Karl Veitschegger

 

„Der Reichtum der Kirche sind ihre Menschen“

Referat auf Steirischer Pfarrerwoche 2016                                                                                       


 

Darf man das so sagen? Oder fallen wir mit dem Titel dieser Pfarrerwoche in einen billigen Horizontalismus, der nur die menschliche Seite der Kirche im Auge hat? Mit Recht wurde von einigen kritisch nachgefragt: Der Reichtum der Kirche – ist das nicht Jesus Christus, sind das nicht die Hl. Schrift und die Sakramente? – Jeder von uns wird dies bejahen. Aber ist es falsch zu sagen: „Der Reichtum der Kirche sind ihre Menschen“?

 

Ich bin überzeugt: Wir dürfen das sagen. Nicht aus Gottvergessenheit und menschlicher Überheblichkeit heraus, sondern aus guten theologischen Gründen. Die Menschen sind der Reichtum der Kirche, weil sie der Reichtum Gottes sind, sein geliebter Schatz. Wir wissen: Menschen sind schwach, sie sündigen, ignorieren und verfehlen ihre Berufung, verludern ihre Würde, verlieren sich in Nichtiges und verkaufen sich an fremde Herren und Götzen. Die Bibel verwendet für diese prekäre Situation das antike Bild der Schuldsklaverei. Gott aber, so bezeugt die Heilige Schrift, hört nicht auf, die Verlorenen und Verkauften zu lieben und zu suchen. Er kauft sie frei aus dem Verhängnis ihres sinnlosen Lebens (vgl. 1 Petr 1,18) – mit dem Liebsten und Kostbarsten, was er hat: mit dem Leben seines Sohnes. Der Menschensohn ist gekommen, um „sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele“ (Mk 10,45). Und damit kein Zweifel besteht, wer damit gemeint ist, fügt das Missionsdekret des Konzils erklärend hinzu: „für die vielen, das heißt für alle“ (Ad gentes 3). Diese biblischen Bilder sagen: Trotz unserer Hinfälligkeit sind wir Menschen – alle und jeder und jede von uns – ein Schatz, für den Gott bereit ist, alles zu geben, sogar das Leben seines Sohnes. „Um einen teuren Preis seid ihr erkauft!“(1 Kor 7,23)

 

Darum können wir mit vollem Recht über diese Pfarrerwoche den Satz schreiben: „Der Reichtum der Kirche sind ihre Menschen“. Vielleicht ist das „ihre Menschen“ zu einschränkend, zumindest dann, wenn man darunter nur die Priester und Kircheninsider verstünde. Deshalb könnten wir auch sagen: „Der Reichtum der Kirche sind die Menschen“, und hinzufügen: „weil sie der Reichtum Gottes sind.“

 

 

Was heißt das für unsere Seelsorge?

 

Der Paderborner Pastoraltheologe Herbert Haslinger hat in einem Artikel in der Augustnummer der Herder Korrespondenz (8/2016) geschrieben:  „Zu vielen kirchlichen Funktionsträgern mangelt es an einer Grundsympathie für die Menschen. Etwas umgangssprachlicher formuliert: Man spürt in ihrem Reden und Verhalten, dass sie die Menschen nicht wirklich gern haben.“

Ich habe mich zuerst gegen diese Aussage gewehrt, aber mir ist der Artikel dann doch nachgegangen. Ich habe mich gefragt: Reden wir, wenn wir über Seelsorge sprechen, nicht tatsächlich oft abschätzig über „die Menschen von heute“? Sie seien „oberflächlich“, „konsumorientiert“, „ohne Glaubenstiefe“ „gottvergessen“, „bindungsunfähig“. Und wir als Kirche seien für sie ohnedies nur ein Art „Partyservice“ zur Verschönerung ihrer Familienfest usw. Natürlich hat das auch Wahrheitsgehalt, aber wir sagen es doch oft lieblos und mit einer großen Portion Selbstmitleid.  Wir sind enttäuscht, dass die Menschen, mit denen wir real zu tun haben, nicht unseren Erwartungen entsprechen, dass sie nicht jene Menschen sind, für die wir gerne da sein würden.

