Karl Veitschegger

Gott in Windeln – Weihnachtsgedanken


„Allahu akbar – Gott ist groß!", lautet der Gebetsruf der Muslime. Ähnliche Aussagen finden sich auch in der Bibel (vgl. Ps 95,3; 145,3). Juden, Christen, Muslime und Gläubige anderer Religionen sind sich darin einig, dass Gott groß ist und dass der Mensch von Gott nie groß genug denken kann. Deus semper maior – Gott ist immer noch größer! Das Staunen vor der unendlichen Größe Gottes gehört zum Kern jeder Religion. Und der Mensch, der im Laufe seines Lebens die Haltung der Ehrfurcht nicht lernt, versäumt Wesentliches (Ehrfurcht ist nicht mit Angst gleichzusetzen. Vgl. Sir 1,12).

 

Es gibt aber auch ein Denken, das Gott von den Menschen so weit wegrückt, dass Gott absolut unerreichbar scheint.

„Man kann von Gott eigentlich nichts wissen", behaupten die Agnostiker und manche von ihnen sind ein wenig stolz darauf, weil sie sich über jeden konfessionellen Glauben erhaben wähnen. Man hält sich damit auch Gott selbst vom Leibe. Wenn eine sinnvolle Kommunikation mit ihm nicht möglich ist, muss man sich von Gott auch nichts mehr sagen lassen. Er wird in allen Ehren „wegrationalisiert".

 

Aber es gibt auch Menschen, die am scheinbar unerreichbaren Gott leiden: "Ist Gott auch für mich zuständig?", fragte ein Jugendlicher seine Religionslehrerin, weil er nicht recht wusste, ob er Gott auch seinen Liebeskummer klagen dürfe. Ein wenig anders sagt es die Dichterin Christine Lavant:

„Ich weiß nicht, ob der Himmel niederkniet,

wenn man zu schwach ist, um hinauf zu kommen?"

Wir Christen glauben (wie Gläubige keiner Religion sonst) an diesen Kniefall des Himmels. Das feiern wir zu Weihnachten. Der Himmel, ja der unendliche Gott selbst, kommt im Kind von Betlehem zu uns. „Ihr habt einen Gott, der in die Windel macht", spottete im 2. Jahrhundert der heidnische Philosoph Kelsos die Christen – und wusste nicht, wie Recht er hatte. Im Weihnachtsevangelium steht:

„Das soll euch als Zeichen dienen:

Ihr werdet ein Kind finden, das in Windeln gewickelt ist ..." (Lk 2,12).

Der ewige Gott, der all unsere Ehrfurcht verdient, ist groß genug, um in Jesus Christus so klein und hilflos zu werden, dass ihm nichts Menschliches mehr fremd ist. Zu ihm können wir immer kommen - und mit allem! Von ihm können wir Menschen lernen, auch einander anzunehmen, ob uns nun große „herzeigbare" Sorgen plagen oder auch „nur" solche, für die wir uns fast ein wenig schämen. Frohe Weihnachten!

 

Karl Veitschegger (November 2001)

 

 

 

Aus einer Weihnachtspredigt von Benedikt XVI.:

"Gott ist so groß, dass er klein werden kann. Gott ist so mächtig, dass er sich wehrlos machen kann und als wehrloses Kindlein auf uns zugeht, damit wir ihn lieben können. Gott ist so gut, dass er auf seinen göttlichen Glanz verzichtet und in den Stall herabsteigt, damit wir ihn finden können und so seine Güte auch uns berührt, uns ansteckt, durch uns weiterwirkt... In dem Kind, das da im Stall liegt, zeigt Gott seine Herrlichkeit – die Herrlichkeit der Liebe, die sich selbst verschenkt und die sich aller Größe begibt, um uns auf den Weg der Liebe zu führen. Das Licht von Bethlehem ist nicht mehr erloschen. In allen Jahrhunderten hat es Menschen berührt, hat es sie umstrahlt. Wo der Glaube an dieses Kind aufging, da blühte auch die Caritas auf – die Güte für die anderen, das Zugehen auf die Schwachen, auf die Leidenden; die Gnade des Verzeihens." (Christmette im Petersdom 2005)

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