraut, in seine Heimat bringen werde. Als sie aufbrechen kann Neoptolemos, gepackt von Zweifeln,  das Ziel ihrer Reise nicht mehr verheimlichen. Den Bogen in der Hand gesteht er Philoktet, daß sie nach Troja fahren werden. Philoktet ist wütend und verzweifelt. Ohne Bogen, völlig wehrlos, appelliert er an das Gewissen des jungen Mannes ihm den Bogen zurückzugeben. Odysseus erscheint: jener Mann der ihn vor Jahren auf dieser Insel zurückließ. Philoktet steht seinem Feind, ohne Bogen völlig ausgeliefert, gegenüber; in dieser Situation hat er nur eine „Waffe“, die der „Wahrhaftigkeit“ und der „Moral“ und mit dieser versucht er Neoptolemos an seiner Redlichkeit „zu packen“. Sophokles nützt dieses Aufeinandertreffen, die Anklagerede des Philoktet gegen Odysseus, für eine geradezu „beißende Kritik“ an der Gesellschaft.


Als Odysseus erkennt, daß ihm Philoktet nur Schwierigkeiten bereitet, der Bogen in ihren Händen ist, gehen sie, und lassen den verzweifelten Philoktet (erneut) zurück. Aber die „Waffe“ des Philoktet, seine Rede gegen Odysseus, hat gewirkt: Neoptolemos, gemeinsam mit Odysseus auf dem Weg zum Schiff, entscheidet sich, Philoktet den Bogen zurückzugeben. Odysseus droht Neoptolemos „das ist Verrat an deinem Land“, aber weder Zuspruch noch Drohung zeigen Wirkung. Der junge Mann bringt Philoktet, der zuerst mißtrauisch reagiert, seinen Bogen zurück. Im Augenblick der Übergabe betritt Odysseus noch einmal die Szene und versucht mit Hinweis auf die staatliche Priorität dieses zu verhindern. Doch Philoktet hat bereits den Bogen und zielt sofort auf ihn. Nur das Eingreifen des Neoptolemos verhindert den Schuß auf Odysseus, der sofort verschwindet. Neoptolemos weiß, daß auch er jetzt von der Gesellschaft ausgeschlossen ist; er versucht Philoktet zu überzeugen, er möge doch „freiwillig“ mit ihm nach Troja kommen. Doch dieser lehnt ab: er wurde bereits einmal instrumentalisiert. Er versucht Neoptolemos zu überzeugen, ihn „heim“ nach Thessalien zu bringen.

An diesem Punkt endet der heutige Theaterabend. Sophokles löste diese „heillos verfahrene“ Situation durch den Auftritt eines Deus ex Machina: Herakles, Mensch zum Gott geworden, Freund des Philoktet, der ihm den Bogen vererbte, befiehlt Philoktet nach Troja zu fahren und die Schlacht zu gewinnen. Doch brauchen wir Menschen einen Herakles um diese Situation lösen zu können?


Diese Neubearbeitung und Inszenierung legt den Schwerpunkt des sophokleischen Stücks noch mehr auf die menschlichen Entscheidungssituationen, aus denen Handeln und Verantworten folgen (sollten ?). Demzufolge ist der „Deus ex machina“ ins Publikum „gefallen“:  dem Chor als Kollektiv bleibt das Schlußwort: In welche Richtung gehen wir? Dies bedeutet die Frage, ob wir Menschen uns nicht selbst eine andere Wirklichkeit, einen anderen Umgang miteinander „erschaffen“ können oder ob wir äußeren Umständen oder Führungsfiguren hilflos ausgeliefert sind....

Es geht uns in dieser Neubearbeitung weniger um die Frage der sozialen Re-Integration des Philoktet als um unsere individuellen und kollektiven Entscheidungs- und Handlungssituationen (die ja immer wiederkehren) und deren Folgen und Auswirkungen....


Zudem ist diese Bearbeitung und Inszenierung der Versuch und die Herausforderung, den kaum gespielten Philoktet des Sophokles in einer zeitgemäßen – und daher „zeitlosen“  --- Form zu adaptieren und zu zeigen. Der künstlerische Stab besteht aus Frauen, die hier einen „Männerstoff“ bearbeitet, in Szene und ins Licht gesetzt haben. (Nach unseren Recherchen zum ersten Mal, diese unsere Recherchen erheben aber keinen Anspruch auf wissenschaftliche Vollständigkeit!)



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alle Bilder © 2004 by Iby-Jolande Varga
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