 

 

1. Seelsorge: „Die Menschen gern haben“

 

Wir sind gewohnt, mit pastoralem Pathos zu sagen: Wir stehen im Dienst der Menschen. Im konkreten Alltag fühlen wir uns dann aber doch manchmal müde und ausgenutzt und wir verstehen den sprichwörtlichen Wiener Grantler, der sagt: „Die Menschen mog i schon, aber die Leit san ma zwida.“ (Das ist eine Abwandlung des Nestroy-Zitates: „Der Mensch is gut - aber die Leit san a Bagasch.)

Auf Facebook fand ich folgende Lebensweisheit gepostet: „Umgib dich mit Menschen, die dir wichtig sind und dir gut tun. Alle anderen sind nur Energiefresser.“ Da ist natürlich viel Wahres dran, vor allem dann, wenn man – und darauf hat jeder Mensch ein Recht! – Ruhe und Erholung sucht. Aber für die alltägliche Seelsorge darf diese „Lebensweisheit“ nicht zur Maxime werden.

Das Jahr der Barmherzigkeit erinnert alle Christenmenschen, aber besonders auch die in der Seelsorge Tätigen an jenes Werk der Barmherzigkeit, das zu den schwierigsten zählt: „Lästige geduldig ertragen.“ Gott mutet uns in der Seelsorge alle Arten von Menschen zu, auch aus solchen Milieus, deren Umgangston und Verhalten uns fremd und unsympathisch sind. Er mutet sie unserer pastoralen Liebe und Klugheit zu. Er ist jener Gott, zu dem wir im Tagesgebet vom 6. Sonntag nach Ostern beten: „Gott, du liebst deine Geschöpfe, und es ist deine Freude, bei den Menschen zu wohnen.“

Das Schlimmste, was man über einen Seelsorger sagen kann ist: „Der mag die Leute nicht.“ Wenn das eintritt, sind Hilfsmaßnahmen fällig. Hier müssen wir einander stützen.

Das ist mir durch den Haslinger-Artiel wieder bewusst geworden: Spirituelle Aufbrüche, neue Ideen, pastorale Initiativen aller Art sind nur dann authentisch, wenn sie aus dem Wunsch kommen, „die Menschen gern zu haben“. Darin besteht auch der Elchtest der Christusliebe.  Wenn Liturgie, Spiritualität und pastorales Planen uns nicht offener, kommunikativer, menschlicher, barmherziger machen, dann dienen wir, wie Papst Franziskus zu sagen pflegt, nur einer Idee von Christus, einem „Christus ohne Leib“, aber nicht dem Menschgewordenen.

 

 

2. Seelsorge: Amoris Laetitia als Inspiration

 

Das nachsynodale Schreiben Amoris laetitia hat innerkirchlich für manche Aufregung gesorgt. Enttäuscht sind jene („links“ und „rechts“), die sich eine knappe oder, wie sie sagen, „klare“ Antwort auf die Frage erwartet haben: Ist der Sakramentenempfang für wiederverheiratete Geschiedene (die nicht „wie Bruder und Schwester“ zusammenleben) nun erlaubt oder nicht? – Mich hätte gewundert, hätte sich der Papst in seiner Antwort kasuistisch festnageln lassen. Das ist nicht seine Art, pastorale Dinge zu sehen und zu lösen. Vieles an ihm erinnert mich an die Lehrweise Jesu, der die Fragen der Schriftgelehrten (z. B. die Frage, ob man dem Kaiser Steuern zahlen dürfe oder nicht) nicht einfach mit ja oder nein beantwortet. Jesus geht ihnen nicht auf den Leim, bietet keine „glatte Lösung“ an. Manche Zuhörer empfinden seine Antworten als ausweichend. Aber eigentlich setzt er nur tiefer und grundsätzlicher an, wenn er durch eine Gegenfrage oder eine offene Antwort auf bisher zu wenig Beachtetes aufmerksam macht.

 

Ich behaupte, wie ich es auch schon im Priesterrat und Diözesanrat getan habe: Wer Amoris laetitia mit offenem Herzen liest, ruhig meditiert und durcharbeitet, versteht die Grundanliegen des Papstes, auch das achte Kapitel und die Fußnoten 329, 336 und 351. Wer dies tut, wird nicht für jeden Einzelfall die glatte Sofort-Lösung parat haben, wird in der Begleitung Betroffener vielleicht zwischendurch etwas ratlos sein. Aber er wird beachten, dass sicher nicht alle Betroffenen Todsünder sind. Er wird feststellen, dass Menschen sehr begrenzt sind in ihrer Fähigkeit, das Gute (voll) zu erkennen, und, selbst wenn sie es erkannt haben, es in verzwickter Situation (voll) zu verwirklichen. Ultra posse nemo obligatur. (Niemand ist über sein Können hinaus moralisch verpflichtet.) Gerade, was das posse betrifft, gilt es auch das Gewissen der Betroffenen sehr ernst zu nehmen und gut zu unterscheiden. Im Vertrauen auf die Barmherzigkeit Gottes wird sich dann ein verantwortbarer Weg auftun. Barmherzigkeit darf auch riskant sein, meint der Papst.

