Am Beispiel "Hatschi Bratschis Luftballon"

Ein Kinderbuch im Spannungsfeld pädagogischer Ansprüche und Politischer Korrektheit
Teil 1




Hatschi Bratschis Luftballon

Gehört zu den bekanntesten und beliebtesten Österreichischen Kinderbüchern. Es ist 1904 entstanden und stammt von Franz Karl Ginzkey. Im Laufe der Jahrzehnte wurde das Buch mehrmals neu aufgelegt, zeichnerisch umgestaltet und letztlich auch einer textlichen Bereinigung unterworfen, um geänderten gesellschaftspolitischen Vorstellungen zu genügen.

Die Abbildungen oben zeigen die verschiedenen Ausgaben von 'Hatschi Bratschis Luftballon' in der Reihenfolge ihres Erscheinens:

Erstmals erschien das Buch 1904 im Berliner Seemann Verlag und wurde von M. v. Sunnegg illustriert (Abbildungen oberste Reihe). Diese Ausgabe ist extrem selten und kaum zu finden. Die folgenden Ausgaben sind leichter zu bekommen, aber recht teuer, wenn sie die unbereinigte Textversion enthalten.

1922 brachte der Rikola Verlag eine von Erwin Tintner illustrierte Version heraus (zweite Reihe, links). Der Rikola Verlag gehörte zum Medienkonzern des Richard Kola, entstand 1920 und ging 1926 zu Grunde. Er hatte den Anspruch künstlerisch wertvolle Bücher zu produzieren und beschäftigte auch einige aufstrebende Künstler, zu denen Tintner (1885 - 1957) gehörte. Tintner illustrierte für den Rikola Verlag auch einen ausstattungsgleichen Band 'Hauffs Märchen'.

Die Abbildung zweite Reihe mitte zeigt die Ausgabe des Anton Pustet Verlages, Salzburg, von 1933. Die Illustrationen stammen von Ernst von Dombrowski. Dombrowski (1896 - 1985) war Autor, Holzschneider und Illustrator. Bekannt wurde er vor allem durch seine nach dem zweiten Weltkrieg entstandenen Arbeiten.

1952 (?) erschien im Wiener Verlag eine von Grete Hartmann illustrierte Ausgabe(zweite Reihe rechts). Diese Ausgabe ist die letzte, die noch unbereinigt ist und die Originalversion enthält. Es gibt eine ausstattungsgleiche Ausgabe des Forum Verlages (untere Reihe links)

In der Folge wurde die Geschichte umgezeichnet und umgetextet. Vor allem wurde die sogenannte Menschenfresserepisode entfernt. Abbildung untere Reihe mitte: 1962 Forum Verlag Wien, Lizenzausgabe für die Buchgemeinschaft Donauland, Illustrationen von Willfried Zeller-Zellenberg unter Verwendung der Zeichnungen von Grete Hartmann.

1968 verlegte der Forum Verlag eine bildlich weiter geglättete Variante (untere Reihe rechts). Die Illustrationen stammen von Rolf Rettich.

Soweit mir bekannt es ist, gibt es seither keine neuere Buchausgabe. Der Titel wurde in letzter Zeit nur als sogenanntes Audiobook veröffentlicht.

Illustrationsbeispiele

Erste Reihe: Ernst von Dombrowski
Zweite Reihe: Grete Hartmann
Dritte Reihe: linkes Bild: Willfried Zeller-Zellenberg nach Grete Hartmann; rechtes Bild: Rolf Rettich

Flammen schlagen aus dem Schlot, / Bringen sie in arge Not, / Und schon fangen Feuer gar / Ihre Kleider und ihr Haar. / Wie sie knistert, wie sie raucht, / Wie sie pustet, wie sie pfaucht. / Plötzlich brennt sie lichterloh, / heller als ein Bündel Stroh. / Schrecklich schreit sie: "Feuerjo! / Hussa, hussa, trololo!" / Immer wilder wird ihr Tanz, / Immer lauter ihr Geschrei, Jämmerlich verbrennt sie ganz. / Gott sei Dank, nun ist's vorbei!

