Karl Veitschegger (Juni 2005)

 

In den Schuhen des Fischers


Mit dem Fischer Petrus fing es keimhaft an, durchlebte eine wechselhafte Geschichte voller Licht und Schatten und ist heute eine gut hörbare Stimme der Christenheit in der Welt: das Papsttum.

 

Mit Petrus fing es an

Die Gestalt des Simon Petrus ist von Anfang an eng mit der christlichen Botschaft verbunden. Jesus selbst gibt dem verheirateten Fischer aus Galiläa, den er zu seinem Jünger macht, den bedeutungsvollen aramäischen Beinamen Kephas (Fels), was man griechisch mit Petros, lateinisch mit Petrus  übersetzt (Joh 1,42).  Dieser Jünger wird  - so  fasst Joseph Ratzinger 1998 das Petrusbild des Neuen Testamentes  zusammen -  „trotz seiner menschlichen Schwäche von Christus ausdrücklich an die erste Stelle der Zwölf gesetzt (Mt 10,2) und dazu berufen, in der Kirche eine eigene und besondere Funktion auszuüben. Er ist der Fels, auf den Christus seine Kirche bauen wird (Mt 16,18), er ist derjenige, der [...] die Brüder stärken wird (Lk 22,32); er ist schließlich der Hirte, der die ganze Gemeinschaft der Jünger des Herrn leiten wird (Joh 21,15-17).“1

 

Wer ist der Nachfolger des Petrus?

Frühchristliche Schriften bezeugen, dass Petrus nach Rom gekommen ist, um dort das Evangelium zu verkünden, und dass er dort mit dem Apostel Paulus unter Kaiser Nero das Martyrium erlitten hat. Weil die Christengemeinde von Rom ihren Ursprung gleich auf zwei Apostel zurückführen kann und sich außerdem durch reiche karitative Tätigkeit auszeichnet, gewinnt sie unter den anderen Christengemeinden im Römerreich schon sehr früh hohes Ansehen. In den Glaubensstreitigkeiten und innerkirchlichen Wirren der ersten Jahrhunderte orientieren sich die verunsicherten Christen gerne am „apostolischen“ Glauben der Kirche von Rom und der Lehre ihres Bischofs. Spätestens ab 250 n. Chr. beziehen die römischen Bischöfe das Versprechen, das Christus dem Petrus gab, auch ausdrücklich auf sich: „Du bist Petrus (Fels). Auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen. Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben. Was du auf Erden binden wirst, das wird auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird auch im Himmel gelöst sein.“ (Mt 16,18-19) Noch heute zieren diese Worte, in riesigen Buchstaben geschrieben, das Innere des Petersdomes, der über dem Grab des jüdischen Fischers erbaut worden ist. Damit signalisiert die katholische Kirche: Wie einst Petrus die erste Jüngerschar angeführt hat (Apg 1,15; 2,14; 15,7 u. ö.), so steht heute der Papst (von griech. pappas = väterlicher Mensch) als oberster Bischof an der Spitze der katholischen Kirche. Diese Führungsposition des Papstes nennt man Primat (von lat. primus = der Erste).

 

Der Papst – Machthaber oder Diener der Kirche?

Ihren Primat nehmen die Bischöfe von Rom im Lauf der Kirchengeschichte sehr unterschiedlich wahr. In den ersten Jahrhunderten bildet sich das System der Patriarchate heraus: Außer Rom sind auch die Bischofssitze von Antiochien und Alexandrien und später auch die von Konstantinopel und Jerusalem maßgebliche Zentren kirchlichen Lebens und kirchlicher Organisation. Wichtige Fragen werden gemeinsam auf Konzilien entschieden. Die Bischöfe sehen sich primär als Kollegen des Bischofs von Rom, nicht als dessen Untergebene. Nach der tragischen Trennung von der Ostkirche und ihren Patriarchaten wird der Bischof von Rom im Abendland zur „einsamen Spitze“ der Hierarchie, ja zum religiösen Monarchen, der als Fürst des Kirchenstaates auch weltliche Macht besitzt und bis 1870 über große Teile Italiens herrscht. Heute verfügt der Papst nur mehr über den Zwergstaat Vatikan, der es ihm aber ermöglicht, in internationalen Beziehungen als Souverän aufzutreten und politisch frei zu handeln. Nicht immer saßen tüchtige und heiligmäßige Männer auf dem Stuhl Petri. „In der Geschichte des Papsttums“, schreibt Joseph Ratzinger als Präfekt der Glaubenskongregation, „hat es an menschlichen, auch schweren Irrtümern und Mängeln nicht gefehlt.“2 Päpstliche Macht ist missbrauchbar und wurde missbraucht. Darin liegt auch eine der Wurzeln für die Glaubensspaltung im 16. Jahrhundert, die die abendländische Christenheit bis heute schmerzhaft in eine „katholische“ und eine „evangelische“ teilt. Andererseits konnte es nur einem starken und selbstbewussten Papsttum gelingen, die Sache der Religion erfolgreich vor der Willkür des Kaisers und anderer Herrscher zu schützen. Die Trennung von Kirche und Staat, heute Standard jeder modernen Gesellschaft, ist Frucht des historischen Ringens zwischen Papsttum und Kaisertum im Abendland. Dass Europa über lange Zeit im Papsttum einen kraftvollen Förderer von Kunst und Wissenschaft  hat – unser Kalender wird z. B. nach Papst Gregor XIII.  „Gregorianischer Kalender“ genannt, wird niemand ernsthaft bestreiten wollen. Vor allem aber aus der Sicht des Glaubens kann man dankbar sagen: Gut, dass Gott seiner Kirche diesen „Dienst der Einheit“ gab und gibt. Sonst wäre die katholische Kirche, der heute weltweit 1,2 Milliarden Menschen angehören, wohl längst in unzählige Kirchen, Gemeinschaften und Sekten zerfallen. Die Bezeichnung „römisch-katholisch“ erinnert an diese sichtbare Einheit der Kirche, die im Bischof von Rom deutlich zum Ausdruck kommt. „Servus servorum Dei - Diener der Diener Gottes“ lautet einer der offiziellen Titel des Papstes.

