Das Buch zum Thema:
Der muss haben ein Gewehr: Krieg, Militarismus und patriotische Erziehung in Kindermedien
Leseprobe, Bezugsmöglichkeiten

Kinder und Propaganda
2)

Das Kinderbuch im Dritten Reich

Vorbemerkungen

Dieser Artikel schließt an die Darstellung der kinderorientierten Kriegspropaganda des ersten Weltkrieges an und beschäftigt sich (unter weitgehender Ausklammerung der sogannten Jugendbücher) mit Kinderbüchern im engeren Sinn, also solchen, die für Kinder bis etwa 10 Jahren bestimmt waren.

Als Drittes Reich wird in der deutschen Geschichte der Zeitabschnitt der nationalsozialistischen Herrschaft von 1933 (die sogenannte Machtergreifung) bis 1945 (Ende des zweiten Weltkrieges) bezeichnet. Österreich war erst seit dem sogenannten Anschluss (1938) Bestandteil des Deutschen Reiches.

Ich verzichte ganz bewußt auf eine den Rahmen des gewählten Themas sprengende Darstellung der politischen und ideologischen Entwicklung, weil ich davon ausgehen darf, dass der interessierte Leser darüber hinlänglich Bescheid weiß und sich im Internet unzählige Seiten dazu finden, wobei sich für den Einstieg vor allem die einschlägigen Artikel bei Wikipedia eignen.

Das in diesem Artikel verwendete Bildmaterial wird ausschließlich zu themenbezogenen Dokumentationszwecken und unter ausdrücklicher inhaltlicher Ablehnung der nationalsozialistischen Inhalte veröffentlicht. Bilder verpönten Inhaltes wurden mit zwei sich kreuzenden Balken versehen, die zwar die Betrachtung nicht allzusehr stören, einer mißbräuchlichen Weiterverwendung aber hinlänglich entgegenstehen.

Sammlerhinweise: Kinderbücher (für Kinder bis etwa 10 Jahren) aus der Zeit des Dritten Reiches enthalten weit weniger eindeutige Bezüge auf die nationalsozialistische Ideologie, als man erwarten möchte. Am ehesten findet man für diese Altersgruppe nationalsozialistisches Gedankengut in den Schulbüchern. Zwar wurden die meisten dieser Bücher nach dem Krieg gründlich entsorgt, aber man kann sie noch bekommen, wenngleich sie etwas teurer sind: Einerseits, weil sie seltener sind als Schulbücher aus anderen Geschichtsepochen, andererseits, weil sie auch von Devotionaliensammlern des Drittes Reiches nachgefragt werden. Viele Antiquariate bieten solche Bücher nicht öffentlich bzw. nur unter ausdrücklicher inhaltlicher Distanziereung an, um Beanstandungen zu vermeiden. In Österreich etwa ist die Rechtslage so, dass selbst dann, wenn die Staatsanwaltschaft keinen Grund für eine strafgerichtliche Verfolgung wegen Verstoßes gegen das Verbotsgesetz findet (weil es am deliktstypischen Vorsatz mangelt), auch schon die bloß fahrlässige Verbreitung nationalsozialistischen Gedankengutes als Verwaltungsunrecht mit Geldstrafe geahndet wird.
Finden Sie ein Volksschulbuch aus der Zeit zwischen etwa 1935 und 1945, hauptsächlich eine Fibel. ein Lese- oder Rechenbuch, können Sie mit einiger Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass darin auch Nationalsozialistisches vermittelt wird. Werden solche Bücher beschädigt, mit fehlenden Seiten angeboten, fehlen meist jene Seite, die eindeutige Bezüge auf den Nationalsozialismus enthielten, weil sie nach dem Krieg herausgetrennt wurden.

Wenn Sie als Sammler von Schulbüchern auf unkomplizierte Weise nur einzelne, nicht spezielle Belegexemplare aus jener Zeit erwerben wollen, können Sie mit etwas Geduld und zu halbwegs moderaten Preisen bei Ebay fündig werden, wobei wegen der diesbezüglich strengen Ebay- Richtlinien oft nur das Erscheinungsjahr auf den (wahrscheinlichen) Inhalt hinweist.

Versucht man, um eine inhaltliche Gliederungen zu erreichen, die Kinderbücher aus der Zeit des Dritten Reiches thematisch zu ordnen, bieten sich vier Gruppen an:

  • Die Schulbücher, die Musterbeispiele an politischer Indoktrination von Kindern sind.

  • Die Kriegsbilderbücher, die hauptsächlich nach Kriegsausbruch erschienen sind, formal in der Tradition der Kriegsbilderbücher des ersten Weltkrieges stehen, aber nicht deren Verbreitung fanden.

  • Produktionen parteinaher Verlage, die auf dem Gebiet des Kinderbuches selten, dafür aber oft von stark antisemitischen Tendenzen geprägt sind.

  • Produktionen privater Verlage, die den wesentlichsten Anteil der damals erschienen Titel der Gattung 'Kinderbuch' ausmachen und überwiegend ideologisch unbelastet sind.


  • Die Schulbücher

    Die Erziehungspolitik des nationalsozialistischen Staates stellte darauf ab, die Jugend umfassend und ohne Spielraum für abeichende Tendenzen im Sinne des Nationalsozialismus zu prägen. Erziehungsziele waren die Ausbildung eines starken Gemeinschaftsgeistes, unbedingtes Vertrauen in die politische Führung, insbesondere absolute Loyalität gegenüber dem 'Führer' Adolf Hitler, Gesundheit und körperliche Leistungsfähigkeit mit soldatischen Aspekten, sowie die Förderung von Willensstärke und der Bereitschaft Verantwortung im Rahmen der politisch vorgegeben Ziele zu übernehmen. Die theoretisch-wissenschaftliche Ausbildung wurde demgegenüber als zweitrangig angesehen. Auch die nationalsozialistische Ideologie selbst wurde in der Jugenderziehung auf stark vereinfachte Grundpositionen reduziert, die in der Regel unter dem gruppendynamischen Druck der allgegenwärtigen Jugendorganisationen kritiklos und ohne sie zu hinterfragen übernommen wurden.

