Karl Veitschegger (1999)

Jesus - Kind einer Jungfrau? - Skizze einer theologischen Positionierung


 

Altes Marienbild  (Katakomben in Rom um 210 n. Chr.)Verschiedene Meinungen

Die theologischen Einstellungen zum alten Glaubenssatz "...empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria" reichen von einem wortwörtlichen Verständnis der biblischen Erzählungen bis zur strikten Ablehnung alles Unerklärbaren. Da das heutige wissenschaftliche Weltbild offener geworden ist, nimmt die Zahl derer ab, die sagen: Das oder das kann es nie geben. Man drückt sich vorsichtiger aus: Das oder das ist für uns (noch) nicht erklärbar

 

Es gibt Menschen, die nicht an den Gott der Bibel glauben, aber eine biologische „Parthenogenese" (Eizelle wird nicht durch Samenzelle, sondern durch andere Einflüsse zur Entfaltung gebracht) auch beim Menschen prinzipiell für möglich halten. Auf die Frage, wie Jesus ohne Vater zu seinem männlichen Y-Chromosom gekommen sei, antworten sie: Auch dazu bedurfte es nicht unbedingt eines übernatürlichen Eingriffs; eine männliche Y-Anlage kann auch entstehen, wenn vom weiblichen X-Erbfaktor ein Stück abbricht.

 

Es gibt Menschen, die preisen die jungfräuliche Empfängnis Jesu als großes göttliches Wunder, sehen in Jesus aber nur Menschliches und lehnen seine Gottessohnschaft kategorisch ab (Muslime auf Grund des Korans, vgl. Sure 3,42-51 und Sure 19,16-33).

 

Es gibt Menschen, die sehen in der „Geist-Empfängnis" Jesu nur eine Variante der vielen mythischen Erzählungen von der „Zeugung durch eine Gottheit", die in der Antike mehreren wichtigen Persönlichkeiten (z.B. dem Buddha und Alexander dem Großen) nachgesagt  wird. Die „göttliche Herkunft" sei – so die Vertreter dieser Ansicht – mythischer Ausdruck für die große Bedeutung eines Menschen.

 

Es gibt Menschen, die halten die biologische Jungfräulichkeit Marias für unwahrscheinlich, bekennen sich aber als gläubige Christen und Christinnen, für die Jesus von Nazaret die zentrale Gestalt des Heiles ist (sehr offen bekunden das viele protestantische Theologen und Theologinnen).

 

Das Zeugnis des Neuen Testamentes

Die Passage im Apostolischen Glaubensbekenntnis „empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria" stützt sich auf Matthäus (1,18-25) und Lukas (2,26-38). Die übrigen 25 Schriften des Neuen Testamentes erwähnen nirgends eine wunderbare Empfängnis Jesu.

Lukas und Matthäus (beide verfassen ihr Evangelium vermutlich um 80 n. Chr.) haben die Kindheit Jesu offensichtlich unabhängig voneinander „recherchiert" – sie haben keine gemeinsamen „Storys"! – stimmen aber in einigen wenigen Daten überein. Diese verdanken sie wohl einer älteren Tradition. Dazu gehört neben den Namen der Eltern Jesu (Maria und Josef) und dem Geburtsort Betlehem auch die geist-gewirkte Empfängnis Jesu.

 

Vorurteile

Bei Gott ist kein Ding unmöglich! – „Biologische Vorurteile" sollten nicht zur Verneinung einer jungfräulichen Empfängnis Jesu führen. Wer kann mit Sicherheit sagen: So etwas ist nie passiert!? Kein Historiker kann das Intimleben von Maria und Josef erforschen, kein Gynäkologe Maria untersuchen (sit venia verbo). Gott ist Herr seiner Schöpfung und kann „Wunder" tun (wobei ein Wunder nicht unbedingt als Verstoß gegen Naturgesetze interpretiert werden muss, sondern auch als besonders intelligenter Umgang mit natürlichen Möglichkeiten verstanden werden kann).

 

Historische Tatsache?

Kein Zweifel: Gott kann auch einen Menschen ohne irdischen Vater entstehen lassen. Aber hat er es auch tatsächlich so getan? – Ein Blick auf den Schöpfungsbericht der Bibel kann das Problem verdeutlichen: Gott hätte die Welt tatsächlich in sechs Tagen erschaffen und den ersten Menschen aus Lehm formen können, aber er hat es offensichtlich doch nicht so gemacht. Man muss also in der Offenbarung mit bildhafter Rede rechnen. Dabei darf man nicht übersehen, dass die Kirche oft erst später entdeckt hat, was bildhaft ist ... (vgl. das durch den Galilei-Konflikt berühmte Wort in Josua 10,12: „Sonne, bleib stehen über Gibeon!"). Auch in den biblischen Erzählungen von der Herkunft Jesu muss mit bildhafter Rede gerechnet werden. So sind z.B. die von Matthäus und Lukas aufgezeichneten Stammbäume historisch sicher nicht haltbar (zwischen den ersten Menschen und Jesus muss es mehr als 76 Generationen gegeben haben), wohl aber haben sie einen tiefen theologischen Sinn: Jesus ist die „Pointe" einer Geschichte, die mit Abraham, ja schon mit Adam begonnen hat.
Ist nun die Erzählung von der geist-gewirkten Empfängnis als bildhafte Rede oder als historischer Bericht zu verstehen?

