Karl Veitschegger

 

Unsere Bibel - mehr als ein Buch

Kurzeinführung in die Heilige Schrift


 

Die Bibel – eine Bibliothek

Unsere Bibel ist kein Einzelbuch, sondern sie enthält zwei Buchsammlungen: die 46 Schriften des Alten (oder: Ersten) Testamentes (vor Jesus verfasst) und die 27 Schriften des Neuen Testamentes (nach Jesus verfasst).

Das heutige Judentum und die protestantischen Kirchen zählen allerdings sieben Spätschriften des Alten Testamentes nicht zur Bibel: Tobit, Judit, 1 und 2 Makkabäer, Weisheit, Jesus Sirach, Baruch.
Das Verzeichnis der von der Kirche anerkannten biblischen Schriften heißt Kanon (Maßstab, Richtschnur).

 

Gewachsen in 1000 Jahren

Das Alte Testament ist nicht vom Himmel gefallen, sondern innerhalb eines Jahrtausends im Volk Israel entstanden. Es ist der schriftliche Niederschlag der Glaubensgeschichte dieses Volkes:

 

§  Am Anfang steht die mündliche Weitergabe von Glaubenserfahrungen im Volk Israel: Erzählungen über den Auszug aus Ägypten unter Mose, Erzählungen über die Stammväter: Abraham, Isaak, Jakob etc.

§  Kurze Texte entstehen: Lieder (z. B. Deborah-Lied in Richter 5,1-31) Gesetzestexte, ...

§  Schriftsteller schreiben längere Abschnitte nieder, andere sammeln sie zu „Büchern" (Schriftrollen), bearbeiten sie, reihen um, kürzen oder erweitern usw.

§  Schließlich wird festgelegt, was zur Heiligen Schrift gehören soll (Kanon = Maßstab)

 

Auch die Entstehung des Neuen Testamentes ist ein lebendiger Prozess:

 

§  Ausgangspunkt ist Jesu Wirken, Tod und Auferstehung. Jesus selbst schreibt nichts auf.

§  Die Jünger/innen geben ihre Erfahrungen mit Jesus zuerst nur mündlich weiter (Jesusüberlieferung): Jesusworte (später Logien genannt) Wundererzählungen, Kurzbekenntnisse (z. B. zur Auferstehung Jesu in 1 Kor 15,3-8)

§  Paulus (und andere) schreiben Briefe an Christengemeinden. Der vermutlich älteste Brief ist 1Thessalonicher, um 51/52 n. Chr. verfasst.

§  Die vier Evangelien entstehen zwischen 70 und 100 n. Chr. (aus älteren Jesusüberlieferungen), nach Ansicht der meisten Forscher in dieser Reihenfolge: Markus (70 n. Chr.), Matthäus und Lukas (um 80 n. Chr.), zuletzt Johannes (um 90 n. Chr.).

§  Um 130 n. Chr. sind alle Schriften, die wir  zum Neuen Testament zählen, „fertig" (2 Petrus gilt als letzte Schrift, vermutlich um 120/130 entstanden).

 

Geschrieben in drei antiken Sprachen

Das Alte Testament wurde fast zur Gänze in Hebräisch verfasst. Einiges ist nur in aramäischer und griechischer Sprache überliefert. Das Neue Testament ist zur Gänze in Griechisch (damals die Weltsprache im Mittelmeerraum) verfasst.

 

Eine recht bunte Sammlung

Die Texte der Bibel sind sehr verschiedenartig. Wir finden in der Bibel: Erzählungen, Lieder, Sagen, Gebete, Berichte, Gesetzestexte, Legenden, Gleichnisse, Weisheitssprüche, Liebeslieder und viele andere „literarische Gattungen". Bei der Interpretation der Texte ist auf ihre Eigenart und Aussageabsicht besonders zu achten.

 

Mit einem gemeinsamen Anliegen

Jede Schrift des Alten Testamentes bezeugt auf ihre Weise die zentrale Glaubenserfahrung des Volkes Israel: Der "Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs" ist ein treuer, den Menschen zugewandter, helfender und befreiender Gott.

Im Neuen Testament wird uns bezeugt, dass dieser Gott sich in Jesus von Nazaret endgültig und unüberbietbar auf die Seite der Menschen gestellt hat. Jesus ist die Mensch gewordene Liebe Gottes, die Angst, Schuld und Tod grundsätzlich überwindet. Gott will, „dass alle Menschen gerettet werden" (1Timotheus 2,4). Der Auftrag Jesu kann so zusammengefasst werden: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben, und zwar in Fülle!" (Johannes 10,10)

 

Urkunde einer Gemeinschaft

Die gesamte Bibel ist maßgebliche „Ur-Kunde" unseres christlichen Glaubens und der christlichen Glaubensgemeinschaft (Kirche). Der erste und der letzte Satz der Bibel zeigen den Horizont unseres Glaubens: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde ..." (Gen 1,1) Und: „Die Gnade des Herrn Jesus sei mit allen!" (Offb 22,21).

