Karl Veitschegger (Jänner 1994)

 

Woran können wir uns orientieren?

Skizze für Referat an Dekanatbildungstagen 1994 der Katholischen Frauenbewegung Steiermark


„Alles ist möglich, aber nix ist fix" - Dieses Lebensgefühl drückt nicht nur Freiheit aus, sondern macht auch Angst. Menschen suchen daher nach Halt, nach Fundamenten oder gar nach Fundamentalismen.

 

Christliche Orientierung

„Orientieren" bedeutet wörtlich: zum „Orient", nach Osten, zum Sonnenaufgang wenden (christlich: Symbol für Auferstehung). In der altchristlichen Feier der Erwachsenentaufe wendet sich der Täufling nach Osten und muss die drei Fragen „Glaubst du an Gott?", „Glaubst du an Jesus Christus?" und „Glaubst du an den Heiligen Geist?" mit „Ich glaube" beantworten, dann darf er getauft werden.

Orientierung für das Leben der Getauften ist der Glaube an den dreieinigen Gott.

 

„Ich glaube an Gott ..."

Die überwiegende Mehrheit der Österreicher „glaubt" laut Umfragen an Gott, viele bezeichnen sich auch als „religiös". An welchen Gott wird geglaubt? An den Ordner des Kosmos? Aber kann man angesichts der Grausamkeiten in der Welt noch an einen guten Gott glauben?

Ist die letzte Wirklichkeit ein grausamer, absurder Abgrund oder doch ein gütiger Urgrund, den wir mit Jesus von Nazaret unseren „barmherzigen (=mütterlichen) Vater" nennen dürfen? Steht hinter allem, was ist, nur irgendeine unpersönliche Kraft oder ein liebendes DU, das uns umfängt und das wir anreden können?

Wer an Gott glaubt, kann nicht alle Rätsel der Welt beantworten, aber er vertraut darauf, dass unsere Welt aus guten Händen kommt und trotz aller Wirrnisse und Irrwege, die wir nicht verstehen, von Gott geliebt ist und wieder zu Gott zurückfindet.

Gott fährt nicht drein, sondern sucht unsere Mitarbeit, sucht „Mit-Liebende" (Duns Scotus: Deus vult condiligentes).

 

„Ich glaube an Jesus Christus ..."

Unser Gott ist kein „Hinter-Welt-ler", sondern einer, der in die Welt gekommen und Mensch geworden ist: In Jesus von Nazaret begegnet uns der „wahre Gott" und der „wahre Mensch". An ihm können wir uns orientieren:

 

§  Jesus beruft uns zu einem „Leben in Fülle" (Johannes 10,10). - Selbstverwirklichung ist gottgewollt.

§  Jesus beruft zur Geschwisterlichkeit: „Ihr alle seid Geschwister" (Matthäus 23,8-10). - Solidarität

§  Jesus, als „Kumpan der Zöllner und Sünder" (Matthäus 11,19) beschimpft, ergreift Partei für die Armen und Ausgestoßenen. - Vorliebe für die Benachteiligten.

§  Jesus lehrt und lebt Barmherzigkeit, Vergebung und Feindesliebe. „Seid barmherzig (mütterlich), weil auch euer Vater barmherzig (mütterlich) ist." (Lukas 6,36)

§  Jesus erlebt Karfreitag und Ostern. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" (Markus 15,34). Leid - Schuld - Tod: wir haben dafür letztlich keine Erklärung, aber wir dürfen glauben: Gott ist nicht nur im „Supergefühl" da, sondern ist auch in den finsteren Stunden an unserer Seite. Die Esoterik will oft nur das Angenehme wahrhaben, kann mit dem Gekreuzigten wenig anfangen.

§  Gott kann jeden Karfreitag zum Guten wenden. Jeder Mensch ist berufen, ein „österlicher Mensch" zu werden.

 

"Ich glaube an den Heiligen Geist ..."

Manche sagen: Vielleicht gibt es Gott, aber wo spürt man ihn? Schön, dass Jesus gelebt hat, aber es ist 2000 Jahre her. Was habe ich heute davon?

Wir glauben: Durch den Heiligen Geist wirkt Gott auch heute, kann Jesus jedem Menschen nahe sein. Der Heilige Geist ist  „Gott in uns". Das, was Gott will, ist nicht nur in alten heiligen Schriften zu finden, sondern auch in der Tiefe des menschlichen Herzens. Dort bewirkt der Heilige Geist Sehnsucht nach Gott, lockt und wirbt für das Evangelium, gibt Phantasie, „Lust und Kraft zur guten Tat" (Kirchenlied).

An den Geist glauben heißt: für Wunder offen sein! Die „ruach" (im Hebräischen ist der Geist meist weiblich!) überrascht uns immer wieder.

Der Geist wirkt überall, auch außerhalb der Kirche. Aber die Gemeinschaft der Kirche ist das Sakrament, das sichtbare Zeichen für Gottes Wirken: Das, was Jesus angefangen hat, geht weiter und hört nie auf. Jesus findet zu jeder Zeit Menschen, die in seinem Namen gemeinsam unterwegs sind. Der Geist Gottes ist stärker als menschliches Versagen - auch in der Kirche.

 

Das Kreuzzeichen

Unsere christliche Grundorientierung lässt sich in Stichworten so zusammenfassen: Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Gott um uns - Gott mit uns - Gott in uns!

Christliche Frauen und Männer sind Menschen, die „ausziehen, um das Hoffen zu lernen". Wir brauchen „Mutanfälle" (D. Sölle).

„Erwarte vom Tag nicht, was nur Jahre geben können; vergiss aber nicht, dass Jahre aus Tagen bestehen. Nutze jeden Tag!" (Bischof Johann Sailer)

 

Karl Veitschegger (Jänner 1994)

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