 

Gottes Symbol

Auf jeden Fall ist die Empfängnis aus der Kraft des Heiligen Geistes ein Symbol. Aber ist sie ein Symbol, das Gott leibhaftig so gewirkt hat, oder ein Symbol, das der vom Heiligen Geist inspirierte Erzähler literarisch verwendet, um das letztlich nicht verstehbare Geheimnis der Menschwerdung des Gottessohnes in einem paradoxen Bild darzustellen? Handelt es sich um eine Symbol-Handlung oder um eine Symbol-Erzählung?

Beweise im strengen Sinn können weder für den einen noch für den anderen Fall erbracht werden. Es ist immer „Glaube" gefragt. Die Tiefenpsychologie kann der Theologie vielleicht helfen, den Sinn dieses Symbols besser zu verstehen. (Nach C. G. Jung zeigt der Archetyp "göttliches Kind, geboren von einer Jungfrau", auf das Nichterzeugte, spontan Geschenkte hin.)

 

Traditionelles Verständnis

Alle orthodoxen Kirchen, viele protestantische und freikirchliche Gemeinschaften und das Lehramt der katholischen Kirche halten daran fest, dass Jesus auch im biologischen Sinn ohne Zutun eines menschlichen Vaters empfangen worden ist.

Die katholische Kirche „verketzert" allerdings niemanden, der persönlich mit diesem Verständnis Schwierigkeiten hat. Wer kritische Fragen stellt, ist noch lange kein Häretiker! „Häresie nennt man (erst) die ... beharrliche Leugnung einer mit göttlichem und katholischem Glauben zu glaubenden Wahrheit oder einen beharrlichen Zweifel an einer solchen Glaubenswahrheit." (CIC can. 751).

 

Mein Glaube

Meinen persönlichen Standpunkt will ich so zusammenfassen:

 

Ich glaube das, was Gott uns durch Matthäus und Lukas sagen will, und hoffe, dass ich das, worauf es wirklich ankommt,

im Laufe meines Lebens immer tiefer verstehen kann.

 

Ich glaube, dass es kein Zufall ist, wenn uns in den Evangelien Jesu menschlicher Lebensbeginn gerade so und nicht anders erzählt wird. Diese Erzählungen sind nicht gegen andere, „leichter verständliche" austauschbar, sondern müssen als wertvolle „Provokation" ernst genommen werden.

 

Ich glaube, dass die Menschwerdung Gottes sicher nicht weniger wunderbar geschah, als ein wörtliches Verständnis der biblischen Erzählungen nahelegt, sondern ich glaube, dass es noch viel wunderbarer war und ist.

 

Ich glaube, dass Jesus ein einzigartiges Geschenk Gottes ist. Gott setzt einen wirklichen Neuanfang in der Heilsgeschichte (nicht gegen Israel, sondern in Israel - zum Heil aller Völker). Gott eröffnet in Jesus neue Lebensmöglichkeiten, die wir nicht selber er-„zeugen" können.

 

Karl Veitschegger (1999)

 

 

Zitate zum Weiterdenken

 

"Die Jungfräulichkeit Marias zeigt, dass Gott bei der Menschwerdung die absolute Initiative hat." 
Katechismus der katholischen Kirche 503

 

"Solange eine Gesellschaft auf einer geistigen Entwicklungsstufe steht, auf der Mythos und Berichterstattung noch nicht unterschieden werden, besteht bei einem Satz wie GEBOREN VON DER JUNGFRAU MARIA kein Problem. Auf der nächsten Stufe der Bewusstseinsentwicklung wird zwar zwischen Mythen und Tatsachen unterschieden, aber jetzt gilt nur das als wahr, was sich buchstäblich so ereignet hat. Von da müssen wir noch einen weiteren Schritt machen und zur Einsicht gelangen, dass mythisch-dichterische Aussagen doch wahr sind, aber erst dann ihren tieferen Sinn hergeben, wenn wir sie nicht wörtlich nehmen.“
David Steindl-Rast (Credo. Ein Glaube, der alle verbindet. Mit einem Vorwort vom Dalai Lama, Wien 2010, S.93)

 

„Nur, wenn wir jungfräulich rein werden von Ideologien und Vorurteilen gegen uns Frauen, werden wir empfänglich für den Heiligen Geist. Jungfräulichkeit ist keine biologische, sondern eine seelisch-geistige und dann auch politische Haltung.“

Hildegunde Wöller, evangelische Pastorin, Lektorin, Journalistin

 

"Für den Glauben, der aus der Bibel kommt, ist gerade der Realismus des Geschehenseins von innen her konstitutiv. Ein Gott, der nicht in die Geschichte eingreifen und sich nicht in ihr zeigen kann, ist nicht der Gott der Bibel. [...] Aber dass dabei vieles im Einzelnen offen bleiben und dem Ringen verantwortungsbewusster Auslegung überlassen werden muss, das haben wir inzwischen gelernt."

Joseph Kardinal Ratzinger (Vortrag anlässlich 100 Jahre Päpstliche Bibelkommission, Mai 2003)

 

"Christus wird immer wieder ex Spiritu Sancto [= aus dem Hl. Geist] empfangen. Der heilige Lukas selber hat ja bewusst Kindheitsgeschichte und Apostelgeschichte 2 (Geburt der Kirche) parallelisiert. Im Kreis der um Maria versammelten zwölf Apostel geschieht die conceptio ex Spiritu Sancto [= Empfängnis aus dem Hl. Geist], die sich in der Kirchenwerdung neu vollzieht."

Joseph Kardinal Ratzinger ( 30giorni 1/1999)

 

"Urknall ganz leise
Gott hat sich auf den Punkt gebracht.
In einer Eizelle in Nazareth."
Walter Mosner (Christsein heute 6/2006, S. 13)
 

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