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Walter Wippersberg

Bäume voll von Störchen.
Bäume voll von Ziegen.

(erschienen unter dem Titel »Der Hahn von Rabat« in »Die Presse« / Spectrum / 15. Mai 1999)

 

Die Fremdenführer sind streng. Einer, der sich Ibrahim nennen läßt, sagt auf der Djemaa el Fna, dem Platz der Gaukler, in Marrakesch: »Wir verlassen den Platz um fünf Minuten vor eins.« Ich will wissen: »Warum nicht um eins?« So etwas schätzt er nicht. Wenn er fünf vor eins sagt, dann meint er fünf vor eins. Wir würden uns, sagt Ibrahim, vor dem Hotel Argana treffen, wir könnten auf der Terrasse im ersten Stock Kaffee oder Thé à la menthe trinken, und von dort oben habe man den besten Überblick über den ganzen Platz. Ich aber frage nach dem Café de France, ein Freund zu Hause hat mir dessen Terrasse im zweiten Stock dringend empfohlen; es liegt auf der anderen Seite des Platzes, ich hätte mich nur umzusehen brauchen, hätte nicht fragen müssen, hätte mir auf diese Art eine scharfe Zurechtweisung erspart. Seinen Empfehlungen nicht zu folgen, faßt Ibrahim als Beleidigung auf. Man dürfe, belehrt er mich, nicht alles glauben, was die Leute in Europa sagen oder was in den Reiseführern geschrieben steht, als staatlich lizenzierter marokkanischer Fremdenführer wisse er – wie seine Kollegen – besser als irgendwer im Ausland, was sehenswert und aus welchem Blickwinkel etwas sehenswert sei.
Provisionen scheinen ein Teil des Einkommens der marokkanischen Fremdenführer zu sein, sie schleppen einen deshalb in Lederfabriken, zu Teppichgroßhändlern oder zu Goldschmieden und sind – je nach Temperament ganz offen oder nur still – beleidigt, wenn man nichts kauft (damit ihr Einkommen schmälert) und am Ende gar sagt, daß man die paar Tage, die man zur Verfügung hat, lieber anders nützen möchte. Dennoch kann, wer nicht Arabisch oder Berberisch und auch nur wenig Französisch spricht, auf die Fremdenführern nicht ganz verzichten.
Vielleicht bringe ich Ibrahim um ein paar Centimes seiner Hotel-Argana- Provision, aber ich überquere, seiner Blicke nicht achtend und mir dabei tapfer vorkommend, den Platz, sitze zehn Minuten später im Café de France, sehe hinunter auf die Djemaa el Fna, was übersetzt nicht Platz der Gaukler heißt, sondern Platz der Vernichtung, weil hier einmal die öffentlichen Hinrichtungen stattgefunden haben und die Köpfe der Getöteten zur Schau gestellt worden waren.
Jetzt gehört der Platz den Händlern, den Schlangenbeschwörern, den Märchenerzählern. Wasserverkäufer sind da, bunt gekleidet und mit großen kegelförmigen Hüten, von deren Rändern rote Quasten baumeln; die umgehängten Messingbecher sind Dekoration, längst leben die Wasserverkäufer davon, sich für Geld fotografieren zu lassen. Um die Schlangenbeschwörer herum stehen stets ein paar Männer, die darauf achten, daß nur fotografiert, wer ein paar Dirham dafür zu zahlen bereit ist.
Bleibt ein Europäer irgendwo stehen, wird er von Frauen mit Kleinkindern auf dem Arm um ein paar Münzen angesprochen. Die bettelnden Kinder, sagen die Fremdenführer, seien eine Plage, man wird gewarnt, ihnen Geld zu geben, man zerstöre damit die Familienstrukturen, nicht selten bringe ein bettelndes Kind mehr Geld nach Hause als sein Vater, wie soll es dann noch Achtung vor ihm haben und wie könne man so einem Buben (bettelnde Mädchen sieht man kaum) dann noch klarmachen, daß eine Berufsausbildung wichtig wäre? Dennoch gibt man den Kindern und achtet darauf, daß die Fremdenführer einen nicht sehen dabei. (Milde Gaben für greise, blinde oder verkrüppelte Bettlern werden hingegen gern gesehen, weil damit das islamische Gebot des Almosengebens erfüllt wird.)