Zwei „Lösungen“ sind nicht im Sinn des Papstes: das bloße Durchwinken zu den Sakramenten und die absolut verschlossene Tür.

Die Worte, die der Papst über das achte Kapitel schreibt, sind Leitworte für die Seelsorge überhaupt: Die Zerbrechlichkeit begleiten – unterscheiden – eingliedern. Das Ziel ist immer die Eingliederung.

 

Ich mache hier auch auf die Behelfe und Materialien in unserem Intranet und auf unseren Studientag mit Kardinal Schönborn am 28. November aufmerksam. Das Familienreferat und das Team im Pastoralamt stehen natürlich auch für Auskünfte, Beratungen und Referate zur Verfügung.

 

 

3. Seelsorge: Qualität der Begegnungen

 

Manche meinen, Amoris laetitia komme um einige Jahrzehnte zu spät – zumindest in unseren Breiten. Die meisten Menschen mit veritablen Lebens- und Beziehungsproblemen kämen gar nicht mehr auf die Idee, Priester oder andere Pastoralprofis aufzusuchen. Vermutlich ist das so. Und ehrlich gesagt, wäre es auch gar nicht möglich, alle Menschen in unserem Land flächendeckend zu „beseelsorgen“. Gott sei Dank erwarten die Menschen das nicht von uns und kommen in vielen Dingen ihres Lebens, auch in Krisen, ganz gut ohne Pastoralprofis zurecht.

 

Aber – und jetzt kommt etwas, das mir sehr wichtig scheint: Wenn sich jemand an „die Kirche“ wendet, wenn jemand mit einem Seelsorger/einer Seelsorgerin zu tun hat, dann soll das eine Begegnung von hoher menschlicher und pastoraler Qualität sein. Er muss keinem Wunderwuzi begegnen, aber er soll die Chance haben, einem freundlichen, empathischen, halbwegs reifen und klugen Christenmenschen zu begegnen. Ich denke, dass wäre eine gute Maxime für die Seelsorge und auch für die Personalpolitik der Diözese.

Ich freue mich immer, wenn ich Menschen treffe, die sagen: Ich habe nicht sehr oft etwas „von euch“ gebraucht, aber wenn ich etwas mit euch zu tun gehabt habe, war ich eigentlich immer sehr zufrieden.

Oder ein anderes Beispiel: Die persönliche Beichte werden wir in unseren Breiten nicht durch Einschärfen von Kirchengeboten beleben, sondern nur durch die guten Erfahrungen einzelner. Diese erzählen dann ihre Erfahrung weiter: Mund-zu-Mund- und Herz-zu-Herz-Propaganda!

In der Qualität der Begegnung sehe ich eine große Chance für die Seelsorge. Das kann sich langfristig freilich dann auch wieder in erfreulichen Zahlen niederschlagen. Aber setzen wir bei der Qualität an.

 

 

4. Milieusensible Seelsorge

 

„Milieusensible Seelsorge“ –  das ist kein Zauberwort, aber ein gutes Instrument für die Pastoral, um die verschiedenen Lebenswelten der Menschen heute besser verstehen zu können. Wir haben in unserer Diözese ein Team von Trainern und Trainerinnen, von denen man die Handhabung dieses Instrumentes lernen kann. Koordinatorin und Ansprechperson dafür ist meine Stellvertreterin Barbara Krotil.

 

Ich hoffe, dass uns der Hauptreferent dieser Fortbildungswoche, Dr. Tobias Kläden von der Katholischen Arbeitsstelle für missionarische Pastoral in Erfurt, hilft, verschiedene Milieus, gerade auch solche, die mit Kirche weniger am Hut haben, genauer anzuschauen, sie besser zu verstehen, sie als „Reichtum der Kirche“ zu entdecken und auch von Menschen uns fremder Milieus zu lernen und sie in Zukunft vielleicht sogar ein bisschen mehr zu mögen.

