Karl Veitschegger (1994)

 

Ist der Papst unfehlbar? - Eine Antwort aus katholischer Sicht.


Wie kann der Papst unfehlbar sein? Er sündigt doch sicher auch manchmal. Jeder Mensch hat Fehler. Was bedeutet Unfehlbarkeit?" So oder ähnlich fragen viele.

 

Auch Päpste machen Fehler

Eines ist klar: Ein Papst ist kein Übermensch, weder allwissend noch sündenlos. Er kann Fehler haben und falsche Entscheidungen treffen. Manches dunkle Kapitel der Kirchengeschichte erinnert sehr deutlich daran. Allerdings glauben wir - und darum geht es beim Begriff „Unfehlbarkeit" - dass trotz Irrtum und menschlicher Schwäche die Wahrheit des Evangeliums in der Kirche nie ganz verloren gehen kann. Nicht weil die Hirten der Kirche (mit dem Papst an der Spitze) so tüchtig wären, sondern weil Gott selbst dafür sorgt: Jesus Christus hat seiner Kirche den Beistand des Heiligen Geistes versprochen (vgl. Johannes 14,16-17 u. 16,12-13) und gibt uns damit Gewissheit: Gottes Wahrheit setzt sich immer wieder durch; sie ist unzerstörbar! Sogar in Zeiten großer Verdunkelung bleibt sie in ihren Grundzügen erkennbar.

 

Wahrheit setzt sich durch 

Besonders deutlich tritt sie zu Tage, wenn alle Bischöfe, ja die Gesamtheit der Gläubigen in einer Sache, wo es um unser ewiges Heil geht, übereinstimmen. In zweitrangigen Fragen darf es dabei durchaus verschiedene Auffassungen geben. Gefährlich wird es nur dann, wenn es zu Streitfragen kommt, durch die die Substanz des christlichen  Glaubens und der christlichen Ethik bedroht ist. Wenn dann, was sehr selten vorkommt, die Bischöfe gemeinsam (z.B. auf einem Konzil) oder der Papst ein endgültiges(!) Urteil fällen und ein „Dogma" verkünden, vertrauen wir darauf, dass Gott eine so wichtige Entscheidung nicht „fehlgehen" lässt und dass ihre Formulierung trotz zeitbedingter Ausdrucksweise in die richtige Richtung weist. Sie darf deshalb „unfehlbar" genannt werden.

 

Vieles ist fehlbar und dennoch wichtig

Die meisten Äußerungen der Bischöfe und Päpste (Interviews, Ansprachen, Hirtenbriefe, Enzykliken usw.) sind keine „Dogmen". Freilich werden katholische Christen und Christinnen den Hirten der Kirche im Normalfall auch dann Vertrauen schenken und ihre Weisungen ernst nehmen, wenn sie nicht „unfehlbar" sind (1 Thessalonicher 5,12). Ähnlich wie man einem Arzt oder anderen Fachleuten grundsätzlich vertraut, obwohl man weiß, dass in ihren Gutachten Irrtümer nicht 100-prozentig auszuschließen sind. Ohne dieses Grundvertrauen wäre Gemeinschaft nicht lebbar, auch in der Kirche nicht. Das bedeutet keineswegs Kritiklosigkeit oder Passivität. Jeder Christ, jede Christin ist berufen, im Rahmen seiner/ihrer Möglichkeiten nach bestem Wissen und Gewissen (!) die Gemeinschaft der Kirche mitzugestalten. Im Laufe der Kirchengeschichte sind viele Anstöße zur Erneuerung der Kirche von Laien ausgegangen.

 

Dieser Beitrag erschien 1994 in  "PGR-forum" u. "offene pfarre" (Diözese Graz-Seckau) und 2006 im Seelsorge-Behelf für den Papstbesuch 2007 in Mariazell:

 

Karl Veitschegger

 

Zum Weiterdenken

 

So kann man es auch sagen:

„Die Kirche ist nicht unfehlbar, weil sie einen unfehlbaren Papst hat, sondern der Papst ist unfehlbar, wenn er und insoweit er den Glauben der Kirche verbindlich vorträgt."

Sabine Demel, Vortrag am 23.10.2004 in Regensburg

 

Unfehlbar heißt nicht unverbesserlich

„Dogmen können durchaus einseitig, oberflächlich, rechthaberisch, dumm und voreilig sein. Es geht bei den unfehlbaren Sätzen auch nicht um Sätze, die apriori gar nicht falsch sein können, d. h. um Sätze, die losgelöst von der Situation und ihrem Gebrauch gar keinen Irrtum beinhalten können. Dogmen unterliegen der Geschichtlichkeit alles menschlichen Sprechens und sind konkret wahr nur in bezug auf den ihnen entsprechenden Kontext. Sie müssen deshalb immer wieder neu ausgelegt und in neue Situationen hinein übersetzt werden. [...] Unfehlbare Dogmen sind nicht unverbesserlich. Sie unterliegen auch nach ihrer Definition noch einer Geschichte der Rezeption, Interpretation und Integration. Sie dürfen deshalb nicht isoliert hochgespielt werden, sondern müssen innerhalb des Gesamtzeugnisses der Schrift und der Tradition interpretiert werden."

Kardinal Walter Kasper, Einführung in den Glauben, Mainz  71983, S. 148

 

Weiter entfalten

Gewiß müssen wir die Dogmen der Kirche und ihres Lehramtes akzeptieren, aber es muß zugleich immer bedacht werden, daß sie nur die Anfänge einer dogmatischen Entwicklung bilden, sie also weiter zu entfalten sind.“

Karl Rahner, Zeitschrift für Katholische Theologie, Nr. 99)

 

Reinigung ist notwendig

„Es ist die Aufgabe aller, die für den christlichen Glauben Verantwortung tragen, auch die Religion der Christen immer wieder von ihrer inneren Mitte her zu reinigen, damit sie gegen die Fehlbarkeit des Menschen wirklich Instrument von Gottes Frieden in der Welt ist.“

Benedikt XVI., Friedenstreffen in Assisi, 27.10.2011

 

Interessantes Luther-Zitat

„Credo ecclesiam et concilium numquam errare in his, quae sunt fidei; in caeteris non est necesse non errare." – „Ich glaube, dass Kirche und Konzil in diesen Glaubens-Dingen niemals irren; in den übrigen Dingen muss die Kirche nicht irrtumsfrei sein." 

Martin Luther, 1519, hier ganz katholisch, zitiert nach B. Lohse, Luthers Theologie in ihrer historischen Entwicklung, 1995, S. 141

 

·         Zeittafel 2000 Jahre Kirchengeschichte

·         Zum Artikel In den Schuhen des Fischers (Petrusamt)

·         Zum Artikel Ist der Papst ein "Heiliger Vater"?

·         Geschichte des päpstlichen Primats (Klaus Schatz)

·         The List of Popes

·         Die sieben Vergebungsbitten der Kirche am 12. März 2000 für die Vergehen in der Kirchengeschichte

·         Vatican News

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