    Die organisatorische Basis für diese Erziehungspolitik bildete die Hitlerjugend (HJ).
    1926 gegründet und in der Weimarer Republik nicht sehr bedeutend wurde sie nach der Machtergreifung 1933 durch das Verbot sämtlicher konkurrierender Jugendverbände zur umfassenden Staatsjugend. Seit dem "Gesetz über die Hitler-Jugend" vom 1. Dezember 1936 bzw. der Einführung der "Jugenddienstpflicht" 1939 bestand praktisch eine Zwangsmitgliedschaft für alle 14 bis 18jährigen. Das Deutsche Jungvolk (DJ) erfaßte die 10- bis 14jährigen Buben, die eigentliche HJ die 14- bis 18jährigen männlichen Jungendlichen.
    Parallel dazu waren auch die Mädchen in der HJ organisiert. Im Jungmädelbund (JM) wurden die 10- bis 14jährigen und im Bund Deutscher Mädel (BDM) die 14- bis 18jährigen zusammengefasst.

    In den Jugendorganisationen wurde konsequent das Konzept 'Jugend führt Jugend' verwirklicht. Die einzelnen Untergruppen wurden von erprobten, ideologisch gefestigten Mitgliedern geführt, die nur wenig älter als die ihnen anvertrauten Gruppenmitglieder waren. Dadurch wurde eine hochwirksame Vorbildkaskade gebildet, die weitgehend das für Jugendliche typische Phänomen der Auflehnung gegen eine erwachsenendominierte Erziehung vermied und gleichzeitig - bei den Buben durchaus schon mit Blick auf eine künftige militärische Verwendung - die Bereitschaft stärkte, Führungsaufgaben zu übernehmen.

    Aufgabe der Volksschule war es, die 6 bis 10jährigen auf den Eintritt in die HJ vorzubereiten, die wesentlichsten, dort perfektionierten Erziehungsideale vorzugeben und in kindergerechter Form vorzubereiten. Dazu gehörte vor allem das Einlernen von Ritualen wie Hitlergruß, Fahnenappelle und dergleichen. Hitlerbilder, Fahnen und Hakenkreuze waren allgegenwärtig und stets auch der Hinweis auf die HJ als nächste erstrebenswerte Erziehungsinstanz.
    Die bisweilen geäußerte Ansicht, die besonders für Leseanfänger bestimmten, reich bebilderten Schulbücher des Dritten Reiches seien ideologisch eher neutral, weil sie in ihren Bildern doch nur das zeigten, was die Kinder auch sonst im täglichen Leben sahen, aber keine ideologischen Grundsätze vermittelten, stimmt meiner Meinung nach nicht. Es trifft schon zu, dass sich eine ausgesprochen ideologische Indoktrination erst in den Schulbüchern für ältere Kinder findet, wobei vor allem die Betonung auf den 'deutschkundlichen Fächern' wie Deutsch, Geschichte (besonders deutsche-germanische Frühgeschichte) und Geografie lag und auch rassistische Elemente in den Vordergrund traten.
    Allerdings waren Volksschüler für solche Themen noch zu jung. Auf der anderen Seite sind gerade Kinder auch noch der Altersgruppe 6-10 Jahre für Rituale, die eine oft als befremdlich und beängstigend empfundene Umwelt strukturieren und ein gewisses Gefühl der Sicherheit vermitteln, besonders empfänglich. So gesehen kann das von den Nationalsozialisten eingeführte Erziehungssystem trotz organisatorischer Defizite auf dem Gebiet der Ausgestaltung von Volksschulbüchern als lückenlos bezeichnet werden.
    Damit es so auch funktionierte, war natürlich die Mitarbeit der Lehrer erfoderlich, die aber nach entsprechenden Säuberungen nahezu zu 100% dem NS-Lehrerbund (NSLB) angehörten.
    Obwohl Schulbücher eine wesentliche Rolle dabei spielten, gab es keine detaillierten inhaltlichen Richtlinien, wie Schulbücher für Volksschulen gestaltet sein sollten. Es wurde lediglich beobachtet, ob diese Bücher den Erziehungszielen der Nationalsozialisten entsprachen und ab 1939 ein diesbezügliches Genehmigungsverfahren eingeführt. Versuche reichseinheitlich gestaltete Schulbücher einzuführen scheiterten zunächst an Konflikten verschiedener Dienststellen, welche die Kompetenz dafür in Anspruch nahmen, und kamen im Zuge der Kriegsereignisse weitgehend zum Erliegen. So blieb es letztlich den Schulbuchverlagen und den regionalen Schulbehörden überlassen, in welchem Umfang und auf welche Weise nationalsozialistisches Gedankengut über die Schulbücher für Schulanfänger transportiert wurde.

    Wie viele verschiedene, oft auf einzelne Regionen bezogene Ausgaben an Fibeln, Lesebüchern und Rechenbüchern für Volksschulen es gab, kann ich nicht sagen, es dürften aber nach dem Inhalt von Bibliotheksverzeichnissen Hunderte gewesen sein.
    Der Anteil an direkter nationalsozialistischer Propaganda war dementsprechend unterschiedlich, beschränkte sich meist aber nur auf wenige Seiten. Im Übrigen wurde eine heile, heitere Kinderwelt dargestellt.
    Soweit nationalsozialistische Propaganda betrieben wurde, bildeten sich aber gewisse Themen und Darstellensweisen heraus, die sich in den meisten Schulbüchern wiederfinden.


    Bild links: Aus Rechenbuch für Volksschulen, Ostmark, Wien 1942.
    So sollte also das idealtypische deutsche Klassenzimmer aussehen. Nach dem Krieg wurden die Abbildungen - darunter auch die links gezeigte - für neue Rechenbücher verwendet. Nur das Hakenkreuz hatte man natürlich von der Wand genommen und der Zeichner - Ernst Kutzer - wurde nicht mehr genannt. Er war nämlich (vorübergehend) in Ungnade gefallen, weil er 'Nazibücher' illustriert hatte.

    Drei typische Seiten aus Lesefibeln für Schulanfänger.
    Links: Rheinische Kinder, ein Lesebüchlein für kleine Leute; ca 1935
    Mitte: Groß-Berliner Fibel, erstes Lesebuch für Kinder; ca 1935
    Rechts: Mein Buch zum Anschaun, ca 1941; Die Zeichnungen stammen von Ernst Kutzer. Man muss sich vorstellen, wie das im Unterricht funktioniert hat, wenn die Kinder im Chor buchstabierten: "Sieg Heil! Sieg Heil! Sieg Heil!" und so, gleichzeitig die Hakenkreuzfahne vor Augen, schon im ersten Schuljahr zu geläufigen 'Sieg Heil' - Schreiern erzogen wurden.