 

Kraftvolle Stimme in der Welt

1870 definiert das Erste Vatikanische Konzil feierlich: Dem Bischof von Rom kommt die höchste und universale Leitungsvollmacht in der ganzen Kirche zu (Jurisdiktionsprimat). Ebenso legt es fest, unter welchen Bedingungen ein Papst – ohne rechtliche(!) Abhängigkeit von einer anderen kirchlichen Instanz – die „Unfehlbarkeit" einer kirchlichen Lehre konstatieren kann. Diese Möglichkeit, selbständig ein Dogma zu verkünden, von der die Päpste so gut wie nie Gebrauch gemacht haben, wird missverständlich als „Unfehlbarkeit“ des Papstes bezeichnet. Alle orthodoxen und protestantischen Kirchen lehnen diese – vom Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) erneut bestätigten! - Ansprüche des Papsttums ab. Auch viele katholische Christen unserer Zeit haben Schwierigkeiten mit dem Papsttum. Dennoch trat Johannes Paul II. (1978 -2005) wie kein Papst zuvor in das Rampenlicht der Öffentlichkeit und wurde weltweit zur „Stimme der Christenheit“. Unermüdlich wies er auf Gott und Christus hin, mahnte zum Respekt vor der Menschenwürde und forderte soziale Gerechtigkeit, trat für friedliche Konfliktlösung unter den Völkern und Ehrfurcht vor der Schöpfung ein. Dass es auch Problematisches in seiner Amtszeit gab, mindert die Bedeutung dieser prophetischen Stimme nicht. Mehrmals äußerte Johannes Paul II. den Wunsch, man möge in Zukunft eine Form des Petrusdienstes finden, die auch von orthodoxen und evangelischen Christen als sinnvoll und hilfreich akzeptiert werden kann. Als der jetzige Papst Benedikt XVI. noch als Kardinal zur Zukunft des Papsttums befragt wurde, antwortete er: „Ein Mensch ist notwendig, der als Nachfolger des heiligen Petrus dasteht und eine personale Letztverantwortung trägt, die kollegial abgestützt ist [...]. Formen der Ausübung werden sich ändern, werden sich sicher ändern, wenn bisher getrennte Gemeinschaften in die Einheit mit dem Papst eintreten.“3 Niemand kann heute sagen, welche Wege die Schuhe des Fischers noch gehen werden.

 

Karl Veitschegger (2005)

 

Quellen für die Zitate:

Der Primat des Nachfolgers Petri im Geheimnis der Kirche - Erwägungen der Kongregation für die Glaubenslehre, Rom 1998, 3

2  A.a.O., 15

3 Joseph Ratzinger/Peter Seewald, Salz der Erde – Christentum und katholischen Kirche an der Jahrtausendwende, 1996, 273

 

Zitate zum Weiterdenken

 

"Der Herr hat gerade diesen Sünder, Petrus, ausgewählt, um ihn zum Felsen Seiner Kirche zu machen. Damit hat Er uns schon angedeutet, dass wir nicht erwarten dürfen, dass alle Päpste große Heilige sind. Vielmehr müssen wir auch damit rechnen, dass sie sündige Menschen sind."

Benedikt XVI. (2003 noch als Kardinal  in einem EWTN- Interview)

 

Der heilige Vinzenz Pallotti (1795-1850) soll gesagt haben: Es gibt Päpste, die Gott selber auswählt, solche, die er annimmt, und solche, die er duldet.

 

„Wer auf dem Boden der katholischen Theologie steht, kann gewiss nicht einfach die Primatslehre als null und nichtig erklären […]. Aber er kann andererseits unmöglich die Primatsgestalt des 19. und 20. Jahrhunderts für die einzig mögliche und allen Christen notwendige ansehen.“

Joseph Ratzinger (1976 in Graz)

 

„Da ich berufen bin, selbst zu leben, was ich von den anderen verlange, muss ich auch an eine Neuausrichtung des Papsttums denken. Meine Aufgabe als Bischof von Rom ist es, offen zu bleiben für die Vorschläge, die darauf ausgerichtet sind, dass eine Ausübung meines Amtes der Bedeutung, die Jesus Christus ihm geben wollte, treuer ist und mehr den gegenwärtigen Notwendigkeiten der Evangelisierung entspricht. Johannes Paul II. bat um Hilfe, um eine Form der Primatsausübung zu finden, die zwar keineswegs auf das Wesentliche ihrer Sendung verzichtet, sich aber einer neuen Situation öffnet. In diesem Sinn sind wir wenig vorangekommen. Auch das Papsttum und die zentralen Strukturen der Universalkirche haben es nötig, dem Aufruf zu einer pastoralen Neuausrichtung zu folgen. […] Eine übertriebene Zentralisierung kompliziert das Leben der Kirche und ihre missionarische Dynamik, anstatt ihr zu helfen.“

Papst Franziskus (Evangelii Gaudium 32)

 

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