Karl Veitschegger (2006/2008)

 

Erbsünde


Nicht alles, was Theologen im Lauf der Jahrhunderte zum Thema „Erbsünde" gedacht und gesagt haben, ist heute problemlos nachvollziehbar. Vieles war zeitgebundene Verständnishilfe. Dennoch ist katholischer Glaube überzeugt, dass die alte Erbsündelehre in ihrem Kern eine wichtige Wahrheit enthält, die uns auch heute angeht. Ausgelöst durch einige konkrete Fragen, wird hier eine Annäherung an das schwierige Thema versucht.

 

Warum behauptet die Erbsündelehre, Säuglinge seien Sünder? Ein Baby kann doch noch keine Sünde begehen"

Die katholische Kirche behauptet nicht, dass Babys sündigen. Sie nimmt aber die Erfahrung ernst, dass neugeborene Menschen nicht bei Null anfangen, sondern wesentlich von dem abhängig und geprägt sind, was schon vor ihrer Geburt in der Welt geschehen ist und die Menschheit geformt hat. Als Menschenkinder übernehmen sie ein Erbe, das viel Schönes und Gutes enthält, aber leider auch Böses und Belastendes. So kann z. B. ein Kind drogensüchtiger Eltern, ohne selbst schuld daran zu sein, schwer an den Fehlleistungen seiner Eltern leiden. Diese haben ihrerseits eine belastende Vorgeschichte usw. Letztlich ist jeder Mensch, weil er Mensch ist, auch mit der Negativ-Geschichte der Menschheit verwoben. Das innere Geprägt-Sein von dieser sündhaften Geschichte, die den Zugang zum wahren Lebensglück verstellt und von Gott wegzieht, kann man „Erbsünde“ nennen.

 

Aber sind laut Bibel nicht Adam und Eva an der Misere schuld?"

Ich würde es so sagen: Seit es Menschen auf dieser Erde gibt, also Wesen, die zwischen Gut und Böse wählen können, gibt es leider auch die Tradition des menschlich Bösen in der Welt. Und das biblische Buch Genesis gibt dem Anfang dieser Tradition Namen: Adam und Eva (wobei „Adam“ eigentlich „Mensch“ und „Eva“ soviel wie „Leben“ bedeutet.) Sehr bildhaft wird erzählt, wie Adam und Eva Gott misstrauen, das Böse kennen lernen wollen und es schließlich auch tun. So verlieren sie das „wahre Leben“. Der Tod bestimmt bedrohlich ihr weiteres Leben. Der ersten bösen Tat folgen weitere, Böses gebiert Böses, das Unheil nimmt seinen Lauf - von Generation zu Generation.

 

 Hat es das Paradies wirklich gegeben?"

Vielleicht ist das, was die Bibel poetisch als „Garten in Eden“ (Genesis 2,8) beschreibt und man Paradies nennt, in Wirklichkeit nur ein Augenblick unbeschreiblichen Glücks, in dem der Mensch sich erstmals als liebesfähiges und freies Geschöpf erlebt, als Ebenbild Gottes – ehe er diese Freiheit auch schon missbraucht. Aber man muss sich hüten, hier zu viel wissen zu wollen. Christlicher Glaube bekennt jedenfalls: Gott will von Anfang an das Heil des Menschen. Das hebräische Wort „Eden" bedeutet „Freude", „Lieblichkeit", „Wonne". Aber der Mensch, wie er jetzt tatsächlich existiert, erfährt sich oft als heillos, unglücklich, zur Liebe nicht wirklich fähig, vom Tod bedroht, den er aus eigener Kraft nie überwinden kann. Ja, er arbeitet oft geradezu an seinem Unglück. Die Erzählung vom Garten Eden erinnert nun daran, dass Gott mit dem Menschen ursprünglich Schöneres vorhatte, ja noch immer Großartiges mit ihm vorhat. Einst soll ja jedem und jeder von uns das Wort Jesu gelten: „Heute wirst du mit mir im Paradies sein." (Lukas 23, 43)

 

 Gab es vor dem Sündenfall keinen Tod?"

Ich bin sicher, dass es auch vor der ersten Sünde des Menschen den Tod als biologischen Vorgang gab. Fossilien weisen darauf hin, dass schon viele Millionen Jahre vor der Entstehungszeit des Menschen unzählige Lebewesen auf dieser Erde gestorben sind. Der Tod als biologisches Geschehen ist kein Produkt menschlichen Versagens. Aber der Tod als Feind des Menschen, als Angstmacher, als Zerstörer des Glücks, als Symbol des Absurden, als Verleumder des Lebens usw. ist – wie Paulus sagt – „Lohn der Sünde“ (Römer 6,23), also Ergebnis einer tiefen Trennung des Menschen von Gott, der die Quelle des Lebens und des Glücks ist.

