Das Buch zum Thema:
Der unglaubliche Struwwelpeter
Inhalt, Bezugsmöglichkeiten

Der Struwwelpeter
Teil 3

Jedes Buch, das mit einer originellen Idee ein Erfolg wird, inspiriert unweigerlich andere Autoren dazu, diese Idee aufzugreifen. Es wäre ungerecht hier generell von mehr oder weniger verdeckten Plagiaten zu sprechen. Die Neuschöpfungen nach dem vorgegeben Muster sind nicht immer, aber oft, recht qualitätsvoll und ihrerseits originell. Auf diese Weise entstehen in der Literatur Modeströmungen, oder wenn sie nicht nur kurzlebig sind, literarische Traditionen, die über Jahrhunderte fortwirken können.
Beispiele für solche literarischen Traditionen sind etwa die Superheldengeschichten, die Zeitreisegeschichten, die Robinsonaden, die Buschiaden und natürlich auch die Struwwelpeteriaden.

Der Struwwelpeter war von Anfang an ein derartiger Erfolg, dass sich viele Kinderbuchautoren gefragt haben werden, warum sie nicht selbst auf diese einfache und geniale Idee gekommen waren. Nicht wenige begannen das Thema aufzugreifen. Spannen sie die Geschichte vom Struwwelpeter und den anderen Struwwelpeterfiguren einfach weiter, bedurften sie allerdings entweder der Zustimmung des Struwwelpeterverlages oder sie riskierten eine Plagiatsklage.
Naheliegend war es daher, eigene Geschichten zu erfinden, die nach dem Muster des Struwwelpeter gestrickt waren, eine Zitierung der Hoffmannschen Figuren aber, so weit es aus urheberrechtlichen Gründen notwenig war, zu vermeiden.

Nachdem der Scholz-Verlag in Mainz einen Copyright-Prozess in Sachen Struwwelpeter verloren hatte, brachte er 1849 die Struwwelpeteriade Der grüne Bub heraus. Thematik und Erzählschema des Struwwelpeter wurden mit eignen Figuren nachempfunden. Das heute nur mehr schwer zu findende Buch war ein Erfolg und wurde vermutlich noch 1849 ins Holländische übertragen. Es gibt frühe holländische Ausgaben, in denen Geschichten aus dem 'Struwwelpeter' und aus 'Der grüne Bub' vermischt sind.

Lachende Kinder, Text: Adolf Glaßbrenner, Bilder: Theodor Hosemann wurde um 1850 im Verlag Rütten & Loening, wo auch Hoffmanns Struwwelpeter erschienen war, veröffentlicht. Nach dem Muster des Struwwelpeter sind zehn Warn- und Strafgeschichten enthalten, allerdings mit völlig neuen Figuren: Kleckerkätchen, der neidische Moritz, das Horch- und Klatsch-Lorchen, der unordentliche Max, usw.
Theodor Hosemann (1807-1875) war ein deutscher Maler, Illustrator und Karikaturist, der unter anderem zahlreiche auch noch heute bekannte Kinderbücher illustrierte.
Die Abbildung oben rechts zeigt wie der Riese Griesgram das klatschhafte Lorchen zur Strafe fressen will. Zu lachen hatten die Kinder erst etwas in dem im Anhang befindlichen "A B C" mit seinen hinreißend komischen Versen (Bild links).

Abbildungen unten: Der Mummelsack, ein Sittenspiegel der Jugend, zu Nutz und Frommen der Kinderwelt, verfasst von F. Hoffmann und herausgegeben vom Verlag Alexius Kießling um 1870 (?) enthält Warn- und Strafgeschichten nach dem Vorbild des Struwwelpeter. Der Mummelsack ist ein zu einer Kinderschreckfigur mutierter Knecht Ruprecht, der brave Kinder beschenkt, die schlimmen Kinder aber in einen Sack steckt und fortträgt. Enthalten sind die Geschichten: 'Der Schmutzmichel', 'Nasch-Lieschen', 'Kletter-Fritz', 'Spiegel-Lenchen', Nadel-Lottchen', 'Der Schreihals', Neid-Klärchen', 'Der Lügenpeter', 'Der Faulpelz' und 'Klatsch-Marie'. Obwohl die meisten dieser Eposoden durchaus vernünftig vor realen Gefahren warnen, fehlt ihnen die spielerische Leichtigkeit der Hoffmannschen Geschichten. Dem Buch haftet - sicher beabsichtigt - etwas Bedrohliches, Belehrendes an.