    Oben links: Neben den 'Heil'-Rufen wurde den Kindern auch schon im ersten Schuljahr der 'deutsche Gruß' beigebracht.
    Oben Mitte: Aus Fibel für Hilfsschulen; Illustrationen von Ernst Kutzer. Oben rechts: Abbildung aus der Lesefibel Für kleine Leute.
    Zu den Bildern oben Mitte und rechts: Im Dritten Reich wurden ständig Straßensammlungen veranstaltet, von denen die bekanntesten jene des Winterhilfswerkes waren. Meist wurden diese Sammlungen von Kindern und Jugendlichen (Angehörigen der HJ) durchgeführt. Bereits Volksschülern wurde die Teilnahme an diesen Sammelaktionen nahe gelegt. Dadurch wurden die Kinder angehalten, sich im offiziellen Rahmen an parteinahen Aktivitäten zu beteiligen und sich als Mitglieder einer Volks- und Hilfsgemeinschaft zu erleben. Teilweise waren die Sammelmethoden - entsprechend der propagierten 'Pflicht' zu spenden - recht rüde, bis hin zu 'Straßensperren', damit sich niemand entziehen konnte. Wer gespendet hatte, bekam ein kleines Abzeichen von denen es insgesamt an die 8000 verschiedene gegeben haben soll und die auch heute noch gesammelt werden (Bild links).

    Die Abbildungen oben stammen aus der Fibel für Schulanfänger Wir fangen an, Berlin 1943.
    Links: Den Kindern wird der 'deutsche Gruß' vor einer Hakenkreuzfahne beigebracht.
    Rechts: Der Turnunterricht mit militärischen Übungen wurde schon in der Volksschule sehr wichtig genommen.

    Der Kaiser ist ein lieber Mann und wohnet in Berlin, und wär es nicht so weit von hier, so lief ich heut noch hin und was ich bei dem Kaiser wollt, ich reicht ihm meine Hand und reicht die schönsten Blumen ihm, die ich im Garten fand und sagte dann: "Aus treuer Lieb bring ich die Blumen dir", und dann lief ich geschwind hinfort und wär bald wieder hier.

    Im zweiten deutschen Kaiserreich wurde Kaisers Geburtstag als Staatsfeiertag gefeiert und damit sowohl nach Innen als auch nach Außen augenfällig die Einheit des Reiches unter einer zentralen Führung zum Ausdruck gebracht.
    Im dritten Reich wurde diese Propaganda in Bezug auf den 'Führer' Adolf Hitler übernommen und findet sich in zahlreichen Schulbüchern.

    Die Abbildungen stammen gleichfalls aus der Fibel für Schulanfänger Wir fangen an.
    Bereits ab dem ersten Schuljahr wurde dem Führerkult breiter Raum gewidmet. Dabei werden in den Lesefibeln oft die Eltern als Gewährsleute zitiert. "Heute ist Hitlerwetter sagt der Vater"; "Die Mutter macht Vaters SA-Uniform wie neu"; "Der Vater erzählt vom Führer" usw. Man kann davon ausgehen, dass das nicht nur ein bloßes Erzählschema war. Die Frage des Lehrers: "Bei Dir zuhause ist es doch sicher auch so?.." ist allzu naheliegend und macht deutlich, wie der politische Meinungsdruck über die Kinder in die Familien getragen wurde.

    An dieser Stelle darf ich mich für die freundliche Erlaubnis bedanken, zu den zitierten Fibeln Wir fangen an und Für kleine Leute. (oben links und Mitte) Bildmaterial der Kinderbuchantiquariatsseite von www.mikevienna.at zu verwenden.
    Abbildung oben rechts: Rechenbuch für die bayrischen Volksschulen. Der 'Führer' liebt Kinder. Adolf Hitler wird in den Schulbüchern für Schulanfänger regelmäßig als gütiger Übervater dargestellt.

    Abbildung links oben: Fröhlicher Anfang - Ausgabe für Thüringen, 1942
    Abbildung oben Mitte aus Jung-Deutschland-Fibel, 1935, erarbeitet vom Nationalsozialistischen Lehrerbund.
    Abbildung rechts oben aus der Rolandsfibel

    Die Methode der gezielten propagandistischen Beeinflussung von Kindern wird im Vorwort zur Fibel Fröhlicher Anfang, Ausgabe A, 1935 so umschrieben:
    Wenn die Fibel ein Kinderbuch sein will, dann muß sie dem Kindesleben, das sie gestaltet, unmerklich und ohne Aufdringlichkeit einen Wertgehalt in die Seele gießen, der dem Werden des deutschen Menschen dient..
    Im Vorwort zu Niedersächsische Fibel, 1935 heißt es:
    ...Die Aufgabe der deutschen Zukunft wird gelöst, wenn wir den neuen deutschen Menschen geschaffen haben. An die Stelle der Allgemeinbildung muß die nationalsozialistische Erziehung treten...

    Bild oben links aus Deutsche Kinderwelt ,1942; rechts aus Deutsche Jugend, eine Heimatfibel für Stadt und Land; 1934

    Die Bilder gleichen sich. Man kann davon ausgehen, dass bereits ab Mitte der 30er Jahre fast sämtliche Schulbücher für Schulanfänger, also hauptsächlich Lesefibeln und Rechenbücher mit nationalsozialistischen Parolen durchsetzt waren.

    Bild links aus Gute Kameraden, 1935: Kinder und SA - Männer sammeln für das Winterhilfswerk.
    Die konsequente Wiederholung der gezeigten Themen in fast sämtlichen mir zugänglich gewordenen Schulbüchern für Schulanfänger aus jener Zeit macht deutlich, dass bereits ab dem ersten Schuljahr eine planmäßige und lückenlose Abrichtung der Kinder im Sinne des nationalsozialistischen Systems stattfand. Das Fehlen detaillierter staatlicher Richtlinien für die Gestaltung von Schulbüchern für Schulanfänger schadete dabei offensichtlich nicht. Verlage und Lehrer wussten schon von selbst, was von ihnen erwartet wurde.