Stellt sich ein Tourist auf der Djemaa el Fna zu den Menschen, die einen Märchenerzähler umringen, gleich wird ihm eine offene Hand entgegengestreckt, nur ihm, nicht den Einheimischen. Mir gefällt, wie offen man sich (im Gegensatz zu unseren Gegenden) dazu bekennt, daß viele von den Touristen leben. Man versteht das hier ganz wörtlich und verlangt, worauf man Anspruch zu haben glaubt. Die Touristen werden als jenes lästige, aber notwendige Übel gesehen, das sie tatsächlich sind.
Was auf dem Platz der Gaukler geschieht, das scheint nicht (wie alpenländische Folklore-Veranstaltungen) nur für die Fremden inszeniert, geschah vielmehr ganz offenkundig schon lange, bevor die Touristen kamen, geschah und geschieht für die Marokkaner, und wenn Europäer, Amerikaner oder Japaner dabei zusehen wollen, so sollen sie zahlen dafür; so einfach, so vernünftig ist das.
Die Marokkaner sind in der Überzahl, Männer vor allem, westlich gekleidet manche, andere in Djellabas, den traditionellen Kapuzenmänteln. Manche sind sehr dunkelhäutig, das seien, sagt man mir, Haratin, die Nachkommen der früheren Sklaven aus Schwarzafrika. Die Frauen kommen zum Einkaufen hierher oder in die benachbarten Souks, die Männer zum Reden, zum Zuschauen.
Eine kleine Theatervorführung findet animiertes Publikum: Ein Mann hat sich zwei Schuhsohlen aus Gummi hinter ein Stirnband geklemmt, was ihn als Esel ausweist, auf den ein anderer Mann mit einem Stock einprügelt, mit einer kleinen Matratze fängt der »Esel« die heftigen Schläge auf. Die Umstehenden scheinen zu wissen, welche Geschichte hier pantomimisch erzählt wird, sie lachen an Stellen, wo ich nicht weiß warum.
Jetzt, zu Mittag, ist der Platz noch halb leer. Weiße Markierungen sind auf dem Pflaster zu sehen, ein Raster aus durchnumerierten Rechtecken. Als ich gegen Abend noch einmal herkomme, sehe ich kleine Küchen aufgebaut, Tische und Bänke aufgestellt, Stangen sind aufgerichtet mit runden Tafeln obendran, darauf Nummern zu sehen sind, auf daß der Ortskundige seine Lieblingsküche rasch finde. Der ganze große dreieckige Platz ist zu einem einzigen Freiluftrestaurant, bestehend aus vielen kleinen Ausspeisungsstellen, geworden. Da und dort wird mit Propangas gekocht, oft auch mit Kohle, dichter Rauch legt sich über den Platz.
Der Orient, denkt man unwillkürlich immer wieder. Und doch ist das hier, geografisch gesehen, okzidentaler als selbst Westeuropa. Orient, Morgenland, nannte man einmal die – von Europa aus gesehen – gegen Sonnenaufgang, also gegen Osten liegenden Länder. Marokko aber heißt offiziell al-Mamlakah al-Magrebija, »das westliche Königreich«, manchmal sagt man auch nur Maghreb el Aksa, der äußerste Westen. Bis hierher an die Atlantikküste, den westlichsten Rand der Alten Welt, drang der Islam mit seiner orientalischen Kultur schon im 7. und 8. Jahrhundert vor, arabisierte ein von phönizischen Seefahrern und karthagischen Kaufleuten koloniertes, dann von den Römern beherrschtes Land.