 

Gottes Wort

Die Bibel ist von Gott inspiriert, also von Gottes Geist angeregt und beseelt, aber nicht von Gott diktiert (wie das z. B. Muslime vom Koran annehmen). Gott „spricht“ durch menschliche Schriftsteller (und ihre zeitbedingte Ausdrucksweise) zu uns. Die Bibel ist Gotteswort im Menschenwort.

Als Christinnen und Christen glauben wir, dass Gott sich in diesen Schriften den Menschen offenbart und dass wir durch sie einen Zugang haben zum Geheimnis Gottes und dadurch zum Sinn unseres Lebens. Letztlich geht es nicht um ein interessantes literarisches Werk, sondern um die Begegnung mit dem lebendigen Gott. Denn: „Wer die Schrift kennt, kennt Gottes Herz." (Papst Gregor der Große, gest. 604)

 

Karl Veitschegger (1999)

 


 

Die Bibel besser verstehen

 

Folgende Fragen können hilfreich sein, wenn man sich allein oder in einer Gruppe mit einer Bibelstelle auseinandersetzt:

 

► Was berührt mich besonders? Was spricht mich an? Was klingt fremdartig oder sogar abstoßend?

 

Wann und wo wurden diese Worte gesprochen oder geschrieben? (Vor Christus, nach Christus, in einer Notsituation ...?)

 

Welche Form hat diese Stelle? (Ist sie ein Bericht, ein poetischer Text, ein Gleichnis ...?)

 

► Was ist die wohl die ursprüngliche Absicht dieser Stelle? (Warnung, Trost, Ermutigung ...?) Welche Erfahrung steckt dahinter?

 

► In welchem Zusammenhang steht diese Stelle? Wie verhält sie sich zu anderen Bibelstellen und Grundaussagen der Bibel? (Ergänzung, Verdeutlichung ...) Spannungen aushalten!  

 

► Was sagt mir/uns diese Stelle heute? Inwiefern ist meine/unsere Situation der damaligen ähnlich? Was ist anders?

 

► Was könnte von bleibender Gültigkeit, was nur zeitbedingt sein?

 

► Wie verhält sich mein/unser Verständnis dieser Stelle zum christlichen Glauben, wie er in der Gemeinschaft der Kirche seit fast 2000 Jahren verkündet, entfaltet, gelebt und gefeiert wird. "Bedenkt dabei vor allem dies: Keine Weissagung der Schrift darf eigenmächtig ausgelegt werden!" (2 Petrus1, 20)

 

► Wen kann ich im Fall von Unklarheiten um Rat fragen?

 

Karl Veitschegger (1999)

 

Benedikt XVI. über Bibelexegese

"Das Wort ist immer größer als die Exegese der Väter und die kritische Exegese, weil auch diese nur einen Teil, ja, ich würde sagen, einen sehr kleinen Teil versteht. Das Wort ist immer größer – das ist unser großer Trost. Und es ist einerseits schön zu wissen, dass man nur ein klein wenig verstanden hat. Es ist schön zu wissen, dass es noch einen unerschöpflichen Schatz gibt und dass jede neue Generation wieder neue Schätze entdecken und weitergehen wird mit der Größe des Wortes Gottes, das uns immer voraus ist, uns leitet und immer größer ist. Mit diesem Bewusstsein muss man die Heilige Schrift lesen.“

(Begegnung mit dem Klerus von Rom am 22. Februar 2007)

 

"Natürlich muss der Nutzen anerkannt werden, der dem Leben der Kirche aus der historischkritischen Exegese und den anderen Methoden der Textanalyse, die in jüngerer Zeit entwickelt wurden, erwachsen ist. Für die katholische Sichtweise der Heiligen Schrift ist die Berücksichtigung dieser Methoden unverzichtbar. [...] Wer den biblischen Text so behandelt, als ob er vom Heiligen Geist wortwörtlich diktiert worden wäre, sieht nicht, dass das Wort Gottes in einer Sprache und in einem Stil formuliert worden ist, die durch die jeweilige Epoche der Texte bedingt sind. Die wahre Antwort auf eine fundamentalistische Interpretation ist die 'Auslegung der Heiligen Schrift im Glauben'".

(Verbum Domini 2010)

 

§  Einheitsübersetzung der Bibel

§  Hier finden Sie viele Bibel-Übersetzungen (in vielen Sprachen): www.bibleserver.com

 

§  Einführung in die Bibel von Jörg Sieger

§  Zu meinem Artikel: Altes Testament - alt, aber nicht veraltet

 

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