 

 

5. Seelsorge: „Lebendige Pfarren“

 

Papst Franziskus ist ein Verfechter der Pfarrseelsorge. Das wurde schon in Evangelii gaudium 28 deutlich. Ende Juli bekräftigte er das in seinem Treffen mit den polnischen Bischöfen. Er sagte, Pfarren seien „unersetzlich“ und die Pfarre bleibe „das Haus des Volkes Gottes“ (Radio Vatikan 28. 07. 2016).

Auch Bischof Wilhelm hat bald nach seinem Amtsantritt klargestellt, dass es nicht sein Bestreben ist, Pfarren aufzulösen (außer sie wollen das selbst).

Dennoch fragen viele besorgt: Wie wird es weitergehen mit unseren steirischen Pfarren? Was geschieht, wenn auf einen Pfarrer immer mehr Pfarren kommen? Wie kann die örtliche Gemeinschaft von Gläubigen effektiv Kirche sein, wenn kein Priester und keine hauptamtliche Seelsorgeperson im Ort wohnen. Kann auch eine solche Pfarre spürbares Zeichen und Werkzeug der Liebe Gottes für die Menschen vor Ort sein?

 

-          Was macht die Lebendigkeit einer Pfarre aus?

-          Und was ist dabei unverzichtbar und sollte in keiner Pfarre, unabhängig von ihrer Größe und Eigenart, fehlen?

 

Mit diesen beiden Fragen haben sich, angeleitet vom Team des Pastoralamtes, über 100 Personen, die meisten davon selbst Seelsorger und Seelsorgerinnen, in verschiedenen pastoralen Gremien und in drei großen Workshops, zu denen alle Priester, Diakone, Pastoralassistentinnen und Pastoralassistenten eingeladen waren, beschäftigt. Begonnen hat dieser Prozess schon unter meinem Vorgänger Johannes Freitag, dem hier auch Dank gesagt sein soll.

Wir haben in diesem Prozess also „Lebendigkeitskriterien“ und „Unverzichtbarkeitskriterien“ erarbeitet. Als theologisches Ordnungsprinzip dienten die vier vertrauten Grundvollzüge kirchlichen Lebens: Martyria (Verkündigung und Glaubenszeugnis), Leiturgia (Gottesdienste und Feiern), Diakonia (gelebte Nächstenliebe) und Koinonia (Leben als Gemeinschaft).

Es wurde in den Workshops mehrmals gewünscht, Lebendigkeit nicht nur von der Häufigkeit der Eucharistiefeier her zu denken, und es wurde auch ein starker diakonaler Akzent gefordert.

 

Entstanden ist daraus diese Schrift: „Lebendige Pfarre“. Sie ist eine Frucht gemeinsamer Arbeit – mit allen Vor- und Nachteilen, die Gemeinschaftsproduktionen anhaften. Dem einen werden Dinge fehlen, dem anderen manches als überflüssig erscheinen. So ist das eben.

 

Diese Schrift hat nicht den Charakter einer Verordnung, sie ist aber eine vom Bischof approbierte Orientierungshilfe. Es ist nicht ihre Absicht, Unmögliches einzufordern und dadurch zu entmutigen, wohl aber will sie zu selbstkritischen Fragen anregen und vor allem zu mehr Lebendigkeit ermutigen – Schritt für Schritt.

Bitte, lest diese Orientierungshilfe einmal in Ruhe und wohlwollend durch. Lest auch das Wort des Bischofs und die Einführung.

Wir sind überzeugt, dass damit eine brauchbare pastorale Hilfe entstanden ist:

 

-          für  die Pfarren selbst, wenn sie z. B. in einer PGR-Klausur die Seelsorge neu überdenken und eine Pastoralplanung für die Zukunft machen,

-          für Pfarrverbände und Regionen, die ja die pfarrliche Seelsorge subsidiär stärken und ergänzen sollen,

-          für diözesane Stellen, die sich in ihrer Arbeit noch stärker daran orientieren sollen, was Pfarren brauchen.