Nahe dem Bergstädtchen Moulay Idriss (nach dem Begründer des ersten muslimischen Staates in Marokko benannt), in den Ruinen der römischen Stadt Volubilis wird mir die faktische Ausdehnung des römischen Reiches auf einmal bewußt: Vom nordöstlichen Rand her kommend stehe ich hier am südwestlichsten Rand, dazwischen liegen vier Flugstunden. Der rasche Versuch, gemeinsame kulturelle Wurzeln zu finden, muß freilich scheitern, denn anders als die »Christenheit« hat der Islam der römischen Welt nur wenig zu verdanken.
Das Land war schon zu phönizischer Zeit von Berbern bewohnt, deren Herkunft bis heute ungeklärt ist. Gegenwärtig wird der berberische Bevölkerungsanteil offiziell mit dreißig oder vierzig Prozent angegeben, die Araber wären demnach in der Mehrheit, doch hier wird einfach nach den verwendeten Sprachen unterschieden: Die arabisierten, also arabisch sprechenden Berber werden den Arabern zugezählt. Tatsächlich dürften, lese ich, kaum mehr als zwei oder drei Prozent der Marokkaner von mehrheitlich arabischen Vorfahren abstammen.
Zum architektonischen Erbe der Berber zählen im Süden des Landes die bis zu sechs Stockwerk hohen Wohnburgen – Lehmbauten, die man, höre ich, in ähnlicher Qualität sonst nur im Jemen findet.
Die Städte aber sind arabisch geprägt. Die Medina, die Altstadt also von Fès oder Meknès unterscheidet sich nur wenig von einer Medina im vorderen Orient. Die Souks sind hier wie dort nach Handwerkerzünften und Branchen gegliedert; angenehm die Ladenstraßen der Gewürzhändler, bei den Obst- und Gemüsehändlern sind in Waschschüsseln Pyramiden aus Zitrusfrüchten, aus grünen, schwarzen und roten Oliven aufgebaut. Für einen, der keinen Hang zur Metzgerei hat, schwer zu ertragen sind die Souks der Fleischverkäufer; Ziegen, Lämmer und Schafe hängen gehäutet, aber allenfalls halbiert oder geviertelt da, als tote, getötete Ziegen, Lämmer und Schafe gut erkennbar, und wer wie ich das Fleisch, das er ißt, nur als Schnitzel oder Kotelett, als Steak oder gar zu Wurst verarbeitet kennt und kennen will, dem fallen plötzlich Wörter wie Kadaver und Aas ein. Ein Ziegenkopf liegt da, gehäutet, aber um die Augen herum, die noch da sind, und an den Ohren ist das schwarze Fell noch erhalten. Die Hühner werden lebendig angeboten, sie warten in enge Käfige gezwängt darauf, von einer Hausfrau ausgesucht zu werden, der Verkäufer schlachtet sie dann an Ort und Stelle.
Die meisten der Läden sind so eng, so klein, daß die Inhaber oder Verkäufer nur übers Verkaufspult hineinklettern können, oft hängt eine Eisenkette überm Pult, daran man sich beim Einsteigen festhalten kann.
Übrigens nennen mich in den Souks in Fès, in Rabat, in Meknès oder Marrakesch die Händler immer wieder Ali Baba, Kinder rufen den Namen hinter mir her, und ich finde nicht heraus, was an mir sie an jene Märchenfigur erinnert, die sich mit vierzig Räubern herumzuschlagen hatte. Vielleicht, denke ich mir, wird Ali Baba in den marokkanischen Märchenbüchern mit Bauch und Vollbart dargestellt.
Die öffentlichen Bäckereien, wohin die Frauen ihren Brotteig tragen, gehören immer noch unverzichtbar zu einer Medina, auch der Hammam, das öffentliche Badehaus.
Marokkanische Moscheen dürfen – mit ein, zwei Ausnahmen – nur von Muslimen betreten werden. Die Minarette sind nicht wie im Osten sehr schlank und sehr hoch, sondern gedrungene, meist viereckige, oft quadratische Türme, von einem Laternenaufsatz oder einer kleinen Kuppel gekrönt, die häufig von einer Stange überragt wird, an der goldene, nach oben hin kleiner werdende Kugeln aufgereiht sind. An einem galgenähnliche Aufbau können Laternen oder auch weiße Fahnen aufgezogen werden, auf daß, wie die Fremdenführer erzählen, auch die Gehörlosen unter den Gläubigen, die den Ruf des Muezzins nicht vernehmen können, wissen, wann es Zeit ist zum Gebet.
