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Karl Veitschegger
Jesus in den
anderen Religionen
Keine Person der Weltgeschichte
ist so bekannt wie Jesus von Nazaret. Christen bekennen ihn als
den "Sohn Gottes", für Muslime ist er ein Prophet.
Manche Juden entdecken in ihm wieder ihren "jüdischen
Bruder" und manche Angehörige fernöstlicher Religionen
sehen ihn als Manifestation des Göttlichen.

Türkisch-islamische Darstellung der Himmelfahrt Jesu
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Islam
,,Jesus, dem Sohn
der Maria, gaben wir Wunderkraft und rüsteten ihn mit
dem heiligen Geist aus!" Diese und ähnliche Worte
Allahs im Koran begründen die Hochachtung der Muslime für
Jesus (arabisch Isa). Er ist für sie ein von
Gott bevorzugter Prophet, der - geboren von der Jungfrau
Maria - als treuer Diener Allahs lebte. Nicht Jesus
selbst, sondern ein ihm ähnlicher Mann sei allerdings -
so der Koran - gekreuzigt worden. In das Paradies erhöht,
wird Jesus am Ende der Tage wiederkommen, um das
Weltgericht anzukünden. In der islamischen Volksfrömmigkeit
spielt Jesus auch als himmlischer Nothelfer eine Rolle.
So wird erzählt, dass er einem armen Fischer am Roten
Meer zu Hilfe kam, als dieser sein Boot im Sturm verlor: ,,Du weißt, mein Bruder, ich habe
immer gern mit Fischern zu tun gehabt; sieh, ich bringe dir auch
dein Boot mit Fischen gefüllt zurück!". Helfender Bruder,
Diener Gottes, Prophet, - all das ist Jesus auch im Islam, aber
nicht ,,Sohn Gottes"! Mohammed (570 - 632 n.Chr.) hatte kein
Verständnis für die christliche Vorstellung eines dreifaltigen
Lebens in Gott. Ja, er missverstand sie gänzlich und meinte, Christen
würden ,,Allah, Maria und Christus" als drei Götter verehren.
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Das widersprach natürlich jener gewaltigen Erkenntnis seines Lebens, die ihn zum
Propheten machte: ,,Gott ist ein einziger!" Die Antwort auf die Frage nach der
Göttlichkeit Jesu wird Christen und Muslime bis auf Weiteres trennen, die
schlichte Liebe zum Menschen Jesus, der sich auch heute der Schwachen annimmt,
könnte sie verbinden.
Judentum
Viel näher, aber auch
konfliktreicher ist das Verhältnis zwischen Christen und Juden.
Beide ,,vergaßen" mitunter, dass Jesus selbst ein Jude war,
der sein Volk liebte und die Religion Israels achtete. Auch seine
ersten Jüngerinnen und Jünger, die ihn als ,,Messias" (griechisch:
Christos) und ,,Sohn Gottes" bekannten, waren allesamt Jüdinnen
und Juden. ,,Das Heil kommt von den Juden", bezeugt das Neue
Testament (Joh 4,22). Der Großteil des jüdischen Volkes hatte
allerdings eine andere Vorstellung vom Messias, als sie Jesus
repräsentierte. Hingegen kamen schon bald Menschen aus anderen Völkern
zum Glauben an Jesus. Christentum und Judentum traten in
Konkurrenz. Seit dem Mittelalter ließen sich Christen sogar zu
blutigen Judenverfolgungen hinreißen. Ein gewaltiger Schandfleck
für eine Religion, die sich auf Jesus beruft. Für Juden wurde
Jesus zum Ungeliebten, den das Talmud-Urteil trifft: ,,Er hat
Zauberei getrieben und Israel verlockt und gespalten". Erst
in den letzten Jahrzehnten haben manche Juden Jesus wieder als
einen der Ihren entdeckt. So schrieb der jüdische
Religionsphilosoph Shalom Ben Chorin: ,,Jesus ist mein jüdischer
Bruder. Ich spüre seine brüderliche Hand, die mich fasst, damit
ich ihm nachfolge. Es ist nicht die Hand des Messias, diese mit
Wundmalen gezeichnete Hand. Es ist bestimmt keine göttliche,
sondern eine menschliche Hand, in deren Linien das tiefste Leid
eingegraben ist... Es ist die Hand eines großen Glaubenszeugen
in Israel." Als ,,Messias" oder ,,Sohn Gottes" können
die meisten Juden Jesus freilich auch heute nicht anerkennen.
Ermutigend und bewegend ist aber, was ein Jude einmal in einem
Gespräch gesagt hat: ,,Wir beide, Juden und Christen, warten auf
den Messias. Ihr Christen glaubt, dass er schon einmal hier war
und dass ihr ihn bereits kennt. Wir Juden kennen ihn noch nicht.
Sollte sich aber bei der Ankunft des Messias herausstellen, dass
es Jesus von Nazaret ist, keiner wäre mir lieber als er!"
Östliche
Religionen
Ganz anders als die drei
Religionen, die in Abraham ihr gemeinsames Glaubensvorbild haben
(Judentum, Christentum, Islam), gehen östliche Religionen an die
Gestalt des Jesus von Nazaret heran. Im Hinduismus hat die
Begegnung mit dem Christentum nachweislich zu einer Verstärkung
des Monotheismus (Eingottglaubens) geführt. Die vielen Göttergestalten
werden zunehmend als verschiedene Aspekte und Manifestationen des
einen und einzigen Gottes verstanden. Manche Hindus betrachten
auch Jesus als eine Gestalt des Göttlichen. So wundert es nicht,
dass in manchem Hindutempel neben den traditionellen ,,Göttern"
auch das Bild Jesu Platz gefunden hat. Einmalig provozierend ist
allerdings für Hindus die Botschaft Jesu von der Gleichwürdigkeit
aller Menschen, die sich mit dem indischen Kastensystem nicht
verträgt. Gandhi, der berühmteste Hindu des 20. Jahrhunderts,
war begeistert von Jesus und seiner Bergpredigt, aber bitter enttäuscht
vom Verhalten vieler Europäer, die sich Christen nannten.
Im Zentrum des Buddhismus steht
weder Gott noch ein göttlicher Erlöser, sondern die Lehre des
Buddha. Aber es gibt Buddhisten aller Richtungen, die sich für
das Evangelium interessieren. Voll Anerkennung für die Botschaft
Jesu ist z.B. der Dalai Lama, der in der Untrennbarkeit von
Gottes- und Nächstenliebe das Wesen der christlichen Ethik
erblickt.
Und Ihr?
Eines Tages - so erzählt
die Bibel (Lk 9,18-20) - fragte Jesus seine Jünger: ,,Für wen
halten mich die Leute?' Die Jünger wussten allerlei aufzuzählen.
Die einen für dies, die anderen für das. Dann fragte Jesus
weiter: ,,Ihr aber, für wen, haltet ihr mich?" - Man kann
in der Bibel nachlesen, was Petrus damals darauf antwortete. Aber
die Frage Jesu hallt weiter durch die Jahrhunderte und trifft
auch die Christinnen und Christen im Jahre 2000. Wenn ihr
Bekenntnis zu Jesus überzeugend sein soll, wird es nicht bloß
aus korrekten Bibelzitaten bestehen dürfen, sondern muss Tag für
Tag mit dem eigenen Leben buchstabiert werden.
(Beitrag für "Neues
vom Graben" 2/2000. Er wurde auch von www.graz-seckau.at
und von www.kirchenweb.at übernommen.)
Karl Veitschegger (2000)
Karl Veitschegger ©
2000
Aktualisiert: 06. April 2010.
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