Essays
Wirklichkeiten und Bilder
Nachstehend sechs Referate, die ich in den Jahren 1996 und 1997 im Don-Bosco-Haus in
Wien Unter St. Veit unter dem Titel "Wirklichkeiten und Bilder" gehalten habe.
Bilder - eine Selbstverständlichkeit?
Über die Schönheit (Menschenbilder / Gottesbilder)
Weltbilder
Farben
Formen
Gestalten
Das Innenleben von Kunstwerken
Wir Menschen haben ein Innenleben. Vieles aus unserem Inneren dringt nicht
in die Außenwelt durch. Vieles ist zu persönlich, zu intim -
man würde es nur zerstören, wenn man davon spräche. Vieles kann man nicht ausdrücken,
weil unser Ausdrucksvermögen begrenzt ist. Vieles ist uns selbst nicht bewusst.
Auch ein Kunstwerk hat in gewissem Sinn ein Innenleben. Es ist wohl "im Prinzip"
nach außen gewendet. Und doch bewahrt es etwas für sich. Es ist nicht nur für den
Betrachter da.
Homogene Einheit / Heterogene Einheit (2000)
Die Einheit hängt eng zusammen mit der Wahrheit, mit der persönlichen Integrität,
mit der Fähigkeit zu kommunizieren und zu handeln, und schliesslich mit dem Schöpferischen.
Das ist nicht bloss eine Theorie, sonden eine Erfahrung..
Vor etwa drei Jahren habe ich einen Kreuzweg gemalt, entsprechend der Tradition
in vierzehn Stationen. Dabei haben mich Fragen der Einheit viel beschäftigt.
Die Geschichte von der Passion Christi ist ja historisch, geografisch und kulturell
weit weg von uns. Und doch ist Er gleichzeitig alle Tage bei uns. Diese Dialektik von unerreichbarer Ferne und unüberbietbarer Nähe bewegt mich
immer wieder, und sie hat mich dazu geführt, einen Bilderzyklus zu malen, der
- so hoffe ich - eine Einheit bildet, und zwar eine heterogene Einheit, einen Bilderzyklus,
in dem dieses Gesicht immer wieder klar zu sehen ist, in dem es aber auch immer wieder
verschwimmt.
Jetzt arbeite ich an einem Zyklus von Rosenkranz-Bildern. Hier folge ich einer
anderen Spur. Hier bewegt mich, dass die Geheimnisse des Rosenkranzes so
verschiedenartige Ereignisse beinhalten, und dass die Perlen auf der Schnur trotzdem
alle gleich aussehen - eine sozusagen uniforme Einheit, in der sich die Freuden, die
Schmerzen und die Glorie unauflösbar verbinden.
Eine Kindheitserinnerung
Als Kind bekam ich manchmal von meiner Mutter kleine Büchlein, in denen auf weißem
Papier weiße (also so gut wie unsichtbare) Zeichnungen aufgebracht waren.
Wenn man nun mit einem Bleistift sanft über ein solches Blatt strich,
dann kam die Zeichnung zum Vorschein. Wichtig war, daß man sanft vorgehen mußte,
und daß man nicht mit der Bleistiftspitze arbeiten durfte. Man mußte das Bild nehmen,
das in dem Büchlein war, man konnte kein eigenes Bild machen.
Das ist natürlich keine Kunst, das ist Kinderspielzeug. Aber die Erinnerung ist geblieben.
Interpretation / Überinterpretation
Der hl. Johannes vom Kreuz (1542-1591) hat etwa fünfzehn, teils sehr lange Gedichte geschrieben.
Zu den Gedichten "Die Dunkle Nacht", "Der Geistliche Gesang" und "Die lebendige
Liebesflamme" hat er insgesamt vier Bücher als Kommentar verfasst, die
in Summe etwa tausend Seiten umfassen. Dabei sind diese Kommentare teilweise
unvollendet geblieben und brechen weit vor dem Ende des betreffenden Gedichts ab.