 

 

 

6. Seelsorge: Ehrenamt und Freiwilligenarbeit

 

„Der Reichtum der Kirche sind ihre Menschen“. – Besonders deutlich zeigt sich das im Engagement der vielen Ehramtlichen und Freiwilligen in der Kirche. Freilich bahnt sich auch hier ein Kulturwandel an, den wir nicht übersehen dürfen. Menschen sind, wie Studien und Erfahrung bestätigen, durchaus bereit, freiwillig ohne finanziellen Nutzen ihre Zeit und ihre Kraft „in den Dienst der guten Sache“ zu stellen. Aber für ihren Einsatz brauchen und erwarten sie oft andere Voraussetzungen und Bedingungen als ihre Eltern und Großeltern.

 

Warten wir nicht, bis die Todesanzeigen der letzten Ehrenamtlichen alten Stils gedruckt sind, sondern machen wir uns kundig, wie Ehrenamt und Freiwilligenarbeit heute gelingen kann, wie Getaufte ihre Verantwortung für Kirche und Gesellschaft heute entdecken und leben können.

 

Das Netz der Seelsorge wird künftig in noch größerem Ausmaß als bisher von engagierten Freiwilligen und Ehrenamtlichen getragen werden. Eine gute Arbeitshilfe dazu ist das Heft „Miteinander Kirche sein“, das das Pastoralamt heuer neu überarbeitet herausgegeben hat. Besonderer Dank gebührt hier vier Frauen: Barbara Krotil und Stefanie Schwarzl-Ranz (Pastoralamt), Ute Paulweber (Katholische Aktion) und Carmen Brugger (Caritas). Zum Heft gibt es auch den gleichnamigen Flyer mit zehn wichtigen Grundsätzen.

 

Ein besonderer Fall von Ehrenamt ist der Pfarrgemeinderat.

2017 stehen Neuwahlen an. Für viele Pfarren ist das trotz verschiedener Wahlmodelle eine gewaltige Herausforderung. Wird es genügend Kandidaten und Kandidatinnen geben? Schaffen wir einen Vorgang, der den Namen Wahl verdient?

Es gibt die Sorge, dass dieses eigentlich noch junge Element der Synodalität wieder verloren gehen könnte. (Sehr viele solche synodale Elemente haben wir im Vergleich zu den Orthodoxen und Evangelischen in der katholischen Kirche ja nicht.)

 

Ich denke, wir müssen auch in puncto PGR unsere Vorstellungen gründlich überdenken: Wofür ist ein PGR eigentlich da? Was ist die Aufgabe eines PGR-Mitgliedes und was nicht? Was darf mit Recht von ihm erwartet werden und was nicht?

 

Der ursprüngliche Sinn des PGR war sicher nicht, einen zusätzlichen Arbeitskreis zu haben. Vielmehr sollte – negativ ausgedrückt – verhindert werden, dass Pfarrer und andere Hauptamtliche einfach selbstherrlich den Kurs der Seelsorge festlegen. Positiv ausgedrückt: Sie sollen ehrlich und aufrichtig zuhören und sich beraten lassen.

 

Erste Aufgabe des PGR ist es, darüber nachzudenken: Wozu gibt es unsere Pfarre? Was hat Gott mit ihr vor? Wie kann Kirche gerade hier gelebt werden? Welche Schwerpunkte wollen wir in der Seelsorge setzen? Worauf verzichten wir in Zukunft? - Darüber sollen Menschen verschiedenen Alters mit verschiedenen Lebenserfahrungen gemeinsam nachdenken. Die Buntheit der Menschen und ihrer Begabungen, die Buntheit ihrer Glaubens- und Lebensgeschichten ist dabei als Reichtum zu schätzen.

Querulanten und Egomanen sind im PGR nicht tragbar, aber kritische Stimmen darf es schon geben. Der PGR muss nicht mit dem Fanclub des Pfarrers identisch sein.

Mehr und Genaueres zur PGR-Wahl wird im Anschluss an meine Ausführungen Stefanie Schwarzl-Ranz, unsere Referentin für Kirche und Gemeinschaft, sagen.

Zu den Themen Ehrenamt/Freiwilligenarbeit und PGR findet ihr natürlich wertvolle Hilfen im diözesanen Intranet!

 

 

7. Seelsorge: Orientierung am Wort Gottes

 

Was wäre unser pastorales Tun wert, wenn wir nicht auf Gott hören?

Woher wissen wir, dass Gott die Menschen liebt, dass sie sein Schatz und damit auch unser Reichtum sind?

Ich bin dankbar, dass so viele in unserer Diözese das Jahr der Barmherzigkeit mitgetragen haben und noch mittragen. Es ist erstaunlich. Bitte beachtet weiterhin unsere Anregungen dazu in Internet und Intranet!