Bild oben links: Peter Stehauf, und andere lustige Geschichten für Kinder von 3-6 Jahren, von A(uguste) Cornelius, Illustrationen von Wilh(elm) Schäfer, 1889 (?) im Verlag W. Düms in Wesel erschienen, enthält die üblichen Geschichten in Nachfolge des Struwwelpeter: 'Steh auf, Peter!', 'Der Kletterer', 'Das neugierige Lieschen', 'Der bestrafte Näscher', 'Lutschdäumchen', 'Der unordentliche Fritz', 'Der Schleifstein', 'Schnatterkäthchen', 'Der kleine Fischer', 'Das eitle Gustchen', 'Die Vogelscheuche', 'Hedwigs Geburtstag'.
Bild oben Mitte und rechts: Der kleine Stapelmatz, Lehrreiche Geschichten für Kinder mit bunten und lustigen Bildern von Paul Haase, stammt aus dem Jahre 1914, Verlag von Franz Ohme und enthält die Episoden: 'Der kleine Stapelmatz', 'Der Trotzkopf oder: Man soll nicht mit Gewehren spielen' (Bild oben rechts), 'Der kleine Wohltäter', 'Der böse Jude, oder: Die Fahrt auf der Windmühle', 'Der Horcher an der Wand', 'Die belohnte Gefälligkeit', usw.

Ida der Schmutzfink
Nun seht einmal die Ida!-
Nein sowas war nie da!
Sie wäscht sich nicht,
Sie kämmt sich nicht,
hat stets ein schmutzig Angesicht.
Voll Flecken ist ihr Kleid,
Doch tut ihr das nicht leid.
Ach, Ida! Ach, Ida!
Ach schäm dich! Ach, sieh da!

Pfui, Was hast du getan!, neue Struwwelpeter Geschichten, ohne Verlag und Jahr, vermutlich noch vor dem ersten Weltkrieg, illustriert von Paul Wendling.

Strubbelfritze
Seht in hier, den Strubbelfritzen,
Stets bereit zu bösen Witzen,
Quält die Tiere groß und klein,
Reißt den Fröschen aus die Beine,
Katz' und Hunde packt er jetzt,
Reckt und zerrt sie und zuletzt
Knotet alle dreie ganz
Fest zusammen er am Schwanz.

Vermutlich noch vor dem ersten Weltkrieg ohne Verlags- und Autorenangabe erschienen, erweist sich Der Strubbelfritze als wahrer 'Wüterich' in Hoffmannscher Tradition.

Ebenso wie der Strubbelfritze macht auch Peter Langhaar durch den Namen der Titelfigur deutlich, dass es sich um eine Struwwelpeteriade handelt, vermeidet es aber, wahrscheinlich um urheberrechtlichen Problemen aus dem Weg zu gehen, sein Vorbild, den Struwwelpeter, beim Namen zu nennen. Das Buch ist 1898 erschienen, wurde von Margarete Pfeifer illustriert und enthält die üblichen Warn und Strafgeschichten, wie z.B. "Das Nasch-Herminchen".

Von dem durch die Darstellung vermenschlichter Tiere bekannt gewordenen Zeichner Fedor Flinzer (geb. 1832) wurde Der Tierstruwwelpeter illustriert.

Sprechende Tiere (1854?) von Adolf Glaßbrenner (vgl. oben: 'Lachende Kinder'), Bilder von C(arl) Reinhardt ist eine der bekanntesten Tier- Struwwelpeteriaden und erlebte zahlreiche Auflagen.
Enthaltene Episoden: 'Der unvorsichtige Herr Hahn', 'Von der albernen Ente und vom albernen Frosch', 'Vom Schnattergänschen', 'Von den neugierigen Schwalben', 'Vom ungezogenen Spitz', 'Vom furchtsamen Hasen', 'Vom naseweisen Spatz', u.a.

Der Erfolg der 'Sprechenden Tiere' zog eine Fortsetzung nach sich, nämlich Neue Sprechende Tiere mit Bildern gleichfalls von C(arl) Reinhardt. Auch hier werden Untugenden und ihre Folgen nach dem Struwwelpeterschema dargestellt, wobei die Akteure Tiere sind.