In den Vorworten kommen Sätze vor, wie "Ich habe nun Mut geschöpft,
wohl wissend, daß ich mit dem, was ich mir zurechtlege,
überhaupt nicht Zutreffendes sagen werde ... ".
Das klingt merkwürdig. Und doch wieder nicht. Denn auch für den
Künstler selbst ist es im Grunde unmöglich, sein Werk zu interpretieren.
Johannes vom Kreuz hat wohl in seine Gedichte hineingelegt, was der Künstler immer in sein Werk
hineinlegen will: ALLES.
Die Macht eines Kunstwerkes
"Savoir pouvoir, c'est savoir rendre les autres ignorants et soi-même incompréhensible."
(Zu wissen, wie man Macht ausübt, das bedeutet zu wissen, wie man
die anderen unwissend und sich selbst unverstehbar macht.)
Dieser Satz aus "Les Maîtres-penseurs" von André Glucksmann beschreibt
auch die Macht, die Kunstwerke ausüben können. Manche wehren sich,
zu Recht oder zu Unrecht, mit mehr oder weniger Erfolg gegen diese
Machtausübung, auch gegen eine Unnahbarkeit, die nach Walter Benjamin
"eine Hauptqualität des Kultbildes" ist. Die Unverständlichkeit eines
Kunstwerkes kann hermetisch, rätselhaft oder esoterisch sein, was mich stets mit
ausgesprochenem Unbehagen erfüllt. Zum Mysterium wird die Unverständlichkeit
eines Kunstwerkes nur dann, wenn der Künstler alles offenlegt,
und der Mensch, der das Kunstwerk erlebt, dennoch - ohne berauscht,
betört oder sonst irgendwie betrogen zu sein -
nicht weiß, wie ihm geschieht.
Aus dem Tagebuch eines Sechsundneunzigjährigen
Julien Green hat am 12. Mai 1997 nachstehende Eintragung in sein
1926 begonnenes Tagebuch gemacht:
"Um auf das Bild zurückzukommen, das man sich von Gott macht, und das sicherlich von unserer
menschlichen Bedingtheit herrührt: es gibt da die Vision der Maler.
Sie sind, wenn ich so sagen darf, schuldig an dem, was unsere
Vorstellungskraft uns eingibt. Michelangelo sieht einen Gott ohne Alter,
das heißt: alt. Warum? Weil er selbst die Schwelle des Alters erreicht hattte?
Ich liebe eher die Darstellung von Borgognone, wo Jesus als
sehr junger Mann erscheint, zart, schön und träumerisch, zwischen zwei
Engeln, die das Kreuz und die Leidenswerkzeuge tragen, in der Taufkapelle
in Sant'Ambrogio in Mailand."
Fra Angelico – die große Ausnahme
Der Mittelschulprofessor, bei dem ich Malerei gelernt habe, sagte einmal:
„Der Maler soll ruhig bei anderen stehlen.“
Es war launig ausgedrückt – ein anderer hätte nicht von „Stehlen“,
sondern von „Tradition“ gesprochen. Doch dann wurde mein Professor ernst
und fügte hinzu: „Nur von Fra Angelico hätte ich nie gestohlen.“
Kristallisation
Wenn sich in einer übersättigten Lösung ein Kristall bildet, so zeigen sich Eigenschaften
der Substanz, die vorher nicht sichtbar waren. Vorher hat man eine farbige oder farblose Flüssigkeit,
nachher hat man in dieser Flüssigkeit einen Kristall mit einer geometrischen Struktur,
die in der Lösung noch „geheim“ war, und die im Kristall offenbar wird.
Das ähnelt der Entstehung des Ausdrucks so sehr, daß ich geneigt bin, zugespitzt zu sagen:
Es ist der gleiche Vorgang. Das Innenleben wird irgendwann so dicht, daß es zwangsweise zum Ausdruck kommt.
Die Gestalt dieses Ausdrucks ist zwar weder zufällig noch beliebig, aber sie ist unvorhersehbar.
Das Innenleben hat seine Farbe (bzw. seine Farblosigkeit), aber der Ausdruck hat eine Gestalt.