 

Werden wir in der Taufe nicht von der Erbsünde befreit? Warum müssen wir dann trotzdem leiden und sterben?"

Als Christen glauben wir: Gott umfängt die Geschichte des Unheils, die „seit Adam“ wirksam ist, mit der viel stärkeren Geschichte des Heils, deren treibende Kraft Jesus Christus ist. „Wo die Sünde mächtig wurde, da ist die Gnade übergroß geworden", schreibt Paulus (Römer 5,20). Bildlich gesprochen: Christus hat sich im Kreuzesgeschehen (vgl. Markus 15,34: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?") gleichsam an den tiefsten Punkt der Gott-Ferne begeben. Von ganz unten fängt er die fallende Menschheit auf und führt sie, soweit sie es will, aus der Situation des Unheils zum  „wahren Leben“, also zu Gott. Die Taufe verbindet uns sakramental mit Christus. Wir sind nicht mehr an die Erbsünde, die nach „unten“ zieht, gekettet, sondern gehören zu Christus, der nach „oben“ zieht (vgl. Johannes 12,32: „Wenn ich über die Erde erhöht bin, werde ich alle zu mir ziehen.") Obwohl wir noch an den Auswirkungen des Bösen leiden, noch immer in Sünde fallen und uns vor dem Tod ängstigen, haben Sünde, Leid und Tod nicht mehr das letzte Wort über unser Leben, sondern Christus. Unsere Erlösung ist schon Wirklichkeit, aber noch nicht vollendet.

 

„Was geschieht mit den Ungetauften? Können sie auch das Heil in Gott finden?

Wer das Neue Testament ernst nimmt, wird auch den von ihm aufgezeigten Weg zum Heil ernst nehmen: „Kehrt um und jeder von euch lasse sich auf den Namen Jesu Christi taufen...!" (Apostelgeschichte 2,38). Aber Gott „selbst ist nicht an seine Sakramente gebunden" (Katechismus d. kath. Kirche 1257). Er kann Menschen auch auf andere Weise das Heil schenken.

 

Karl Veitschegger (2006/2008)

 

Was ist Erbsünde?

·         Mit den Ausdrücken „Erbsünde“ oder „Erbschuld“ wird darauf hingewiesen, dass jedes Menschenkind, obwohl persönlich daran unschuldig, in eine Menschheit hineingeboren wird, die nicht nur schön und gut ist, sondern die auch radikal vom Bösen geprägt ist. Ein belastendes Erbe! Ohne besondere Hilfe Gottes (Gnade, Erlösung) ist es keinem Menschen möglich, die Liebe Gottes zu erkennen, sie anzunehmen, ihr zu vertrauen und aus ihr zu leben.

·         Die „Erbschuld“ (schicksalhafte Verstrickung in das Böse) ist von persönlicher Schuld (eigenes, absichtliches Nein zu Gott) zu unterscheiden.

·         Christus will die Menschen sowohl von den Fesseln der Erbschuld als auch von jeder persönlichen Schuld befreien.

 

Der Erwachsenenkatechismus (der deutschen Bischöfe) sagt über die Erbsündelehre:

"Der Sinn der kirchlichen Lehre ist also gewahrt, wenn festgehalten wird, daß die Menschheit, welche eine Einheit bildet, bereits an ihrem Anfang das Heilsangebot Gottes ausgeschlagen hat und daß die daraus resultierende heillose Situation eine universale Wirklichkeit ist, aus der sich keiner aus eigener Kraft befreien kann."

 

Zitat

"Die Erbsünde ist nicht der schlechteste Mythos. Wenn man den Menschen im Sumpf der Sünde behalten will und ihn als ständig vom Teufel bedroht darstellt, dann ist das undialektisch. Aber wenn man den Sündenbegriff dialektisch anwendet, sagt, dass der Mensch gleich von Geburt an etwas hat, das er überwinden muss, dann kann man eine heitere Religion lehren: eine, die die Sünde überwindet. Aber das ist sehr schwierig, weil die Manipulation der Schuldgefühle schon eine massive Kraft der religiösen Einrede ist."

Franz Schuh, Schriftsteller, in: Der Standard (Interview: Renate Graber), 18.6.2017

 

 

§  Zurück zur Homepage von Karl Veitschegger

§  Zurück zum Menü "Artikel, Referate, Skizzen ..."


Karl Veitschegger © 2008/2017