Karl Veitschegger (2004/2007)

 

Was heißt (christlich) glauben?

Einige Gedanken als Einleitung für eine Gesprächsrunde (Handout)


 

„Glauben" – ein schillerndes Wort

„Ich glaube, heute fährt keine Straßenbahn mehr." „Ich glaube an die Menschenrechte." „Ich glaube dir!" - Das deutsche Wort glauben kann sehr Verschiedenes bedeuten: meinen, nicht genau wissen, für wahr halten, vertrauen, überzeugt sein, aber auch religiös sein, Gott vertrauen... Im Folgenden geht es um Glauben als Haltung grundsätzlichen Vertrauens.

 

Steht Wissen gegen Glauben?

Wissen und Glauben sind keine Gegensätze, sondern zwei Grundweisen, auf die Wirklichkeit zuzugehen. Die Naturwissenschaft muss sich, wenn sie ihren Methoden treu bleibt, auf das Messbare, Experimentierbare und Machbare beschränken. Sie ist wichtig und hilfreich. Sie beantwortet viele unserer Fragen, hat aber keine Antwort auf Fragen wie: „Ist mein Leben sinnvoll?“, „Hat die Welt einen Sinn?“, „Ist jeder Mensch gleich viel wert?“, „Soll ich meine Feinde lieben?“ … Solche Fragen sind aber für unser Leben wichtig. Wer sich mit ihnen nicht auseinandersetzt, verarmt innerlich.

 

Grundvertrauen

Ohne ein gewisses Grundvertrauen, dass die Welt und unser Leben einen Sinn haben (obwohl sich ein solcher Sinn naturwissenschaftlich nicht beweisen lässt) können wir nicht leben. Ein solcher Glaube, dass es grundsätzlich sinnvoll ist zu leben, muss noch nicht ausdrücklich religiös sein.

 

Glaube als Beziehung

Eine positive Grundeinstellung zum Dasein hängt sehr stark von geglückten Beziehungen ab. Interessant ist in diesem Zusammenhang die Etymologie zum Wort glauben: Das althochdeutsche gilouben und das mittehochdeutsche gelouben haben die Grundbedeutung „sich etwas lieb machen, sich vertraut machen“, sind  stammverwandt mit unserem Wort lieb und haben die gleiche Wurzel wie das gotische lubo (Liebe) und das gotische lubains (Hoffnung): Auch erlauben, loben, geloben gehören zum gleichen Wortfeld. Es geht bei diesen Wörtern durchwegs um Beziehung zwischen Personen.

 

Das entsprechende Wort für Glaube in anderen Sprachen:

·         Das hebräische aman meint feststehen, Treue halten, zu jemandem stehen . Auch unser Amen kommt davon.

·         Das arabische amin bedeutet ehrlich, verlässlich, glaubwürdig.

·         Das griechische pistis meint Treue, Zuverlässigkeit, dann auch: Glaubenslehre.

·         Das lateinische fides heißt Treue und das Zeitwort credo (ich glaube) könnte aus cor (Herz) und do (ich gebe) zusammengesetzt sein: cor + do  = ich gebe das Herz an

Wir sehen auch hier geht es durchwegs um Beziehungen.

 

Menschliche Beziehungen sind unentbehrlich für unser Leben, aber sie bleiben begrenzt und können nicht letzter Halt sein.

 

Halt im Transzendenten?

Gibt es eine Beziehung, die über die menschlichen Beziehungen hinausgeht? - Religionen sehen die sichtbare Welt in einer „höheren" und umfassenderen Wirklichkeit geborgen, die der sichtbaren Welt ihren Sinn gibt. Schon vor mehr als zwei Jahrtausenden heißt es in einem Psalm: „Wenn mich auch Vater und Mutter verlassen, Gott nimmt mich auf.“ (Psalm 27,10)

 

Biblischer Glaube ist Kommunikation mit Gott

Jüdische, christliche und muslimische Gläubige bekennen, dass die alles umfassende Wirklichkeit nicht nur eine anonyme Kraft, nicht nur ein Etwas, ein Es, sondern ein Du ist – ja das Du schlechthin: ein „personaler“ Gott, der die Menschen liebt und mit ihnen Kommunikation will (Offenbarung als Kontaktnahme Gottes mit uns, Gebet als Kontaktnahme des Menschen mit Gott).

