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Ein Jude deutet das Kreuz
"Ich hatte heute ein sehr schönes Gespräch mit Richard Ames. Er ist Kantor der jüdischen Gemeinde in Graz und pflegt mit großem Engagement Kontakte zu christlichen Organisationen und Gemeinden. Er erzählte mir, dass ihm von seinen Glaubensbrüdern manchmal Vorhaltungen gemacht würden: 'Wie kannst du bei Veranstaltungen in christlichen Kirchen hebräische Psalmen singen, in Kirchen, wo doch ein Kreuz hängt?'
Dann erklärte mir Richard Ames, wie er als
Jude das Kreuz deutet: 'Wie steht es im christlichen Testament? Was lehrte der
Jude Jesus im Tempel vor seiner Kreuzigung? - Er lehrte das Schema Jisrael: 'Höre Israel: Der EWIGE ist unser Gott, der EWIGE
ist der Einzige! Darum sollst du den EWIGEN, deinen Gott, lieben mit ganzem
Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft!’ Und Jesus lehrte auch: ‚Du
sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!’ – Die ausgebreiteten Arme des
Gekreuzigten zeigen zu den Mitmenschen. Sie wollen die Menschen zusammenführen.
Und wo Menschen einander näher kommen, da werden sie auch offen für die
Transzendenz, offen für den EWIGEN.'“
Diese Sicht des Kreuzes, so sagt mir Richard Ames,
ermögliche es ihm, dem Juden, auch in
Kirchen und christlich geprägten Räumen seine Psalmen zu singen. Es ist mein letztes Gespräch mit
ihm. Am 9. März 2005 stirbt er in Graz. Einige Tage später
folge ich mit vielen Trauernden, darunter auch einigen katholischen und
evangelischen Geistlichen, seinem Sarg. Dankbar für vieles, besonders aber auch
für seine Worte über den Gekreuzigten. Toda raba! - Vielen Dank, Richard Ames!
Karl Veitschegger © 2006 |