    Oben: Von Drinnen und Draußen, Ein Lesebuch für die Kleinen, Verlag Moritz Disterweg, 1935.
    Anders als die Einbandzeichnung vermuten läßt, handelt es sich um ein nett gemachtes Lesebuch für den Anfangsunterricht, in dem sich erst ab Seite 68 beginnend mit dem mittleren Bild oben plötzlich ganz massive nationalsozialistische Propaganda findet, die auf Seite 72 mit einem Gedicht über den Dackel Waldi ebenso apprupt endet und wie ein Fremdkörper in dem Buch wirkt. Man merkt deutlich das Bemühen des Verlages, den geänderten politischen Anforderungen an ein Schulbuch irgendwie gerecht zu werden.

    Die Abbildungen oben sind aus dem Rechenbuch für Volksschulen, Ostmark für die erste Klasse, Wien 1942; Illustrationen: Ernst Kutzer.
    Neben den bisherigen Themen, wie fröhliche Kinder in Parteiuniformen (links oben bei einer Straßensammlung) hinterließ auch der Krieg seine Spuren in den Schulbüchern. Die Kinder lernten jetzt Soldaten, Panzer, Flugzeuge und Munitionsvorräte zu zählen.
    Abbildungen unten aus Rechenbuch für Volksschulen, Köln/Aachen

    Bei uns in Wien

    Lesebuch für die ersten Klassen der Volksschulen des Reichsgaues Wien; 2 Teile, Winterbuch und Sommerbuch; Deutscher Verlag für Jugend und Volk, Wien, 1942,1943
    Diese grafisch sehr ansprechend gestaltete Lesefibel für Schulanfänger in zwei Bänden ist ein Musterbeispiel für die massive politische Indoktrination von Schulkindern. Bereits von den ersten Seiten an ist regelmäßig Propagandamaterial in Form von Bildern und Lesestücken eingestreut.

    Oben rechts: Am Anfang des Buches, dort wo in der Monarchie in österreichischen Schulbüchern üblicherweise ein Bild des Kaisers war, findet sich jetzt ein Hitlerbild.
    Unten links: Bereits das erste Bild ist Programm. Aus dem Halbdunkel treten die Kinder in den sonnendurchfluteten, mit einer Hakenkreuzfahne geschmückten Klassenraum.
    Unten mitte: Ein Hitlerjunge schlichtet in besonnener Weise den Streit zwischen zwei Buben.
    Unten rechts: Ein kleines Mädchen legt eine Blume auf das Grab Otto Planettas. Planetta wurde 1934 hingerichtet, weil er im Zuge eines gescheiterten nationalsozialisten Putschversuches in Wien den österreichischen Bundeskanzler Dollfuß erschossen hatte.

    Unten links: Der erste Mai: "Deutsche Arbeiter! Der Führer ruft euch alle. Steht zusammen allezeit für Deutschlands Ehr' und Einigkeit"
    Unten mitte: Zeltlager der Hitlerjugend
    Unten rechts: So wie der erste Band mit einem Hitlerbild begonnen hatte, endet der zweite Band, am Ende des ersten Schuljahres mit dem Gedicht: "Wie uns der Führer gern will haben". Das Gedicht "Ein schöner Traum", in dem sich ein Kind wünscht dem 'Führer' persönlich zu begegnen, erinnert stark an ähnliche Gedichte, wie wir sie aus der Monarchie kennen; zB.: "Der Kaiser ist ein lieber Mann.."
    Nach meiner Einschätzung ist dieses zweibändige Lesebuch für den Anfangsunterricht aus Wien eines der raffiniertesten Propagandawerke seiner Art. Es ist schön gemacht, weist viele lokale, den Kindern vertraute Bezüge auf und ist durchgehend mit Propagandamaterial durchsetzt. Dadurch unterscheiden sich diese Büchern von anderen Fibeln der Zeit, die früher entstanden sind, und wo man in Vorlagen aus der Weimarer Republik nationalsozialistische Bezüge oft willkürlich eingefügt hatte. In "Bei uns in Wien" wird bereits eine in die nationalsozialistische Gesellschaftsordnung völlig integrierte, fröhliche heile Kinderwelt gezeigt, über die der 'Führer' als gütiger Übervater wacht. Hinweise auf die Kriegserreignisse (die beiden Bände stammen immerhin aus 1942 und 43) fehlen völlig.

    Vorsatz der Bücher: Das mit Hakenkreuzfahnen geschmückte Parlament am Ring in Wien wird als Gauhaus der N.S.D.A.P gezeigt.

    Es finden sich auch (seltene) Hinweise darauf, dass die Gestalter von Schulbüchern für Schulanfänger einen gewissen Spielraum hatten, was die Parteipropaganda anlangte. Ein Beispiel dafür ist das Rechenbuch für die westliche Kurmark, Ferdinand Hirt und Sohn, 1937, das vermutlich auch in anderen Regionen Verwendung fand.
    Die ersten beiden Seiten illustrieren das geschlechtstypische Rollenbild im Sinne der herrschenden Ideologie. Der Knabe spielt mit Spielzeugsoldaten, zählt Kriegsgerät und bereitet sich so auf spätere Aufgaben als Soldat vor, das Mädchen spielt mit Puppen, zählt Geld und bereitet sich auf ihre Zukunft als Hausfrau und Mutter vor. Das ist aber alles.
    Die Bildseiten des Büchleins sind im übrigen völlig frei von allem, was man als propagandistisch werten könnte. Lediglich bei den nichtillustrierten Textbeispielen werden in beiläufigen Weise Hakenkreuzwimpel (für die unvermeidliche Schulbeflaggung) und Parteiformationen gezählt.
    Letztlich rufen die Kinder auch nicht 'Heil', wie wir es aus anderen Schulbüchern dieser Zeit kennen, sondern begnügen sich mit einem 'Hei' (bloß weil es sich besser auf 'dabei' reimt?). Schwer vorzustellen, aber man hat den Eindruck dass die Gestalter dieses Buches zwar den zeitgemäßen gesellschaftlichen Traditionen folgten, eine nationalsozialistische Parteipropaganda aber bewusst vermieden.

    Das Rechenbuch für Bayern zeigt hingegen bereits auf dem Cover das Hakenkreuz.