Schlupp der böse Hund: Diese Tier- Struwwelpeteriade (oben), illustriert von Wolfgang Felten, erschien 1942 bei Rütten & Loening. Als Nebenfiguren treten einige Charaktere aus dem Original-Struwwelpeter auf. Vorbild für diese Ausgabe war das gleichnamige Münchner Bilderbuch Nr.6, um 1870, (Bild links) welches die Geschichte des bösen Hundes Schlupp erzählt, dem schließlich ein Bauer das Fell schert, um sich daraus Socken zu machen. Abgesehen vom Thema der bestraften Unarten fehlt in dieser Ausgabe noch jeder sonstige Bezug zum Struwwelpeter. Dieser wird erst in der Ausgabe von 1942 hergestellt.



Da verbrennt sie fürchterlich
Alle beiden Augen sich,
Und nun trägt die arme Blinde
Heut' noch eine Augenbinde.

Das bekannt Struwwelpaar und die ganze Struwwelschar, von Robert Hertwig, ohne Verlagsangabe vor dem ersten Weltkrieg erschienen, macht schon durch den Titel deutlich, dass es sich um Geschichten in der Tradition des Struwwelpeter handelt, verwendet aber eigene Figuren. Gewarnt wird auch vor damals durchaus realen Gefahren, wie etwa, dass man nicht von oben in den Zylinder einer Petroleumlampe schauen darf.

Aus dem Jahre 1930 stammt Struwwelpeters Urenkel von Arthur Denner aus dem Verlag Schwager & Steinlein mit Illustrationen von Curt Junghändel (ganz links). Eine frühere Version mit anderen Zeichnungen dürfte schon um 1920 erschienen sein. Enthalten sind Geschichten wie 'Zündholz-Heinrich', 'Die bösen Schwestern', 'Der Treppenrutscher', u.a.
Aus den 50er Jahren gibt es eine neue Ausgabe unter dem Titel Struwwelkinder (Bild links), ohne Verlagsangabe, mit neuen Bildern

Wasche-Peter und die Kinder im Schmuddelland ist eine umgedrehte Struwwelpeteriade: Wasche-Peter findet im Schmuddelland nur ungewaschene und ungekämmte Struwwelkinder vor, die gesäubert werden müssen.
Die schwedische Originalausgabe von Ottilia Adelborg, "Pelle Snygg och barenen i Snaskeby", erschien 1896, die deutsche Übersetzung vmtl. 1911; es gab zahlreiche Neuauflagen.

Der schwarze Mann und andere Sachen: Diese wenig bekannte Struwwelpeteriade von A(nton Alfred) Noder, die vermutlich 1897 bei Seitz & Schauer erschienen ist, macht durch die Beifügung "um böse Kinder brav zu machen" den 'pädagogischen' Anspruch der Straf- und Warngeschichten in der Nachfolge des Struwwelpeter deutlich. Dabei werden Kindern Unfälle als Folge von Ungehorsam, selbstverschuldetes Ungemach oder 'erzieherische' Bestrafung angedroht, nicht selten wird aber auch mit einer mystischen Schreckgestalt gearbeitet, wie beispielsweise dem Mummelsack, dem schwarzen Mann oder auch schon bei Hoffmann dem daumenabschneidenden Schneider.

Im schwarzen Mann sind enthalten: 'Kletterfritz', 'Der Tapetenhans', 'Der Edi, der seinen Brei nicht essen wollte', Der Gustl und die Resi, die immer gestritten haben', 'Die Emma, die immer im Wässerlein herumpanscht', Die Annerl, die nie ins Bettchen gewollt', Der Nikolaus, der alles in den Mund genommen hat', Das Mariechen, das nie die Tür zugemacht hat', 'Der Toni, der sich beim Spazierengehen nicht führen ließ'.

Das Pfützenfritzchen (Bild ganz links) ist im gleichnamigen Verlag um 1917, also während des Ersten Weltkrieges - wie auch die bombenwerfenden Flugzeuge auf dem Titelbild belegen - erschienen und enthält die üblichen Episoden, wie 'Der Lügenfranz', 'Der Nimmersatt', Der Nasenbohrer', Die Patschliese', u.a.

Der Globus Verlag, Berlin brachte um 1905 Der Tiftel-Max und andere Geschichten von Wilhelm Erdmann heraus.
Der recht aufwändig gestaltete Band besticht durch seinen dem Jugendstil zuzuordnen Buchschmuck.

Ebenfalls sehr schöne Jugendstilillustrationen enthält eine andere bekannte Struwwelpeteriade: Der gute Doktor.