Meist etwas außerhalb der Stadt steht das Koubba, ein kleines quadratisches Gebäude, manchmal aus Lehm, oft mit weißgekalkter Kuppel, darin der Marabut, der Stadtheilige, ruht.
Das Andenken an Heilige und Herrscher wird, scheint es, sorgfältig gepflegt. In Chellah bei Rabat baute sich die Meriniden-Dynastie im 13. Jahrhundert in einer damals schon verlassenen Karthager- und Römer-Siedlung eine regelrechte Nekropole. Römische Ruinen, eine Moschee, etliche Koubbas, eine Zaouia als Sitz einer einst mächtigen religiösen Bruderschaft, eine bald als heilig geltende Quelle, in deren Nähe nicht nur Sultane, sondern auch andere fromme Muslime begraben sein wollten. Wild überwachsen ist das Gelände, zu dem auch ein Teich gehört, darin Wasserschildkröten leben und Aale, die von gläubigen Moslems, weil das Reichtum und Fruchtbarkeit bringen soll, mit Eiern gefüttert werden. Und die Bäume, vor allem alte weiße Baumskelette sind voll von Störchen, die auch auf dem Minarett der Meriniden-Moschee nisten. Überall im Land kann man Störche sehen, nie zuvor habe ich so viele an einem Platz gesehen wie in dieser Totenstadt.
Immer wieder fühlt man sich, wenn man über Land fährt, an der Atlantikküste vor allem, noch ganz im Mittelmeerraum. Irgendein Stück Küstenlandschaft könnte, für sich allein gesehen, auch in Griechenland liegen oder in Israel, in Südfrankreich oder Spanien. Die steinigen Felder sehen nicht anders aus als an der dalmatinischen Küste. Hier wie dort werden die Steine, die man aus den Äckern klaubt, zu Mauern aufgeschichtet, hier wie dort ist das eine Sisyphus-Arbeit, weil die Äcker nach jedem Pflügen wieder so voll von Steinen sind wie zuvor. Freilich gibt es marokkanische Besonderheiten: Oft sieht man Steinmännchen aufgebaut, sie sollen, höre ich, die Felder vor Unheil schützen. Und kleine Steinpyramiden an den Straßenrändern sind Verkehrszeichen besonderer Art.
Und überall die Olivenhaine.
Im Süden, um Agadir herum, wachsen Arganien, Eisenholzbäume, den Ölbäumen nicht unähnlich, aber ganz anders genutzt: Ihre Blätter dienen den Ziegen zur Nahrung, und weil vom Boden aus nicht alle abgefressen werden können, klettern sie auf die Bäume, drei oder vier oder fünf Ziegen stehen oft in einer einzigen Krone und fressen noch die letzten, höchsten Blätter ab. Die Kerne der Arganienfrüchte werden von den Menschen genutzt, freilich meist erst, nachdem sie ihren Weg durch die Ziegen genommen haben, sie werden von den Hirten aus dem Kot gesammelt, das Öl, das aus ihnen gemahlen wird, dient zum Kochen und zu kosmetischen Zwecken.
Fernand Braudel hat einmal geschrieben, der Mittelmeerraum erstrecke sich »vom ersten Ölbaum, dem man von Norden kommend begegnet, bis zum ersten dichten Palmenhain, der in der Wüste vor einem erscheint«. So besehen beginnt Afrika, von Norden her kommend, kurz vor Marrakesch, dort sieht man zum ersten Mal kleine Wälder aus Dattelpalmen. Und während die Städte an der Küste weiß sind, ist Marrakesch eine rote, eine rostrote Stadt. Silbern glänzen um die Stadt herum die Dornbüsche auf der roten Erde, im Hintergrund die schneebedeckte Gipfelkette des hohen Atlas.