    Die Kriegsbilderbücher

    Unter Kriegsbilderbücher versteht man miliitaristische und kriegsverherrlichende Bilderbücher, die für Kinder bestimmt sind, sich bisweilen aber gleichermaßen an Heranwachsende richten.
    Die Kriegsbilderbücher des Dritten Reiches knüpfen an die Tradition der im wilhelminischen Deutschland, insbesondere während des ersten Weltkrieges stark verbreiteten Kriegsbilderbücher an, unterscheiden sich aber deutlich von diesen.


    Während die Kriegsbilderbücher des ersten Weltkrieges teilweise von hervorragenden Zeichnern illustriert wurden, durch opulente Bilder, einen grimmigen Humor, eine gehässige Karikierung der Kriegsgegner und einen überbordenden Patriotismus beeindrucken, findet man kaum etwas davon in den Kriegsbilderbilderbüchern des Dritten Reiches. Sie wirken auf eine seltsame Art inhaltlich farblos, fast wie Pflichtübungen und waren auch im Vergleich zu ihren Vorgängern weder besonders zahlreich noch besonders verbreitet.
    Worauf dieser überraschende Befund zurückzuführen ist, ist schwer zu entscheiden. Die Tatsache, dass keine wirklich guten Illustratoren für diese Aufgabe zur Verfügung standen, mag eine Rolle gespielt haben, kann es aber allein nicht gewesen sein. Denn auch während des ersten Weltkrieges fanden Kriegsbilderbücher weite Verbreitung, die nicht nur von Könnern ihres Faches gestaltet wurden.
    Eine weitere Rolle mag gespielt haben, dass die Kriegsberichterstattung im weitesten Sinn staatliches Monopol war und es die Machthaber wahrscheinlich nicht so gerne sahen, wenn ihnen private Verlage mit komischen Bildern und lustigen Versen ins Handwerk pfuschten.
    Noch etwas ist zu bedenken. Man kann sicher sein, dass etwas, das sich mit Gewinn verkaufen lässt, auch produziert und angeboten wird. Es ist daher anzunehmen, dass keine besondere Nachfrage nach Kriegsbilderbüchern bestand. Denn im Gegensatz zu dem heute oft zitierten staatlichen Propagandamaterial des NS-Regimes herrschte in weitesten Kreisen der deutschen Bevölkerung - anders als es zu Beginn des ersten Weltkrieges war - überhaupt keine Kriegsbegeisterung. Allzu frisch war die Erinnerung an die Schrecken des ersten Weltkrieges und die Leute begannen sich wieder eines bescheidenen Wohlstandes zu erfreuen, den sie nicht aufs Spiel setzen wollten. Kurz gesagt, die meisten Deutschen hatten wahrscheinlich keine Lust, die ansonst allgegenwärtige Kriegspropaganda auch noch in die Kinderzimmer zu bringen.

    Oben links: Aus Unsere Soldaten, Bilderbuch für das erste Lesealter; 1940: Abblildungen der einzelnen Waffengattungen mit unsäglichen Versen "...Wo ein Panzerwagen schießt, Feindesblut in Strömen fließt. Drum schrein wir Hipp hurra!...."
    Oben Mitte: Aus Kameradschaft, 1940; "Infantrie Sturmangriff"; Der Krieg wird zum fröhliches Knabenspiel verniedlicht.
    Oben rechts: Aus Hurra die Reichswehr!, Stalling 1934(?)

    Oben links: Eines der wenigen Kriegsbilderbücher aus der Zeit des Dritten Reiches, das von einem renommierten Künstler illustriert wurde, ist Mit Säbel und Gewehr, 1940, Zeichnungen von Fritz Koch-Gotha (bekannt durch die 'Häschenschule'). Die Zeichnungen, die nach Art der Jahrhundertwende den Krieg als fröhliches Kinderspiel zeigen, wirken mitten im zweiten Weltkrieg recht realitätsfern.
    Oben rechts: Aus Deutschland siegt!, Bilderbuch, Scholz, 1941.
    Und natürlich gab es auch wieder Kriegsspiele. Links Stukas greifen an; ein Brettspiel, das an 'Halma' erinnert.

    Oben: Deutsche Soldaten aus der Reihe 'Schreibers Stehaufbilderbücher', undatiert, vmtl. 1939. Entlarvende Kriegspropaganda zeigt das Bild rechts oben: Durch eine idyllische ländliche Gegend zieht wie eine Horde marodierender Fremdlinge ein Trupp deutscher Soldaten, im Vordergrund brennt ein Landhaus, von Feinden ist weit und breit nichts zu sehen. Weitere Kriegsbilderbücher erschienen in dieser Reihe nicht, sondern nur allgemeine Themen, wie z.B. links: Frohe Fahrt 1938; Die Reichsautobahn

    Oben: Herbert Rothgaengel : Wenn die Soldaten durch die Stadt marschieren… Ein Soldaten-Bilderbuch. Verse v. Hermann Siegmann-Ipf; Scholz 1942 (?).
    Unten: Wir schlagen den Feind! Soldaten-Bilderbuch, broschürt, unpaginiert, ohne Jahr und Verlag. Kein Text; möglicherweise als Malbuch gedacht.

    Der Kohlenklau war jedem Erwachsenen und jedem Kind bekannt. Es handelte sich um einen 'schwarzen Mann', der unachtsamen Umgang mit den schwindenden Energieressourcen ausnützte, Energie 'stahl' und damit die Rüstungsindustrie schwächte. Der Kohlenklau war Symbolfigur zahlreicher Plakete, Broschüren, Bilderbücher und Spiele, mit denen für ein Energiesparprogramm geworben wurde.

    Sturmpioniere: Ein Brettspiel in Art eines Geländeplanes mit Würfel und Figuren. Auf spielerische Weise sollen die Grundzüge des Infantriekampfes vermittelt werden.
    Während dieses Spiel wohl für ältere Buben gedacht war, richtet sich das Bilderbuch Soldatenspiel (unten) sichtlich an ihre jüngeren Geschwister.