Der Autor

Franz Karl Ginzkey wurde 1871 als Sohn eines Berufsoffiziers der österreichen Kriegsmarine im damals österreichischen Pola, Kroatien geboren. Auch er schlug die Offizierslaufbahn ein und arbeitete bis Ende des ersten Weltkrieges im Militärgeographischen Institut in Wien und im Kriegsarchiv. In der Zeit des Ständestaates war er von 1934 bis 1938 Mitglied des Staatsrates, hatte aber ein Naheverhältnis zum Nationalsozialismus, was besonders in jüngerer Zeit bei Beurteilung seiner Person kritisch angemerkt wird.
Nach dem zweiten Weltkrieg war er an der Gründung der Salzburger Festspiele beteiligt, deren Kuratorium er lange angehörte.
In den 50er Jahren erfuhr er zahlreiche Ehrungen, unter anderem erhielt er 1957 gemeinsam mit Heimito von Doderer den Grossen Österreichischen Staatspreis für Literatur.
Franz Karl Ginzkey starb 1963 in Wien.

Franz Karl Ginzkey wird zu den neuromantischen Lyrikern und Novellisten gezählt. Seine Kritiker, insbesondere jene, die seine nationalsozialistische Verstrickung thematisieren, bezeichnen ihn als unbedeutenden, mittelmäßig talentierten Schriftsteller, der es stets verstanden habe, sich mit den jeweils herrschenden politischen Kräften zu arrangieren und so Karriere zu machen.
Einem breiten Leserpublikum wurde und ist Franz Karl Ginzkey durch zwei Kinderbücher bekannt: 'Hatschi Bratschis Luftballon' (1904) und 'Florians wundersame Reise über die Tapete' (1931).
Hatschi Bratschis Luftballon sorgt seit den 60er Jahren für eine ständige Diskussion. Unbestreitbar ist der Erfolg, den das Buch bei der Leserschaft hat. Die einfachen suggestiven Verse bleiben im Gedächtnis haften und so mancher, der das Buch als Kind gelesen hat, kann heute noch daraus zitieren.
Es sind vor allem zwei Einwände, die gegen das Buch vortragen werden. Einerseits mache es den Kindern Angst und sei daher aus pädagogischen Gründen abzulehnen, andererseits sei es fremdenfeindlich und rassistisch und erschwere die Integration von Ausländern, insbesondere von Türken und Schwarzafrikanern. Betrachten wir diese Vorwürfe im Einzelnen.

Der pädagogische Einwand

Mit der Frage, ob und inwieweit märchenhafte Erzählungen Kinder ängstigen können, habe ich mich schon im Beitrag Kinder und Märchen auseinandergesetzt. Für 'Hatschi Bratschis Luftballon' gilt zunächst das, was bereits zum 'Struwelpeter' gesagt wurde. Zwischen der Entstehung der beiden Werke, die eine deutliche Ähnlichkeit erkennen lassen, liegen ja auch kaum mehr als 50 Jahre und zu Beginn des 20 Jhdts. war es durchaus noch in der Tradition der Kinderbuchliteratur, Kindern die Folgen von Ungehorsam drastisch vor Augen zu führen. Folgerichtig heißt es auch zu Anfang von 'Hatschi Bratschis Luftballon':

...Wie sprach die Mutter? Liebes Kind,
Sei brav, wie andre Kinder sind,
Und bleibe schön bei mir zu Hause.
Er aber lief zur Tür hinaus.
Er achtet nicht der Mutter Wort....

Und schon nimmt das Unheil seinen Lauf. Denn es nähert sich ein grosser roter Luftballon, in dem ein Zauberer sitzt.

..Der böse Hatschi Bratschi heißt er,
Und kleine Kinder fängt und beißt er.
...Ach Hatschi Bratschi hat ihn schon!
Er hat ihn schon und hält ihn fest,
Weil er mit sich nicht spaßen läßt....
Da hilft kein Schrei'n und Weinen,
Kein Strampeln mit den Beinen!...

Aber anders als im 'Struwelpeter', wo jedes kindliche Fehlverhalten unweigerlich in einer Katastrophe mündet, erledigen sich die Probleme in 'Hatschi Bratschis Luftballon' immer von selber, die Unholde, Zauberer, Hexe, Menschenfresser stürzen selber zu Tode und auch sonst nimmt jede bedrohliche Situation eine gute Wendung. Ich habe stets gefunden, dass dieses Buch einen geradezu unbegründeten Optimismus, es werde schon alles gut gehen, ausstrahlt. Nun ist natürlich nicht auszuschließen, dass sich im Einzelfall ein kleineres Kind beim Lesen oder Hören dieser Geschichte fürchtet, für ein generelles Problem halte ich das aber nicht, wenn man das Buch Kindern erst in einem Alter zugänglich macht, in dem sie es schon selber lesen können.
Wenden wir uns nun dem zweiten, weit schwerwiegenderen Einwand zu, das Buch sei unter dem Gesichtspunkt politischer Korrektheit abzulehnen


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