Kamele (Dromedare eigentlich) scheinen außerhalb der Wüstengebiete selten geworden zu sein; die man an den Straßen sieht, dienen als Fotografierobjekte (wie die Wasserverkäufer), oft sind ihnen die Vorderbeine zusammengebunden, und ihre Hirten erwarten von den touristischen Knipsern ebenso ein paar Münzen wie die Buben, die die in den Arganien weidenden Ziegen beaufsichtigen. Ist es Zufall, daß die Fotografier-Kamele immer gerade dort stehen, wo die Vegetation besonders karg ist und die Gegend schon ein bißchen nach Sahara aussieht, die doch erst ein paar hundert Kilometer weit im Osten und im Süden beginnt?
Esel sind noch ein wichtiges Transportmittel, Reittiere überall auf dem Land, Lastenträger in den Städten. Sie schleppen die frischen Häute aus den Schlachthöfen in die Gerbereien; in mancher Medina, deren Gassen viel zu eng für Autos sind, wird die Müllabfuhr mit Eseln durchgeführt; vor einem Café sehe ich sinnreiche eiserne Traggestelle, mittels derer einem Esel sieben Getränkekisten aufgepackt werden können, drei links, drei rechts, eine obenauf.
Marokko ist, man kann es nicht übersehen, ein armes Land. Das Bruttonationalprodukt je Einwohner macht, lese ich später nach, kaum 1.300 Dollar aus (in Österreich liegt es über 28.000 Dollar). Mehr als die Hälfte der Marokkaner lebt auf dem Land, aber die Landwirtschaft trägt nur zwanzig Prozent zum Bruttonationalprodukt bei. Die Marokkaner sind ein junges, ein jugendliches Volk, mehr als die Hälfte der Einwohner ist jünger als zwanzig Jahre. Die Analphabetenrate lag 1995 bei 56 Prozent, aber die reichen Marokkaner schicken ihre Söhne auf die besten Schulen in Frankreich. Über die sozialen Spannungen reden die Fremdenführer nicht gern. Einer, Hassan in Rabat (sie lassen sich alle mit dem Vornamen anreden) erzählt immerhin, daß der Aufwand, den König Hassan II. anläßlich der Hochzeit einer Tochter getrieben habe, beträchtlichen Unwillen unter der Bevölkerung ausgelöst habe. (Später, zu Hause, lese ich etwa von einem »Brotkrieg« 1984/85.)
Diese oder jene Straße sei, sagen die Fremdenführer, von den Franzosen angelegt worden; die meisten Nouvelles villes, die neuen Viertel der großen Städte, stammen aus der Zeit des französischen Protektorats, diese oder jene Fabrik sei von Spaniern gebaut worden, höre ich, oder von italienischen Firmen oder wiederum französischen. Man hat 1956 die Unabhängigkeit erreicht, aber die wirtschaftliche Abhängigkeit von Europa ist evident; wenn die Europäische Union keine Orangen und Datteln mehr aus Marokko kaufen will, hungert ein Teil der Landbevölkerung.
