Kriegsflüchtlinge und die Flüchtlingspolitik in Österreich-Ungarn während des Ersten Weltkrieges
von Walter Mentzel
Der Erste Weltkrieg als auslösendes Ereignis von Flüchtlingsbewegungen und Vertreibungen blieb in der historischen Forschung bislang weitgehend vernachlässigt.
Die Ursachen für das bislang fehlende Interesse sind vielfältig.
Zum einen liegt es an den Ausblendungen kritischer Momente der Habsburgermonarchie, an der Dominanz einschlägiger militärhistorischer Literaturproduktionen, und zum anderen, daß die Geschichte der Vertreibungspolitik gegenüber der eigenen Bevölkerung an der Peripherie der Monarchie nach dem Krieg zu einer "Nationalgeschichte" der Nachfolgestaaten mutierte.
Die Umstände, die während des Ersten Weltkrieges hunderttausende Menschen zum Verlassen ihrer Heimat zwang, sind nahezu unbekannt. In der Literatur werden meist hilflos die militärischen Kriegseinwirkungen monokausal als Ursache für die Flüchtlingswellen angenommen oder mit unreflektierten Topoi zu erklären versucht.
Die Arbeit gliedert sich in zwei Teile. Im ersten Teil werden die strukturellen Ursachen und Motive, die zu den massenhaften Fluchtbewegungen und Vertreibungen im Kriegsgebiet führten, herausgearbeitet. Dies war vor allem notwendig, um die Folgewirkungen der Militärpolitik der k.u.k. Armee im Kriegsgebiet und im Hinterland, den Reaktionen der Gesellschaft auf das Eintreffen hunderttausender Flüchtlinge im Hinterland, vor allem aber um die staatliche Flüchtlingspolitik, interpretieren zu können.
Die militärischen Aspekte wurden bewußt im Hintergrund gehalten und der Schwerpunkt auf die Analyse der verschiedenen Motive der Flucht, der Vertreibungen und der Deportationen im Sinne einer Gesellschaftsgeschichte gelegt.
Der Zweite Teil setzt sich mit der staatlichen Flüchtlingspolitik und deren Inhalten auseinander.
Hier wird versucht die zeitgenössischen Diskurse und Reaktionen im "Aufnehmerland" herauszuarbeiten. Dazu zählen Vorurteile, die teilweise geprägt waren aus der Vorkriegszeit, dem Nationalitätenkampf, den rassistischen, antisemitischen Denkmustern, die während des Krieges an Einfluß gewannen, und die vielfältigen Diskurse, die als Teil einer Konfliktlösungs- und Bewältigungsstrategie gegenüber den sozialen, politischen und ökonomischen Krisensituationen anzusehen sind.
Den Schwerpunkt bilden die Fragen nach welchen Kriterien, Interessen und Rücksichtnahmen sich die staatliche Flüchtlingspolitik organisierte, in welchem Ausmaß diese abgekoppelt von "juristischen" und "sozialen" Überlegungen sich etablierte, und gesellschaftlichen, nationalen, kriegswirtschaftlichen- und kriegspropagandistischen Interessen untergeordnet wurde.
Die Arbeit wird abgeschlossen mit der Umbruchsphase im Herbst 1918, wobei hier gezeigt werden kann, inwieweit die Republik Österreich inhaltlich an die Traditionen der k.k. Flüchtlingspolitik anschloß.
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