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Walter Wippersberg

»Aufruf zur Vernunft«

(erschienen als Gastkommentar in »Die Presse« vom 30.12.2009)

Gesundheitsminister Stöger will also die Regelungen, wo in Österreichs Lokalen geraucht werden darf und wo nicht, evaluieren lassen. Es gebe zahlreiche Anzeigen gegen Wirte, die sich nicht ans derzeit geltende Gesetz hielten ...
Diese Anzeigen gibt es in der Tat, tausende angeblich. Die weitaus meisten stammen aber von ein paar wenigen Menschen. Einige selbsternannte »Sheriffs« ziehen – sendungsbewußt und voll der Freude am Vernadern und Denunzieren – von Lokal zu Lokal und zeigen jeden Wirt an, den sie eines Gesetzesverstoßes verdächtigen. Man darf gespannt sein, ob Regierung und Parlament sich den Wünschen dieses winzigen fundamentalistischen Grüppchens beugen werden.
Die bei weitem überwiegende Mehrheit der Österreicher scheint – auch wenn ein paar Journalisten anderes herbeischreiben möchten – durchaus zufrieden mit der »österreichischen Lösung«. Das zeigt sich in jenen Lokalen, in denen es getrennte Räume für Raucher und Nichtraucher gibt. Ausgenommen in den deklarierten Speiselokalen sind in der Regel die Nichtraucher-Räume leer, bei den Rauchern aber findet man ganze Tische, an denen nicht ein einziger Gast raucht. Man sitzt einträchtig beieinander wie eh und je.
Als vor einigen Jahrzehnten in Amerika den Rauchern der Krieg erklärt wurde, das wußte man – »Strategiepapiere« aus jener Zeit beweisen es – , daß man zuerst versuchen mußte, Raucher und Nichtraucher gegeneinander aufzubringen. In Österreich hat das (noch) nicht funktioniert. Raucher und Nichtraucher wollen sich, jeder Lokal-Augenschein beweist es, (noch) nicht auseinanderdividieren lassen.
Natürlich haben Nichtraucher, die das wollen, ein Recht auf Lokale, in denen sie nicht vom Rauch belästigt werden. Aber sie haben kein Recht darauf, daß jedes Lokal diesen ihren Wünschen entspricht. (In Discos wird sehr laute Musik gespielt. Ich kann nicht verlangen, daß man sie leiser spielt, nur weil ich lärmempfindlich bin, aber von meinem demokratischen Recht Gebrauch machen will, genau dieses Lokal aufzusuchen.)
Daß es (noch) nicht sehr viele deklarierte Nichtraucher-Lokale gibt, dürfte damit zusammenhängen, daß der Bedarf danach gering ist. Dennoch verstehen es jene militanten Anti-Raucher-Aktivisten, die in der Diskussion den Ton angeben, die Situation so darzustellen, als müßten Millionen von hilflosen Nichtrauchern aus der Geiselhaft der Raucher befreit werden.
Die weitaus meisten Raucher sind für den Schutz der Nichtraucher, auch für den Schutz der Arbeitnehmer(innen). Freilich muß er nicht unbedingt in totalen Rauchverboten allüberall bestehen. Es gibt vernünftige und wirkungsvolle Alternativen. In Lokalen, in denen geraucht wird, könnte man einfach den Einbau gut funktionierender Entlüftungsanlagen vorschreiben, die es längst gibt. Viele Wirte wären jetzt schon bereit, solche Anlagen einzubauen, man torpediert das aber durch den Hinweis, in Brüssel werde ohnehin bald das totale Rauchverbot erlassen werden. In diesem Fall wäre das für die Lüftung ausgegebene Geld eine glatte Fehlinvestition, also wird der Beweis, daß es eine vernünftige Lösung gibt, nicht erbracht. Und darauf kommt es den Anti-Raucher-Aktivisten an. Sie wollen keinen Kompromiß, so sinnvoll er auch wäre. Ihnen geht es ja schon lange nicht mehr in erster Linie um den Schutz der Nichtraucher, angestrebt wird die Zwangsbekehrung »uneinsichtiger« Raucher. Sie arbeiten auf den Endsieg hin.
Unaufgeregt betrachtet ist das Problem kleiner, als man uns weismachen will, und eine Lösung wäre und ist verhältnismäßig einfach. Dennoch liebäugeln auch unsere Politiker mit den Brachiallösungen, die es anderswo schon gibt. Der Kulturtheoretiker Robert Pfaller glaubt eine Erklärung dafür zu kennen: »Durch das Verbot können Regierungen die begründeten Ängste und Empörungen der Bevölkerungen auf einen Nebenschauplatz umlenken, von ihrer eigenen zunehmenden Ohnmacht, Willfährigkeit und Passivität gegenüber dem transnationalen Kapital ablenken – und nicht zuletzt auch testen, wie viel die Leute sich eigentlich, ohne aufzumucken, gefallen lassen: ein kleiner, unscheinbarer Vorbote des bevorstehenden Übergangs zu postdemokratischen Verbotsgesellschaften, wie ihn Peter Sloterdijk vor kurzem hellsichtig angekündigt hat.«

 

 

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