Im Mittelalter noch war die islamische Welt der abendländischen kulturell und zivilisatorisch weit überlegen. Nach Spanien, das von Marokko aus für den Islam erobert worden war, mußte am Beginn unseres Jahrtausends reisen, wer die antiken Autoren, im Abendland als Heiden verteufelt und damals kaum noch dem Namen nach bekannt, lesen wollte. Das Abendland war zu dieser Zeit in großen Teilen eine armselige Waldeinöde mit wenigen Lichtungen, die Menschen darin ungebildet und stets von Hunger oder wilden Tieren bedroht. Wer aus diesem Abendland kommend im zehnten Jahrhundert, zur Regierungszeit Abd ar-Rachmans des Großen, nach Andalusien kam, muß ebenso einen Kulturschock erlitten haben wie wenig später die Kreuzfahrer im von Arabern beherrschten Heiligen Land. Und wie haben die stets Askese und Weltverachtung predigenden Christenführer den gefährlichen Zauber dieser Kulturen gefürchtet, diese Lust der ehemaligen Wüstenbewohner am guten, komfortablen, sinnenfreudigen Leben, das in ästhetischer Überhöhung über die Befriedigung von Grundbedürfnissen weit hinauswies! Als dann am Ende des 15. Jahrhunderts nach Cordoba, Sevilla und Valencia auch Granada in die Hände der Christen gefallen war, da sei, kann man lesen, die faszinierendste Zivilisation gestorben, die es je auf europäischem Boden gegeben habe. Erst die Auseinandersetzung der Abendländer mit dieser maurischen Kultur in Spanien habe übrigens, wird oft behauptet, die erste eigenständige Zivilisation der Christenheit hervorgebracht, nämlich die gotische. Der arabische Spitzbogen sei zum gotischen Bogen geworden, das arabische Stuckornament zum gotischen Maßwerk.
In Marokko, wohin viele Mauren (viele Juden übrigens auch) nach dem Fall Granadas gezogen sind, konnte die islamische Kultur eine Blütezeit wie in Spanien nie mehr erreichen. Überhaupt schien sie in vielen Bereichen zu erstarren, so daß manches davon uns heute mittelalterlich anmutet, was nicht wundern muß, weil der Islam so statisch ist und jeder grundlegenden Veränderung so feindlich, wie das Christentum es gern geblieben wäre, hätte es da nicht die Renaissance gegeben, die übrigens von islamischen Eroberungen am anderen Ende des Mittelmeeres wenigstens indirekt mit eingeleitet wurde, als nämlich nach der Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen viele griechische Gelehrte nach Italien kamen.
In Europa folgte der Renaissance die Reformation und dieser die Aufklärung, Europa wurde »fortschrittlich« und modern, im technischen Sinn immer moderner, hegemonistischer damit auch. Die islamische Welt hat von sich aus keine dieser Entwicklungen mitgemacht, schien damit zivilisatorisch auf einmal unterlegen und war es wirtschaftlich auf jeden Fall.
Was tut, frage ich mich manchmal, ein junger Marokkaner, der stolz darauf sein will, Marokkaner zu sein? Wie viele in der (überall in der islamischen Welt als Patentrezept empfohlenen) Rückbesinnung auf die eigenen, die angeblich unveränderlichen, die islamischen Werte die Lösung sehen, kann ich nach den paar wenigen Tagen nicht sagen. Aber manches von dem, was etwa Ibrahim, der Fremdenführer, sagt, läßt vermuten, daß der Fundamentalismus auch in Marokko Fuß gefaßt hat.
Zu den eigenen Werten gehört jedenfalls die monarchische Staatsform. Hassan II., dessen Vater Mohammed V. das Sultanat abgeschafft und sich zum König erhoben hat, führt seine Abstammung in direkter Linie auf den Propheten zurück, darf sich Cherif nennen und gilt auch als religiöses Oberhaupt der Moslems. Das königliche Bildnis ist allgegenwärtig, findet sich auch in den winzigen Läden der Souks, in Restaurants und Cafés ist ein Foto besonders beliebt, das den König beim Teetrinken zeigt. In jeder größeren Stadt ist eine Hauptstraße nach Hassan II. benannt, eine andere nach Mohammed V., dem in Rabat ein prächtiges Mausoleum errichtet wurde, wo man von einer rundum laufenden Galerie aus hinuntersieht auf die Sarkophage dieses ersten marokkanischen Königs und eines seiner Söhne. Und immer, Tag und Nacht, sagt man, sitzt ein Geistlicher da unten, der aus dem Koran liest.
Meknès, Fès, Rabat und Marrakesch dürfen sich Königsstädte nennen, in jeder hat Hassan II. einen Palast. Jetzt, im Februar 1999, hält er sich schon seit Monaten in Marrakesch auf, des Klimas wegen, sagt Hassan der Fremdenführer, denn der König leide an Asthma. Viel Militär, noch mehr Polizei sehe ich dann in Marrakesch, die Straßen in die Stadt hinein werden streng kontrolliert.