Der gute Doktor des Münchner Sanitätsrates und Schriftsteller Max Nassauer (1869-1931) gilt als erstes Kindersachbuch, das sich mit Gesundheit und Krankheit befasst und in den Mittelpunkt den gestrengen, aber guten Arzt stellt, der für solche Kinder wie 'Pfützenpanscher', 'Kernschlucker', und andere, die durch Ungehorsam und Unvernunft krank wurden, Rat weiß.
Das Erzählschema folgt dem bewährten und den Kindern vertrauten Vorbild des Struwwelpeter. In Episoden wie 'Der böse Ernst, der sich nicht in den Hals sehen ließ' oder 'Die brave Rosi, die sich in den Hals sehen ließ' wird den Kindern klar gemacht, dass sie bei sonst unangenehmen Folgen den ärztlichen Anweisungen zu gehorchen haben. Andere Geschichten, wie die von der 'gebrannten Nora' stehen direkt in der Tradition der Warngeschichten, wie wir sie in allen Struwwelpeteriaden finden.
Erschienen ist das Buch erstmals 1908 und erlebte mehrere Neuauflagen. Die Illustrationen stammen von dem Architekten Hellmut Maison. Bekannt geworden ist die Abbildung oben Mitte, in welcher der Zeichner in ironischer Weise zeitgenössische Zeitschriften mit einer idealtypischen Jugendstileinrichtung zitiert.

Oben links: Der Kleckerklaus , Struwwelpeters kleiner Bruder und andere Geschichten, von Ilse Linck, mit den Illustrationen von Erika Walter wurde 1939 bei Gerhard Stalling verlegt.

Oben Mitte und rechts: Die Zündholzspieler von Herbert Jeschke und Heinrich Specht, 1948, ist 'eine Struwwelpeteriade im blutdrünstigen Bänkelsängerton, in der Einstellung gegenüber Kindern schon ziemlich sadistisch' (Bilderwelt).

Links: Der Rollerwilly, Bilder und Verse für kleine Straßensünder, von Hans Pruckner aus dem Jahre 1934. 'Eine deprimierende Struwwelpeteriade, in der andauernd kleine Kinder überfahren werden' (Bilderwelt).

Struwwelpeteriaden im Dienste der Verkehrserziehung findet man relativ häufig. Ein frühes Beispiel ist: Guck’ dich um! Des Kindes Warnungsengel im Straßenverkehr. von Hagemann, mit Illustrationen von Edmund Edel, erschienen um 1910: Enthält Episoden wie: 'Vom eigensinnigen Franz, der sich losreißt', 'Das böse Anhängen', 'Das unvorsichtige Lieschen', u.a.
Entgegen der Ankündigung ' Ein lustiges Versbüchlein' kommt wenig Heiterkeit auf, wenn sich die Eltern eines getöteten Knaben mit den Worten trösten: "Willi hatte selber Schuld".

Kinder, gebt acht! von Ruth Raaf und Therese Wolf, Bilder von Christl Schwind, ist eine 1951 im Verlag für Jugend und Volk in Wien erschienene Verkehrsfibel, die zum Unterrichtsgebrauch in Volksschulen zugelassen war. Die enthaltenen Episoden wie: 'Bestrafte Neugierde', 'Die schlimmen Brüder', Freddy der Faulpelz', 'Liesel-Guck-in-die-Luft', u.a. stehen in der Tradition der Hoffmannschen Warngeschichten und lehnen sich auch mit ihren Versen an das Hoffmannsche Vorbild an (links).
In der Geschichte vom 'fremden Mann' werden Mädchen davor gewarnt mit fremden Männern mitzugehen.

Solche Warnungen, mit Fremden mitzugehen, findet man öfter in Struwwelpeteriaden (vgl. Teil2: 'Der Struwwelpeter heute', oder 'Jutta und der Schokoladenonkel und 7 andere gefährliche Geschichten', 1962). Die konkrete Gefahr, die dabei droht, wird nie erklärt, sondern 'der Fremde' zu einer Art Kinderschreckfigur gemacht, indem darauf hingewiesen wird, dass die unvorsichtigen Kinder nie wieder kamen, nie mehr gesehen wurden, usw.

Auch autoritäre Regime bedienten sich des Vorbildes der Hoffmannschen Geschichten um ihre Erziehungsideale unter die Kinder zu bringen. Der Kleckerklaus (vgl. oben) und sein Bruder, der Struwwelpeter waren so garstig, dass die anderen Kinder nicht mit ihnen spielen wollten. Daraufhin besserten sie sich und wurden zu ordentlichen (deutschen) Knaben.