 

Christlicher Glaube ist Antwort auf Gottes Menschwerdung

Die christliche Botschaft geht darüber noch hinaus, wenn sie sagt: Gott wird sogar Mensch, um als Mensch den Menschen nahe zu kommen, mit-liebend und mit-leidend – in Jesus Christus. Er hat den Sinn des Lebens gelebt und vorgelebt. „Der Sinn des Ganzen tritt uns entgegen als ein menschliches Antlitz. [...] Der Sinn meines Lebens und der Menschheitsgeschichte leuchtet auf im Geschick Jesu Christi."1 Man kann auch sagen: Gott hat uns in Jesus Christus alles mitgeteilt und geschenkt, was wir brauchen, um sinnvoll leben, lieben und sterben zu können.

Dieser Glaube muss sich nach christlichem Selbstverständnis im Leben bewähren als „Glaube, der in der Liebe wirksam ist" (Galater 5,6). „Wenn Gott uns so geliebt hat, müssen auch wir einander lieben.“ (1 Johannes 4,11)

 

Es gibt gute Gründe für den christlichen Glauben

Gläubige haben manchmal Glaubenszweifel, Ungläubige Unglaubenszweifel! Beweise (im mathematischen oder naturwissenschaftlichen Sinn) gibt es weder für die Existenz Gottes noch gegen die Existenz Gottes. Es lässt sich aber aufzeigen, dass als sinnvoll erfahren wird und vernünftig ist, an Gott zu glauben und Christ oder Christin zu sein. (Das war wohl auch das Anliegen der klassischen „Gottesbeweise“.) „Der religiöse Glaube ist in dem Sinne vernünftig, dass er eine alle Bereiche der Wirklichkeit integrierende Sinndeutung vermittelt [...] Es sind menschliche Erfahrungen wie Schuld und Leid, die nach einer Deutung verlangen, und es sind menschliche Erfahrungen wie das Glücksverlangen, welche die Richtung weisen, in der eine Deutung zu suchen ist [...]. Der Verzicht auf einen religiösen Glauben wäre der Verzicht auf eine umfassende Sinndeutung des menschlichen Lebens [...]." 2

Glaube ist aber nicht selbstverständlich, er ist sowohl Geschenk als auch Entscheidung.

 

Christlicher Glaube hat einen Inhalt

„Wir können unmöglich schweigen über das, was wir gesehen und gehört haben.“ (Apostelgeschichte 4,20) Von Anfang an ist christlicher Glaube nicht nur wortlose mystische Verzückung, sondern etwas, von dem man erzählen kann, worüber man sprechen und Auskunft geben kann, wofür man gute Gründe vorbringen kann usw.

Gläubigkeit (fides, qua creditur)  ist vom Glaubensinhalt (fides, quae creditur) nicht zu trennen.

Es gibt verschiedene Sprachgestalten des Glaubens: Glaubensbekenntnis, Predigt, Glaubensgespräch, Katechismus, Dogma, religiöse Poesie etc. Das Wort „Dogma" ist für viele negativ belastet. Für katholische Gläubige gilt: „Wir glauben nicht an Formeln, sondern an die Wirklichkeit, die diese ausdrücken [...]. Doch wir nähern uns dieser Wirklichkeit mit Hilfe der Glaubensformeln." (Katechismus der katholischen Kirche 170)

 

Karl Veitschegger

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1 Theodor Schneider, Was wir glauben, Düsseldorf 1987,S.26 I   2 Friedo Ricken, Glauben weil es vernünftig ist, Stuttgart 2007, S. 7

 

Zitate zum Weiterdenken

 

 „Ich glaube, wir haben eine gute Chance, die Gesetze zu entdecken, die das ganze Universum regieren. Aber damit haben wir noch keine Antwort auf die Frage: Warum existiert das Universum? Vielleicht ist das ja eine sinnlose Frage."