In Fès hat Hassan II. die neun Zedernholztore an der Prachtfront seines Palastes mit fein ziseliertem Goldblech überziehen lassen. Vor dem mit grünlasierten Ziegeln gedeckten Palais Royal in Rabat sehe ich mir die Wachablöse an: So sympathisch im Ungleichschritt hampeln habe ich zuvor Soldaten nur ein einziges Mal gesehen (bei einer Parade in Athen, an der übrigens auch Abteilungen in Taucheranzügen sowie andere mit Skiausrüstung teilgenommen haben).
In Casablanca, direkt am Meer, hat Hassan II. zu seiner höheren Ehre und daher nach ihm benannt eine der größten Moscheen der Welt errichten lassen, das achte Weltwunder sollte es werden; dem Spendenaufruf, der die Baukosten aufbringen sollte, seien, erzählt man, die meisten Marokkaner gefolgt, wenn auch nicht alle ganz freiwillig. Ein ganzes Altstadtviertel wurde dafür geschleift, Ceausescu fällt mir plötzlich ein und dann, auf dem riesigen Platz vor der Moschee stehend, Umberto Silvas Buch über faschistische Ästhetik, auch die leeren Plätze auf den Bildern von Giorgio de Chirico. Die Grande Mosquée Hassan II. wurde – erdbebensicher angeblich – von französischen Baufirmen errichtet, den Außen- und Innenschmuck immerhin haben marokkanische Handwerker geschaffen. Unter den Kolonnaden, die den riesigen Platz säumen und zur Médersa, der Koranhochschule, gehören, bröckelt der Verputz, der Beton darunter wird sichtbar (aber die Tatsache, daß im Gegensatz zu alten Bauten, die Patina ansetzen, viele neue mit den Jahren nur schäbig werden, kennen wir auch aus unseren Gegenden).
Formell genießen die Marokkaner alle demokratischen Freiheiten, de facto scheint Hassan II. absolutistisch regieren zu können; ihn zu kritisieren ist schwierig, denn die Person des Monarchen ist laut Verfassung »unantastbar«. Mehrmals hat er das Parlament einfach aufgelöst, und innenpolitischen Schwierigkeiten begegnet er, wenn es dienlich scheint, wie andere absolutistische Herrscher zuvor mit Expansionismus; 1975 hat er den »Grünen Marsch« inszeniert, um die ehemalige spanische Kolonie Westsahara zu annektieren. Gescheiterte Attentatsversuche bestärken viele seiner Untertanen darin, in ihm einen Auserwählten zu sehen, denn nur die baraka, die positive göttliche Kraft, könne sein Leben geschützt haben.
Es ist, wie gesagt, Februar, und überall im Land blühen jetzt die Mandelbäume, weiß die einen, rosa die anderen. In den Städten sehe ich als Zierpflanzen Orangenbäumchen voll mit reifen Früchten, ich lerne Orangen zu unterscheiden von den Pomeranzen, die bitter schmecken und zu Marmelade verarbeitet werden.
Das tollwütige Kamel, von dem Canetti 1954 in »Die Stimmen von Marrakesch« geschrieben hat, geht mir nicht aus dem Kopf. Den Kamelmarkt an der roten Stadtmauer von Marrakesch gibt es vermutlich nicht mehr.
In Rabat nervt mich zwei Nächte lang ein Hahn, das eine Mal weckt er mich kurz nach drei auf, dann schon um zwei. Irgendwo ganz nahe am Hotel (es klingt, als stehe er auf meinem Balkon) kräht er dann unentwegt, bis kurz vor dem Morgengrauen der Muezzin vom nahen Minarett aus die Gläubigen zum ersten Gebet ruft.