    Soldatenspiel, 8 Seiten, ohne Verlag und Jahr, Illustrationen von Curt Junghändel. Ein Kriegsbilderbuch für kleine Kinder, wie man sie häufig aus der Zeit des ersten Weltkrieg findet, das aber während des dritten Reiches entstand, obwohl nationalsozialistische Bezüge fehlen. Das Buch ist trotz der ansprechenden Zeichnungen selten zu finden, was die Vermutung bestätigt, dass Kriegsbilderbücher, vor allem solche für kleinere Kinder im dritten Reich weit weniger verbreitet waren, als im ersten Weltkrieg.
    Der Maler und Graphiker Curt Junghändel studierte zunächst an der Kunstgewerbeschule in Nürnberg und um die Jahrhundertwende (1900) an der Akademie in München. Er illustrierte einige Kinderbücher und war einer der meistbeschäftigten Zeichner der seinerzeit sehr bekannten und verbreiteten Kinderzeitschrift Deutsche Kinderwelt. Links eine von ihm stammende Titelzeichnung aus 1941. Zur Kinderwelt siehe auch weiter unten.

    Rassistische Kinderbücher

    Während in Schulbüchern, die für ältere Kinder bestimmt waren, noch mehr in Publikationen für Erwachsene der antisemitisch geprägten Rassenideologie der Nationalsozialisten breiter Raum gewidmet wurde, finden sich in Kinderbüchern bzw. Schulbüchern für die ersten Schulklassen, soweit sie mir zugänglich geworden sind, keine Spuren davon.
    Der Grund dürfte darin liegen, dass die verdrehten, pseudowissenschaftlichen Argumente der nationalsozialistischen Rassenlehre einem sechs oder achtjährigen Kind kaum verständlich gemacht werden konnten. In der heilen, heiteren Welt der Lesefibeln und Rechenbüchern gab es einfach keine Juden sondern nur deutsche, fröhliche, gesunde, blonde (soweit ich sehe aber nie schwarzhaarige) Kinder: So wurden die Kinder in subtiler Weise auf die Ablehnung der 'Andersartigen' vorbereitet.
    Es gibt nur drei exemplarische Ausnahmen, die vom Stürmer-Verlag veröffentlicht wurden, aber nie zum Schulunterricht bestimmt waren.
    "Der Stürmer" war ein von Julius Streicher gegründetes und geleitetes nationalsozialistisches Kampfblatt, das von 1923 bis 1945 erschien und dessen zentrales Thema die Hetze gegen Juden war.


    Der Judenhass Streicher's wurde selbst von Parteigenossen als pathologisch angesehen und nahm derartige Auswüchse an, dass die Zeitschrift "Der Stürmer" einer Art spezieller Zensur unterworfen wurde. Streicher selbst, der als aggressiv und korrupt beschrieben wird, ließ sich als Gauleiter in Franken einiges zuschulden kommen, das die Partei nicht mehr bereit war zu tolerieren. Die Eignung zur Menschenführung wurde ihm abgesprochen und er wurde entmachtet, übte aber bis zum Schluss bestimmenden Einfluss auf die Gestaltung des "Stürmer".

    Die drei Abbildungen oben stammen von dem 1936 im Stürmer-Verlag erschienen Bilderbuch Trau keinem Fuchs auf grüner Heid´ und keinem Jud bei seinem Eid !
    Ganz oben links: Im gesamten Deutschen Reich hingen Kästen, in denen die aktuelle Ausgabe des "Stürmer" kostenlos zu lesen war. Während der Olympischen Spiele 1936 durften sie an den von ausländischen Besuchern frequentierten Orten nicht befüllt werden.
    Oben links: Das Cover des Buches. Oben rechts: Die Schrift auf dem Schild lautet:"Die Juden sind unser Unglück" (Ein Zitat nach Heinrich von Treitschke, das zur Devise des "Stürmer" wurde. Das Buch wurde von Elvira Bauer gestaltet, angeblich eine junge Kunststudentin, die sonst nicht weiter in Erscheinung trat und deren Spur sich - soweit mir bekannt ist - während des Krieges verliert.

    Text zu dem mittleren Bild oben

    Text zu dem rechten Bild oben

    Die Bilder oben stammen von dem 1938 erschienen Bilderbuch Der Giftpilz, Text: Ernst Hiemer, Zeichnungen: "Fips"
    Ernst Hiemer, ein ehemaliger Lehrer war von 1938 bis 1942 (?) Hauptschriftleiter des "Stürmer". Nach dem Kriege befand er sich bis 1948 in Gewahrsam der Amerikaner und erhielt nach seiner Entlassung ein Berufsverbot als Lehrer.
    "Fips", mit bürgerlichem Namen Philipp Rupprecht, war der Hauszeichner des "Stürmer" und zeichnete zahlreiche antisemitische Karikaturen. Nach dem Kriege wurde er mit mehrjähriger Zwangsarbeit bestraft.

    Das dritte im Stürmer-Verlag erschienene Bilderbuch rassistischen Inhaltes stammt aus dem Jahre 1940 und hieß Der Pudelmopsdackelpinscher. Mit einem relativ hohen Textanteil war es kein typisches Bilderbuch und richtete sich offenbar schon an ältere Kinder, soll aber der Vollständigkeit hier angeführt werden. Text: Ernst Hiemer, Zeichnungen: Willi Hofmann

    Die Bilder oben stammen aus den Büchern Trau keinem Fuchs auf grüner Heid´ und keinem Jud bei seinem Eid ! und Der Giftpilz. In seiner maßlosen Geltungssucht ließ sich Streicher in diesen Hetzbüchern selbst als Freund der Kinder darstellen, in einer Pose die sonst nur dem 'Führer' vorbehalten war.
    Der durch den Rassenwahn der Nationalsozialisten ausgelöste Völkermord kostete etwa sechs Millionen Menschen, überwiegend Juden, das Leben und wurde durch das propagandistische Wüten Streicher's mitvorbereitet und unterstützt.
    Die letzte Ausgabe des Stürmers erschien am 2. Februar 1945.
    Streicher wurde nach dem Krieg wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit verurteilt und hingerichtet.