Astrophysiker Stephen Hawking (SPIEGEL-Interview 42/1988)

 

„Es ist bekannt, dass ich auch ein religiöser Mensch bin, und Wahrheit ist ein viel breiterer Begriff als der in der Naturwissenschaft verwendete. […] Das ist jetzt sehr persönlich, aber ich glaube, es gab in meinem Leben keinen Moment, in idem nicht klar oder evident war, dass ein Gott existiert.“

Quantenphysiker Anton Zeilinger im Gespräch mit Michael Fleischhacker (Interview in Attendum 2019/6)

 

„Für mich persönlich gibt es sehr wohl einen persönlichen Gott. Einen Gott, mit dem ich sprechen kann. Wenn man jetzt fragt, welche Eigenschaften dieser Gott hat, wenn man herumzudefinieren beginnt, dann ist man auf dem Holzweg. Da habe ich eine sehr mystische Position. Ich glaube, es steht uns Menschen nicht zu, Gott Eigenschaften zuzusprechen. Aber ich glaube sehr wohl, dass es einen persönlichen Gott gibt, und dass der auch in unsere Welt eingreifen kann und eingreift. Und ich frag mich schon seit vielen Jahren: Wo kann er eingreifen, ohne dass wir die billige Ausflucht ergreifen müssen, von Wundern zu sprechen? Da ist für mich der Zufall durchaus eine Möglichkeit. Es gibt Dinge, die geschehen zufällig, etwa der Zerfall eines radioaktiven Atoms: Das ist eine Möglichkeit für einen Gott einzugreifen. Wenn ich der Meinung bin, dass es eine Frage des Glaubens ist, ob es Gott gibt oder nicht, dann kann Gott nicht naturwissenschaftlich beweisbar sein. Und der Zufall ist eine Möglichkeit, bei dem Gott in die Welt eingreifen könnte, ohne dass wir es ihm nachweisen könnten.“

Anton Zeilinger (Quantenphysiker, Interview in Die Presse 23.03.2013)

 

„Für mich war es nie eine Frage, und die atheistische Weltsicht hat sich nie so herangedrängt, dass ich von meinem fröhlichen Protestant-Sein auch nur eine Sekunde weggekommen wäre. Da habe ich Glück gehabt. Denn ich merke im täglichen Zusammenleben, auch bei der Arbeit, fast in allen Lebenslagen, dass sich mein Christsein als außerordentlich positiv erweist.

Astrophysiker und Naturphilosoph Harald Lesch (Pro 01.08.2010)

 

„Innerhalb ihres jeweiligen Fachbereichs vermitteln uns die Human- und Naturwissenschaften ein wertvolles Verständnis verschiedener Aspekte unseres Lebens und helfen uns, das Zusammenspiel der Kräfte in der materiellen Welt tiefer zu erfassen, sodass diese dann mit großem Gewinn für die Menschheitsfamilie genutzt werden können. Diese Wissenschaften beantworten jedoch nicht die grundlegende Frage und können dies auch nicht tun, da sie sich allesamt auf einer anderen Ebene bewegen. Sie können das tiefste Verlangen des menschlichen Herzens nicht stillen, sie können uns unseren Ursprung und unsere Bestimmung letztlich nicht erklären und uns nicht sagen, warum und mit welchem Ziel wir existieren, noch können sie eine umfassende Antwort auf die Frage liefern, warum überhaupt etwas ist und nicht vielmehr nichts."

Benedikt XVI. (vor Religionsführern in London, 17.9,2010)

 

„Letztlich kommt es auf die Alternative hinaus: Was steht am Anfang: die schöpferische Vernunft, der Geist, der alles wirkt und sich entfalten lässt oder das Unvernünftige, das vernunftlos sonderbarerweise einen mathematisch geordneten Kosmos hervorbringt und auch den Menschen, seine Vernunft. Aber die wäre dann nur ein Zufall der Evolution und im letzten also doch auch etwas Unvernünftiges."

Benedikt XVI. (Gottesdienst in Regensburg, 12.09.2006)

 

„Crede ut intelligas - intellige ut credas“  -  „Glaube, um zu verstehen, und verstehe, um zu glauben!“

Augustinus

 

„Worauf du dein Herz hängst und (dich) verlässt, das ist eigentlich dein Gott.“

Martin Luther

 

 

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