Ein junger, sehr dunkelhäutiger Kellner in einer Bar am (bei Deutschen sehr beliebten) Strand von Agadir sieht sein Heil und seine Zukunft im Fremdenverkehr und demonstriert dabei sein Selbstbewußtsein den Touristen gegenüber, indem er etwa überheblichen Deutschen zu beweisen versucht, daß er besser deutsch kann als sie. Er fordert sie auf, die bestimmten Artikel zu deklinieren: »Schreiben Sie mir Nominativ, Genetiv, Dativ und Akkusativ von der-die-das auf, im Singular und im Plural.« Die meisten, sagt er mir, scheiterten daran, immer sei die Aufgabe mit einer Wette verknüpft, es gehe um ein Bier, und er lasse sich, da er keinen Alkohol trinke, den Gewinn stets bar ausbezahlen.
Der statische Islam: Die Grande Mosquée Hassan II. sieht aus wie die alten Moscheen des Landes, niemand scheint hier auf den Gedanken gekommen zu sein, es mit »moderner« Architektur zu versuchen. Viele Touristen halten das erst 1913 im traditionellen Stil errichtete Bab Boujeloud in Fès für eines der schönsten Stadttore in Marokko, das an sehr schönen, sehr alten Stadttoren reich ist. Man denkt zuerst an unseren Historismus, an Neugotik und so etwas, aber vielleicht steckt ein ganz anderer Gedanken dahinter: Man scheint zu glauben, daß einmal schön empfundene Formen für alle Zeiten schön sein könnten.
Ein Wintersport-Dorf im Hohen Atlas, Häuser mit steilen Giebeldächern. Wilde, dramatische Gebirgslandschaften im Mittleren Atlas, graue, weiße und sehr rote Felsen. Auf der Meseta, der Zentralebene des Landes, können zum Teil in der Landwirtschaft Maschinen eingesetzt werden. Übrigens gehöre, sagt ein Reiseführer, ein nicht unerheblicher Teil der landwirtschaftlich nutzbaren Fläche der marokkanischen Armee.
»Du mußt handeln!« sagt in einem Souk ein Verkäufer zu mir, als ich, weil ich keine Zeit verlieren will, für eine kleine, seltsame Dose aus Speckstein den Preis bezahlen will, den er mir nennt. So tu ich ihm also den Gefallen und sage ihm, daß ein Viertel davon das Höchste sei, was auszugeben ich bereit sei, was ihn hellauf empört, er unterstellt mir, ich wolle ihn ruinieren, es geht hin und her, bis wir uns bei etwa vierzig Prozent des ursprünglichen Preises geeinigt haben, der Verkäufer strahlt mich an, er hat mir etwas beigebracht, er freut sich drüber.
Manche kleinen Kinder haben kahlgeschorene Köpfe mit einem einzigen langen Haarbüschel, »dem Schopf Allahs«; stirbt ein Kind, so hebe es, sagt man, Allah an diesem Schopf ins Paradies. Die Kindersterblichkeit ist hoch in Marokko.
Eine Stunde vor meinem Rückflug treffe ich auf dem Flugplatz von Agadir zufällig meinen Kollegen Peter Patzak. Er kommt aus einem ganz anderen Marokko als ich, aus der Westsahara, dem tiefen Süden also. Er soll dort für eine französische Produktionsfirma einen Film drehen, dessen Geschichte eigentlich im Jemen spiele. Alles, erzählt er mir, sei vorbereitet gewesen, die Motive ausgesucht, die lokalen Mitarbeiter engagiert, die Hotels gebucht. Da sei Steven Spielberg plötzlich aufgetaucht und will genau dort, wo Patzak drehen wollte, drehen, exakt zur gleichen Zeit. Und so gebe es nun, gebucht oder nicht, kein einziges Hotelzimmer mehr, er werde, sagt Patzak, vielleicht doch im Jemen drehen müssen. Bis wir ins Flugzeug steigen, überlegen wir, was die jemenitischen Bergstämme, die ihn vielleicht kidnappen könnten, wohl als Lösegeld für ihn verlangen würden. Ganz entschieden lieber, ich sehe es ihm an, würde er doch in Marokko drehen.

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