    Allgemeine Kinderbücher

    In der von privaten Verlagen produzierten Kinderliteratur, in Bilderbüchern und Kinderzeitungen aus der Zeit des Dritten Reiches hat der Nationalsozialismus nur wenig Spuren hinterlassen. Blättert man in solchen Druckerzeugnissen liefert oft das Erscheinungsjahr den einzigen Hinweis darauf, aus welcher Zeit dieses Buch oder diese Zeitschrift stammt.
    Es ist schwer zu entscheiden, warum das so ist, zumal der nationalsozialiste Staat das Verlags- und Pressewesen einer umfassenden Kontrolle unterwarf und für propagandistische Zwecke nutzte.
    Auf dem Gebiet des Kinderbuches - anders als bei der Jugendliteratur - scheint man sich damit begnügt zu haben, festzustellen, ob der Inhalt mit der nationalsozialistischen Ideologie kompatibel war, nicht aber deren direkte Propagierung zu fordern.
    Dazu kommt, dass ein solches Unterfangen auch schwierig gewesen wäre. Versuchen Sie sich vorstellen, wie ein Kinderbuch beschaffen sein müsste, das Kindern gefällt, ihrer Fantasiewelt entspricht und gleichzeitig deutlich nationalsozialistische Inhalte transportiert. Die Nationalsozialisten hatten jedenfalls keine solchen Künstler zur Verfügung, die dazu in der Lage gewesen wären. Einzig der 'Führer' Adolf Hitler taucht gelegentlich in Zeitschriften als kinderliebender Übervater auf.
    Ebenso blieben die Kriegsereignisse, abgesehen von den oben besprochenen eher dürftigen Kriegsbilderbüchern meist völlig ausgeklammert.
    Die Verlage selbst beachteten die entsprechenden Empfehlungslisten (etwa des NSLB) und trachteten im Übrigen danach Beanstandungen zu vermeiden.
    Die größere Zahl der Käufer dürfte es nämlich vermieden haben, ihre Kinder mit der ansonst allgegenwärtige Parteipropaganda auch in der privaten Kinderlektüre zu konfrontieren. Denn anders als Propagandafilme aus jener Zeit vermuten lassen, empfanden nicht alle, aber doch viele Menschen die nicht selten bei sonstiger Gefahr für Leib und Leben unvermeidlichen Rituale vom 'Deutschen Gruß' über pflichtgemäßes 'Heil'- Geschrei bis hin zur Beflaggung als recht belastend.

    Das Ergebnis war eine recht konventionelle Kinderbuchszene, die sich auf unverfängliche, tradierte Themen wie Märchen, Sagen, Wald und Wiesengeschichten, Tiergeschichten, Rätsel, Bastelanleitungen und überhaupt die Schilderung einer heilen Kinderwelt zurückzog. Die Abbildungen waren dementsprechend einfach, geradezu kunstlos und vermieden alles, was als nicht 'zeitgemäß' im nationalsozialistischen Sinn angesehen hätte werden können. Dadurch unterscheiden sie sich deutlich von den vorangegangenen Epochen, in denen Jugendstilkünstler und von modernen Kunstrichtungen beeinflusste Illustratoren bis Anfang der 30er Jahre die prächtigsten Illustrationen zu Kinderbüchern geschaffen hatten. Von offizeller Seite wurde die Verwendung von teils pathetischen, teils lieblichen Illustrationen in Art des 19. Jahrhunderts geschätzt.
    Alles in allem hat zwar die Kinderliteratur jener Zeit wenig Originelles hervorgebracht, war aber doch bis zu einem gewissen Grad ein von der Staats- und Parteipropaganda unberührtes Refugium geblieben.

    Bild links aus Vom Peter, der nicht turnen wollte, Text und Bilder von Dörte Guyot, Flechsig-Bilderbücher, undatiert, vmtl. um 1940.
    Der Text zu dem Bild lautet auszugsweise: "...Am Zaune hängen stolz die Sieger / Und lachen über diesen Krieger. / Der Mann lacht auch:'Mein kleiner Mann, Soldat wird nur, der turnen kann!' / Da muß der Peter eingestehen: / Die Mutter hats vorausgesehen! "
    Das entsprach in einem sonst netten und kindergerechten Büchlein durchaus dem Erziehungsideal jener Zeit.

    Bilder oben aus: Sag mal Mutti?, ohne Jahr, vmtl. 1941, Verse von Walter Lieck, Bilder: Deyerler-Herrmann. Es gibt spätere Ausgaben, die mit 1. Auflage bezeichnet sind (1948; vgl. Bilderwelt im Kinderbuch).
    Ein interessanter Versuch eines Aufklärungsbuches, der zwar nicht unbedingt heutigen Vorstellungen entspricht, aber immerhin klar macht, dass sich die Eltern in ihrem Kinderwunsch einig sein sollten.

    Nett, lieblich und unverfänglich. Drei typische Kinderbücher aus der Zeit als Beispiel für viele ähnliche.
    Links: Tim Ein Zwergenmärchen, Dorothea von Holzhausen, Verlag Wilhelm Hartung, 1935 (Neuauflage bereits wieder 1947)
    Mitte: Abbildung aus Lirum Larum Löffelstil, Zeichnungen von Eva von Pasztory, K. Thienemanns Verlag Stuttgart, 1941
    Rechts: Unterm Holderbusch, Scholz, 1940

    Klassiker der neueren deutschsprachigen Kinderliteratur. Gut erzählt, schön illustriert und jederzeit politisch korrekt: Die Kinderbücher von Annelies Umlauf-Lamatsch
    Die Schaffenszeit der 1895 geborene Autorin reicht von den 20er bis in die 50er Jahre. Sie veröffentlichte zahlreiche Kinderbücher, die immer wieder aufgelegt wurden und sich auch heute noch ungebrochener Beliebtheit erfreuen. Dennoch spielte sie auch in der dem Dritten Reich zuzuordnenden Kinderliteratur eine bedeutende Rolle.
    Annelies Umlauf-Lamatsch war Mitglied der Reichsschrifttumskammer, ihre Bücher wurden in Auswahlverzeichnissen empfohlen und sie unterrichtet bis 1945 am Pädagogischen Institut in Wien, was eine entsprechende Linientreue voraussetzte.
    Geschickt vermied sie es, in ihren Büchern vordergründige nationalsozialistische Propaganda zu betreiben, weshalb ihre Bücher sofort nach dem Krieg nahezu unverändert wiederaufgelegt werden konnten und einige ihrer Texte sogar zum Unterricht an Schulen zugelassen wurden.