Bild links: Vom Peter, der nicht turnen wollte, Text und Bilder von Dörte Guyot, Flechsig-Bilderbücher, undatiert, vmtl. um 1940. Der Text zu dem Bild lautet auszugsweise: "...Am Zaune hängen stolz die Sieger / Und lachen über diesen Krieger. / Der Mann lacht auch: 'Mein kleiner Mann, Soldat wird nur, der turnen kann!' / Da muß der Peter eingestehen: / Die Mutter hats vorausgesehen! "
Das entsprach dem Erziehungsideal jener Zeit: Knaben sollten durch körperlich Ertüchtigung schon früh auf den Militärdienst vorbereitet werden.
Auf eine einzige Episode reduziert, zitiert dieses Buch sowohl vom Namen des Titelhelden als auch vom Aufbau der Geschichte her unverkennbar den Struwwelpeter.
Bild rechts: Vom Peter, der sich nicht waschen wollte, wurde 1951 im Kinderbuchverlag Berlin (DDR) veröffentlicht. Unter Entlehnung von Hoffmannschen Motiven wird den Kindern Reinlichkeit nahegebracht, was nicht nur als allgemeines, sondern geradezu als sozialistisches Erziehungsideal verstanden und auch so dargestellt wird.

Auch Erich Kästner folgte in seinem 1931 bei Williams & Co. in Berlin erstmals veröffentlichten Kinderbuch Das verhexte Telefon den Spuren des Struwwelpeter. Es handelt sich um eine Sammlung von sieben moralisierenden Geschichten über Kinderstreiche und ihre Folgen für die Übeltäter. In humorvoller Weise, ergänzt durch die kongenialen Zeichnungen von Trier, variiert Kästner die Hoffmannschen Ermahnungen. Da ist beispielsweise die Ursula, die dem Luftballonverkäufer "Doch der wackelte schon bedenklich, / denn er war vom Trinken kränklich" die Luftballons klaut und von ihnen nach Afrika getragen wird, wo sie in die Hände von "Negern" fällt: "Anfangs wollten sie sie braten. / Welches Glück, dass sie's nicht taten. / König Wum nahm sie zur Frau. / (Doch das weiß man nicht genau.) "
Abbildung links: © Atrium Verlag Zürich; Lizenzausgabe Büchergilde Gutenberg


Fritz und Franz die bösen Buben von Berlin von Conrad Martin Schmidt und Adolf Steinmann mit Bildern von Paul Haase erschienen 1903 im Globus-Verlag, Berlin.

"In der Welt, an allen Orten, / Giebt es Kinder zweier Sorten: / Numro eins, das sind die lieben, / Die die Eltern nie betrüben; / Numro zwei, das sind die Sünder, Uns're ungezognen Kinder. / Art'ge Kinderchen zu haben, Ist von allen Gottesgaben / Für ein braves Elternpaar / Wohl die schönste, das ist klar."
Fritz und Franz gehörten nicht zu den artigen Kindern und sie wurden für eine Reihe von Lausbubenstreichen wahrhaftig schrecklich bestraft, indem sie, nachdem sie im Zoo von einem wütenden Affen, den sie geneckt hatten, verletzt worden waren, von ihrem Vater in Fürsorgeerziehung gegeben wurden.
In formaler Hinsicht steht dieses Buch an der Grenze zu den sogenannten Buschiaden, besser gesagt zu den Geschichten die in der Nachfolge von Max und Moritz erschienen sind. Es scheint zwischen dem 'Struwwelpeter' und 'Max und Moritz' ja auch eine Art Verwandtschaft zu bestehen. Denn 'Max und Moritz' beginnt bezeichnenderweise mit den Worten "Ach was muss man oft von bösen Kindern hören oder lesen..." und die Struwwelpeteriaden haben es sich zum Ziel gesetzt "Böse Kinder brav zu machen" (vgl. oben: 'Der schwarze Mann'). Folgerichtig wurden diese beiden Bilderbuchtypen in der vielzitierten Bibliographie über Struwwelpeteriaden und Max-und-Moritziaden von Reiner Rühle unter dem Titel "Böse Kinder" zusammengefasst.
Dennoch ist die Verwandtschaft sehr entfernt. Die Struwwelkinder sind meist nicht 'böse', einmal abgesehen von solchen Burschen wie dem Friederich, sondern eher unvernünftig, weil sie ungehorsam sind, und kommen auf diese Weise zu Schaden. Der erzieherische Aspekt steht bei ihnen im Vordergrund und sie können einem nur leid tun, für das Ungemach, das sie erleiden müssen.
Max und Moritz (und die meisten ihrer Nachfolger) sind da aus einem anderen Holz geschnitzt. Sie stammen nicht aus der pädagogischen Ecke der Kinderliteratur, sondern sind Geschöpfe der humoristischen Zeichnungen und Geschichten, wie sie zur Zeit ihres Entstehens, 1865, in den verschiedensten Zeitschriften sehr beliebt waren, und als deren Großmeister sich Wilhelm Busch erwies. Sie wurden geschaffen um die Leser durch ihre Streiche zu erheitern und wenn zu ihrem unvermeidlichen Ende " Selbst der gute Onkel Fritze / Sprach: „Das kommt von dumme Witze!“ –", fehlt doch ein ernst zu nehmender erhobener Zeigefinger.