Aber woher wissen wir, dass Gott ein Mitleidender und Barmherziger ist? Woher wissen wir, dass es Gott wohlgefälliger ist, Feinden zu verzeihen, als sie in die Luft zu sprengen? Woher wissen wir, dass Gott in Jesus unser Mitmensch und Schicksalsgenosse und so unser Retter geworden ist?

Wir Profis sagen: aus der Offenbarung. Wir vertrauen dem Zeugnis der Heiligen Schrift, wie sie in der Gemeinschaft der Kirche durch 2000 Jahre verlässlich überliefert, gedeutet und gelebt worden ist. Aber wir wissen auch, dass sich viele Menschen, darunter auch brave Gläubige, mit der Bibel schwer tun. Dass manche Lesungen, manche biblischen Aussagen und Bilder auf sie fremd, ja oft geradezu abstoßend wirken. Das darf uns nicht egal sein.

Darum wollen wir – das Team im Pastoralamt – in den nächsten Jahren unser Bemühen verstärken, das Verständnis für die Heilige Schrift zu fördern: in unseren Veröffentlichungen und Behelfen, aber auch in unseren Kursen und Fortbildungsangeboten, besonders für ehrenamtliche Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die keine oder wenig biblische Vorbildung haben. Wir haben dabei die Leiterinnen und Leiter von Worgottesfeiern im Auge, aber auch Lektoren und Lektorinnen und andere in Liturgie und Verkündigung engagierte Personen. Wir wissen, dass das mühsame Kleinarbeit ist, die nie fertig sein wird.

 

Wir bitten euch alle, diese Mühe mitzutragen. Solides biblisches Wissen wird gerade auch in der Auseinandersetzung mit anderen Religionen zunehmend wichtig werden. Seid als Bibelkundige für alle, aber gerade auch für eure engsten Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, geduldige Wegbegleiter zur Hl. Schrift, zum Wort Gottes hin. Nehmt in diesem Sinn bitte auch die Homilie sehr ernst. Die Heilige Schrift soll wirklich zum Wort des Lebens werden.

 

Gerade das kommende Jahr 2017, in dem – durchaus auch ökumenisch – an die Reformation Martin Luthers vor 500 Jahren gedacht wird, ist ein guter Anlass, der Heiligen Schrift, die für alle Christinnen und Christen von fundamentaler Bedeutung ist, vertiefte Aufmerksamkeit zu schenken. Letztlich geht es nicht um ein interessantes literarisches Werk, sondern um die Begegnung mit dem lebendigen Gott. Denn: "Wer die Schrift kennt, kennt Gottes Herz." (Papst Gregor d. Große, gest. 604)

 

 

Worte zum Schluss

 

„Der Reichtum der Kirche sind ihre Menschen“. Ich möchte meine Impulse zu diesem Thema mit einem Zitat des 1996 verstorbenen deutschen Psychoanalytikers Albert Görres ausklingen lassen. Er war ein kritischer, aber überzeugter katholischer Christ mit Humor. Er schrieb:

 

"Die Kirche ist, wie die Sonne, für alle da. Für Gerechte und Ungerechte, Sympathen und Unsympathen, Dumme und Gescheite, für Sentimentale ebenso wie Unterkühlte, für Neurotiker, Psychopathen, Sonderlinge, Heuchler und für solche wie Nathanael, 'an denen kein Falsch ist', für Feiglinge und Helden, Großherzige und Kleinliche. Auch für kopf- und herzlose Bürokraten, für Fanatiker und für eine Minderheit von gesunden, ausgeglichenen, reifen, seelisch und geistig begabten, liebesfähigen Naturen. Diese lange Liste ist nötig, um klarzumachen, was man eigentlich von einer Kirche erwarten kann, die aus allen Menschensorten zusammengerufen ist und deren Führungspersonal auch aus diesem bunten Vorrat stammt."

(A. Görres - W. Kasper (Hg.), Tiefenpsychologische Deutung des Glaubens? QD 113, Freiburg-Basel-Wien 1988, 134)

 

„Seid barmherzig, wie euer Vater im Himmel barmherzig ist!“ (Lk 6,36)

 

 

  • Zurück zur Startseite von Karl Veitschegger
  • Zurück zum Menü "Artikel, Referate, Skizzen ..."

Karl Veitschegger © 2014
21.06.2014