Karl Veitschegger

 

„Wir gehen vom Leben der Menschen aus“

Gedanken zum ersten Punkt des Zukunftsbildes der katholischen Kirche Steiermark


Der Kerntext des Zukunftsbildes der katholischen Kirche Steiermark beginnt mit keinem Bibelwort, keiner dogmatischen Aussage, keinem Konzilszitat, sondern mit dem Satz: „Wir gehen vom Leben der Menschen aus.“ Sehr schlicht, aber kühn! Mich hat das sofort gepackt. Andere haben sich daran gestoßen und eine theologische Einführung eingemahnt. Diese wurde schließlich auch nachgereicht, Ergänzungen wurden angebracht. Aber der schlichte Satz blieb stehen und verweist uns als Kirche in der Steiermark unerbittlich auf den Weg, den Jesus selbst gegangen ist: Denn bevor er eine Predigt hielt, ein Wunder wirkte oder zur Umkehr rief, wurde er Mensch. Ein echter Mensch. So war es Gottes Wille.

 

Mensch sein lernen

Rund 30 Jahre lebt Jesus in Nazaret. Er erlernt dort nicht nur ein Handwerk, sondern lernt vor allem das Menschsein - in seiner Alltäglichkeit und Besonderheit, mit seinen Höhepunkten und Abgründen. Er erlebt das Gelingen und Missglücken menschlicher Beziehungen, weiß um Zärtlichkeit und Gewalt, um Herzensenge und Großzügigkeit, um Heuchelei und Gottesnähe. Er, der sich später mit Vorliebe „Menschensohn“ nennen wird, ist ein Lernender, bevor er andere belehrt.

 

Gehorchen und Hineinhorchen

Obwohl er Gottes Sohn ist, „hat er Gehorsam gelernt“, sagt der Hebräerbrief (5,8). Im liebevollen und demütigen Mit-Leben mit den Menschen, in den Begegnungen mit ihnen, lernt Jesus seine Sendung, lernt er das „Gehorchen“, das „Hineinhorchen“ in den Willen Gottes, seines Vaters. Das macht ihn dann auch glaubwürdig für jene, die Suchende sind und ein offenes Herz haben. „Er lehrte sie wie einer, der (innere) Vollmacht hat, nicht wie die Schriftgelehrten.“ (Mk 1,22)

 

Begleiterin, nicht „Schriftgelehrte“

Die katholische Kirche in der Steiermark will keine „Schriftgelehrte“ sein, keine moralische oder politische Besserwisserin, die schon von vornherein weiß, was für die Gesellschaft und für jeden und jede in dieser oder jener komplexen Situation richtig ist. Nein, sie will eine Kirche sein, die um ihre eigene Menschlichkeit weiß, auch um das Allzu-Menschliche in ihr, eine Kirche, die lernfähig ist und behutsam, aber in großem Vertrauen auf Menschen zugeht – auch auf solche, die ihr noch „fremd“ sind oder in sehr verzwickten Situationen leben. Sie vertraut auf die Gegenwart Gottes in jedem Menschen. Niemand, der ihre Gemeinschaft will, soll sich verstellen oder verbiegen müssen, sondern jeder und jede soll aufrichtig da sein dürfen, soll das finden können, was er oder sie menschlich braucht, soll entdecken können, was für ihn oder sie jetzt der Wille Gottes ist.

 

Nicht frei von Zweifel

Allen, die Begleitung brauchen und wünschen, möchte sie verlässliche Begleiterin sein – nicht frei von Zweifel und Unsicherheit, aber offen für die Fülle des Evangeliums und für den Geist Jesu, der uns auch neue Wege erschließt und zumutet.

 

Demütiger und glaubwürdiger

Eine solche Kirche wird bescheidener sein, demütiger, menschlicher – und deshalb glaubwürdiger. Beulen werden ihr nicht erspart bleiben. Aber sie wird sich weniger Sorge um ihre Identität machen müssen. Es wird spürbar sein, woraus sie lebt und für wen sie lebt.

 

Dieser Artikel erschien in kirche:konkret 2018/2

Karl Veitschegger

 

Den gesamten Text des Zukunftsbildes der katholischen Kirche Steiermark finden sie auf der Homepage der Diözese: www.katholische-kirche-steiermark.at/specials/zukunftsbild

 

 

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