Die Struwwelpeteriaden, die ich vorgestellt habe, sind nur eine kleine Auswahl aus der Vielzahl von Kinderbüchern und auch solchen, die für Erwachsene bestimmt sind, die in der Tradition des Struwwelpeter stehen. Die Grenzen sind oft fließend und in den meisten Bibliographien, die sich dieses Themas annehmen, versucht man Kategorien zu schaffen, um etwas Ordnung in diese Vielfalt zu bringen, indem man von struwwelpeternahen- und fernen Struwwelpeteriaden, Einzelstruwwelpeteriaden, Tierstruwwelpeteriaden usw. spricht.

Zuletzt soll ein berühmtes Kinderbuch erwähnt werden, dass man üblicherweise nicht zu den Struwwelpeteriaden zählt, weil die zur Abschreckung dienende Unvermeidlichkeit der Strafe für Ungehorsam relativiert wird : Franz Karl Ginzkey's Hatschi Bratschis Luftballon.

Es spielt der kleine Fritz allein
Auf grüner Flur im Sonnenschein.
Er springt vergnügt im Gras umher
Und denkt an nichts und freut sich sehr. Wie sprach die Mutter? Liebes Kind,
Sei brav, wie andre Kinder sind,
Und bleibe schön bei mir zu Hause.
Er aber lief zur Tür hinaus.
Er achtet nicht der Mutter Wort,
Läuft auf die grüne Wiese fort.
..Der böse Hatschi Bratschi heißt er,
Und kleine Kinder fängt und beißt er.
O Fritzchen, Fritzchen, lauf davon,
Sonst kommst du in den Luftballon. Ach Hatschi Bratschi hat ihn schon!
Er hat ihn schon und hält ihn fest,
Weil er mit sich nicht spaßen läßt....
Da hilft kein Schrei'n und Weinen,
Kein Strampeln mit den Beinen!...

Die Geschichte beginnt, so wie viele andere Warngeschichten in struwwelpeterischer Art auch, mit einer mütterlicher Warnung, die missachtet wird, worauf unverzüglich die Strafe folgt. Eine Kinderschreckgestalt in Person eines kinderbeißenden- und verschleppenden Zauberers kommt in seinem Luftballon angefahren und nimmt den kleinen Fritz mit. Damit könnte die Geschichte aus sein und würde zu recht zu den Struwwelpeteriaden gezählt werde. Missachtete Warnung, kindlicher Ungehorsam und Strafe sind hinlänglich dargestellt. Nicht so bei Ginzkey. Denn alle Gefahren, die Fritzchen drohen und alle Schreckgestalten, die ihm begegnen, vermögen ihm nichts anzuhaben und erledigen sich von selbst. Der böse Zauberer fällt aus seinem eigenen Luftballon und ersäuft in einem Brunnen. Die nicht minder böse Hexe Kniesebein, die sich an den Ballonkorb hängt, verbrennt in einem makabren Tanz auf einem Fabrikschlot, die Menschenfresser (in jüngeren Versionen Affen), die Fritzchen fangen wollen, stürzen ins Meer.

Am Ende befreit der kleine Fritz alle Kinder, die (wahrscheinlich weil sie auch ungehorsam waren) von Hatschi Bratschi gefangen und in seinem Schloss eingesperrt worden waren, und kehrt mit ihnen wohlbehalten nach Hause zurück.

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