    Das führt uns unweigerlich zu der Frage, was die Nationalsozialisten in die Bücher der Autorin hineininterpretiert oder in ihnen tatsächlich vorgefunden haben, das ihnen wohlgefällig war. Versuchen wir diese Frage an vier Beispielen aus der Sicht eines nationalsozialistisch orientierten Rezensenten anzugehen:
    Im Pilzmärchen, Abbildung links (Ernst Kutzer) wird eine böse Hexe (die es nicht anders verdient hat) von einer aufgebrachten Zwergenmenge zu Tode geprügelt und ihre Seele vom Teufel geholt: Der gerechte Volkszorn hat unter Verzicht auf unnötige Förmlichkeiten einen Übeltäter beseitigt.
    Der kleine Peter in der Katzenstadt lernt, dass der Stärkere den Schwächeren frisst: Das ist natürlich und Mitleid mit den (schwächeren) Mäusen unsinnig.
    Die in ihrer schwarzen Stadt dahinvegetierenden Steinzwerge bedurften eines 'Kulturbringers', damit "ein gesundes Geschlecht in Sonne und Luft heranwachsen konnte".
    Gucki das Eichkätzchen lebt in einem (deutschen) Wald. Geschickt eingefügt ist eine Episode in der Gucki Vogelkindern von den alten Germanen, ihren Göttern, Loki und Baldur erzählt.

    Das ist es, was ich oben gemeint habe. War ein Kinderbuch ohne selbst ideolgisch zu agieren mit der nationalsozialistischen Ideologie kompatibel, konnte es gefördert werden. Kinderbücher, die sich völlig neutral gaben aber der herrschenden Ideologie nicht entgegenstanden, wurden geduldet, alles andere aber untersagt. Das traf natürlich auch auf die Kinderzeitungen zu.

    1938, nach dem Anschluss, wurde die Kinderzeitschrift des österreichischen Jugendrotkreuzes "Ich diene" (Abbildung links) verboten und teilte damit das Schicksal ihres bereits 1936 verbotenen deutschen Pendants. Das Jugendrotkreuz wurde von den Nationalsozialisten als unerwünschte Konkurrenz zur HJ angesehen und die pazifistische Grundeinstellung seiner Publikationen entsprach nicht den Erziehungszielen der Nationalsozialisten. Überdies sollte das (deutsche) rote Kreuz, schon wegen seiner Bedeutung im Falle eines Krieges, organisatorisch stärker an Staat und Partei gebunden werden.

    Geduldet wurde die vom Bayrischen Lehrerverein herausgegebene, seit 1875 bestehende Schülerzeitung Jugendlust (Bild Mitte), die christlich konservativen Werten verpflichtet war und sich zum Ziel gesetzt hatte, 'gute' Literatur zu fördern und sich als Gegengewicht zur trivialen Kinder- und Jugendliteratur sah. Diese sorgfältig und schön gemachte Kinderzeitung wurde erst 1941 eingestellt, gemeinsam mit den meisten anderen Kinderzeitschriften, die bis dahin durchgehalten hatten.
    Es muss allerdings festgestellt werden, dass die Jugendlust von Anfang an, im Laufe der Zeit zunehmend, nationalsozialistische- und später Kriegspropaganda enthielt und unter diesen Bedingungen ihrem Anspruch literarisch wertvolle Beiträge zu bringen nur bedingt gerecht werden konnte.

    Oben links: Aus Jugendlust 1936/37 (62. Jahrgang)
    Oben mitte und rechts: Aus Jugendlust 1939/40 (65. Jahrgang)
    Links: Gedicht zu 'Führers Geburtstag', Jugendlust 1940

    Ein Musterbeispiel für die von den Herausgebern der "Jugendlust" so abgelehnte 'triviale' Kinderliteratur sind die damals weitverbreiteten Werbekinderzeitungen, beispielsweise "Der Schmetterling" des Wiener Verlages Steinsberg mit seinen comicähnlichen Bildgeschichten. Für diese Werbekinderzeitungen, die in politisch turbulenten Zeiten, meist schon in den 20er Jahren entstanden waren und so eingesetzt wurden, dass sie als Werbezugabe für ein beliebiges Geschäft oder Kaufhaus werben konnten, war es ein absolutes Gebot, sich weltanschaulich völlig neutral zu verhalten, sollten manche Kunden nicht verärgert und damit der Werbeeffekt ins Gegenteil verkehrt werden. Die Nationalsozialisten duldeten diese für sie aus propagandistischer Sicht zwar nutzlosen, aber auch harmlosen Zeitschriften bis ins Jahr 1941; dann wurden sie gleichfalls eingestellt.

    Manche kommerziell vertriebenen Kinderzeitungen, die nicht notwendigerweise neutral sein mussten wie die Werbekinderzeitungen, versuchten sich dem Regime anzudienern. Ein Beispiel dafür ist die seit 1926 erscheinende "Kinderwelt", die 1935 ihren Namen in "Deutsche Kinderwelt" änderte und vorübergehend (vermutlich nur im Jahre 1935) das Hakenkreuz im Logo führte (Abbildung links). Warum die Zeitung bald wieder zu einem neutralen Logo zurückkehrte, ist nicht bekannt. Möglicherweise hängt es damit zusammen, dass damals eine unkontrollierte Verwendung dieses Partei- und Staatssymboles durch Private gesetzlich untersagt wurde.
    Die (Deutsche) Kinderwelt war eine bieder gemachte, sehr hübsch bebilderte Zeitschrift für kleinere Kinder, die - soweit ich den mir zugänglich gewordenen Exemplaren aus jener Zeit entnehmen kann - kaum typisch nationalsozialistisches Gedankengut transportierte. Immerhin, das treue Bekenntnis zum Regime scheint belohnt worden zu sein. Die "Deutsche Kinderwelt" durfte anders als andere Kinderzeitschriften bis 1944 erscheinen (Bild oben rechts: Das Logo der letzten Ausgabe).

    Der Krieg und mit ihm das Dritte Reich nähern sich seinem Ende. Oben die Abschiedsbotschaft der "Deutschen Kinderwelt" anlässlich ihrer Einstellung mit 30.9.1944

    In guten Händen: Hitler kurz nach seiner Ernennung zum Reichskanzler als Kinderfreund (Links im Bild Staatspräsident Hindenburg). Titelblatt der kleinformatigen Kinderzeitung "Hänsel und Gretel; Der deutschen Kinder Freudenborn" (Bild links).
    April 1945 Hitler belobigt Kinder, die in einem längst aussichtslos gewordenen Krieg gegen die auf den Führerbunker vorrückende rote Armee kämpfen, um ihn zu schützen (Bild rechts).
    Wenige Tage später bringt sich Hitler um und das Dritte Reich endet mit der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands.


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